Brexit-Votum: Reaktionen aus Österreichs Wirtschaft

Nach der Ablehnung des Brexit-Deals im britischen Parlament stehen zunächst einmal alle im Regen.

Nach der Ablehnung des Brexit-Deals im britischen Parlament stehen zunächst einmal alle im Regen.

Die britische Premierministerin Theresa May ist mit ihrem Brexit-Deal im eigenen Parlament abgeblitzt. Nun ist ist völlig offen, wie es weitergeht. Reaktionen aus der österreichischen Wirtschaft.

Wie geht es nach der Brexit-Abstimmung im britischen Parlament weiter? Kommen Neuwahlen, kommt der harte Brexit oder wird der Austritt Großbritanniens aus der EU am Ende noch ganz abgeblasen?

Die Beantwortung der Fragen lässt noch auf sich warten. Genauso wie die der tatsächlichen Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft. Großbritannien ist für Österreich der neuntwichtigste Exportpartner. Von Jänner bis Oktober 2018 lieferten österreichische Firmen Waren im Wert von rund 3,6 Milliarden Euro auf die Insel, womit die Exporte gegenüber der Vergleichsperiode ein Jahr davor um acht Prozent zugenommen haben. Der wichtigste Exporteur aus Österreich ist Magna Steyr.

Nach dem "Nein" zum von der britischen Premierministerin Theresa May ausgehandelten Deal haben einige heimische Unternehmen, die in Großbritannien beträchtliche Umsätze erwirtschaften, zu den nunmehrigen Erwartungen Stellung genommen.

Voestalpine


"Auf alles vorbereitet sein" ist die Devise beim Stahl- und Technologiekonzern Voestalpine. Das Unternehmen hat bereits im vergangenen Herbst eine zehnköpfige Taskforce eingerichtet, die sich mit den Optionen und den möglichen Folgen auseinandergesetzt hat. Wobei für die Voestalpine allerdings nicht allzu viel auf dem Spiel steht. Die Voestalpine führt in Großbritannien zwar zehn Standorte, darunter vier Produktionsstätten. Von den knapp 13 Milliarden Umsatz, die der Konzern im Geschäftsjahr 2017/18 erwirtschaftete, kamen allerdings nur rund 300 Millionen aus Großbritannien.

Angesichts der Tatsache, dass nur rund zwei Prozent des gesamten Umsatzes von der Insel stammen kann man die Haltung im Unternehmen daher auch ganz britisch mit "abwarten und Tee trinken" beschreiben. "Wir sind bekannt dafür, dass wir diese Dinge gelassen nehmen", kommentiert Konzernsprecher Peter Felsbach.

Wienerberger


Für den Ziegelhersteller Wienerberger hat das Brexit-Votum eine erheblich größere Bedeutung, ist doch Großbritannien der größte Einzelmarkt des Unternehmens. Rund zehn Prozent des Konzernumsatzes werden im UK erwirtschaftet, über 1.200 Mitarbeiter arbeiten auf der Insel für das Unternehmen.

Allerdings erwartet auch Wienerberger CEO Heimo Scheuch keine gröberen Auswirkungen auf das Geschäft des Konzerns - unabhängig von der weiteren Entwicklung. Auch Wienerberger betont, auf alle Fälle vorbereitet zu sein. "Wir haben seit langem Aktionspläne in der Schublade und können diese jederzeit ausrollen und umsetzen", erklärt Scheuch. "Es obliegt aber nun ganz klar der Politik eine klare Linie zu finden und eine zukunftsfähige Entscheidung zu treffen. Wenn es keine gröberen Auswirkungen durch Zölle oder Handelsbeschränkungen gibt und es zu keinen logistischen Engpässen kommt, dann sehe ich kein größeres Problem."

Magna Steyr


Magna Steyr baut im Werk in Graz aktuell zwei Jaguar-Modelle und ist damit eines der am stärksten betroffenen Unternehmen im steirischen Automobilsektor, der im vergangenen Jahr insgesamt Waren im Wert von 647 Millionen Euro nach Großbritannien exportiert hat.

Zu den möglichen Folgen auf das eigene Geschäft will Magna derzeit allerdings keine Stellungnahme abgeben. Man sieht sich als global agierendes Unternehmen, das sich auf Veränderungen und Szenarien entsprechend vorbereite - auch in Absprache mit den Kunden. "Da es bisher keine konkreten Entscheidungen im Falle des Brexit gibt, möchten wir uns auch an diesen Spekulationen nicht beteiligen", hieß es von Magna.

Strabag


Was das Engagement des Baukonzerns Strabag in Großbritannien betrifft hat der frühere Vorstandsvorsitzende der Strabag SE, Hans Peter Haselsteiner, im trend-Interview eine zwiespältige Meinung. Einerseits schätzt er die aktuellen Auswirkungen als "nicht dramatisch" ein, weil Projekte im Zuge der vereinbarten Übergangszeiten abgewickelt würden.

Den zukünftigen Auftritt der Strabag in Großbritannien will er aktuell nicht einschätzen: "Das ist eine zweite Frage: Ob das für uns noch ein Markt ist, wenn er außerhalb der Union ist und andere Regeln gelten? Das lässt sich heute überhaupt noch nicht beurteilen."

Wirtschaftskammer


Christian Kesberg, der Delegierte der Wirtschaftskammer in London, nimmt Theresa Mays Abstimmungsniederlage ebenfalls gelassen auf. Selbst im Falle eines Hard Brexit und der Einführung von Zöllen auf WTO-Niveau fürchtet er keine schwerwiegenden Auswirkungen und auch keine Rezession in Großbritannien, sondern nur eine Abflachung des Wirtschaftswachstums, wenngleich auch eine entsprechend deutliche. "Der Brexit ist ein Verlustgeschäft für die meisten. Es gibt nur wenige Gewinner, die vom billigen Pfund profitieren", so die Einschätzung des Wirtschaftsdelegierten.

Auf Österreichs Wirtschaft sieht Kesberg ebenfalls keine dramatischen Folgen zukommen. Auch wenn es zu einem "Chaos"-Brexit kommen sollte. "Die Warenlieferungen werden teurer und etwas länger dauern", erwartet Kesberg. Die Geschäfte mit Großbritannien würden wohl "weniger lukrativ" werden. Insgesamt sieht er aber "keine dramatischen Auswirkungen für Österreichs Wirtschaft".

Finanzwirtschaft


Nationalbankgouverneur Ewald Nowotny erwartet im Finanzsektor keine größeren Störungen. Die Europäische Zentralbank und die nationalen Zentralbanken hätten sich seit längerem auf alle Varianten eines Brexit vorbereitet. Daher mag es zwar in anderen Bereichen eine Menge Probleme im Zusammenhang mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU geben, aber eben nicht im Finanzsektor.

Bank-Austria-Chefökonom Stefan Bruckbauer sieht nun die Wahrscheinlichkeit für eine Zollunion der Briten mit der EU gestiegen. "Die größere Wahrscheinlichkeit ist, dass wir einen Deal bekommen, der etwas softer ist als die Version von May - im Bereich einer Zollunion mit der EU", sagte er.

Nach der Abstimmungsniederlage hätten die Märkte sehr ruhig reagiert, denn das Ergebnis war erwartet worden. "Jeder hat gewusst, dass sie es nicht schaffen", erklärt Bruckbauer. Auf den Märkten herrsche die Meinung, dass das Ergebnis von gestern eher in Richtung eines weicheren als eines härteren Brexit deuten würde - "und ein softer Brexit ist positiv für die Wirtschaft".

Für London als Finanzzentrum würde aber auch eine Zollunion Einschränkungen bedeuten, denn der Austritt aus dem Binnenmarkt verhindere, Finanzprodukte in Großbritannien registrieren und dann in der ganzen EU verkaufen zu können. Um am Binnenmarkt weiter teilzunehmen müssten die Unternehmen Filialen in der EU gründen. "Das Finanzzentrum London ist sicher nicht beendet, aber gewisse Aktivitäten müssen verlegt werden". Die inzwischen große Rolle Londons im Bereich Consulting und Recht hänge davon ab, ob die dafür notwendigen Experten aus aller Welt weiterhin in London arbeiten dürfen.

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