Absturz im Märchenland Dubai: Stillstand
des Immo-Sektors lässt Investoren zittern

Das Golf-Emirat Dubai kann seine Schulden nicht mehr zahlen und legt seine gigantischen Immobilien­projekte auf Eis. Die vielen ausländischen Investoren wie der Österreicher Josef Kleindienst kämpfen um ihr Geld.

Holland soll als Erstes fertig werden, dann kommt Deutschland, später erst Österreich. Die Schweiz würde er vielleicht umbenennen, wegen des Minarettverbots. Wenn Josef Kleindienst von seinem neuesten Projekt auf der künstlichen Inselgruppe „The World“ spricht, klingt das mitunter abstrus. Der Aufdecker der FPÖ-Spitzelaffäre hat um viel Geld, geschätzte 30 bis 40 Millionen Dollar, sechs der insgesamt 300 Inseln des Prestigeprojekts des Emirats Dubai erstanden. Derzeit sind die Inseln schlichte Sandhaufen vor der Küste. Noch abstruser klingt es, wenn Kleindienst seine Pläne für die nächsten Wochen referiert: 2010 will der ehemalige Polizist und Eigner der Kleindienst Group mit der ersten Bauphase beginnen. Die Finanzquellen dafür habe er bereits gesichert. Insgesamt will der 46-Jährige rund zwei Milliarden Euro in das Projekt stecken. In fünf Jahren soll das Inselparadies samt Luxuswohnungen, K.-u.-k.-Sisi-Nobelhotel und Shoppingcenter stehen. „Derzeit verhandeln wir mit mehreren österreichischen Hotel­betreibern“, verrät Kleindienst. Die Nobelherberge Sacher hat allerdings bereits abgewunken.

Gigantischer Schuldenberg
Aus Kleindiensts Mund hört es sich so an, als ob die für Investoren märchenhafte Welt Dubais mit ihren zweistelligen Renditen, immer höheren Wolkenkratzern und fantasievollen Immobilienprojekten nach wie vor existieren würde. Doch die Lage in der realen Welt ist bekanntlich dramatisch: Die Immobilienpreise sind seit letztem Herbst um fast 50 Prozent eingebrochen (siehe Grafik Grafik) , und 40 Prozent aller Bau- und Immobilienprojekte – das Herzstück von Dubais Wirtschaft – stehen still. 12.000 Bauarbeiter wurden entlassen, 100.000 Wohnungen haben keine Mieter, und satte 100 Milliarden Dollar wurden von Ausländern aus dem Emirat abgezogen. Vergangene Woche musste die staatseigene Holding Dubai World um ein Moratorium für einen Teil ihrer gigantischen 60 Milliarden Dollar Schulden bitten. Tochterfirmen von Dubai World, darunter die Baufirma Nakheel, die die berühmte „Palme“ und „The World“ entwickelt hat, arbeiten fieberhaft an einer Sanierung. „Wir hätten uns nie gedacht, dass Dubai derart von der Finanzkrise getroffen wird. Wir dachten, wir leben ähnlich wie Monaco und Singapur isoliert von der Welt“, sagt ein österreichischer Investor, der nicht genannt werden will. Von dem Absturz am Persischen Golf sind auch Österreicher betroffen. Eine Hand voll, allen voran Josef Kleindienst, hat in Immobilienentwicklungen investiert. Und 200 bis 500 Österreicher dürften im Besitz einer Wohnung oder einer Villa sein. Viele davon haben ein Objekt sogar nur als Anlage von Österreich aus erworben. Die genaue Zahl ist unbekannt, da die meisten ihren Kauf steuerschonend über die Freizone Ra’s al-Chaima abgewickelt haben. „Sicher 50 Österreicher haben mich in den letzten Tagen besorgt angerufen, was sie mit ihren Wohnungen nun tun sollen“, erzählt der österreichische Handelsdelegierte Wolfgang Penzias.

Viele Wohnungen, wenige Käufer
Das offizielle Dubai schweigt die Krise tot. Die Regierung ließ kritische Internetseiten sperren, das britische Magazin „Times“ wurde wegen eines Dubai-Artikels eingezogen, und Angestellte staatlicher Unternehmen erhielten Redeverbot. „Wir sind stark“, sagt der Regent, Scheich Mohammed bin Raschid al-Maktum. Doch dass in Dubai etwas nicht stimmen kann, ist offensichtlich. Zu viele „Zu verkaufen“-Schilder prangen an den Fassaden. „Früher lud der Masterplaner eines Projekts zur Modellpräsentation ein, und die Leute stellten sich über Nacht mit ihren Geldkoffern vor seinem Büro ein. Wer Flächen ergatterte, konnte diese zwei Wochen später um 30 Prozent teurer weiterver­kaufen“, erinnert sich Andreas Kyriakou, Geschäftsführer der Immobilien-Gruppe Accardia, an die goldenen Zeiten. Vor der Finanzkrise wurden 90 Prozent der Wohnungen, Shoppingcenter und Luxusvillen vom Plan weg verkauft. Die Anzahlungen steckten die Entwickler in immer neue Vorhaben. Solange Geld und Kredite flossen, gab es keine Probleme. Am dicksten im Geschäft waren dabei die staatlichen Baufirmen Dubai World und Nakheel mit ihren zu hoch fremdfinanzierten Megaprojekten. Als der internationale Finanzfluss versiegte, kam es zum Crash. „Es gibt wie überall einen Liquiditätsengpass“, weiß Horst Höller, ehemaliger Geschäftsführer des Markenartiklers 3M am Golf. Und für die vielen Wohnungen gibt es derzeit so gut wie keine Käufer.

Megaprojekte wie "The World" wackeln
„Ein intelligenter Investor versucht, durchzuhalten“, rät der österreichische Investmentbanker Gordian Gaeta, der in Dubai und Doha lebt. Dubai-Kenner erwarten nun, dass mit den angekündigten Umstrukturierungen bei den staatlichen Firmen Nakheel und Limitless vor allem der große Bruder Dubais, das Emirat Abu Dhabi, einspringen und Projekte aufkaufen wird. „Die werden sich die Zuckerstücke herauspicken“, meint Kyriakou. „Für die Araber ist ein Gesichtsverlust das Schlimmste. Sie werden sicher nicht zulassen, dass die Staatsholding pleitegeht und Gläubiger um ihr Geld kommen“, glaubt auch Werner Albeseder, Geschäftsführer der Wiener Prime Consulting und Kenner der Region. Doch inwieweit auch Projekte in frühen Planungsstadien, wie etwa „The World“ (siehe Bild) , gerettet werden, ist fraglich. In Dubai macht das Gerücht die Runde, dass „The World“, das derzeit nur aus künstlich geschaffenen Sandinseln besteht, in zwei Jahren schlicht vom Meer weggespült sein wird, wenn nicht weiter investiert wird. Und davon ist derzeit wenig zu sehen: Nach wie vor fehlen Infrastruktur wie ein Kanalsystem, Fundamente und Genehmigungen. Und wenn, müsste das ganze Projekt fertig gebaut werden; Hotels und Apartmentanlagen auf einzelnen Inseln machen wenig Sinn. „Von meinem Büro aus sehe ich auf ‚The World‘. Baukräne konnte ich noch nicht erblicken“, meint der Handelsdelegierte Penzias. Andere sind zuversichtlicher. „Die großen Projek­te werden wahrscheinlich weitergehen. Langfristig steigt die Nachfrage“, meint Investmentbanker Gaeta. Auch der österreichische Vorzeige­investor Josef Kleindienst ist sich seiner Sache sicher: „Wir haben arabische und europäische Finanziers, ein Großteil kommt auch von der Kleindienst Group.“ Ob die Investoren trotz der angespannten Lage wirklich stillhalten, wird sich zeigen.

Barbara Nothegger

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