100 Tage bis Sotschi – Putins Prestigeprojekt auf der Zielgeraden

100 Tage bis Sotschi – Putins Prestigeprojekt auf der Zielgeraden

Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. "Am 26. September war das. Da war er das letzte Mal da“, sagt Wendelin Meusburger, Montagechef des Liftbauers Doppelmayr. Warum er das so genau weiß? "Das bleibt nicht unbemerkt. Massenhaft Security streift durch die Wälder, Helikopter kreisen und die Straße wird gesperrt.“ Er ist der russische Präsident, und er kommt alle paar Wochen. Es sind "seine Spiele“, wie der österreichische Manager Siegfried Wolf sagt.

Gespannte Nervosität und viel Staub liegen in der Luft, beim Lokalaugenschein Mitte Oktober in Sotschi. Gut 100 Tage sind es noch bis zur Eröffnung am 6. Februar. Die Finalisierung der Bauarbeiten ist ein Kraftakt, der gelingen wird, weil er gelingen muss. Seit Russland 2007 nach zwei erfolglosen Versuchen den Zuschlag erhielt (Salzburg zog damals den kürzeren), wurde aus einem lokalen Tourismusprojekt im einstigen Kurort der Sowjet-Nomenklatura das größte Konjunkturpaket für Südrussland, das - unterstützt durch die globale Medienpräsenz - der Welt Zeugnis geben soll vom "modernen, leistungsfähigen Russland“, sagt der Präsident. Acht Milliarden Euro veranschlagte Putin damals, 37 Milliarden Euro dürften es werden, die schlussendlich in die Erschließung der beiden olympischen Cluster an der Schwarzmeerküste fließen werden. Ein Teil der Spielstätten liegt am palmengesäumten Strand, der andere auf 2.000 Meter Höhe in einem weitgehend neuen, anspruchsvollen Skigebiet.

Die Gründe, warum die Spiele wohl als die teuersten Winterspiele in die Geschichte eingehen werden, sind mannigfach. Wo eine herausfordernde Geologie auf wenig Erfahrung im alpinen Hoch- und Tiefbau traf, wurden anfangs viele Schnitzer gemacht. Dass die eine oder andere Geld-Tranche über Umwege wiederum in Oligarchen-Taschen statt in Beton gelandet sein dürfte - wie die Opposition immer wieder kritisiert - ist wohl auch ein Teil der Wahrheit, der vielleicht später einmal aufgearbeitet wird.

Rot-weiß-rote Baustelle

Österreich als Sportnation kann sich auf eine hoffentlich gute Medaillenbilanz einstimmen. Einige österreichische Firmen haben schon vor Spielbeginn gewonnen. Dietmar Fellner, Delegierter der Außenwirtschaft, hat sich 2007 nach Moskau versetzen lassen. Er wusste: "Da passiert jetzt richtig was“ — und behielt recht. "Die Losung, wenn wir die Spiele nicht nach Salzburg kriegen, holen wir uns die Aufträge von Sotschi, ist voll aufgegangen.“ Fellner schätzt das Auftragsvolumen für heimische Firmen auf 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro. Große Projekte realisierte vor allem die Strabag, die den Flughafen, etliche Straßen und das olympische Dorf an der Küste baute. Die Vorarlberger Firma Doppelmayr konnte einen der größten Aufträge ihrer Geschichte lukrieren (dreistelliger Millionenbetrag) und errichtete in den Skigebieten fast alles, was einen bergaufwärts bringt, vom Tellerlift bis zur weltweit schnellsten Dreiseilbahn, mit der auf Wunsch auch Autos transportiert werden können.

Die Vamed stellt mit der Renovierung und Adaptierung der Spitalsinfrastruktur die medizinische Versorgung für die Spiele sicher. Und die Planungsfirma Masterconcept konnte mit ihrer Erfahrung im Sportanlagenbau einige russische Planungsfehler korrigieren. Fellner: "Die Masterconcept-Leute hätten die Sprungschanze nie dorthin gebaut, wo sie heute steht. Aber sie haben den Russen geholfen, dass sie dort jetzt stehen bleiben kann.“ Wer an die großen Deals kommen wollte, gründete lokale Niederlassungen oder Joint Ventures. Ein wichtiger Schachzug, und sehr hilfreich im Umgang mit der russischen Bürokratie.

Wer zudem lokale Firmen und Arbeiter einbindet, hat gute Karten. Keiner weiß das besser als Ex-Magna-Mann Siegfried Wolf, der für Oleg Deripaskas Basic Element-Gruppe Beteiligungen wie die Baufirmen Transstroy und Russian Machines führt, und die Ambivalenzen der russischen Wirtschaft kennt. Wolf hat seine Projekte jetzt auf der Zielgeraden, Deadline ist die Abnahme durch das olympische Komitee Anfang November.

Anders als Wolf hat das Gros der heimischen Firmen längst abgerüstet. Der steirische Maschinenhof Hainzl hat 2010/11 die Pisten angelegt auf den Bergen rund um Krasnaja Poljana. Außenhandelsdelegierter Fellner: "Die haben keinen Russen auf ihre Maschinen steigen lassen, die wären ihnen glatt runtergefallen.“ Im Gelände kennen sich die Österreicher aus und werden ob ihrer Erfahrung geschätzt: "Technische Meisterleistungen, Verlässlichkeit und absolute Vertragstreue. Das schätzen die Russen an uns.“ Eine Nische wurde auch das Innendesign. Hand ans Holz legten Innenausstatter und Spezialtischler. Grömmer aus Oberösterreich lieferte die Interieur für Präsidentensuiten und Luxus-Chalets in den Bergen und die Salzburger Firma Stainer kreierte Altholzimitate.

Gastfreundschaft, gelernt

Know-how-Transfer fand auch in der Tourismusausbildung statt, es gab Kooperationen mit Tourismusschulen, dem WIFI und der FH Krems. Bei der Gästebetreuung ist Südrussland ziemliches Entwicklungsgebiet. "Die Standards der lokalen Tourismusschulen sind mit den europäischen nicht zu vergleichen“, berichtet Harald Bürkle, der gerade das Personal im Radisson-Hotel in Rosa Khutor ausbildet. "Das schwierigste ist, den Mitarbeitern die devote Grundhaltung abzutrainieren, schließlich dürfen sie einen Gast auch offen-freundlich ansprechen.“ Über Generationen gelernte, hierarchische Befehlsstrukturen lassen sich eben nicht so einfach ausmerzen.

Es gibt noch sehr viel zu tun. Aber, wenn er wieder einmal vorbeikommt, geht gleich alles schneller. "Da passieren dann richtige Wunder“, sagt der Doppelmayr-Mann Meusburger. Da gehen dann plötzlich Dinge in zwei Wochen, die vorher zwei Monate gedauert haben.

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