Äskulap als Ernährer: Der Gesundheits- und Sozialbereich ist ein brummender Jobmotor

Die Ausgaben des Gesundheitssystems steigen permanent. Das hat auch positive Nebenwirkungen: Im Gesundheits- und Pflegewesen entstehen zahlreiche neue Arbeitsplätze.

Die Ausgaben für das Gesundheitssystem explodieren. Aus den aktuell 30,7 Milliarden Euro werden im Jahr 2020 fast 68 Milliarden. Das ist mehr als doppelt so viel Geld, das von Staat und Privaten ins System gepumpt wird. Die Kosten steigen aus drei Gründen:
• Die Menschen werden älter und brauchen länger medizinische Versorgung.
• Der medizinisch-technische Fortschritt bringt Verbesserungen für die Patienten. Diese kosten allerdings auch gutes Geld.
• Und: Die Menschen sind immer mehr bereit, Verantwortung für ihre Gesundheit selbst zu tragen und in Sport, Ernährung oder Beratung zu investieren. Das hat sich selbst in der Wirtschaftskrise nicht geändert. „92 Prozent der Menschen geben gleich viel oder mehr Geld für ihre Gesundheitsversorgung aus“, zitiert Karsten Neumann, Gesundheits­experte bei der deutschen Unternehmensberatung Roland Berger, Umfrageergebnisse vom Mai ­dieses Jahres. Deshalb zum Sparfuchs zu werden wäre allerdings der falsche Gedanke. Denn: Cents und Euros zu zählen macht nur bei der überbordenden Bürokratie, bei Doppelgleisigkeiten und Systemfehlern, Sinn. Geht es um die Gesundheitsversorgung selbst, ist jeder Euro sinnvoll investiert – schließlich bleiben als Kosten sparender Nebeneffekt gesunde Menschen länger im Arbeitsmarkt.

Gesundheitsmarkt = Arbeitsmarkt
Eine der positivsten Nebenwirkungen ist allerdings: „Jeder gut investierte Euro sichert Jobs und schafft zahlreiche Neue“, meint Neumann. In den nächsten zwanzig Jahren wird sich die Zahl der Jobs nach Schätzungen von Roland Berger um ganze 30 Prozent erhöhen. Gesundheit und Pflege sind damit die Job­motoren der Zukunft. Schon heute bringen heimische Krankenhäuser 11,6 Milliarden Euro an Wertschöpfung und mehr als 250.000 Arbeitsplätze. Das zeigt eine für die Vinzenz-Gruppe, den Träger der Krankenhäuser der Barmherzigen Schwestern, erstellte Economic-Impact-Studie. Vinzenz-Geschäftsführer Michael Heinisch ist deshalb davon überzeugt: „Krankenhäuser sichern Jobs. Nicht nur im Spital, sondern auch in nachgelagerten Bereichen. Wir beauftragen Subfirmen für Catering genauso wie für Medizintechnik. Und Personal wie Patienten kaufen im Umfeld eines Krankenhauses ein.“ In Zukunft könnte jeder fünfte Job im Gesundheits- und Sozialwesen angesiedelt sein. Und neben den Klassikern wie Ärzten, Krankenpflegern, Therapeuten entstehen neue Jobprofile.

Neue Gesundheitsberufe
IHS-Gesundheitsexperte Thomas Czypionka setzt sich im Moment mit der Wertschöpfung und dem Arbeitskräfte-Bedarf im Gesundheitswesen ausein­ander. Denn: Mit einem anderen Wertebewusstsein, neuer Technik und noch mehr älteren Menschen als heute müssen sich auch Gesundheitsberufe weiterentwickeln. So entsteht Bedarf an Ernährungsberatung und Medizintechnikern. Aber auch ganz Neues: Künftig braucht es Pflegeberater und Third-Age-Coachs, medizinische Dokumentare, Arzthelfer oder Biotechnologen – um nur einige Berufsbilder zu nennen. „Vor allem die EDV gewinnt an Bedeutung im Gesundheitswesen“, erläutert Czypionka. „Durch Telemedizin, elektronische Abrechnung und immer größere Datenbanken, die für die elektronische Gesundheitsakte benötigt werden, steigt der Bedarf an EDV-Kenntnissen, kombiniert mit medizinischem Wissen.“ Das Potenzial ist ein großes, das System hinkt beim Heben desselben allerdings hinterher.

Schlecht bezahlte Schwerstarbeit
Weder die heutige Gehaltsstruktur noch die Aus- und Weiterbildung noch die Anzahl der Menschen in den verschiedenen Gesundheitsberufen entsprechen dem Bedarf in der Praxis – und zwar schon heute, und nicht erst künftig. Da gibt es etwa einerseits viel zu viele Medizinstudenten, andererseits zu wenige Menschen, die sich für Krankenpflege interessieren. Kein Wunder, denn Pflege ist Schwerstarbeit, stellt Wirtschaftsforscherin Gudrun Biffl fest. Sie hat erhoben, dass es viel häufiger als in anderen Berufen zu Burnouts kommt: „Trotzdem ist der Wechsel in andere Berufe wegen der Ausbildungs­situation immer noch enorm schwierig.“ Trotz Schwerstarbeit wird Krankenpflege aber nicht als solche entlohnt. ÖGB-Präsident Erich Foglar erklärt, dass Pflegende um 20 Prozent weniger Lohn erhalten als der Durchschnitt: „Obwohl die Leistung gesellschaftlich anerkannt ist, spiegelt sich das nicht in der Bezahlung wider.“

4.000 offene Pflegestellen
Dar­über hinaus passieren 80 Prozent der Arbeit im informellen Bereich. Soll heißen: Schwarzarbeit ist gang und gäbe. Lohndumping damit ebenso. Und wenn sich Menschen trotzdem für den Beruf entscheiden, fehlen oft die Ausbildungsplätze. Krankenpflegeschulen sind an Krankenhäuser angegliedert und bilden für den eigenen Bedarf aus. Darüber hinaus bräuchte es aber immer mehr gut Ausgebildete für die Hauskranken­pflege. Fredy Mayer, Präsident des Roten Kreuzes, urteilt deshalb hart: „Die Verantwortlichen haben das Problem noch immer nicht erkannt. Anstatt die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen, wurden sie reduziert – und das, obwohl genügend Ausbildung ab jetzt ohnehin erst in fünf bis sieben Jahren wirksam wäre.“ Die Folge davon: Heuer gibt es bis zu 4.000 offene Pflegestellen, die bislang unbesetzt blieben. Schon heute ist es demnach problematisch, die Jobs an die Frau und in der Pflege vor allem auch den Mann zu bekommen.

Längere Öffnungszeiten gefragt
Aber auch Strukturänderungen würden die Jobs attraktiver machen: Ärzte-Zentren als Schnittstellen zwischen Allgemeinmedizin und Krankenhaus würden eine Vielfalt an Zusammenarbeit der neuen Gesundheitsberufe bieten. Der Arzt diagnostiziert, bespricht mit dem ebenfalls anwesenden Pharmazeuten die Medikation. Ebenfalls am Standort angesiedelte Public-Health-Nurses gehen mit dem Patienten die Details für eine korrekte und zeitgerechte Einnahme der Medikamente durch. Physiotherapeuten und Ernährungsberater könnten je nach Bedarf ebenfalls mit im Team arbeiten. Mit einem offenen, aber erprobten Netzwerk rund um die Arztpraxis lassen sie sich einfach hinzuziehen. Da mehrere Ärzte am selben Standort arbeiten, wechseln sie sich am Wochenende und in den Abendstunden ab – längere Öffnungszeiten auch für Berufstätige ­wären im Sinne vieler Patienten.

Flexiblere Strukturen
Das aktuelle System mit Krankenhäusern auf der einen und niedergelassenen Einzelpraxen mit Allgemeinmedizinern und Fachärzten auf der anderen Seite lässt solche Zusammenspiele allerdings kaum zu. Gesundheitsökonom Christian Köck fordert deshalb Systemänderungen: „Um das Potenzial bei den Gesundheitsjobs zu heben, brauchen wir einfach flexiblere Strukturen mit Spezialisten auf unterschiedlichen Niveaus. Das wäre im Sinne des Patienten und darüber hinaus auch noch günstiger für das System insgesamt.“ Ein Gesamtplan für die Versorgung würde auch zeigen, wo genau man welche Jobs braucht. Und in Krankenhäusern blieben die Behandlung von schweren Akutfällen sowie hochspezialisierte und komplizierte Behandlungs- und Diagnosemethoden.

Mittel gegen Jobabbau: Spezialisierung
Die Sorge, dass dadurch massiv Jobs wegfallen, ist unbegründet. Eine mögliche Lösung erklärt Vinzenz-Geschäftsführer Michael Heinisch: die Spezialisierung. Ein Beispiel dafür bietet die enge Kooperation des Krankenhauses der Barmherzigen Schwes­tern mit jenem der Barmherzigen Brüder in Linz: „Alle Stationen waren ursprünglich doppelt vorhanden. Nun gibt es einen Verbindungsgang, und jedes der Krankenhäuser hat sich auf seine Bereiche spezialisiert.“ Mit der Beseitigung der Dubletten wurde zugleich die Anzahl der jeweils Behandelten erhöht. Und das wiederum erhöht die Übung für das Personal und damit die Sicherheit für den Patienten.

Martina Madner

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