A-tektonisches Beben: A-Tec beantragte Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung

Im Krisenjahr 2009 verstellte der hohe Kupferpreis noch den Blick auf die Löcher in der A-Tec-Bilanz. Jetzt flüchtet Boss Mirko Kovats ins neue Insolvenzrecht. Investoren kostet das 70 Prozent ihres Geldes.

Noch Anfang der Woche setzte er auf sein bewährtes Rezept des knallharten Machers. „Ich arbeite hart und spreche mit mehreren potenziellen Geldgebern“, so Mirko Kovats am Dienstag zu FORMAT. „Ich kann nur eines sagen: Es wird eine Lösung geben.“

24 Stunden später war eine „Lösung“ gefunden – aber nicht die, die Kovats angekündigt hatte. Bei einer Pressekonferenz im Wiener Hotel Le Méridien musste der Industrielle öffentlich eingestehen, dass sein Industriekonzern mit Passiva von 700 Millionen Euro insolvent ist. Zwei Stunden zuvor war die Aktie vom Handel an der Wiener Börse ausgesetzt worden.

Pleiten, Prozesse und zerkrachte Partnerschaften waren schon bisher Begleiter der Karriere des kantigen Selfmade-Unternehmers. Doch jetzt geht es um sein Lebenswerk, die Industriegruppe A-Tec mit 11.500 Mitarbeitern und einem Umsatz von drei Milliarden Euro. Am 2. November hätte Kovats eine Anleihe über 91 Millionen Euro zurückzahlen müssen. Doch dem Industriellen gelang es nicht, dafür frisches Geld aufzutreiben. Eine für den Sommer geplante Anleihe, die neues Kapital in die Konzernkasse gespült hätte, musste mangels Interesse der Anleger abgeblasen werden. Auch der nächste Versuch im September scheiterte – Investoren war das Papier trotz Zinsen um die zehn Prozent zu heiß.

Doppelte Premiere

In seiner Not trat Mirko Kovats die Flucht nach vorne an: Er beantragte ein „Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung“ – eine Möglichkeit, die es nach der Reform des Insolvenzrechtes erst seit Anfang Juli gibt. Typisch Kovats: Sogar mit dem Rücken zur Wand gelangen ihm zwei – allerdings zweifelhafte – Premieren: A-Tec ist das erste Großunternehmen, das von dem neuen Insolvenzrecht Gebrauch macht – und der erste Insolvenzfall im höchsten Börsensegment, dem ATX-Prime.

Der große Vorteil des neuen Sanierungsverfahrens: Ähnlich wie beim „Chapter 11“ in den USA behält Kovats das Steuer seines Konzerns weitgehend in der Hand und wird nicht durch einen Masseverwalter „entmündigt“. Auch die meisten Verträge bleiben aufrecht; Geschäftspartner können weder Mietverträge kündigen noch Waren wieder zurückholen, was die Fortführung des Unternehmens entscheidend erleichtert. Lediglich ein „Sanierungsverwalter“ – der Wiener Rechtsanwalt Matthias Schmidt – schaut dem Management auf die Finger.

„Das neue Insolvenzrecht erleichtert die Fortführung des Unternehmens und erhöht die Sanierungschancen, bringt aber eine Schlechterstellung der Gläubiger mit sich“, sagt Johannes Mörtl, Experte beim Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers. Vor allem die Zeichner der verschiedenen von A-Tec aufgelegten Anleihen und Wandelschuldverschreibungen schauen durch die Finger: Ihnen muss Kovats lediglich 30 Prozent der insgesamt investierten 350 Millionen Euro zurückzahlen, und das auch noch gestreckt über zwei Jahre. Das bringt jetzt auch die RZB und die RLB-Oberösterreich ins Gerede, die die jetzt fällige Anleihe auf den Markt gebracht hatten.

Zwei Monate Galgenfrist

Kovats hat jetzt bis zum 29. Dezember Zeit, einen realistischen Finanzplan mit zu erwartenden Einnahmen und Ausgaben vorzulegen. Gelingt das nicht, schlittert A-Tec in den Konkurs.

Bis zuletzt hatte der Sohn ungarischer Einwanderer gekämpft, um die Insolvenz noch abzuwenden. Auf seiner verzweifelten Suche nach Geld soll der Industrielle sogar bei seinem Exgeschäftspartner Ronny Pecik angeklopft haben, zu dem das Verhältnis mehr als gespannt ist – ohne Erfolg. Auch der Versuch, einen bewährten Sanierer an Bord zu holen, im Visier war unter anderen Immofinanz-Chef Eduard Zehetner, scheiterte. Als endgültige Sargnägel erwiesen sich schließlich gigantische Kostenüberschreitungen bei einem Kraftwerksprojekt in Australien sowie ein überraschend stornierter China-Auftrag.

Zeit hat Mirko Kovats gewonnen, mehr aber auch nicht. Die langfristigen Probleme bleiben. Eines davon: Mirko Kovats. Er hat die Rolle des respektlosen Einzelkämpfers, der so ziemlich jeden nach Belieben brüskiert, genussvoll zelebriert – um jetzt festzustellen, dass er allein dasteht. Er hört nur auf einen – sich selbst. Als Finanzchef Christian Schrötter den Finger in einige „Finanzwunden“ legte, war sein Ende bei der A-Tec besiegelt. Nachfolger Franz Fehringer, seit Ende September im Amt, ist praktischerweise auch noch Vorstand von Kovats’ Privatstiftung.

Derart ungebremst, schaffte der Konzernchef gleich drei Privatjets für den Konzern an, eine Challenger 300 und eine 604 sowie einen Interkontinental-Jet. Privat verfügt er neben seinem Anwesen in Gießhübl bei Wien über Villen in Cannes und auf den Bahamas.

Falscher Glanz

Schwerer wiegen aber die Strukturprobleme des Konzerns. „Die einzelnen Geschäftsbereiche erwirtschaften einen zu geringen Cashflow“, sagt Gerald Walek, Analyst der Erste Group. Dabei hatte die A-Tec das schwierige Jahr 2009 glänzend überstanden, der Gewinn wurde sogar verdoppelt. Doch die gute Bilanz täuscht. Ein Drittel des Ergebnisses kam von den Montanwerken Brixlegg, die überdurchschnittlich von der Preisexplosion bei Kupfer (plus 150 Prozent) profitierten. Der hohe Kupferpreis tut zwar der Bilanz gut, Cash in die Kasse bringt er aber erst, wenn tatsächlich Produkte verkauft werden. Geblendet vom Glanz des Kupfers, ging unter, dass sich die Auftragseingänge des Konzerns halbierten, was im Anlagenbau mit seinen langen Vorlaufzeiten ein Alarmsignal ist.

Die Auftragsflaute setzte sich heuer fort, trotz Konjunkturbelebung. Während Konkurrenten wie Siemens sich über volle Auftragsbücher freuen, liegen Auftragsvolumen und -eingänge bei der einstigen A-Tec-Perle, dem Energie- und Umwelttechnikspezialisten AE&E, um 40 Prozent unter dem Krisenjahr 2009. Ohne Aufträge keine Anzahlungen. Die Konsequenz: Der Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit rutschte im ersten Halbjahr mit 93 Millionen Euro ins Minus. „A-Tec steht in direkter Konkurrenz zu Größen wie Siemens und GE, da ist es schwierig, zu gewinnen“, sagt Analyst Walek.

Auch die ATB-Division (Motoren) verliert Geld. Viele Firmen wurden weltweit zugekauft, doch es mangelt an Konzept und Konsolidierung. „Ich bedaure die wirtschaftliche Situation der A-Tec, aber es wäre schon vor Jahren ratsam gewesen, den Firmensitz der ATB aus Wettbewerbsgründen nach Asien zu verlegen“, sagt Kovats’ ehemaliger Partner Ronny Pecik.

– Arne Johannsen

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