8 Fragen und Antworten zum Währungskrieg

Im Kampf gegen den Abschwung sind den Notenbanken fast alle Mittel recht – auch die Abwertung der eigenen Währung. Warum der Abwertungswettlauf gefährlich ist und wie ein globaler Handelsstreit vermieden wird.

Jeder gegen jeden – so lautet derzeit die Devise auf dem Parkett der globalen Wirtschaftspolitik: „Ich glaube, der Dollar steht nicht in Einklang mit den zugrunde liegenden Fundamentaldaten“, griff der Chef der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, am Wochenende die USA an. Diese hingegen schimpfen schon länger auf China. „Die Aufwertung ist zu langsam und in zu engen Grenzen“, ärgert sich US-Finanzminister Timothy Geithner seit längerem über den unterbewerteten chinesischen Renminbi. Tatsächlich sank der Wert einiger wichtiger Währungen wie des US-Dollars, des chinesischen Renminbi, des japanischen Yen und des brasilianischen Real seit Juli beachtlich. Kritiker sehen dahinter einen beispiellosen Wettlauf um Anteile an den Exportmärkten mittels billiger Währung. Vergangenes Wochenende war der Abwertungsstreit ganz oben auf der Agenda beim Jahrestreffen des Internationalen Währungsfonds – allerdings ohne Ergebnis. Die acht wichtigsten Fragen und Antworten zum neuen „Währungskrieg“.

1. Wie stark sind Dollar und Renminbi tatsächlich unterbewertet?

Das einfachste Bewertungsmodell ist die Kaufkraftparität (KKP). Dabei wird berechnet, wie viele Einheiten einer Währung nötig sind, um den gleichen repräsentativen Warenkorb zu kaufen, den man in den USA für einen Dollar bekommt. Nach dieser Methode liegt die Unterbewertung des Dollar gegenüber dem Euro bei 23,6 Prozent. Allerdings streiten Ökonomen, welche Preise, etwa Konsumenten- oder Produzentenpreise, dafür verwendet werden. Auch die KKPs der OECD könnten miteinbezogen werden. „Einen fairen Wert für ein Währungspaar zu finden ist in der Praxis eine fast unlösbare Aufgabe“, resümiert Michael Rottmann, Zins- und Währungsexperte der UniCredit. Für den Renminbi ist es mangels sicherer Daten besonders schwierig. Manche Experten greifen daher auf den Big-Mac-Index zurück – basierend auf dem Preis eines Burgers bei McDonald’s. Anhand dieser Methode ist der Renminbi gegenüber dem Dollar um 47,5 Prozent unterbewertet.

2. Wird China im Währungsstreit nun einlenken?

Aufgrund des Drucks – vor allem seitens der USA – kündigte der chinesische Notenbankchef diese Woche eine schrittweise Aufwertung des Renminbi an. „China wird nicht bereit sein, seine Währung um rund 20 Prozent anzuheben, wie es eigentlich erforderlich wäre“, zeigt sich der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, dennoch skeptisch, „auch nicht in kleinen Fünf-Prozent-Schritten mehrere Jahre in Folge.“

3. Geht es beim globalen Abwertungswettlauf ausschließlich um Exportanteile am Weltmarkt?

Die US-Ökonomie könnte in die Rezession zurückfallen. Da Präsident Barack Obama alle fiskalischen und geldpolitischen Maßnahmen zur Ankurbelung der Inlandsnachfrage ausgeschöpft hat, setzt er nun auf Exportwachstum. Andere Länder, allen voran Deutschland, wollen oder können ihre Nachfrage nach US-Importen aber nicht stimulieren. Und so versucht die US-Regierung mithilfe niedriger Wechselkurse Exportanteile zu gewinnen. Exportweltmeister China hingegen hält schon lange seine Währung aus dem gleichen Grund niedrig. Dahinter steht ein jahrelanges globales Ungleichgewicht in den Handelsbeziehungen: Die USA sind mit schuldenfinanzierten Importen der Konjunkturmotor der Weltwirtschaft. China, auf der anderen Seite, exportiert und finanziert das US-Defizit. Das Reich der Mitte hat so 2,5 Billionen Dollar Währungsreserven angehäuft. Mit der Finanzkrise wurde dieses Modell – die USA importieren, und China exportiert – nun zum Problemfall, da die USA als Abnehmer ausfallen. Und die Inlandsmärkte der aufstrebenden Wirtschaftsmächte China und Indien sind noch nicht so weit, die Nachfragelücke zu füllen.

4. Warum machen andere Länder wie Brasilien bei den Abwertungen mit?

Die meisten Schwellenländer wachsen ähnlich wie China durch Ausfuhren und sind daher von Wechselkursen abhängig. Einige Länder, wie etwa Brasilien, stehen ohnehin unter enormem Aufwertungsdruck, weil viel ausländisches Kapital ob der schönen Wachstumsaussichten ins Land floss und die Landeswährung Real verteuerte. Brasilien führte daher schon eine Steuer auf Kapitalimporte ein.

5. Kann die Strategie der billigen Währung überhaupt aufgehen?

„Die USA lügen sich mit den Abwertungen in den eigenen Sack“, meint Stephan Schulmeister vom Wirtschaftsforschungsinstitut. In der Praxis ist der Preis der Währung nämlich nur einer von mehreren Wettbewerbsfaktoren. Ein anderer ist die Qualität der Exportwaren. „Die militärisch-industriellen Branchen stehen gut da. Ansonsten haben die USA nicht sehr qualitative Ausfuhrgüter anzubieten“, so Schulmeister. Sprich: Die USA müssen mittelfristig ihre Produktionsstrukturen umstellen. Und auch für China ist der unterbewertete Renminbi nur auf den ersten Blick vorteilhaft. Der niedrige Kurs ist nämlich eine Art Subvention des Exportsektors und verzerrt die Volkswirtschaft.

6. Hält die Euro-Zone den starken Euro aus? Und: Leiden die österreichischen Exporte?

Der hohe Euro-Kurs von 1,40 Dollar gibt derzeit wenig Anlass zur Sorge – er bewegt sich noch in einem nicht ungewöhnlichen Preisband. Wiewohl heimische Exporteure den starken Euro sehr wohl spüren. „Zwei bis drei Monate lang können sich Unternehmen mit Hedginginstrumenten leicht gegen Kursanstiege absichern“, meint Ralf Kronberger, Leiter der Finanz- und Handelspolitik in der Wirtschaftskammer. Über einen längeren Zeitraum und bei einem noch stärkeren Anstieg dürfte es schmerzhaft werden: Dann drückt der Kurs auf die Profite.

7. Mündet der Währungsstreit in einen Handelskrieg?

Die niedrigen Kurse führen zu einem Übermaß an Liquidität und lassen Vermögensblasen entstehen. Außerdem werden zu viele Exportgüter produziert. Kippt die Stimmung, sind protektionistische Maßnahmen zu befürchten. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits: Ende September ging ein Gesetzesentwurf durch das US-Repräsentantenhaus, der die USA ermächtigt, Importzölle auf chinesische Waren einzuheben. „Sollte Barack Obama ein Gesetz über Importzölle unterzeichnen, droht ein Handelskrieg zwischen China und den USA“, warnte bereits Zhang Yesui, der chinesische Botschafter in den USA. Wie zuletzt Anfang der 80er-Jahre, als die USA mit Japan einen erbitterten Handelsstreit ausfochten, könnten die internationalen Wirtschaftsbeziehungen erneut in eine Phase handels- und währungspolitischer Konflikte abgleiten. „Wirtschaftlich hätte das kurzfristig Wohlstandsverluste zur Folge. Der größte Schaden würde aber auf politischer Ebene entstehen“, meint Werner Raza, Leiter der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung.

8. Wie kann der Abwertungswettlauf gestoppt werden?

Wenn auch eine Einigung über eine internationale Koordinierung in der Währungspolitik beim Jahrestreffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) vergangene Woche nicht gelang, wird kein Weg daran vorbeiführen. Denkbar wären im Rahmen des IWF oder der UNO international abgestimmte Zielkorridore für jede Währung. „Diese müssten dann mit Interventionen am Devisenmarkt verteidigt werden“, schlägt Raza vor.

– Barbara Nothegger

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