Brigitte Ederer: "Als Lehrbeispiel einen harten Brexit durchführen"

Brigitte Ederer

Brigitte Ederer beim trend-Gespräch: "Hoffentlich bleibt uns Merkel noch ein paar Jahre."

Sie hat Österreich in die EU geführt. Sie war als Siemens-Personalchefin Herrin über 360.000 Beschäftigte. Jetzt warnt Brigitte Ederer im großen trend-Gespräch, dass Europa industriell und damit wirtschaftlich weit hinter China und die USA zurückfallen werde, sollten die "nationalen Pipifaxstrukturen" nicht rasch überwunden werden.

trend: Frau Ederer, Sie haben in einem Vortrag vor Topmanagern in Italien über die Verschiebung globaler und wirtschaftlicher Machtverhältnisse vor kurzem davor gewarnt, dass die Industrie, das wirtschaftliche Rückgrat Europas, zu verschwinden droht. Warum?
Brigitte Ederer: Weil die EU keine wirkliche Industriepolitik macht. Industriepolitik beschränkt sich weitgehend auf Wettbewerbskontrolle. Deshalb laufen wir Gefahr, in manchen Bereichen den Anschluss zu verlieren, etwa in der Mikroelektronik.

trend: Wie kann man dem begegnen?
Ederer: Die seinerzeitige EADS/Airbus-Gründung war tatsächlich ein Musterbeispiel, wie man grenzüberschreitend ein Leitunternehmen in einer Schlüsselbranche schafft.

trend: Heute wäre so eine Schlüsselbranche etwa die Speichertechnologie für Energie. Die großen Hersteller von Batterien für die Elektroautos befinden sich aber anderswo: in China und Korea.
Ederer: Richtig. Man hätte schon vor fünf Jahren erkennen können, dass der Trend zur E-Mobilität auch große Batterienproduktionen notwendig macht. Und dann hätte man das initiieren und fördern müssen. Wettbewerbspolitik ist dafür der falsche Zugang. So ein Batterienwerk kostet laut Angaben des CEO von Bosch bis zu 20 Milliarden Euro.

trend: Seit Ende 2017 gibt es ja nun immerhin eine von der EU initiierte Batterien-Allianz.
Ederer: Das kommt alles viel zu spät. Der Zug ist abgefahren, im Batteriebereich ebenso wie im Solarbereich. Die Frage ist jetzt nur noch, ob die neue Mobilität ausschließlich elektrisch sein wird oder ob auch die Wasserstofftechnologie oder andere Technologien eine Rolle spielen werden.


Das kommt alles viel zu spät. Der Zug ist abgefahren.

trend: Ist mit der Industrie dann auch die Forschung weg, oder reichen Prototypenproduktionen, um wenigstens die F&E-Zentralen in Europa zu halten?
Ederer: Prototypen sind zu wenig. Der Leiter einer seriellen Produktion muss direkt und schnell beim Forschungsleiter anrufen und sich beschweren können, dass etwas nicht funktioniert. Solche kurzen Entscheidungswege gibt es nur dann, wenn die beiden nicht zu weit voneinander entfernt sind.

trend: Wird sich also im europäischen Patente-Ranking der Abstand zwischen der neuen Nummer eins, dem chinesischen IT-Konzern Huawei, und Siemens weiter vergrößern?
Ederer: Ich hoffe nicht.

trend: Dass ein hoher Industrieanteil Volkswirtschaften stabiler macht, ist eine Erkenntnis der großen Krise ab 2008. Warum ist das Ziel der EU, den Industrieanteil zu steigern, nicht gelungen?
Ederer: Weil man sich zu sehr auf traditionelle Branchen verlassen hat. Natürlich kommt auch im Maschinenbau oder in der Autoindustrie, ja auch in der Chemieindustrie jetzt immer mehr Mikroelektronik und Automatisierung ins Spiel. Aber Infineon wird wohl das einzige namhafte europäische Unternehmen im Bereich der Halbleiterindustrie bleiben. Oder nehmen Sie einen anderen Bereich, die intelligenten Stromzähler, die Smart Meter. Die EU wollte sie in den Haushalten. Aber niemand hat sich Gedanken darüber gemacht, ob wir sie in der EU überhaupt produzieren. Der letzte EU-Kommissar, der strategische Industriepolitik betrieben hat, war Günter Verheugen.

Brigitte Ederer

Brigitte Ederer beim trend-Gespräch mit Redakteuren Bernhard Ecker (li) und Andreas Weber im Wiener Szenelokal "Spelunke".

trend: Insofern müssten Sie die jüngste Initiative von Ministerin Margarete Schramböck - einen informellen Gipfel im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft zu europäischen Industrieperspektiven - ja unterstützen.
Ederer: Ich war in meiner Funktion als Obfrau des Fachverbands der Elektro- und Elektronikindustrie bei ihr. Ich habe den Eindruck, dass sie da in die richtige Richtung denkt. Und in Teilbereichen müsste man in einem zweiten Schritt die Wettbewerbsbehörden zurückdrängen.

trend: Sie meinen, dass das Wettbewerbsrecht, wenn es um strategisch entscheidende Bereiche geht, außer Kraft gesetzt werden soll?
Ederer: Ein Beispiel: Ich gehe davon aus, dass Europa in der Bahnindustrie weltweit vorne mitspielen will. Mitte Juli hat die EU-Kommission Bedenken zum geplanten Zusammenschluss der Bahnsparten von Siemens und Alstom geäußert. Das kann ich aus nationaler Sicht verstehen. Aber wenn ich einen Weltplayer haben will, der mit der chinesischen Nummer eins CRRC mithalten will, muss ich eben Akzente setzen.

trend: Sollte man nicht zuerst definieren, in welchen Bereichen es überhaupt Sinn macht, europäische Champions zu formen?
Ederer: Natürlich. Die Chinesen haben das in ihrem "Made in China 2025"-Plan ja getan. Es bräuchte in Europa ein Gegenstück zu diesem Plan. Europa hat natürlich nicht die Staatsmacht Chinas zur Verfügung. Aber wenigstens nicht zu kleckern, sondern zu klotzen, das wäre in drei oder vier Industriebranchen schon angesagt. Etwa in den Bereichen Nano- und Biotechnologie, Materialwissenschaften oder Robotik.


Die Gesellschaft wird sich durch Digitalisierung radikal verändern.

trend: Das ist ziemlich illusorisch angesichts der überall in Europa aus dem Boden schießenden Nationalismen.
Ederer: Ich sehe einen solchen strategischen Ansatz nirgendwo, da muss ich Ihnen leider recht geben.

trend: Der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat eben künstliche Intelligenz als Gebiet bezeichnet, wo eine europäische Industriepolitik nach dem Vorbild von EADS/Airbus funktionieren könnte.
Ederer: Da sind wir noch im Spiel, aber die USA und wohl auch China sind voran. Aber ich gebe zu, dass ich mich mit diesem Gebiet noch nicht ausführlich beschäftigt habe.

trend: Künstliche Intelligenz, Blockchain etc. - kommt die Gesellschaft da überhaupt noch mit, oder wird es in Zukunft eine kleine, kompetente Elite geben und sehr viele, die nicht mehr mithalten können?
Ederer: Ich bin da nicht so pessimistisch. Ich glaube auch nicht, dass durch die Digitalisierung Massenarbeitslosigkeit entstehen wird. Aber ich bin sicher, dass sich die Gesellschaft radikal verändern wird. Der Buchdruck blieb am Anfang auch einer Elite vorbehalten, bevor er sich in der Breite ausgewirkt hat. Bei der künstlichen Intelligenz werden sicher viele Schwierigkeiten haben. Aber das ist auch eine Frage von guter Ausbildung für breite Teile der Bevölkerung. Kommende Generationen werden mehr daran gewöhnt sein, damit umzugehen.

trend: Wie kann Politik vor diesem Hintergrund überhaupt noch Zukunft gestalten?
Ederer: Wir erleben gerade eine extrem komplexe Welt, in der in Großbritannien seit zwei Jahren über einen harten oder sanften Brexit gestritten wird und an einem Tag ein Handelskrieg droht, am nächsten ein großes Freihandelsabkommen wie zwischen der EU und Japan geschlossen werden kann. Gemeinsam ist diesen Problemen, dass sie nicht mehr innerhalb nationaler Grenzen lösbar sind. Deshalb müssen wir Europa wieder mehr ins Zentrum stellen, mehr als damals, als wir der EU beigetreten sind.


Man sollte als Lehrbeispiel einen harten Brexit durchführen.

trend: Aber dafür bräuchte man eine ähnliche Begeisterung wie damals. Registrieren Sie die irgendwo, wenn Sie sich in Ihrem Umfeld umhören?
Ederer: Was sich seit dem Brexit-Votum immerhin geändert hat, ist, dass nun niemand mehr austreten will. Ich bin überhaupt der Meinung, dass man quasi als Lehrbeispiel einen harten Brexit durchführen sollte. Die Folge wären lange Warteschlangen an den Grenzen. Dann realisieren die Menschen, was es heißt, ohne EU zu sein. Warum sollte man immer alles sanft machen? Ich weiß, dass das eine radikale Position ist, aber vielleicht würde es vielen die Augen öffnen. Wie man andererseits die Bevölkerung für die - geopolitisch sinnvolle - Erweiterung der EU um die Westbalkanländer gewinnen kann, ist allerdings tatsächlich eine schwierige Frage.

trend: Die Europäische Union ist ja politisch in Österreich stark mit Ihrem Namen verbunden. Wird sie mit ihrem jetzigen Entscheidungsgefüge die Probleme lösen können?
Ederer: Nein. Das Einstimmigkeitsprinzip bei bestimmten Themen ist natürlich Wahnsinn. Das Mehrstimmigkeitsprinzip bei allen Entscheidungen ist allerdings schwer umsetzbar. Die EU-Kommission muss dennoch in Richtung einer Regierungsfähigkeit weiter entwickelt werden. Wenn wir die nationalstaatlichen Pipifaxstrukturen nicht überwinden, werden wir als Europa immer hinterherhinken. Wir werden China, einem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern und starken staatlichen Strukturen, sonst nicht auf Augenhöhe begegnen können.

trend: Wäre die EU mit einer stärkeren Kommission und einem schwächeren Rat, in dem sich ja das nationalstaatliche Prinzip abbildet, also resilienter?
Ederer: Sicher zu einem gewissen Teil.

trend: Wer von den nationalen Regierungschefs sagt freiwillig: Ich schwäche mich selbst?
Ederer: Als Jacques Delors Kommissionspräsident war, gab es mit Helmut Kohl und François Mitterrand auch zwei Staatschefs, die der Einsicht waren, dass man nationale Kompetenzen teilweise abgeben muss. Jetzt läuft es - zugegeben - in die andere Richtung.


Es gibt in der Migrationsfrage keine Lösungsansätze, es werden lediglich Stimmungen bedient.

trend: Kann die Migrationsfrage diese notwendige europäische Einigung torpedieren?
Ederer: Die EU-kritischen Kräfte haben dieses Thema jedenfalls genützt. Dass dieses Thema seit drei Jahren die Politik in Europa dominiert, ist unbestritten. Dabei kommt die Beschäftigung mit anderen Zukunftsfragen zu kurz. Und es gibt ja keine Lösungsansätze in der Migrationsfrage, sondern es werden lediglich Stimmungen bedient.

trend: Kommen wir noch zu Diversität, ebenfalls ein Leitthema beim diesjährigen Forum Alpbach. Als Sie in die Regierung kamen, später Wiener Finanzstadträtin wurden und dann auch noch Vorstand bei Siemens in Deutschland, hatten wir fix damit gerechnet, dass nun quasi automatisch immer mehr Frauen in die Chefetagen einziehen werden. Allerdings ...
Ederer: ... gibt es einen Backlash. Sie fragen mich, warum das so ist? In Österreich kann man sicher sagen, dass Burschenschaftler keine Frauen in ihren Netzwerken haben.

trend: Mit Verlaub, die Stagnation hat schon lange davor begonnen. Das hängt doch nicht mit den Burschenschaftlern zusammen. Davor gab es eine SPÖ-ÖVP-Regierung.
Ederer: Es gibt ein Klima, in dem man Frauen die Toppositionen offenbar nicht so zutraut. Das zeigt sich auch in der deutschen Industrie. In den DAX-Konzernen halten sich Frauen ganz schwer. Dazu kommt, dass sich Frauen dieses Einsame und Knallharte nicht antun wollen, das mit Führungspositionen nun einmal verbunden ist. Als Vorstand eines börsennotierten Unternehmens sind Sie immer zwischen den Aktionärswünschen auf der einen Seite und den Wünschen der Beschäftigten auf der anderen Seite eingezwängt. Das führt zu großer Einsamkeit. Vor 20 Jahren hätte ich dieses Faktum übrigens noch bestritten.

trend: Welche Maßnahmen für Vielfalt haben Sie denn selbst als Siemens-Personalchefin gesetzt? Und wie haben sie gewirkt?
Ederer: Wir haben mit Quoten gearbeitet. Wir haben festgestellt, wie viele Frauen es gibt, und dann haben wir für die Gesamtbelegschaft und für die einzelnen Führungskräfteebenen eine gewisse Erhöhung dieser Quoten als Ziele formuliert.


Man sollte als Lehrbeispiel einen harten Brexit durchführen.

trend: Hat es gefruchtet?
Ederer: In einzelnen Bereichen, etwa Recht und Finanzen, haben wir die Ziele übererfüllt. In der Produktion war es schwierig. Ich habe mehrmals Frauen in Führungspositionen vorgeschlagen, aber es gab plötzlich immer Gründe, warum es diese Frau nicht werden kann.

trend: Wäre es nicht auch Zeit, dass es in der SPÖ einmal eine Frau an der Spitze gibt?
Ederer: Es wäre überall die Zeit für Frauen reif. In der SPÖ gibt es derzeit einen Mann, der das gerne und gut macht.

trend: Wenn man sich derzeit die Weltbühne anschaut, mit Trump, Erdogan, Putin, Xi, also starken, oft rabiaten, unberechenbaren Männern -wirken da europäische Begriffe wie Resilienz oder Diversität nicht reichlich überholt?
Ederer: Ein bisschen altvaterisch ist das vielleicht. Was mir noch mehr Sorgen macht, ist, dass Fakten und nachvollziehbare Argumentation eine immer geringere Rolle spielen. Es geht mehr um Befindlichkeiten und Bauchgefühl. Es gibt kaum noch Politiker und Wirtschaftsbosse, die faktenorientiert erklären, warum jetzt diese oder jene Entscheidung getroffen wird. Die Asylanträge in Österreich waren im ersten Halbjahr auf dem niedrigsten Niveau seit 2011. Davon nimmt die Politik keine Notiz, oder sie übersieht das absichtlich.

trend: Das gute alte europäische Modell der Aufklärung ist also im Rückzug?
Ederer: Leider ja. Und es ist erschreckend, wie schnell das geht. Trump sagt an einem Tag das, am nächsten das Gegenteil. Das ist unglaublich. Der US-Präsident ist ja nicht der Verkäufer in einem Würstelstand am Wiener Schwedenplatz.

trend: Keine Lichtgestalt in Sicht?
Ederer: Sie werden es etwas skurril finden, wenn ich das jetzt sage: Aber wenn es einen Politiker gibt, der derzeit mit Ernsthaftigkeit und Fakten punktet, dann ist das Landeshauptmann Peter Kaiser in Kärnten. Er ist das genaue Gegenteil von dem, was Jörg Haider war. Deshalb habe ich Hoffnung, dass die Tradition der Aufklärung in Europa doch noch nicht ganz verschwunden ist. Auf europäischer Ebene setze ich noch immer auf Angela Merkel. Sie ist von Männern umgeben, die wenig mit Fakten zu tun haben, und hat sich dennoch auch jetzt wieder durchgesetzt. Nicht von ungefähr ist sie ausgebildete Wissenschaftlerin. Sie kennt die Fakten, und sie setzt darauf. Sie ist die stabilste Kraft in Europa. Hoffentlich bleibt sie uns noch ein paar Jahre. Und das sage ich als deklarierte Sozialdemokratin.

trend: Frau Ederer, wir danken für das Gespräch.


Zur Person

Brigitte Ederer , 62, war als Personalchefin im Vorstand der Siemens AG in München bis 2013 für mehr als 360.000 Mitarbeiter verantwortlich und damit die ranghöchste österreichische Managerin im Ausland. Davor leitete die ehemalige EU-Staatssekretärin und Wiener Finanzstadträtin Siemens Österreich. Ihr Mandat als Aufsichtsratsvorsitzende der ÖBB legte die Sozialdemokratin mit dem Regierungswechsel zu Beginn 2018 zurück. Ederer ist nach wie vor Aufsichtsrätin bei Infineon, Boehringer Ingelheim, Schoeller-Bleckmann Oilfield sowie der Wien Holding. Privat investiert in Start-ups.


Das Interview mit Brigitte Ederer ist der trend-Ausgabe 32+33+34/2018 vom 10. August 2018 entnommen.

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