2 Jahre Lehman: Die Gefahr ist nicht vorbei

Die Bankenwelt ist mitten in einem radikalen Umbruch. Die Zeit des Wachstums ist vorbei. Erfolgsrezepte von gestern greifen nicht mehr. Künftig heißt es sparen auf allen Ebenen – und im Einklang mit den Vorgaben des Regulators.

In den Strategieabteilungen der Banken rauchen die Köpfe. Zwischen Bregenzerwald und Neusiedler See wird eifrig an neuen Konzepten und Businessmodellen getüftelt. Zwei Jahre nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers – dem Startzeitpunkt der globalen Finanzkrise – ist noch immer keine Ruhe eingekehrt.

„Die Branche befindet sich in einem massiven Umbruch“, analysiert KPMG-Bankenexperte Alexander Lippner. Österreichs Kreditinstitute würden schätzungsweise drei bis fünf Jahre brauchen, um sich an die neuen Rahmenbedingungen anzupassen. Ein steiniger Weg. „Erfolgreiche Geschäftsmodelle müssen neu bewertet und überarbeitet werden“, sagt Lippner. „Diese Arbeit bleibt keinem erspart.“

Tatsächlich hat sich die Bankenlandschaft radikal verändert. Das Kundenvertrauen ist wegen der Vielzahl an Anlegerskandalen, der spektakulären Bankpleiten und der versteckten Gebührenerhöhungen spürbar eingebrochen. Sowohl die Regierung (Stichwort: Bankensteuer) als auch die Regulatoren („Basel III“) haben die Spielregeln verschärft. Der Kollaps von Unternehmen wie A-Tec und Euroländern wie Griechenland belasten die Bankbilanzen. Und nach Rettungspaketen etwa für Hypo Group oder Kommunalkredit sowie den Hilfspaketen (Erste Group, RZB) wird der wachsende Staatseinfluss zur Bürde.

In diesem radikal veränderten Umfeld müssen sich die Geldhäuser künftig bewegen. Daher setzen Bankbosse weltweit gänzlich neue Schwerpunkte in ihrer Arbeit. Was laut einer Studie der Beratungsgesellschaft KPMG neuerdings ganz oben auf der Executive-Agenda steht: die Optimierung der Bankbilanz nach Kapital- und Liquiditätsgesichtspunkten; das konsequente Risikomanagement, vor allem im Kredit- und Veranlagungsgeschäft; die Erfüllung der strengen Vorgaben des Regulators; und – ganz wichtig – ein nochmals verstärkter Fokus auf den Kunden.

Von Bilanzsummenabgabe und Wertpapier-KESt über niedrige Sparzinsen bis hin zu steigenden Kreditzinsen: Die Banken sanieren sich auf dem Rücken der Kunden, so der weit verbreitete Eindruck, der nun eliminiert werden soll. „Wir bemühen uns um das Gegenteil“, sagt Herbert Stepic, Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen Bank International im FORMAT-Interview . „Das Banking wird vor allem durch die Auflagen des Regulators verteuert.“ Sein Haus bemühe sich, die Kosten vom Kunden fernzuhalten. Die RBI folgt dabei einem branchenweiten Trend. Stepic: „Aktuell haben wir einen Prozess der Verschlankung in Gang gesetzt.“ Abläufe werden neu organisiert, Personal effizienter eingesetzt – alles im Sinne des Kunden.

Neben Konsolidierung und Regulation sieht Erste-Bank-Österreich-Vorstand Thomas Uher in Innovationen, Kooperationen und „Social Banking“ bestimmende Branchentrends – und Wege, dass Herz des Kunden zurückzuerobern. Neben der Filiale werden „neue Formen des Bankings“ (Uher) entstehen. „Banken werden künftig nicht alles selber entwickeln“, meint Uher. Vernetzung – etwa mit Handelsketten, Telekomanbietern oder Versicherungen – wird ein wichtiges Thema sein. „An der Tankstelle, im Supermarkt oder via Handy“, so Uher. „Wir werden überall dort sein müssen, wo sich der Kunde befindet.“ Ein Vorgeschmack: Im Frühling startet die Erste eine Kooperation mit dem Mineralölkonzern OMV. Über deren Tankstellen-Shops werden neben Red Bull und Wurstsemmeln nun auch einfache Bankprodukte verkauft.

Bankriesen wie Erste Group oder Raiffeisen International, die in den vergangenen Jahren vom Boom in Osteuropa profitierten, müssen ihre Geschäftsmodelle adaptieren. „Wir sind mit dem Verdauen unserer Akquisitionen nicht mehr nachgekommen“, sagt Raiffeisen-Boss Stepic. „Das machen wir jetzt.“ Die zweistelligen Wachstumsraten im CEE-Business gehören der Vergangenheit an.

Österreich ist overbanked

Doch nicht nur innerhalb des Unternehmens wird kräftig umgerührt. Der Strukturwandel ist nicht zu bremsen. Die Konsolidierung nimmt ihren Lauf. „In Österreich kommen rund 2.000 Einwohner auf eine Bankfiliale“, rechnet KPMG-Mann Lippner vor. In Großbritannien sind es 5.000 Einwohner. „Da steckt Konsolidierungspotenzial.“ Auch die Kosten- Ertrags-Relation, die in Österreich im Schnitt bei 54 Prozent liegt, muss runter. Lippner: „45 und 49 Prozent gelten in Europa als Messlatte.“

Auch Hannes Androsch, Vizepräsident der staatlichen Bankenholding Fimbag, weiß: „An der Bankenkonsolidierung führt kein Weg vorbei.“ Eine Fusion von Volksbanken AG und Bawag-PSK-Gruppe wäre ein Schritt in die richtige Richtung gewesen, scheiterte aber daran, dass die Volksbanken-Eigentümer nicht bereit waren, Souveränitätsrechte aufzugeben.

Im Finanzministerium wird die Entwicklung bei Bawag und Volksbanken AG mit Skepsis betrachtet. Zwar ist Vizekanzler und Finanzminister Josef Pröll überglücklich, das Jahr 2010 ohne Bankverstaatlichung überstanden zu haben – zur Erinnerung: 2008 musste die Kommunalkredit, 2009 die Hypo Group aufgefangen werden. Doch im neuen Jahr wird Pröll wieder zittern müssen.

So gilt die Volksbanken AG als Wackelkandidat. Eine Milliarde Euro Partizipationskapital stehen auf dem Spiel. An die Republik wurde aus diesem Titel bis dato noch kein Cent Dividende abgeführt. Unter den zehn größten Banken des Landes fielen im Vorjahr nur zwei Institute durch Milliardenverluste auf: die Volksbanken AG und die Hypo Group Alpe Adria.

Hypo kämpft um Existenz

Mit allen Mitteln will Pröll einen zweiten Fall Hypo Group verhindern. Bei der seit Frühling von Gottwald Kranebitter geführten Bank steht das Überleben an erster Stelle. Für den Steuerzahler wird die Skandalbank noch lange ein Milliardengrab bleiben. Zum Halbjahr erreichten die faulen Kredite den Spitzenwert von 8,27 Milliarden Euro. Zudem ist der Kollateralschaden durch die gerichtliche Aufarbeitung für die „neue“ Hypo enorm. Das Neo-Management unter Kranebitter muss sich ständig mit „alten“ Vorwürfen aus der Ära Wolfgang Kulterer herumschlagen. Dass aus der Hypo Österreichs erste Zombiebank werden könnte, ist zu befürchten.

Um neue Hypo-Schicksale zu verhindern, muss ein neues Bankeninsolvenzrecht her. Die Devise: Geldhäuser dürfen nicht mehr „too big to fail“ sein. Eine Bankpleite soll nicht mehr ganze Volkswirtschaften in den Abgrund ziehen dürfen. Auch die strengen Basel-III-Regeln bezüglich Liquiditäts- und Kapitalreserven sollen dazu beitragen.

Die neue Bankenwelt bietet dennoch eine Vielzahl an Chancen, etwa in China und Indien. „Asien ist die wichtigste Wachstumsregion“, sagt Stepic. „Da führt kein Weg vorbei.“ Aber auch die neuen Technologien bieten Geschäftspotenzial. „Mobile Banking wird Internet-Banking ablösen“, heißt es im KPMG-Report. Schon jetzt durchdringen Smartphones zunehmend „unseren“ Alltag. Jenen Banken, die dort stark sind, gehört die Zukunft.

– Ashwien Sankholkar

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