Brexit: Nach dem Votum - die große Insel-Flucht

Zahlreiche britische Firmen planen laut einer Umfrage des britischen Netzwerks für Firmenchefs Institute of Directors ihr Geschäft von England nach Kontinentaleuropa zu verlagern. Wie viele Jobs in Großbritannien bedroht sein könnten und welche Rest-EU-Staaten profitieren könnten.

Viele Firmen wollen Großbritannien und im speziellen London nach einem Brexit verlassen.

Viele Firmen wollen Großbritannien und vor allem London rasch verlassen.

Weitere beunruhigende Nachrichten aus dem Vereinten Königreich: Laut einer aktuellen Umfrage des Firmenchefnetzwerks Institute of Directors (IoD) unter 1.092 britischen Firmenchefs denken fast zwei Drittel (64 Prozent), dass die Auswirkungen eines Brexit für ihr Unternehmen negativ sein wird. Immerhin 23 Prozent gehen von einer positiven Entwicklung durch den Austritt aus. Nur neun Prozent glauben, dass es keinen Unterschied macht. Denn die Verhandlungen über den Ausstieg werden mindestens zwei Jahre dauern, weitere fünf Jahren dürften Verhandlungen dauern bis ein neues Freihandelsabkommen steht. Für viele Firmen eine zu lange Zeit in der Unklarheit über die Rahmenbedingungen herrschen. Sie werden deshalb rasch Konsequenzen ziehen müssen.

Easyjet senkt Prognose, Virgin sagt Deal ab

Schon jetzt in Mitleidenschaft sehen sich in Fluglinien. So kürzte die britische Easyjet, die zweitgrößte europäische Billig-Airline, die Prognose für das laufende Quartal. Sie erwarten, dass sich wegen der Unsicherheiten durch den Brexit im Sommer weniger Menschen für eine Flugreise entscheiden. Die Virgin-Airline von Milliardär Richard Branson hat nach dem Brexit-Entschluss bereits einen "sehr großen" Deal abgesagt, der etwa 3.000 Arbeitsplätze geschaffen hätte. Sein Unternehmen habe seit der überraschenden Brexit-Entscheidung etwa ein Drittel an Wert eingebüßt. Tausende und abertausende Stellen würden dadurch verloren gehen. Brason in einem TV-Interview: "Wir steuern auf ein Desaster zu. Ich glaube nicht, dass die Bürger schon begriffen haben, was für einen Schlamassel ihr Votum auslösen wird".
Zugleich taten sich manche Firmen schwer mit einem Bekenntnis zum Standort Großbritannien. Vodafone teilte etwa am Tag nach dem Referendum mit, es sei noch zu früh, um zu sagen, wo der britische Telekommunikationskonzern künftig beheimatet sein werde.

Deutlicher Abschwung für britischen Automarkt erwartet

Besonders von einem EU-Austritt betroffen ist etwa die Automobilindustrie. Rund jedes zweite exportierte Auto aus Großbritannien geht an Abnehmer in der EU. Analysten haben die Folgen des Brexit für die Autobranche im kommenden Jahr bereits kalkuliert. So erwarten die Experten der Deutschen Bank einen Rückgang des britischen Automarktes - der zweitgrößte in Europa - um zehn Prozent, da die Preise mit dem schwächeren Pfund steigen.

Autoindustrie außerhalb Britanniens stark betroffen

Das könne beim Marktführer Volkswagen und bei BMW den operativen Gewinn um acht Prozent drücken, bei Daimler wären es fünf Prozent. Das Analysehaus Evercore ISI erwartet in Großbritannien einen Rückgang der Autoverkäufe um 14 Prozent. Das bedeute für Volkswagen rund zwei Milliarden Euro oder gut 14 Prozent weniger Vorsteuergewinn, bei BMW zehn Prozent und bei Daimler sechs Prozent. Die deutsche Autoindustrie hat rund 100 Produktionsstandorte in Großbritannien. Der Münchner Autobauer betreibt an seinem viertgrößten Markt von allen drei Konzernmarken - BMW, Mini und Rolls-Royce - Werke. BMW erklärte, die Folgen des EU-Austritts seien noch nicht absehbar. "Klar ist, dass nun eine Phase der Unsicherheit beginnt", ergänzte das Unternehmen. Auch die Opel-Schwester-Marke Vauxhall stammt aus Großbritannien. Die General-Motors -Tochter erklärte, es sei wichtig, dass das Land im Europäischen Wirtschaftsraum bleibe. In diesem haben sich die Nicht-EU-Staaten Norwegen, Island und Liechtenstein dem EU-Binnenmarkt angeschlossen. Für den Autozulieferer Bosch ist Großbritannien nach Deutschland der zweitgrößte europäische Markt mit 3,7 Milliarden Euro Umsatz 2015, sieben eigenen Produktionsstandorten und 5300 Mitarbeitern. "Wir haben derzeit keine Pläne, unsere Investitionen in Großbritannien zurückzufahren", erklärt Volkmar Denner, Chef von Bosch, der der weltweit größte Autozulieferer.

Zum Lager der Optimisten zählt Rolls-Royce. Der Triebwerksbauer sieht seine selbst gesteckten Ziele in diesem Jahr durch den geplanten EU-Austritt Großbritanniens nicht gefährdet.

Weniger neue Jobs?

Die Jobmaschine Großbritannien könnte ebenfalls in Stottern geraten. Laut der IoD-Umfrage unter Firmenchefs wollen 24 Prozent der Befragten Neueinstellungen vorerst auf Eis legen, 32 Prozent planen Einstellungen im selben Ausmaß, wie auch vor dem Referendum. Nur für fünf Prozent der Firmenbosse hat der Brexit auf die geplanten Personalmaßnahmen keinen Einfluss.
22 Prozent der über 1.000 befragten Firmenlenker überlegen Teile ihres Unternehmens außerhalb Großbritanniens zu verlagern. Nur ein Prozent will Tochtergesellschaften nun zurück bringen.

Finanzplatz London geschwächt

Schätzungen zufolge könnten alleine in den Banken 100.000 Jobs durch Abwanderung wegfallen. "Der Finanzplatz London wird nicht sterben, aber er wird schwächer werden", sagte etwa der Deutsche Bank Chef John Cryan gegenüber dem "Handelsblatt". Nach dem Brexit könnte die Bank unter anderem den Devisenhandel nach Frankfurt verlagern. Das Umfeld für Banken könnte daher noch für längere Zeit schwierig bleiben - auch wegen der niedrigen Zinsen, der strengeren Regulierung und von Überkapazitäten.

Zinssenkung erwartet

Die Finanzmärkte gehen davon aus, dass die Bank of England den Leitzins um 25 Basispunkte senken und nicht vor 2019 wieder erhöhen werde, heißt es in der Studie der Deutschen Bank. Das drückt die Margen der Banken. Zudem drohten mehr Kreditausfälle. "Es scheint, dass die Unsicherheit zumindest zu einer Abkühlung der Konjunktur führen wird." Nach dem Brexit dürfte die Notenbank den Londoner Häusern auch nicht erlauben, ihre Ausschüttungen wie von Börsianern erhofft zu erhöhen.

Sammelplatz für High Potentials könnte verloren gehen

Bisher war England und da vor allem London ein nahezu unerschöpflicher Recruiting-Pool für Unternehmen, die nach Kreativen und andere High Potentials Ausschau gehalten haben. Doch wenn Unternehmen und damit Arbeitskräfte abwandern, könnte dieses große Reservoir verloren gehen. So sollen laut einer Umfrage alleine rund ein Viertel der knapp 850.000 in Großbritannien lebenden Polen, wieder in ihr Heimatland zurückgehen wollen.

Frankfurt und Paris wollen sich britische Fachkräfte angeln

Von diesem Brain Drain, dem Anwandern von Fachkräften aus London, könnten Frankfurt, Paris und Mailand profitieren. Frankfurter etwa hofft auf 10.000 neue Jobs. Viele US-Banken wie JP Morgan, Citi und Goldman Sachs haben schon europäische Büros außerhalb des Königreichs. Diese könnten diese Depandancen rasch erweitern.

Sinkende Zinsen und eine schwächere Konjunktur treffen auch den Kontinent. JPMorgan senkte seine Prognosen für die Gewinne europäischer Geldhäuser 2018 im Schnitt um 13 Prozent. "Die Folgen des Brexit werden 2017/18 und darüber hinaus stärker zu spüren sein", heißt es in einer Deutsche-Bank-Studie.

Sinkende Investitionen befürchtet

36 Prozent der von IoD befragten britischen Firmenchefs erwarten dass durch den Austritt die Investitionen gekürzt werden. 44 Prozent gehen jedoch davon aus, dass sich an ihren Investitionsplänen nichts ändern wird. “Viele unserer IoD-Mitglieder haben Angst”, resümiert Simon Walker, Chef des Instituts für Direktoren (IoD).

Investoren rechnen mit Auseinanderbrechen der Eurozone

Noch schwärzer als Firmenchefs sehen Investoren die aktuelle und künftige Lage, diesmal allerdings was Gesamteuropa betrifft. So rechnen nach dem Brexit-Entscheid deutlich mehr Investoren mit einem Auseinanderbrechen der Eurozone. 27,2 Prozent der befragten 1.305 Investoren halten es binnen zwölf Monaten für möglich, dass zumindest ein Euro-Land die Währungsunion verlässt, erklärte das Beratungsunternehmen Sentix am Dienstag zu seiner monatlichen Erhebung. Im Mai dachten dies nur 12,3 Prozent. Die Umfrage startete am 23. Juni, dem Tag des britischen Referendums, und endete am 25. Juni. Als Austrittskandidat Nummer eins gilt nach wie vor Griechenland. An zweiter Stelle folgen die Niederlande.

Euro-Fundament erschüttert

"Das unerwartete Votum der britischen Bürger, die Europäische Union verlassen zu wollen, dürfte auch das Fundament des Euro erneut schwer erschüttern", sagte Sentix-Geschäftsführer Manfred Hübner.

Die langwierigen Verhandlungen über einen EU-Austritt Großbritanniens dürften Europas Wirtschaft nach Einschätzung von UBS-Chef Sergio Ermotti bremsen. "Der Entscheid Großbritanniens die EU zu verlassen, hat starke Turbulenzen ausgelöst. Alle sind davon betroffen", sagte Ermotti am Dienstag auf einer Veranstaltung. "Wir stehen jetzt am Anfang eines mehrjährigen Prozesses und es ist zu früh, darüber zu spekulieren, wie das Endresultat aussehen wird", sagte er.

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