13 Fragen und Antworten zum AA+

Am Freitag, den 13. Jänner flog Österreich nach 37 Jahren aus dem Kreis der Top-Schuldner. FORMAT bringt 13 Fragen und 13 Antworten, die zeigen, welche Änderungen dieser Schicksalstag nach sich zieht.

Es war ein schwarzer Tag für Europa, als die mächtige Ratingagentur Standard & Poor’s vergangene Woche zum Rundumschlag ausholte: Die Kreditwürdigkeit von gleich neun Ländern der Eurozone, darunter Österreich und Frankreich, wurde gesenkt. Italien, Spanien, Portugal und Zypern büßten sogar zwei Stufen ihrer Bonität ein. Die logische Konsequenz: S&P entzog auch dem europäischen Rettungsschirm EFSF das Top-Rating. Und während die Politik schäumte, blieb es an anderer Stelle ganz ruhig – die Märkte hatten die Abwertungen schon eingepreist. Also alles bestens? Mitnichten. S&Ps Abkanzelung hat daran erinnert, dass die Krise Europas noch längst nicht überstanden ist.

1. Wurde Österreich allein wegen Ungarn und Italien herabgestuft?

Nein. Das starke Engagement österreichischer Banken in den Krisenländern Ungarn und Italien ist nur eines der Argumente. Allerdings eines, das Auswirkungen auf die Gesamtsituation haben kann: Denn sollten die Banken aufgrund ihrer Osteuropa-Risiken weitere staatliche Unterstützung benötigen, könnte das den Staatshaushalt belasten. Ungarn war vor wenigen Wochen von S&P auf das „Ramschniveau“ von BB+ gestuft worden, Italien verlor zuletzt zwei Stufen und wird mit BBB+ bewertet. Kommt zu den Bankenhilfen noch hinzu, dass sich das Wirtschaftswachstum verschlechtert, könnten strukturelle Reformen des Staates unwirksam werden und sich auf die Bonität Österreichs auswirken, so der S&P-Bericht.

Als – gewissermaßen – externer Faktor hinzugerechnet wurde die europäische Schuldenkrise. S&P hält die bisherigen Bewältigungsstrategien, die sich nur auf Sparprogramme und Konsolidierungen konzentrieren, für unzureichend – und gefährlich. Sinkende Staatseinnahmen würden die Haushalte einiger Staaten weiter belasten, außerdem bestehe die Gefahr, dass sich die Risikoscheu von Investoren europäische Staatsanleihen betreffend ausweitet und intensiviert. S&P-Europa-Chef Moritz Kraemer: „Eine Verschärfung der Krise wäre schon bald nicht mehr auszuschließen.“ Diese würde mit einer weniger vorhersehbaren Politik noch mehr Probleme bedeuten.

2. Werden alle Staaten nach denselben Kriterien bewertet?

Prinzipiell ja. Bei Standard & Poor’s verteilen sich die maßgeblichen Kriterien auf die Bereiche „Politik“, „Volkswirtschaft“, „Externes“, den „fiskalen“ und den „monetären“ Bereich. Dass etwa Großbritannien eine höhere Staatsverschuldung und ein höheres Budgetdefizit aufweist als Österreich, das Triple-A-Rating aber dennoch behält, erklärt sich durch bessere Werte in anderen Parametern. Auch dass Großbritannien, anders als die Eurostaaten, über seine Nationalbank notfalls Geld drucken kann, wird hier berücksichtigt. Allerdings sehen britische Analysten auch dieses Rating in Gefahr: Die Kritik an der sich nur aufs Sparen konzentrierenden Politik sei neu und auch für den Inselstaat ein Warnschuss.

Aus Sicht des UniCredit-Ökonomen Stefan Bruckbauer spielt übrigens auch die Größe Österreichs eine Rolle, da das Land etwa im Vergleich zu Deutschland in einer Extremsituation deshalb weniger wirtschaftspolitische Steuerungsmöglichkeiten habe.

3. Wie reagieren die großen Anleger und die Märkte?

Die internationalen Investoren ließen die Rückstufungen ziemlich kalt. So lagen die Renditen für zehnjährige österreichische Bundesanleihen Mitte dieser Woche bei 3,06 Prozent und damit deutlich niedriger als zum Beispiel im November 2011 oder auch Anfang Jänner 2012 vor Verlust der AAA-Bonität. Die Aktienbörsen stiegen in den ersten Tagen nach der S&P-Entscheidung sogar kräftig an. Das ist ein bekanntes Muster: Investoren versuchen generell, auf drohende schlechte Meldungen bereits Monate vorher zu reagieren, und haben Staatsanleihen aus Österreich oder Frankreich schon seit längerem verkauft. Wenn die Katze wie jetzt aus dem Sack ist, sind viele Anleger sogar erleichtert, weil wieder mehr Planungssicherheit besteht.

Fazit: Der Einfluss der Ratingagenturen auf die Kursentwicklung wird deutlich überschätzt. In der Regel haben die Börsen längst ihr eigenes Urteil gefällt und das Kursniveau entsprechend angepasst.

4. Wie wirkt sich die Abstufungsorgie auf den Rettungsschirm EFSF aus?

Bisher noch nicht, der EFSF konnte am Dienstag bei einer dreifach überzeichneten Auktion Geldmarktpapiere mit sechsmonatiger Laufzeit platzieren. Die Zinsen lagen mit 0,266 Prozent relativ niedrig. Steigen sie, was etwa dann der Fall sein könnte, wenn eine weitere Ratingagentur bisherige Triple-A-Staaten abwertet, träfe das die Krisenstaaten, die sich über den EFSF Hilfe holen: Der Fonds gibt die Finanzierungskosten weiter. Analysten schätzen, dass der Kreditrahmen des EFSF von geplanten 440 Milliarden Euro durch die Abstufungen auf 260 Milliarden Euro sinken könnte. Bisher hat er allerdings erst 21 Milliarden Euro über die Märkte aufgenommen, das Triple-A-gesicherte Fondsvolumen sei also noch lange nicht erschöpft, sagt etwa Lutz Karpowitz, Währungsstratege der Commerzbank.

Ob der Fonds eine Hebelwirkung erzielen kann, wird jedoch bezweifelt. Allerdings: Bereits mit Juli soll der EFSF ohnehin vom permanenten ESM abgelöst werden.

5. Wie teuer kommt die Abstufung die Republik Österreich?

Hier gibt es nur Schätzungen. Vergleicht man Österreich mit Belgien, das schon länger kein Triple-A-Land mehr war, so liegen dort die Zinsen für zehnjährige Schulden um 1,1 Prozentpunkte über denen, die Österreich bezahlen muss. Für den Zeitraum von 2012 bis 2015 würde das rund drei Milliarden Euro ausmachen. Heuer muss Österreich rund 23 Milliarden Euro auf den Finanzmärkten aufnehmen; zu welchen Zinsen, lässt sich erst im Nachhinein sagen. Einige Experten raten dazu, die jüngste Rating-Abstufung nicht zu ernst zu nehmen – die an den Märkten verlangten Zinsen seien schon längst über dem Niveau gelegen, das für die Rating-Höchstnote erwartet würde.

6. Wie wirkt sich das neue Staats-Rating auf Unternehmen aus?

Die neue Risikoeinstufung für Österreich hat auch Folgen für die Bundesländer und Unternehmen, denn die Ratingagenturen nehmen diese Bewertung gerne als Obergrenze für alle im Staat ansässigen Emittenten („Sovereign Ceiling“). Derzeit sind Wien, Niederösterreich, Tirol und Oberösterreich noch mit Triple A bewertet, die Steiermark und das Burgenland mit AA+. Ebenfalls unter die Lupe genommen werden nun auch Unternehmen, besonders solche, deren Kreditqualität vom Staat abhängig ist: Die Asfinag ist mit AA+ bewertet, die ÖBB haben einen negativen Ausblick. Mit der Generali wurde am Mittwoch die erste Versicherung herabgestuft.

7. Wie wirkt sich das Rating auf die in der Kritik stehenden Banken aus?

Generell gilt: Länderratings wirken sich auf die Bewertungen von Banken aus, weil sie oft viele Staatsanleihen ihrer Heimatländer halten. Besonders die französischen Banken, die auch stark in Griechenland, Spanien und Italien investiert sind, stehen daher momentan unter Beobachtung. Für die österreichischen Banken erwartet der UniCredit-Ökonom Bruckbauer allerdings keinen Bonitätsverlust: „Ihre Ratings liegen schon deutlich unter jenen des österreichischen Staates.“ Erste Group und RZB werden von S&P mit der Note A und einem negativen Ausblick bewertet. In drei Wochen sollen die neuen Ratings bekannt gegeben werden.

8. Wie unterschiedlich sind die Bewertungen der einzelnen Agenturen?

Die Noten der einzelnen Agenturen heißen verschieden, auch die genauen Faktoren, die bei der Beurteilung eine Rolle spielen, sind unterschiedlich. Allerdings liegen die Urteile der großen drei immer recht eng beisammen. Die wichtigste Agentur ist Standard & Poor’s, sie überbringt häufig als erste die schlechte Nachricht einer Abstufung. Bei einer Untersuchung verschiedener US-Universitäten zeigte sich, dass Unternehmen und Banken, die die höchsten Gebühren bezahlen, von den Ratingagenturen routinemäßig eine bessere Bonitätsnote für ihre Anleihen bekommen. Staaten und Gebietskörperschaften, die nur rund halb so viel bezahlen, werden strenger benotet.

9. Wie wahrscheinlich sind weitere Hinunterstufungen?

Eine weiteres Downgrading Österreichs steht im Raum, denn Standard & Poor’s schreibt in einem dreiseitigen Dossier zu Österreich: „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir das Rating 2012 oder 2013 weiter absenken, liegt zumindest bei einem Drittel.“ Der Ausblick sei „negativ“. Weitere Abwertungen könnten auch von anderen Agenturen folgen. Allerdings hat Moody’s Österreichs Triple A gerade erst bestätigt. Und Fitch hat zwar angekündigt, die sechs zuletzt unter Beobachtung gestellten europäischen Länder demnächst hinabzustufen, was besonders Italien wieder hart treffen könnte. Österreich ist hier aber zum Glück nicht dabei. Dieses Mal zumindest.

10. Wie haben Länder es geschafft, das Triple A wiederzubekommen?

Wirtschaftskammer-Boss Christoph Leitl ist wieder einmal optimistisch: Natürlich könne Österreich sein Triple A wieder erreichen. „Mit entsprechenden Maßnahmen stehen wir in zwei bis drei Jahren wieder gut da und müssen nicht mehr zittern vor Märkten und Ratingagenturen“, meinte er. In anderen Ländern dauerte das deutlich länger: Kanada verlor 1992 das Triple A, die beste Bonität erreichte das Land zehn Jahre später wieder. Dazu wurden die Ausgaben zurückgefahren, die Finanzen saniert und Reformen durchgezogen. Australien brauchte 17 Jahre, um wieder die Bestnote zu erhalten.

11. Wie sehr sind Rating-Verschiebungen politisch motiviert?

Wenn von den großen drei Ratingagenturen die Rede ist, sind die Verschwörungstheorien nicht weit. Selbst sonst eher besonnene Politiker wollen in den zuletzt erfolgten Rating-Abwertungen europäischer Staaten eine Auseinandersetzung zwischen Europa und dem anglo-amerikanischen Raum sehen. Die Agenturen, zuletzt S&P, wehren sich gegen den Vorwurf der politischen Einflussnahme. Sie berufen sich auf ihre Unabhängigkeit und die strengen Regeln, mit denen sie Analysten von Trägern politischer Ämter und deren Einflussnahme fernhalten.

12. Wie lässt sich die Macht der Ratingagenturen beschränken?

Dafür gibt es gleich mehrere Möglichkeiten, und die bloße Gründung einer europäischen Agentur zählt nur bedingt dazu. Derzeit sind Ratingagenturen für ihre Urteile nicht haftbar. Müssten sie Schadenersatz für Fehleinschätzungen bezahlen, wären die Urteile vorsichtiger, meinen Experten. Wichtig wäre, in Gesetzen die Finanzmarktvorschriften mit Rating-Bezug zu ändern, fordert Werner Rügemer. „So wäre der Zwang, den Einschätzungen der Agenturen zu folgen, geringer“, meint der Buchautor („Ratingagenturen. Einblick in die Kapitalmacht der Gegenwart“, erscheint im April 2012). Um die Macht zu verringern, wäre es auch hilfreich, den Ratingagenturen Geschäfte abseits von Ratings zu verbieten. Denn mit Beratungen und anderen Aktivitäten würden zusätzliche Abhängigkeiten geschaffen, warnt Rügemer.

Die Europäische Kommission hat im November einen Vorschlag zur Verbesserung von Ratings vorgelegt: Er sieht vor, dass Emittenten alle drei Jahre die Agentur wechseln müssen, die Haftung für Agenturen ausgeweitet wird, die Ratings häufiger und transparenter erfolgen müssen und Finanzinstitute sich nicht allein auf Ratings stützen.

13. Treiben die Ratingagenturen Griechenland in die Pleite?

Nein, aber im Zuge des Rundumschlags hat die Agentur S&P darauf hingewiesen, dass sie eine ungeordnete Staatspleite aufgrund der hohen Verschuldung für wahrscheinlich hält. Auch Fitch rechnet mit einer Pleite Griechenlands. Der Grund: Die Gespräche über die Gläubigerbeteiligung an den Schulden des Inselstaates stecken in einer Sackgasse und wurden erst am Mittwoch wieder aufgenommen. Ende März werden aber 14,5 Milliarden Euro an Anleihen fällig, nach Einschätzung des internationalen Bankenverbandes IIF bräuchte es eine Einigung noch in dieser Woche, um den Schuldenschnitt rechtzeitig abschließen zu können.

Es gehe jetzt vor allem darum, eine Alternativlösung zu finden, für den Fall, dass die Gespräche scheitern, warnt Stefan Bruckbauer von der UniCredit. Denn niemand kann sagen, welche Folgen es hat, sollte Griechenland tatsächlich ungeordnet in die Staatspleite schlittern.

Der Insiderreport – wie S&P Österreich in die Mangel nahm.

– Martina Bachler, Miriam Koch, Martin Kwauka

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