Abrupte Abgänge: Wais und Nemsic verlassen überraschend ihre Unternehmen

Österreichs Staatskonzernen laufen die Manager davon: Nach neun Jahren an der Spitze will Telekom-Austria-Boss Boris Nemsic in Russland bei VimpelCom neu durchstarten. Anton Wais scheidet nach zehn Jahren überraschend aus dem Post-Vorstand aus.

Es kann sein, dass Bundeskanzler Werner Faymann gemeinsam mit Infrastrukturministerin Doris Bures am 31. März eine Flasche Sekt köpft: Denn an diesem Tag verlässt Post-Chef Anton Wais das Unternehmen, für die Politik praktischerweise aus gesundheitlichen Gründen. Was für die SPÖ einen Sieg auf ganzer Linie bedeutet. Nun ist in dem teilstaatlichen Betrieb wieder Platz für einen der Politik genehmeren Manager: einen, der nicht unbedingt Postämter schließt, nur weil sie keine Erträge bringen. Einen, der den starren Beamtenapparat weniger hart angreift und das Land nicht entzweit.

Öffentlicher Kritik-Hagel
Auch in der Telekom wird Ende März Abschied gefeiert – allerdings wohl eher mit Krimsekt: Vorstand Boris Nemsic wechselt nämlich zum russischen Telekomkonzern VimpelCom (siehe Interview ). Auch das wurde diese Woche bekannt. Und so muss die Beteiligungsholding ÖIAG, die für den Staat die 27,4 Prozent an der Telekom und die 51 Prozent an der Post hält, binnen weniger Tage von gleich zwei Spitzenmanagern Abschied nehmen. Zufall? Bedingt. Denn die beiden wurden – wie auch der mittlerweile ehemalige AUA-Chef Alfred Ötsch, Noch-ORF-Boss Alexander Wrabetz und ÖIAG-Vorstand Peter Michaelis – häufig öffentlich kritisiert, was die Arbeit in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht gerade erleichtert.

Faymannsche Angriffe
Vor allem Wais, der der SPÖ zugeordnet wird, bekam ebenso wie ORF-Boss Wrabetz wenig Solidarität von der eigenen Partei: Je mehr Macht Werner Faymann als SPÖ-Chef bekam, desto mehr wurde Wais unter Druck gesetzt. Schon im Sommer gab es Kritik an ihm. Im Herbst, als Pläne der Post für eine neue Struktur durchsickerten, erklärte Faymann, es müsse bei einem umfangreichen Personalabbau auch „ein Köpferollen im Post-Vorstand“ geben. Bei Protesten von Belegschaftsvertretern, die Wais und Nemsic als „Arbeitsplatzvernichter“ bezeichneten, stellte sich Faymann auf die Seite der Gewerkschaft. Im Februar meinte dann seine Nachfolgerin im Infrastrukturministerium, Doris Bures: „Sollte die Post tatsächlich auf das alte Konzept Zusperren und Jobabbau zurückgreifen, wäre es an der Zeit, dass die Verantwortlichen von ÖIAG und Post von sich aus die Konsequenzen ziehen.“ Am Dienstag dieser Woche präsentierte Wais trotz des Gegenwinds den radikalen Umbau im Poststellen-Netz. Und am Mittwoch gab er seinen Abschied bekannt.

Kampfesmüder Postchef
Dass der politische Druck zu ihrem abrupten Abgang geführt habe, dementiert sowohl Wais als auch Nemsic. Wais, der am Samstag seinen 61. Geburtstag feiert, sagt, seine Ärzte hätten ihm geraten, den Vorstand zu verlassen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Selbst für enge Mitarbeiter des Post-Generals kam dieser Schritt überraschend. In der Vergangenheit hatte Wais immer wieder laut überlegt, ob er 2012 noch für eine weitere Funktionsperiode zur Verfügung stellen sollte. Am Dienstagabend wurde dann ein enger Kreis von Vertrauten im Unternehmen vom Rückzug informiert. Die versuchten, Wais zum Weitermachen zu bewegen. Gerade jetzt, wo die Post Hunderte neue Post-Partner sucht, wäre eine im Haus unumstrittene Führung wichtig, argumentierten sie. Doch Wais war nicht mehr von seinem Plan abzubringen. Er wolle nicht mehr seine Gesundheit aufs Spiel setzen, erklärte er. Und er ließ durchblicken, dass er zu wenig Kraft habe, gegen all die politischen Widerstände und Einflussnahmen zu kämpfen. Denn bereits vor zwei Jahren erlitt er einen Lungeninfarkt. Seither versuchte Wais immer wieder, mit dem Rauchen aufzuhören. Doch bei dem vielen Stress in seinem Beruf gelang ihm das nicht.

Spagat zwischen Amt und Konzern
Denn neben dem Ärger mit der Politik mussten auch immer wieder Intrigen abgewendet werden. Hinter vorgehaltener Hand wird jetzt etwa erzählt, Wais habe mit Klaus Heinz, Vorstand der Post-Tochter transoflex, hinter dem Rücken des Aufsichtsrats einen Vertrag ausgehandelt. Daher habe ihm ÖIAG-Chef Michaelis schon seit einigen Wochen ein Ausscheiden nahegelegt. Offiziell wird dies von allen Seiten dementiert.
Interimsmäßig wird die Post jetzt von Finanzchef Rudolf Jettmar geführt. Er soll den Weg von Wais, der es in den vergangenen zehn Jahren schaffte, die Post von einem Amt in einen börsennotierten Logistikkonzern zu verwandeln, weiterführen. Doch das ist ein Weg, der einen Spagat erfordert. Denn Telekom und Post wurden zwar auf den Kapitalmarkt gebracht, aber durch das Dienstrecht der beamteten Beschäftigten sehr in der Handlungsfreiheit eingeschränkt. So findet sich nicht für alle der de facto unkündbaren Mitarbeiter eine Verwendung, auch wenn versucht wurde, über Frühpensionierungen und Golden Hand-shakes die Belegschaft zu reduzieren. An der Börse machte sich Wais durch seine sture Haltung in dieser Frage Freunde, unter den Belegschaftsvertretern weniger.

Re-Politisierung der Post
Analysten befürchten nun, dass bei der Post künftig jemand das Sagen hat, dem Gewinn nicht ganz so wichtig ist. Auch die Post-Aktionäre reagierten zunächst ängstlich: Die Post-Aktie stürzte am Mittwoch nach Bekanntgabe des Rückzugs um sechs Prozent ab, erholte sich aber bis zum Abend.
Investoren orten die Gefahr, dass der politische Einfluss wieder zunimmt. Und dass es innerhalb des Unternehmens zu Grabenkämpfen kommt. Denn Wais dürfte nicht der einzige Abgang bleiben. Auch der für die Postämter zuständige Vorstand Herbert Götz, der der ÖVP zugerechnet wird, ist vielen ein Dorn im Auge. Laut Insidern sitzt nur Paket-Vorstand Carl-Gerold Mende, der erst vergangenes Jahr bestellt wurde, fest im Sattel. Finanzstaatssekretär Andreas Schieder meint: „Der Rückzug von Wais gibt uns auch die Gelegenheit, die Post insgesamt frisch aufzustellen. In der Ausschreibung für den neuen Post-Vorstand haben wir jetzt die Chance, eine neue Rolle zu definieren.“ Andere Regierungspolitiker nahmen zum Thema Wais nicht Stellung. Faymann, Bures und auch Post-Eigentümervertreter Josef Pröll schweigen. Der neue Post-Chef soll bis zum Sommer gefunden sein. Aber nachdem die Post mehrheitlich in Staatsbesitz ist, muss die Stelle öffentlich ausgeschrieben werden. Wetten, dass die Regierung einen ihr genehmen Manager durchsetzt? Um Proporz und Politschacher zumindest bei der Telekom in Grenzen zu halten, versucht die ÖIAG, die Nemsic-Nachfolge schnell über die Bühne zu bringen.

Eine Chance für die Post?
Dass der neue Post-Chef aus dem Unternehmen kommt, wird bezweifelt. Weder Interims-Chef Jettmar noch Götz werden derzeit ernsthafte Chancen eingeräumt, Wais zu beerben. Dass die Re-Politisierung der Post zunimmt, dafür gibt es bereits klare Indizien: SPÖ-Bundesgeschäftsführer Günther Kräuter wünschte Wais persönliches und gesundheitliches Wohlergehen. Und fügte hinzu: „Für die aktuelle Situation um die angekündigten Schließungen von Hunderten Postämtern eröffnet sich durch die personelle Erneuerung an der Spitze des Unternehmens die Chance, eine verbesserte Unternehmensstrategie zu entwickeln und vom bisherigen Zusperr- und Personalabbaukonzept Abstand zu nehmen.“ Auch um weitere Vorschläge ist Kräuter nicht verlegen: „Überaus sinnvoll wäre auch ein Wechsel von ÖIAG-Vorstand Michaelis in das Privatleben.“ Noch hat der ÖIAG-Chef die Rückendeckung der ÖVP. Wirklich gefährlich wird es für ihn, wenn der AUA-Deal in Brüssel gekippt würde. Dann dürfte er wohl nicht mehr zu halten sein, heißt es im Finanzministerium. Und die Regierung hätte dann noch leichtere Hand, ihre Wunschvorstellungen im Topmanagement durchzusetzen. Und abermals Grund, eine Flasche Sekt zu öffnen.

Von Miriam Koch und Markus Pühringer

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