9/11 und die Folgen: Wie der Anschlag unser Leben verändert hat

Von einem völlig überraschenden Ereignis sagen die Amerikaner gerne, es sei „out of the blue“ gekommen, also ganz unvermittelt aus dem blauen Himmel. Auf das, was sich am 11. September 2001 abgespielt hat, trifft das Bild auch deshalb zu, weil den Himmel über New York und Washington damals tatsächlich ein tiefes, endloses Blau schmückte, von keiner einzigen Wolke getrübt. Bis dann die gigantischen Rauchwolken über den Türmen des World Trade Centers und über dem riesigen Bau des Washingtoner Pentagons aufstiegen.

Als mich die Nachricht vom Terror in New York damals in Washington erreichte, da war ich gerade aus der Dusche gestiegen. Außer meinem Handy hatte ich nichts am Leib. Hektisch griff ich nach meinen Sachen, wollte so schnell wie möglich nach New York und musste bald einsehen, dass daraus nichts werden würde. Meine Frau Bea und ich waren im Auto Richtung Flughafen unterwegs, aber auf dem Weg von meinem Wohnort dorthin lag das Pentagon, aus dem der schwarze Rauch zu quellen begann. Keine Chance mehr, zum Flughafen zu kommen, rundherum Menschen, die voller Angst und Sorge aus den Bürobauten der Umgebung flüchteten, und in unseren Köpfen bald große Sorgen um unsere beiden Kinder, die sich kurz zuvor frohgemut in die Schule aufgemacht hatten.

Im Autoradio aufgeregte Stimmen, die auch allerhand Falschmeldungen verkünden: Von einer Autobombe beim US-Außenministerium ist die Rede. Das Washington Monument, der riesige Obelisk mitten in der Stadt, sei gesprengt worden, heißt es später. Als wir kurz darauf, bei der Fahrt über eine Brücke, das Washington Monument sehen können, unversehrt in voller Größe, da kommt Bea und mir zeitgleich der Gedanke: „Na, wenigstens etwas.“

Was geschieht hinter den Kulissen?

Was hat dieser Tag in unserem Leben konkret verändert? Wir merken es im Alltag nur an Kleinigkeiten: Wenn wir bei Flugreisen die Schuhe ausziehen müssen, wenn Flüssigkeiten aller Art den Kontrolloren suspekt erscheinen, dann ist das den Terrortätern vom 11. September und ihren zum Glück weniger erfolgreichen Nachahmern zu verdanken. Aber was geschieht hinter den Kulissen mit den Datenspuren, die wir hinterlassen? So ziemlich alles, was über uns bekannt ist, von unseren Flugdaten bis zu unseren Kontobewegungen, landet in Datenspeichern, auf die sich die US-Sicherheitsbehörden ziemlich uneingeschränkten Zugriff erlauben. Ein riesiger Überwachungsapparat ist entstanden, der alles an sich zieht und dennoch nur wenig im Griff hat.

Es ist amüsant und erschreckend zugleich, der Starjournalistin Dana Priest von der „Washington Post“ zuzuhören. Sie hat zwei Jahre lang die geheimen Strukturen des Anti-Terror-Kampfes unter die Lupe genommen. Sie hat herausgefunden, dass es jetzt in den USA 1.271 Regierungsbehörden und 1.931 Privatfirmen gibt, die sich in irgendeiner Form mit Terrorbekämpfung befassen. Und sie hat auch herausgefunden, dass dieser Apparat Gefahr läuft, an seiner eigenen Größe zu ersticken.

Der größte Terroranschlag, den die USA im eigenen Land seit dem 11. September 2001 erlebt haben, wurde von einem Major der US-Armee verübt, einem muslimischen Militärpsychologen, der anfing, auf der Militärbasis Fort Hood in Texas um sich zu schießen und dabei 13 Menschen tötete. Einzelne Behörden hatten zuvor Hinweise auf den Mann gesammelt, aber sie waren nicht mehr in der Lage, den Wust an gesammelten Daten auf geeignete Weise zu verknüpfen. Hat der Sicherheitswahn Amerika und die Welt wirklich sicherer gemacht? Keiner kann es reinen Gewissens behaupten.

Vertrauenskrise

Viel schlimmer wirkt aber noch die politische Vertrauenskrise nach, ausgelöst vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush und seiner Umgebung. Die Politik der Angst nützte den Schockzustand aus, in dem sich die Nation befand, und sie lenkte ihr Augenmerk auf eine alte Rechnung, die George W. Bush nun ein für alle Mal begleichen wollte. Der jüngere Bush hatte nie verstanden, warum sein Vater, Präsident George Bush, im Golfkrieg Anfang des Jahres 1991 die US-Truppen nicht nach Bagdad marschieren ließ und Saddam Hussein nicht stürzte. Dabei ist die Antwort einfach: Bush Senior verstand wesentlich mehr von Weltpolitik als der Junior. Er wusste, dass ein Sturz Saddams nur den Iran gestärkt hätte.

Mit derlei Überlegungen hielt sich der junge Bush nicht lange auf. Angefeuert und getrieben wurde er dabei von einer Gruppe einflussreicher Berater aus dem Lager der „Neokonservativen“. Es ist in Europa weitum üblich, diese Clique als einen Haufen übler Finsterlinge zu betrachten. Aber auf ihre Art verstanden sie sich durchaus als Idealisten. Sie hatten empört registriert, wie lange die USA mit ihrem Eingreifen im ehemaligen Jugoslawien zugewartet hatten, um den Preis Zehntausender Menschenleben. Einige von ihnen hatten es als Skandal empfunden, dass die USA dem Völkermord in Ruanda tatenlos zugesehen hatten. In der offenen Rechnung des jüngeren Bush mit Saddam Hussein erblickten sie jetzt ihre große Chance.

Eine Politik der Lüge

An diesem Punkt ging die Politik der Angst in die Politik der Lüge über. Geschickt wurde den Amerikanern eingeredet, Saddam Hussein hätte mit den Ereignissen des 11. September zu tun gehabt, vage Aussagen von betrügerischen Agenten wurden plötzlich als Gewissheiten über angebliche Massenvernichtungswaffen in die Welt gesetzt. Rasche erste Erfolge in Afghanistan trugen dann auch noch dazu bei, den Glauben an die Machbarkeit „vorbeugender“ Kriegsführung zu verstärken.

Prinzipien, für die die USA weltweite Achtung beansprucht und erhalten hatten, gingen ganz nebenbei vor die Hunde: Wer die Amerikaner wegen ihres Respekts für die Menschenrechte bewundert hatte, der sah sich nach dem Folterskandal im Bagdader Abu-Ghraib-Gefängnis, nach weltweiter Verschleppung und Folterung auch unschuldiger Verdächtiger und nach Spitzelaktionen der USA im eigenen Land eines Schlechteren belehrt.

So weit, so schlimm. Aber was ist mit Barack Obama, dem Mann, der versprochen hat, alles anders und besser zu machen, die USA wieder als Leitstern von Freiheit und Demokratie zu etablieren? Das Sondergefängnis in Guantánamo gibt es noch immer, die Verschleppung von Verdächtigen in die Folterkeller dieser Welt ist auch unter Obama im Prinzip immer noch möglich. Den gigantischen, aber wenig effizienten Apparat von mehr als tausend Behörden im Dienst der inneren Sicherheit hat Obama weitgehend unverändert belassen. Und der Krieg aus der Ferne, der Einsatz ferngesteuerter Drohnen zur gezielten Tötung von Verdächtigen, ist unter ihm zu neuer Perfektion gereift.

Für die Jagd auf Osama bin Laden ließ Obama aber dann doch lieber eine Spezialtruppe ausrücken. Keine Bombe aus der Ferne, sondern ein Schuss aus nächster Nähe beendete das Leben des Staatsfeinds Nummer eins. Jetzt kann aufs Neue darüber diskutiert werden, ob der islamistische Terror der Marke bin Laden ein Auslaufmodell ist oder ob sich Nachahmer ähnlichen Kalibers finden werden.

Der Terror geht weiter, zweifellos. Im Irak, in Afghanistan, zuletzt auch in Nigeria, und paradoxerweise sind es vor allem Muslime, die seinem Wüten zum Opfer fallen. Die großen demokratischen Aufstandsbewegungen, die seit dem Beginn dieses Jahres weite Teile der arabischen Welt erfasst haben, scheinen weit entfernt zu sein vom Eiferertum bin Ladens und seiner Bande. Sie boten den alten Mitstreitern des vielgescholtenen George W. Bush auch einen Anlass dafür, neu anzusetzen zur späten Rechtfertigung ihres Idols.

Elliott Abrams, ein früherer Berater des jüngeren Bush, zieht durch die Lande und erklärt, die neuen demokratischen Tendenzen seien eine späte Folge der Freiheitsagenda, der Bush im Irak mit Waffengewalt zum Durchbruch verhelfen wollte. Eine Vorstellung, der der renommierte deutsche Nahostexperte Volker Perthes überhaupt nichts abgewinnen kann. Er sieht es umgekehrt: Gerade die Angst vor Verhältnissen, wie sie nach dem Sturz Saddam Husseins im Irak herrschten, hätte viele Menschen im Nahen Osten dazu bewogen, vor einem Aufstand noch längere Zeit zurückzuschrecken und ihre Potentaten und Diktatoren länger im Amt zu belassen, aus reiner Angst davor, dass es nach deren Sturz noch schlimmer kommen könnte.

Was hat der 11. September 2001 also verändert?

Was sind, mit zehn Jahren Abstand, die Lehren aus dem, was damals und seither geschehen ist? Fangen wir vielleicht mit dem an, was sich nicht verändert hat. Die Globalisierung ist weitergegangen, China und andere Aufsteiger wie Indien oder Brasilien holen rapide auf und machen der Supermacht USA ihre wirtschaftliche Führungsrolle streitig. Das berühmte Diktum von George W. Bush, wonach der 11. September alles verändert hätte, klingt heute hohl. Verändert hat sich seither aber jedenfalls die Sicht der Welt auf die Supermacht USA. Indem die Amerikaner es zugelassen haben, dass ihre ureigensten Prinzipien durch sie selbst verbogen und verdreht werden konnten, haben sie der Welt vor allem eines gezeigt: Der Kaiser ist immer noch mächtig, aber seine Blößen sind nur noch notdürftig verdeckt.

- Peter Fritz

ZUR PERSON: Peter Fritz, 50: Der studierte Germanist und Historiker ist seit 1987 beim ORF tätig, seit 2007 ist Fritz Leiter des ORF-Büros in Berlin. Als ORF-Korrespondent in Washington erlebte er am 11. September 2001, wie eine Nation auf dem Höhepunkt ihrer weltweiten Macht gedemütigt wurde. Die Reaktion der USA war eine „Politik der Angst“, wie Fritz in seinem gleichnamigen Buch (Residenz, € 22,90) analysiert. Es macht deutlich: Der „Krieg gegen den Terror“ hat auf falsche Ziele gesetzt.

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