Brexit: Alles halb so schlimm für die EU?

Brexit: Alles halb so schlimm für die EU?

Die DZ Bank hat eine Studie über die möglichen Auswirkungen eines Brexit erstellt. Wie hart die EU kurz und mittelfristig davon betroffen wäre und wo die Folgen am stärksten spürbar wären.

Die Studie der DZ Bank legt zwei Schlüsse nahe:
1. Großbritannien wäre von einem Brexit aus ökonomischer Sicht selbst am stärksten betroffen
2. Die Auswirkungen für Rest-Europa wären vor allem kurzfristig heftig

Auswirkungen für deutsche und wohl auch für österreichische Unternehmen gering

Die direkten Handelsbeziehungen zwischen England und Deutschland sind marginal. Die DZ Bank schätzt, dass die DAX-Unternehmen direkt weniger als fünf Prozent der Umsätze in Großbritannien erzielen. Daher erscheint den Studienautoren eine nennenswerte Reduktion des fairen Wertes des DAX im Falle des Brexits nicht notwendig. Das bedeutet: An der aktuellen Bewertung der Unternehmen an der Börsen sollte sich nichts ändern. „Dies ginge rechnerisch nur, wenn die gesamte Nachfrage aus Großbritannien ersatzlos wegfallen würde, was sehr unrealistisch erscheint“, erklärt DZ-Studienleiter Stefan Bielmaier. Die direkten Folgen scheinen also verkraftbar. Wenn es auch einige Unternehmen, wie im DAX, gibt, für die der britische Markt wichtig ist.

EU hat großes Interesse wirtschaftlichen Folgen eines Brexit gering zu halten

Die Folgen eines Brexit dürften jedoch auch auf Basis neuer bilateraler Verträge abgemildert werden. Denn die EU dürfte ein Interesse daran haben, durch Verhandlungen mit Großbritannien die wirtschaftlichen Folgen eines Brexits gering zu halten. Andererseits würde der Brexit so seine abschreckende Wirkung verlieren und Kritikern der Währungsgemeinschaft weiteren Rückenwind verleihen.

Börsen dürften nur kurzfristig einbrechen

Die Märkte dürften zunächst mit Verunsicherung auf das Votum eines Brexits reagieren. Der Aktienmarkt in der EU dürfte im Falle eines Brexits kurzfristig unter Druck geraten, schon alleine weil beim Eintritt eines negativen Ereignis am Aktienmarkt üblicherweise ein Überschießen der Kurse nach unten zu beobachten ist. Das liegt daran, dass zunächst oft unklar ist, was das Ereignis langfristig für fundamentale Auswirkungen hat und viele Investoren daher zunächst aus dem Risiko gehen und Aktien verkaufen. Ein deutlicher Rücksetzer des DAX innerhalb kurzer Zeit wäre im Falle eines Brexits durchaus möglich, wenngleich das aus Sicht der DZ Bank eine übertriebene und vom Sentiment getriebene Reaktion wäre. Umschichtungen in sichere Anleihen, wie deutsche Staatsanleihen, wären zu erwarten.

Reformstillstand in der EU befürchtet – mit aber auch oder ohne Brexit

Fiskalische Austerität und Strukturreformen drohen nach Einschätzung der DZ Bank zugunsten einer expansiven Ausgabenpolitik ins Hintertreffen zu geraten. Doch der Reformstillstand in der EU könnte auch ohne einen Brexit anhalten. Dieser Mangel an Reformen könnte auch längerfristige Auswirkungen auf die Börsen nach sich ziehen. Das würde voraussichtlich auch EWU-Staatsanleihen unter Druck bringen. Die Märkte für EWU-Staatsanleihen dürften zunächst mit hoher Verunsicherung auf einen Brexit reagieren.

Auseinanderdriften der EU dürfte sich verstärken

Die vor allem von Südeuropa zunehmend kritisch hinterfragten Konvergenzkriterien, die strenge Schulden- und Haushaltsvorgaben vorsehen, könnten an Bedeutung verlieren. Das Kräfteverhältnis zwischen wirtschaftlich liberalen und protektionistisch gelagerten Stimmen innerhalb der EU würde sich mit Austritt des Vereinigten Königreichs verändern.

Gröbere negative ökonomische Auswirkungen erwarten die Experten der DZ Bank jedoch für Großbritannien selbst.

- Britischer Handel mit der EU könnte stark sinken
Rund die Hälfte (48 Prozent) des Außenhandels wickelt die britische Wirtschaft mit den anderen EU-Ländern ab. Die britische Industrie ist stark in die europäischen Fertigungsketten eingebunden. Dazu zählen auch ausländi-sche Unternehmen, die Großbritannien als Standort innerhalb der EU ausgewählt haben, um den Zugang zum europäischen Binnenmarkt zu nutzen.

- Hoher Anteil an Direktinvestitionen könnte stark sinken
In der EU ist Großbritannien ein Magnet für Direktinvestitionen: 2012 betrug der Bestand ausländischer Investitionen nach Angaben von Eurostat 1,15 Billionen Euro oder 59 Prozent der britischen Wirtschaftsleistung. Mit einem Anteil von knapp 11 Prozent an allen Direktinvestitionen in der EU war Großbritannien damit Spitzenreiter unter den EU-Mitgliedsländern. Vor allem ausländische Investoren aus Nicht-EU-Ländern be-vorzugen die britische Wirtschaft innerhalb der EU. Hier lag der Anteil 2012 mit 5,5 Prozent weit vor allen anderen EU-Ländern. Eine herausragende Rolle spielt dabei der britische Finanzsektor, der in den letzten Jahren fast die Hälfte aller Direktinvestitionen angezogen hat.

- Vertrauen der Investoren dürfte sinken
Großbritannien weist seit Jahren ein hohes und weiter steigendes Leistungsbilanzdefizit auf. Ende letzten Jahres ist der Leistungsbilanzsaldo auf ein Rekord-tief gefallen. Damit ist das Land stark abhängig von ausländischem Kapital und dem Vertrauen ausländischer Investoren. Dieses würde durch einen Brexit stark gefährdet.

Britische Banken am stärksten betroffene Branche
Diese wären nach einem Brexit bei grenzüberschreitenden Geschäften mit rechtlichen und finanziellen Hürden konfrontiert. Derzeit profitieren Banken und Investmentgesellschaften in der EU von dem sogenannten „EU Passport“. Dieser erlaubt es ihnen, ohne Weiteres Filialen in anderen EU-Staaten zu unterhalten und grenzüberschreitend Bankdienstleistungen anzubieten. Eine Genehmigung der nationalen Aufsicht ist nicht nötig. Das würde sich bei einem Brexit ändern. Dann müssten Bankdienstleistungen über rechtlich selbständige Tochterbanken mit Sitz in einem EU-Staat verfügen. Bisheriges Geschäft müsste gemeinsam mit Personal und Infrastruktur aus Großbritannien in die EU verlagert werden.

Preise für britische Immobilien dürften einbrechen
Laut DZ Bank steht zu befürchten, dass im Vereinten Königreich die Preise von Gewerbe- und Wohnimmobilien, die in den letzten Jahren stark gestiegen sind, einbrechen könnten. Dies würde sich auch die Nachfrage nach Hypothekenkrediten deutlich drosseln.

Steigende Arbeitslosigkeit, sinkende Unternehmensgewinne
Die Experten befürchten zudem in Großbritannien steigenden Arbeitslosigkeit und sinkende Unternehmensgewinne. Das wiederum wird die Zahl der Kreditausfälle steigen lassen. Besonders betroffen dürften hier Banken sein, die sich auf Privatkunden sowie den Mittelstand in Großbritannien konzentrieren. Dies würde insbesondere für Lloyds Banking, Marktführer im britischen Retailgeschäft, die britische Bausparkasse Na-tionwide, aber auch RBS, führende Bank bei Krediten an den Mittelstand und Firmenkunden in Großbritannien, gelten. Und auch Barclays dürfte im Zuge der verstärkten Fokussierung auf den britischen Heimatmarkt leiden.

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