Cambridge-Investor Hermann Hauser: "Boris Johnson hat keine Prinzipien"

Cambridge-Investor Hermann Hauser: "Boris Johnson hat keine Prinzipien"

Der aus Tirol stammende Physiker und Cambridge-Investor Hermann Hauser hat die Hoffnung auf einen Verbleib der Briten bei der EU noch nicht aufgegeben.

Der Venture-Capital-Profi und Cambridge-Investor Hermann Hauser über die Zeit nach dem Brexit.

trend: Vom Brexit, der "den Tod der britischen Universität befeuere", schrieb das US-Magazin "Foreign Policy" kürzlich. Ist es wirklich so schlimm?
Hermann Hauser: Das größte Problem ist die Unsicherheit, wie der Brexit im Detail aussehen wird. Cambridge tut sich schon jetzt schwer, noch Leute aus der EU zu bekommen. Und Länder wie Deutschland haben Initiativen gestartet, Professoren nach Zentraleuropa zurückzuholen und auch britische Professoren zu engagieren.

Werden private Sponsoren und die Regierung das kompensieren, was jetzt an EU-Mitteln entfällt?
Hauser: Für die Engländer war die Teilnahme am EU-Programm Horizon 2020 sehr profitabel: Sie haben fünf Milliarden Pfund eingezahlt und acht Milliarden Pfund herausbekommen. Die Regierung sagt jetzt zwar, wir kriegen das schon hin. Aber keiner sagt, wie. Gemeinsame Projekte mit Europa werden jedenfalls schwerer durchzuführen sein.

Wie viel haben Sie selbst in Cambridge investiert?
Hauser: Über die Jahre hinweg werden es mehrere hundert Millionen Pfund gewesen sein. Jetzt widme ich mich mehr Projekten in Kontinentaleuropa.

Werden die Unis in Kontinentaleuropa gegenüber Cambridge, Oxford &Co. nun aufholen können?
Hauser: Das Gefälle wird geringer werden. Das betrifft auch Venture Capital, das in ganz Europa derzeit erfreulich wächst.

Vielleicht können die Briten ja durch eine stärkere Achse mit den USA und Asien den Wegfall der EU-Ressourcen kompensieren - in der Wirtschaft und in der Wissenschaft.
Hauser: Das wird nur minimal gelingen. Das Idiotische am Brexit ist ja, dass es nur eine Einheit gibt, die gegen die USA und China bestehen kann: Europa. England ist jedenfalls zu klein, um da dagegenzuhalten. Und angesichts der Tatsache, dass 16 Prozent der englischen Exporte in die USA, aber über 40 Prozent in die EU gehen, kann da nicht schnell verlagert werden.

Sie sind nicht gut auf Boris Johnson zu sprechen. Jetzt dürfte er nächster Premierminister werden.
Hauser: Es sieht derzeit so aus, ja. Johnson hat keine Prinzipien, er hat nur ein Ziel: sich selbst ins richtige Licht zu setzen. Dabei weiß er, wie wichtig die Zusammenarbeit mit Europa ist. Die Situation ist wirklich verfahren.

Rechnen Sie mit einem Hard Brexit am 31. Oktober?
Hauser: Nein, nicht einmal unter Johnson. Aber ich traue mir keine Prognosen mehr abzugeben. Es könnte durchaus sein, dass die Frist noch einmal verlängert wird.

Ein Verbleib der Briten bei der Union ist ausgeschlossen?
Hauser: Ich habe meine Hoffnung noch nicht aufgegeben. Laut letzten Umfragen sind 54 Prozent für "Remain". In der Royal Society, wo ich Fellow bin, sind es 90 Prozent. Unter Boris Johnson ist dieses Szenario allerdings kaum wahrscheinlich.


Zur Person

Hermann Hauser studierte Physik in Wien und Cambridge. Bekannt wurde der Tiroler erstmals als Co-Gründer des Unternehmens Acorn, das in Großbritannien frühe Personalcomputer und vor allem den ARM-Prozessor entwickelte, der bis heute milliardenfach in Mobiltelefonen zum Einsatz kommt. Mit 100 Pfund gegründet, war das Unternehmen an der Börse fünf Jahre später rund 200 Millionen Pfund wert. 1985 wurde Acorn von Olivetti übernommen, wo Hauser das Olivetti Research Laboratory gründete. 1988 verließ Hauser Olivetti und gründete ein Start-up, das die ersten Tablet-Computer entwickelte und später bei AT&T landete.

Nach einer Vielzahl weiterer Gründungen hob Hauser im Jahr 1997 gemeinsam mit Anne Glover und Peter Wynn die Venture-Capital-Gesellschaft Amadeus Capital Partners aus der Taufe, die sehr erfolgreich in europäische Hightech-Unternehmen investiert. Unter der Federführung Hausers gelang es Cambridge, sich zu einem Cluster mit über 25.000 innovativen Unternehmen zu entwickeln, genannt Silicon Fen .

Seit drei Jahren investiert Hauser über sein Institute for Entrepreneurship Cambridge – Tirol auch in österreichische Start-ups und Technologieunternehmen, unter anderem in Zoomsquare, Usound, Mikme sowie VisoCon, und arbeitet eng mit der heimischen Business-Angel-Szene zusammen.

Hermann Hauser ist Mitglied des Österreichischen Rats für Forschung und Technologieentwicklung. Als Als Vorsitzender der High Level Group of Innovators berät er zudem die EU-Kommission in Technologiefragen.


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Das Interview ist der trend-Ausgabe 25/2019 vom 19. Juni 2019 entnommen.


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