Brexit-Schock: Bank of England senkt die Zinsen

Brexit-Schock: Bank of England senkt die Zinsen

Die britische Notenbank hat erstmals seit 2009 wieder eine Zinsenkung vorgenommen. Nach dem Votum der Briten für den EU-Austritt rechnet sie mit einem Konjunktureinbruch in Großbritannien. Die geldpolitsche Lockerung soll helfen, dagegen zu steuern.

Die Bank of England (BoE) hat mit der ersten Zinssenkung seit 2009 auf das Brexit-Votum reagiert. Der Leitzins ist, wie von Volkswirten einhellig erwartet wurde, von 0,50 auf 0,25 Prozent gefallen. Während der Finanzkrise im April 2009 hatte die BoE den Leitzins für das britische Pfund auf den bisherigen Rekordtiefstand von 0,50 Prozent gesenkt.

Die Notenbank rechnet für 2016 mit einer konjunkturellen Stagnation und signalisierte, dass sie noch dieses Jahr zu einer weiteren Zinssenkung bereit ist. Bei allen beschlossenen Maßnahmen gebe es Spielraum für eine Ausweitung, sagte Gouverneur Mark Carney. Er machte aber deutlich: "Ich bin kein Fan negativer Zinsen." Carney fügte hinzu, es gebe für ihn kein Szenario, in dem einen solchen Schritt erwägen würde. Vielmehr gebe es andere Möglichkeiten, bei Bedarf für weitere Impulse zu sorgen. Carney appellierte an die Banken, die Zinssenkung an ihre Kunden weiterzureichen. Für die Institute gebe es "keine Ausrede", dies nicht zu tun.

Um die Wirtschaft anzukurbeln, weitet die BoE auch die Geldflut aus: Sie stockte ihr Staatsanleihen-Kaufprogramm um 60 Milliarden auf 435 Milliarden Pfund (514 Milliarden Euro) auf. Damit wurden die Markterwartungen übertroffen. Als zusätzliche Anschubhilfe sollen Unternehmensanleihen im Wert von zehn Milliarden Pfund angekauft werden. Komplettiert werden die Konjunkturspritzen durch ein Programm zur Förderung der Kreditvergabe.

Nach der Zinssenkung warfen die Anleger das Pfund Sterling aus ihren Depots. Die britische Währung brach um 1,3 Prozent auf 1,3158 Dollar ein. An den Aktienmärkten freuten sich die Investoren hingegen über den Geldsegen: Der "Footsie" in London weitete seine Gewinne aus und kletterte um 1,4 Prozent.

Signale für den Abschwung

Carney hatte bereits kurz nach der Entscheidung der Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union eine Reaktion der Geldpolitik signalisiert. Er sprach davon, dass bereits "im Sommer eine geldpolitische Lockerung notwendig werden dürfte". Anfang Juli hielt die Notenbank jedoch noch still und wollte weitere Konjunkturdaten abwarten.

Seitdem wurden eine Reihe von Frühindikatoren zur Unternehmens-und Verbraucherstimmung veröffentlicht, die teilweise regelrecht eingebrochen sind. So signalisiert beispielsweise der Einkaufsmanagerindex für die Industrie im Juli einen merklichen Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität. Im Dienstleistungssektor ist der Indikator so stark gefallen wie zuletzt vor 20 Jahren.


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"Angesichts der jüngst veröffentlichten Stimmungsdaten zur britischen Wirtschaft, die einen starken Konjunktureinbruch nach dem Referendum erwarten lassen, halten wir eine erste Absenkung auf dieser Sitzung für wahrscheinlich", schreibt die Postbank. Viele Volkswirte erwarten zudem eine Ausweitung des "Fund for Lending"-Programms. Mit diesem Programm will die Notenbank die Kreditvergabe an die Unternehmen fördern.

Ungehörter Warner

Neben den geldpolitischen Entscheidungen werden am Donnerstag auch die Prognosen der Notenbank für die Konjunktur- und Inflationsentwicklung bekannt gegeben. Notenbankchef Carney hatte schon vor der Brexit-Entscheidung vor den wirtschaftlichen Folgen eines EU-Austritts gewarnt. Er war dafür heftig von Austrittsbefürwortern angegriffen worden.

Die Senkung des Zinses ist laut Commerzbank auch vorsorglich erfolgt. Schließlich sei noch nicht abzusehen, ob die britische Wirtschaft tatsächlich spürbar unter der Brexit-Entscheidung leiden wird, da bisher nur Stimmungsindikatoren veröffentlicht wurden. Die Zinssenkungen hätten bei der Annäherung an die Nulllinie ohnehin nur eine Signalfunktion. Zudem hätte die BoE bei einer späteren deutlichen Abschwächung der Konjunktur noch weitere Handlungsmöglichkeiten.

Gegen ein aggressives Vorgehen der Bank of England spricht auch der Einbruch des britischen Pfundes infolge der Brexit-Entscheidung. Dadurch wurde der Notenbank ein Teil der Arbeit abgenommen. Der gefallene Kurs verteuert importierte Waren und stützt so die Inflation. Zudem könnte auch die Exportwirtschaft profitieren. Weitergehende Maßnahmen der Notenbank werden daher nicht erwartet. Das Anleihekaufprogramm dürfte nach Einschätzung der meisten Volkswirte zunächst nicht wiederbelebt werden.

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