Die Brexit-Opfer von Berlin

Die Brexit-Opfer von Berlin

Berlin gilt manchen als Stadt gewordener Inbegriff der europäischen Idee. Reisefreiheit und Völkermisch trugen maßgeblich zum kosmopolitischen Image bei, allein 2015 zogen fast 100.000 Menschen aus dem Ausland kurz- oder langfristig in die deutsche Hauptstadt. Daher schlug der Sieg der Leave-Kampagne am 23. Juni hier besonders tiefe Krater. Zahlreiche Berlinerinnen und Berliner pflegten familiäre, freundschaftliche oder finanzielle Beziehungen zum Vereinigten Königreich - einige davon stehen nun auf der Probe. Drei Portraits von Menschen, die den Brexit nicht nur aus den Zeitungen, sondern ganz persönlich kennen lernten.

Der Auswanderer

Anthony Burke (40) wurde in England geboren und möchte nie wieder dort leben. „Es gibt einfach zu viel zu entdecken da draußen“, erklärt der rundliche Mann und streicht sich über die Glatze. In Berlin arbeitet er als DJ bei Nacht und als Putzkraft am Tag. Reisefreiheit, Arbeitserlaubnis – er genieße die Vorzüge der EU, sagt er grinsend. Umso mehr beunruhigen ihn die Vorgänge in seiner Heimat. Expats wie Anthony, die sich ihr neues Leben nur aufbauen konnten, weil sie einen europäischen Reisepass in der Tasche hatten, „tappen im Dunkeln“, so Anthony. Wird er ein Visum benötigen? Wie lang darf er noch in Deutschland arbeiten? Muss er gar zurück nach England? „Ich werde es nehmen, wie es kommt – doch um zukünftige Generationen mache ich mir Sorgen.“ Kein Erasmus-Programm mehr, keine gemeinsame Forschung. In einer theatralischen Geste lässt er den Arm durch das Café schwenken, ein spanisch-portugiesisches Lokal in Kreuzberg und eine Metapher für sein Bild der EU. Fast jeder seiner Freundinnen und Freunde kommt aus einem anderen Land, sagt er: „Ich ziehe diese Art von Leben vor. Ist nicht für jeden, klar, aber mir gefällt‘s.“ Einen britischen hiesigen Freund verlor er letzte Woche: Der Herr vom Prenzlauer Berg, offensichtlich ebenso ein Nutznießer des Schengener Abkommens, wählte Leave. „Wieso?!“, fragte ein sehr verwirrter Anthony. „To make Britain Great again,“ lautete die Antwort. Anthonys Reaktion war schnell formuliert: „Well fuck off right back then.“

Die Pfund-Verliererin

Marion Schumann (34) glaubte stets an einen starken Pfund. Entsprechend liebevoll hegte sie den Hort an Sterling, der sich in fünf Jahren Arbeit bei einer Sportfoto-Agentur angesammelt hat. Nach London ging sie „aus Faulheit“, denn dort konnte sie schnell und unbürokratisch verdienen. Doch in Sachen Währungsanlage hatte sie die Rechnung ohne 17,4 Millionen frustrierte Briten gemacht. Der Pfund krachte ins Bodenlose, schon sieben Stunden nach der Schließung der Wahllokale war er um 10 Prozent gesunken. Kurz darauf stürzte der Kurs auf sein 31-Jahre-Tief. Diese Entwicklung zeichnete sich schon vor dem Referendum ab: Zahlreiche nervöse Briten tauschten ihre Pfund gegen Dollar ein. „Wenn ich hinfahre, werde ich‘s wohl ausgeben, aber als Geldanalage taugt das nicht mehr“, ärgert sich Marion. Sie wisse nicht mal, ob sie zukünftig überhaupt ein Konto in England halten darf und ob sie weiter unbürokratisch darauf zugreifen kann. Gerade den Abbau von „Red Tape“, wie man personenbezogene Bürokratie in London nennt, feiert Marion als entscheidendes EU-Privileg. Ob ihr Pfund-Schatz demnächst wieder zu altem Glanz aufpoliert wird, muss sich erst zeigen.

Die Ex-Ostblockerin

Anastasia Mikheeva (27) erinnert sich an eine Zeit ohne EU. Geboren im Russland in den letzten Jahren der UdSSR, kam sie im Alter von sechs Jahren nach England. Damals bekam ihr Vater einen Master-Studienplatz für Photographie in London. „Und dann wollte er bleiben – Russland war nicht der beste Ort, um Photograph zu sein,“ erklärt Anastasia. Ihre Familie erhielt eine Aufenthaltsberechtigung, doch die englische Staatsbürgerschaft bekam sie erst mit 16 Jahren. Bis dahin fühlte sie sich schmerzlich benachteiligt. Bei Schulreisen musste Anastasia oft daheim bleiben, weil man sie nicht über die Grenze gelassen hätte. Für ein Wochenende in Paris standen die Mikheevas mehrmals stundenlang in der Schlange der Botschaft – nur um schlussendlich doch kein Visum zu bekommen. Und dann, „über Nacht“, durfte sie das Land verlassen. Kaum bekam sie einen europäischen Pass, packte sie die Koffer und reiste nach Berlin, einfach weil sie es konnte. Aus einer Laune heraus blieb sie dann gleich in der Stadt an der Spree, jobbte als Kellnerin, engagierte sich in der Obdachlosenhilfe, lernte perfektes Deutsch und beschloss, soziale Arbeit zu studieren. Seit nunmehr 5 Jahren lebt sie hier. Die deutsche Staatsbürgerschaft ist ihr nächstes Ziel: „Damit ich mein Leben, mein Studium, meine Arbeit fortsetzen kann“. Denn genau wie Anthony hat sie keine Ahnung, wie die Verhandlungen zwischen EU und England ausgehen werden. Lieber auf Nummer Sicher gehen. Anastasia hat nicht vor, den lang ersehnten Status als EU-Bürgerin kampflos aufzugeben.

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