Brexit-Effekt: Größere Bremsspuren als erwartet

Brexit-Effekt: Größere Bremsspuren als erwartet

Die Exportaufträge sind in Österreich im Sommer merklich zurückgegangen. In anderen Euroländern leidet die Industrie sogar noch stärker als hierzulande. Dafür dürfte das Brexit-Votum verantwortlich sein.

Die Stimmung in der Wirtschaft der Eurozone hat sich im August stärker als erwartet eingetrübt. Das Barometer fiel um 1,0 auf 103,5 Punkte, wie die EU-Kommission am Dienstag mitteilte. Das ist der niedrigste Wert seit März. Ökonomen waren nur von einem Rückgang auf 104,1 Zähler ausgegangen.

Besonders in der Industrie zeigten sich die Manager pessimistischer, sanken doch die Aufträge so kräftig wie seit Februar 2009 nicht mehr. Dies gilt als Hinweis darauf, dass das Brexit-Votum der Briten nun doch größere Spuren in der Wirtschaft hinterlässt.

Auch heimische Industrie betroffen

Die heimische Industriekonjunktur hat im Juli und August zum zweiten Mal in Folge seit dem Brexit-Entscheidung an Schwung verloren. So ist der Bank Austria Einkaufsmanagerindex nach einem Hoch im Juni von 54,5 auf 53,4 Prozent im Juli zurückgegangenen, im August auf 52,1.

„Die Entwicklung ist auf schwächere Exportaufträge zurückzuführen, was einen Zusammenhang vermuten lässt“, so Bank Austria Chefökonom Stefan Bruckbauer. Zwar sind die Aufträge im August noch einmal stiegen, allerdings deutlich weniger als noch in den letzten beiden Monaten. Und bei den Exportaufträgen gab es erstmals seit Mai einen leichten Rückgang. „Trotzdem signalisiert der Einkaufsmanagerindex auch im August Wachstum hin“, so der Ökonom. So steigen sowohl die Inlandsaufträge als auch die Produktivität und Einkaufsmengen weiter. Der Auftragspolster ist bestehen geblieben und es werden ähnlich wie in den letzten zwei Monaten mehr Arbeitskräfte eingestellt, so das Ergebnis der Bank Austria.

Bank Austria Einkaufsmanagerindex August 2016

Bank Austria Einkaufsmanagerindex August 2016

Die heimische Industrie hat im August wieder mehr Neu- und Folgeaufträge als im Vormonat verbucht. Doch das Wachstumstempo lässt nach. Bruckbauer: „Weshalb die Betriebe im August auch das Tempo der Produktionsausweitung erkennbar zurückgefahren haben.“ Während die Auslandsnachfrage im Juli lediglich stagnierte, ging sie im August deutlich zurück und der Indikator erreichte den geringsten Wert seit knapp zwei Jahren“, so Bank Austria Ökonom Walter Pudschedl. Der Auftragspolster ist dennoch gleich geblieben, da sich geringere Wachstum der Auftragseingänge und der Produktion war ähnlich, so dass sich die Auftragspolster im August nicht änderten.

Industriewachstum in guter Verfassung

Ungeachtet der Verlangsamung der Industriekonjunktur im Juli und August stieg aufgrund der über ein Jahr andauernden Expansion der Produktion die Beschäftigung auch im August gleich stark wie in den letzten beiden Monaten. „Seit einem Jahr kommt es bei der österreichischen Sachgüterindustrie zu einem Jobaufbau, der bisher der leichten Abschwächung der gesamten Industriekonjunktur trotzt“, so Pudschedl.

Die Wirtschaft in Österreich ist denn auch in keiner schlechten Verfassung. Liegt der Einkaufsmanagerindex über einem Wert von 50 signalisiert das Wachstum. Zum Vergleich: In Österreich beträgt der Einkaufsmangerindex der Industrie im August 51,1, in den USA laut jüngsten Zahlen 52,6. Der jüngste Tiefpunkt in den USA im Dezember 2015: 48.

Lager füllen sich

Die schwächere Industriekonjunktur spiegelt sich im August auch in den Preisen wider. „Sowohl beim Ein- und Verkauf stagnierten im August die Preise“, so Pudschedl. Die Entwicklung der Lagerbestände spiegelt die abgeschwächte Konjunktursituation wider: Einerseits stiegen die Vormateriallager erstmals seit über einem Jahr wieder leicht an, andererseits gingen die Fertigwarenlager – offensichtlich als Effekt der etwas geringer als erwartet ausgefallenen Produktion – deutlich weniger stark zurück wie in den letzten eineinhalb Jahren.

Deutscher Geschäftsklimaindex geht deutlich zurück

Anders als bei den ersten Erhebungen der Konjunkturstimmung im Juli zeigen im August nun einige wichtige Indikatoren erstmals seit dem Referendum im Vereinigten Königreich eine leichte Abschwächung. So ging der deutsche ifo-Index im August erkennbar zurück, auch der französische INSEE Stimmungsindikator für die Industrie fiel zuletzt. Diesem Trend folgt nun auch der Bank Austria Einkaufsmanagerindex, ausgelöst durch eine schwächere Exportauftragsentwicklung. „Der Rückgang einiger Stimmungsindikatoren lässt die Vermutung nahe, dass der Brexit-Effekt nun auch in der Eurozone und in Österreich angekommen ist. Allerdings dürften sich auch andere Faktoren, wie etwa die Zunahme von Terroranschlägen oder die Krise in der Türkei negativ auf die Stimmung geschlagen haben“, meint Bruckbauer und ergänzt: „Erwartungsgemäß hat die Brexit-Entscheidung negative Effekte auf die Konjunktur im Euroraum und in Österreich und erwartungsgemäß braucht es etwas Zeit, bis sie spürbar werden. Trotzdem blieb ein Brexit-Schock im Euroraum und in Österreich bisher, ebenfalls wie erwartet, aus.“

Großbritannien: Weitere Verlangsamung der Konjunktur zeichnet sich ab

Dies gilt jedoch nicht für das Vereinigte Königreich, wo der Einkaufsmanagerindex bereits im Juli 5 Punkte auf 47,5 einbrach. Die Industriedynamik in Österreich hat jedoch, so wie von den Ökonomen der Bank Austria erwartet, ihren Höhepunkt zur Jahresmitte erreicht, da sich die aktuell im Bank Austria Einkaufsmanagerindex abzeichnende Verlangsamung der Industriekonjunktur in den kommenden Monaten fortsetzen sollte. Mit rund zwei Prozent im Gesamtjahr 2016 wird die Industrie jedoch zumindest das Wachstumstempo des Vorjahres erreichen. 2017 wird aufgrund der dann stärker spürbaren Folgen des Brexit das Industriewachstum in Österreich die 2-Prozent-Marke voraussichtlich nicht erreichen.

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