Brexit-Schikane: Auslandsösterreicher als Menschen zweiter Klasse

Brexit-Schikane: Auslandsösterreicher als Menschen zweiter Klasse

Brexit und der "Permanent Residency Application" Antrag: Das Dokument umfasst 85 Seiten und treibt vielen EU-Bürgern, die in Großbritannien leben, die Schweißperlen auf die Stirn.

Der Brexit befördert 23.000 Auslandsösterreicher in Großbritannien ins rechtliche Niemandsland. Viele suchen vorsorglich um eine Permanent Residency an. Auf sie wartet ein 85-Seiten-Dokument, das sie verzweifeln lässt.

Der Oberösterreicher Sebastian K., 55, hat ohne Übertreibung eine ziemlich beachtliche Karriere in der britischen Finanzwelt hingelegt. Zu Beginn der 90er-Jahre ist er als Creditanstalt-Trader nach London gezogen, hat dann für die Bank Austria eines der ersten Swap-Geschäfte strukturiert und ist danach zum Derivativ-Experten der Citibank avanciert. Er hat in Großbritannien geheiratet, wohnt in einem schicken Eck in Kensington, seine beiden Töchter besuchen britische Schulen und inzwischen ist er als Financial Consulter selbstständig. "Ich habe praktisch mein ganzes Berufsleben hier verbracht", sagt K., der lieber anonym bleiben möchte, "fühle mich fast als Brite und muss nun mühsam alle Dokumente für ein Permanent-Residency- Ansuchen zusammenklauben."

Seit klar wurde, dass es die britische Premierministerin Theresa May ernst mit dem Brexit meint und noch Ende März 2017 den berüchtigten EU-Austrittsartikel 50 aktivieren will, standen rund 2,3 Millionen EU-Bürger, die in Großbritannien leben, vor der gleichen Frage wie Sebastian K.: Sollen sie sich um eine permanente Aufenthaltsbewilligung bemühen oder Gedanken über eine Rückkehr in ihre Heimat machen? Davon betroffen sind auch etwa 23.000 Auslandsösterreicher, von denen etliche in den rund 250 britischen Niederlassungen heimischer Unternehmen beschäftigt sind.

Vor kurzem haben sich gut drei Dutzend von ihnen zu einem Info-Abend bei Jürgen Bischof, dem Präsidenten des "Austrian Club London", versammelt. "Weil völlig unklar ist, welchen rechtlichen Status EU-Bürger nach einem Brexit im United Kingdom haben werden", sagt der aus Baden stammende Compliance-Manager, "wollen die meisten, die bereits fünf Jahre oder länger hier leben, jetzt vorsorglich um eine Permanent Residency ansuchen. Und das ist schon ein Kampf."

85 Seiten Schikane

Sie alle sind mit einem 85 Seiten dicken Fragebogen ("Application for a document certifying permanent residence ") konfrontiert, in dem sie ihr bisheriges Leben in Großbritannien offenlegen und nachweisen müssen - in etlichen Fällen für die vergangenen zehn, 20 Jahre.

Gefordert werden, neben Gebühren von 65 Pfund, detaillierte Belege über Wohnort in einem Land ohne Meldepflicht, über Beschäftigung, Kontobewegungen, Versicherungen oder Vermögensverhältnisse, was oft langwierige Bettelgänge zu den jeweiligen Institutionen nach sich zieht, und sogar über Reisetätigkeit, was viele nur noch durch alte Urlaubsfotos dokumentieren können.


"Menschen zweiter Klasse"

Auslandsösterreicher und ihre leidvollen Erfahrungen mit dem Brexit.

Philipp Ertl

PHILIPP ERTL, 35

DESIGNER, SEIT 2006 IN GROSSBRITANNIEN

Ertl Design ist eine kleine, feine Londoner Adresse für Markenentwicklung, etwa für die Discovery-Gruppe oder Viacom. "Nach elf Jahren muss ich das erste Mal überlegen, wie es weitergeht", seufzt Ertl. "Ich werde wohl um Permanent Residency ansuchen, aber es ist pure Schikane."

Christian Malnig

CHRISTIAN MALNIG, 47

GASTRONOM, SEIT 1996 IN GROSSBRITANNIEN

Wer in London Wiener Kaffeehauskultur schnuppern will, der pilgert seit zwölf Jahren in Malnigs "Kipferl". Seit er wegen des Brexits um seinen Aufenthaltsstatus bangen muss, fühlt er sich "erniedrigt und wie ein Mensch zweiter Klasse". Malnig: "EU- Bürger werden zum Verhandlungsspielball."


"Es ist nicht nur wahnsinnig mühselig, das alles zusammenzusuchen", sagt Karin Buzanich-Sommeregger, Arbeitsjuristin bei Freshfields, "man muss auch belegen können, dass man die erforderliche Zeit in dem Land gelebt hat." Weil das mitunter recht tricky ist, suchen viele rechtliche Beratung von spezialisierten Immigration Lawyers, die einen regelrechten Boom erleben. Kosten pro Konsultation: bis zu 1.500 Pfund.

"Das ist pure Schikane", meint etwa der österreichische Designer Philipp Ertl, den es 2006 ins Vereinigte Königreich gezogen hat. "Nach elf Jahren muss ich das erste Mal überlegen, wie es weitergeht." Der Koch Franz Schinagl, der vor fünf Jahren ein Catering-Unternehmen gegründet hat, befürchtet sogar, dass er bald kaum mehr Fachkräfte findet. "Meine Mitarbeiter stammen jetzt meist aus Spanien oder Portugal, denn Engländer wollen diese Jobs ja gar nicht", sagt er. Es sei aber unklar, ob seine Leute nach einem Brexit weiter in Großbritannien arbeiten dürfen. Und bei Christian Malnig, der seit 20 Jahren in London lebt und vor zwölf Jahren das Kaffeehaus "Kipferl" eröffnet hat, kommt ebenfalls langsam Ärger auf: "Ich fühle mich erniedrigt und erstmals wie ein Mensch zweiter Klasse. Wir EU-Bürger werden von der Politik als Geiseln genommen und als Verhandlungsspielball benutzt."

Brits in Europe

Tatsächlich dürfte Arbeits-und Niederlassungsfreizügigkeit - eine Säule der EU-Verfassung -bei den Brexit-Verhandlungen eine zentrale Rolle spielen. Die gewaltige Arbeitsmigration der vergangenen Jahre nach England vor allem aus Osteuropa - allein in der Themse-Metropole arbeiten etwa 1,8 Millionen Ausländer, davon knapp 620.000 aus der EU, die laut Lobbygruppe "London First" jährlich etwa 46.000 Pfund (rund 53.000 Euro) pro Kopf erwirtschaften - war sicherlich ein Mitgrund für die Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen. Experten vermuten, dass Brüssel nur dann zu Zugeständnissen bereit ist, wenn das Königreich im Gegenzug EU-Bürger nicht wie Angehörige von Drittländern behandelt. Nicht nur Auslandsösterreicher fühlen sich deshalb bereits als "bargaining chip" - Verhandlungseinsatz -missbraucht.

Zwar hat das britische Oberhaus mit 358 zu 256 Stimmen für einen Zusatz zum Brexit-Gesetz, der die Rechte von EU-Migranten berücksichtigen soll, gestimmt und das diesbezügliche Mitspracherecht des Parlaments in einem weiteren Votum bekräftigt. Doch dieser herbe Rückschlag für May wurde von der Tory-Mehrheit im Unterhaus wieder rückgängig gemacht.

Auch den mindestens 1,2 Millionen Briten, die in anderen EU-Ländern leben, wurde mittlerweile klar, dass sie sich im rechtlichen Niemandsland befinden. Deshalb haben bereits mehrere Expats-Gruppen wie "Bremain in Spain" oder "Brits in Europe" in einem "alternative white paper" ihr "right to remain", also ein Bleiberecht gefordert und so die nächste Verhandlungsfront aufgemacht.

"Wie das ausgeht, weiß niemand", so Buzanich-Sommeregger. "Wird keine Einigung erzielt oder kein alternativer Aufenthaltstitel erworben, könnte beiden Gruppen die Ausweisung drohen."

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