Blockchain - Die Tech-Revolution

Blockchain - Die Tech-Revolution

Sie hat das Zeug, das Wirtschaftsleben in seinen Grundfesten zu erschüttern: Was hinter der neuen Blockchain-Technologie steckt, welche Industrien und Geschäftsmodelle sie umkrempeln wird - und warum sich mit den Chancen auch viele neue Fragen auftun.

Wilfried Johann Klauss bekommt jüngst seltsame Anrufe. Immer mehr Leute fragen beim Geschäftsführer des Ökostromanbieters AAE Naturstrom nach einem Direktanschluss ans Kraftwerk. "Gerade heute haben wieder zwei angerufen", erzählt er. Zögerlich verraten sie ihm dann, wofür sie denn Strom in der Größenordnung von bis zu 500 Haushalten brauchen: Sie wollen eine Bitcoin-Mine starten. In diesen "Minen" wird mit leistungsstarken Grafikkarten und spezieller Software nach neuen Bitcoin-Nuggets geschürft, also digitales Geld produziert. Damit sich das energieaufwendige Schürfen rechnet, ist möglichst billiger Strom unabdingbar.

Die Technologie, die hinter diesem neuen Goldrausch steht, nennt sich Blockchain. Und sie soll schlicht die nächste große Revolution seit der Erfindung des Internets sein. Kein Technologiebegriff elektrisiert derzeit mehr, wird aber von den wenigsten verstanden, wie das "Fortune"-Magazin ironisch kommentiert. Die Blockchain wird große Teile der Wirtschaft -vor allem digitale Transaktionen - schneller, günstiger und sicherer machen, so die Hoffnung.

Die 6 wichtigsten Fakten zu Blockchain

  • 10 PROZENT der globalen Wirtschaftsleistung sollen 2027 über die Blockchain laufen.
  • 33 PROZENT der Führungskräfte sagen, dass sie Blockchain im Unternehmen nutzen wollen.
  • 71 PROZENT der Topmanager glauben, dass Blockchain in ihrer Industrie relevant sein wird.
  • 15-20 MILLIARDEN DOLLAR weniger Transaktionskosten sollen in der Finanzindustrie bis 2022 anfallen.
  • 4.600 DOLLAR ist der aktuelle Kurs der Digitalwährung Bitcoin. Anfang 2017 lag er bei 1.000 Dollar.
  • 100.000 ÖSTERREICHER sind bereits aktive Bitcoin-Nutzer, schätzen Marktbeobachter.

Laut einer Umfrage des World Economic Forum sollen bis zum Jahr 2027 rund zehn Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts über die Blockchain laufen. Die Berater von Gartner schätzen, dass durch die Blockchain im Jahr 2025 ein volkswirtschaftlicher Mehrwert von 176 Milliarden Dollar erzielt wird, fünf Jahre darauf gar schon 3.100 Milliarden Dollar. Solche Aussichten lösen wie einst zu Beginn des "Dotcom"-Zeitalters einen wahren Goldrausch aus.

Dabei ist Blockchain eigentlich nichts anderes als eine öffentliche, für alle einsehbare Datenbank, die anstatt auf einem zentralen Server auf allen Rechnern der Teilnehmer des Blockchain-Netzwerkes verteilt und dadurch schwer anzugreifen ist. Sie funktioniert wie ein digitales Kassenbuch oder Grundbuch, in dem alle Transaktionen, Verträge und Informationen erfasst werden und dessen Gültigkeit in einer Kette von gesicherten Datenblöcken bestätigt wird (siehe Grafik unten) .

Revolutionär ist das Konzept durchaus: Denn die Technologie erlaubt erstmals den hochsicheren, direkten Austausch aller möglichen Werte, Verträge und Informationen in Sekundenschnelle ohne Zwischenhändler wie etwa Banken, Notare oder Behörden. Damit wird jene Lücke geschlossen, die den Handel über das Internet oder die Verwaltung bislang umständlich und teuer gemacht hat. Dank der raffinierten, aber komplexen Technologie schafft die Blockchain das bislang fehlende Vertrauen, um etwa mit völlig unbekannten Personen bedenkenlos Geschäfte abschließen zu können.

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Einsparungen für alle

Weiters verspricht sie riesige Einsparungen insbesondere durch mehr Effizienz und genaue Nachverfolgung. So sollen etwa in der Schiffslogistik mit Blockchain Milliarden Euro eingespart werden (siehe Kasten, unten) ; und eine neue Initiative zur Erhöhung der Lebensmittelsicherheit könnte allein durch die im Vergleich zu heute viel höhere Transparenz und sekundenschnelle Nachverfolgbarkeit der Güter von der Farm bis ins Regal rund 30 bis 40 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel in den USA verhindern.

Wird etwa ein Rind geboren, wird eine Blockchain angelegt, die es durch den kompletten Lebenszyklus begleitet. Gespeichert wird, was das Tier frisst, welche Medikamente es bekommt, wann und wo es geschlachtet wird. Die fälschungssicheren Informationen zu jedem Stück Fleisch können so von allen Beteiligten und vor allem den Konsumenten abgerufen werden. Und sollte das Rind mehr Steaks abwerfen, als es ursprünglich auf den Rippen hatte, würde das als Systemfehler wahrgenommen. Der US-Supermarkt Walmart verfolgt beispielsweise mittels Blockchain schon seit 2016 den Weg chinesischer Schweine auf amerikanische Teller.

Angekommen ist die neue Technologie auch schon in der heimischen Politik. Wenn sich Harald Mahrer dieser Tage in Alpbach demonstrativ ein "Blockchain"-T-Shirt überstreift, hat dies weniger mit Wahlkampf als mit Überzeugung zu tun. Der Minister ist fasziniert von den neuen technologischen Möglichkeiten. Mittlerweile steht ein Neun-Punkte-Plan, den er unabhängig vom Wahlausgang weiterverfolgt wissen will: "Mit diesem frühzeitigen Engagement hat Österreich die Chance, in der Krypto-Ökonomie eine Vorreiterrolle zu spielen. Die Blockchain halte ich für ähnlich revolutionär wie seinerzeit die Erfindung des Internets, auch wenn sich viele Einsatzmöglichkeiten erst konzeptionell und schemenhaft abzeichnen."

Mahrer will private und wissenschaftliche Initiativen vernetzen, den Österreichern das Thema als Bürgerservice näherbringen und vor allem in der Administration das Effizienzpotenzial ausschöpfen: Und da gebe es genug Datenbanken, vom Grundbuch bis zu Förderungen, die noch "sicherer, transparenter und effizienter" verwaltet werden könnten. Auch im Bundesrechenzentrum, dem wichtigsten IT-Dienstleister der heimischen Verwaltung, werden bereits einschlägige Pilotprojekte aufgesetzt.

Konkurrenz für Facebook und Uber

Mittlerweile existieren schon Tausende Blockchains abseits der gehypten Kryptowährungen, die nur eine Anwendungsmöglichkeit der Blockchain-Technologie ist. Da fast alles auf Open Source beruht, also auf für alle einsehbaren Programmcodes basiert, kann jeder mit wenig Aufwand seine eigene Blockchain gestalten. Technologievisionär Don Tapscott, der mit "Blockchain-Revolution" eines der jüngeren Standardwerke zum Thema geschrieben hat, sieht gerade für die Plattformökonomie von Facebook, Airbnb oder Uber disruptive Konkurrenz anrollen: "Viele dieser Firmen haben die Vermarktung traditioneller, lokaler Dienstleistungen globalisiert, ob Frühstückspension, Taxi oder Handwerker. Sie erschließen nicht ausgelastete Ressourcen." Wenn sich aber digitale Genossenschaften auf Blockchain-Basis bilden, würden Airbnb &Co. als Vermittler mit hohen Provisionssätzen irgendwann nicht mehr gebraucht werden.

Künftig könnten sich beispielsweise Bürger einfach an selbstfahrenden Autos beteiligen. Jeder nutzt das Auto, das gerade in der Nähe geparkt ist, mittels sicheren elektronischen Codes. Über die Blockchain wird dann alles vollautomatisch und für jeden jederzeit nachvollziehbar abgerechnet. So könnte bald die schöne neue, dezentrale Welt aussehen.


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Unter Freunden

Bitcoin hat zwar als erste Blockchain die Revolution gestartet, aber für die Wirtschaft sind extrem aufwendige Bestätigungsverfahren wie beim Bitcoin-Mining weniger attraktiv. Je höher das Vertrauen ist, umso geringer ist der Sicherungsaufwand. Meist reicht als Blockchain eine verteilte, zeitgestempelte Datenbank, die die genaue Nachvollziehbarkeit aller Aktionen dokumentiert und so für Manipulationssicherheit sorgt. "Das ist wie ein Club unter Freunden, bei dem schon einiges Vertrauen da ist, aber die Abrechnung doch lieber genau nach den definierten Regeln erfolgen soll", erklärt Edgar Weippl, Gründer und wissenschaftlicher Leiter von SBA Research, Österreichs größtem außeruniversitärem Security-Forschungsinstitut.

Christian Minarovits, Blockchain-Experte bei IBM Österreich, ortet im kommerziellen Umfeld ein hohes Interesse an diesen sogenannten Smart Contracts: Die unterscheiden sich vom gegenwärtigen Prozedere darin, dass sie alle Regeln für die Abwicklung in sich bereits abgebildet haben. Am Beispiel Autokauf lassen sich die Vorteile anschaulich darstellen.

Im Zentrum steht dabei ein zentrales Fahrzeugregister, in dem alle nötigen Papiere wie Typenschein & Co. sicher und eindeutig abgelegt sind. Alle, egal ob Importeur, Händler, Behörden, Käufer oder Versicherung, können sich die notwendigen Informationen einfach besorgen. Zum Abschluss eines Vertrages ist daher kein einziger Behördenweg mehr erforderlich, sondern die gesamte Abwicklung und Bezahlung erfolgt über die Blockchain, die fälschungssicher alle Daten zum Kauf verifiziert und für eine sichere Geldüberweisung sorgt.

Blockchain als Dienstleistung

Mit Smart Contracts können also Geschäfte vom Autokauf bis zum Großprojekt direkt mit den Herstellern, Partnern und Kunden klar definiert und sicher abgewickelt werden. In diesem Bereich wittern derzeit die großen IT-Konzerne wie IBM, Microsoft oder SAP das große Geschäft. Da die Technologie für den Mittelstand noch zu komplex ist, bieten sie die Blockchain gleich als Dienstleistung an und nennen das "Blockchain as a Service".

Die Idee ist, dass künftig erprobte Vertrags- und Abwicklungsmodule auf Blockchain-Basis einfach dem eigenen Geschäft angepasst werden. Weltweit laufen inzwischen unzählige Blockchain-Projekte -von der einfachen automatisierten Geschäftsabwicklung bei Kleinfirmen bis zu Großprojekten ganzer Industriekonsortien. Vom Hype profitieren freilich auch die Hunderten Blockchain-Start-ups, die mit neuen Geschäftsideen die Ubers der jüngsten Technologierevolution werden wollen.

Blockchain-Vorreiter ist aber die Finanzindustrie. Und das nicht ohne Grund: Die direkten Finanzflüsse, die via Blockchain abgewickelt werden, könnten schon bald an dem einträglichen Geschäft mit den Transaktionsgebühren knabbern, die bis zu zehn Prozent der Transaktionssummen betragen können. Besonders im Finanzierungsbereich könnten Modelle entstehen, in denen Privatanleger Unternehmen direkt Geld borgen oder sich gar an ihnen beteiligen.


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Auch Geschäftsmodelle wie jenes einer Western Union, die für globalen Geldtransfer ansehnliche Transfergebühren einheben, kommen wegen Blockchain eher früher als später unter Druck: Firmen wie Abra bauen bereits Zahlungsnetze auf Blockchain-Basis: Nutzer sind gleichzeitig auszahlende Stellen, es geht schneller, die Provision ist niedriger.

Deshalb wird in Banken und auch Versicherungen derzeit intensiv darüber nachgedacht, wie man die Blockchain in die bestehenden Geschäftsmodelle integrieren kann, ohne dass unliebsame Neulinge gleich das ganze Geschäft wegschnappen. Börsen wie die Japan Stock Exchange oder Nasdaq testen im Nebenhandel schon länger die Technologie.

Große Projekte laufen auch im Gesundheitswesen, in der Pharmaindustrie und weiteren Branchen. Überall, wo hohe Transparenz, Nachvollziehbarkeit, Sicherheit und je nach Anwendungsfall auch Anonymität gefordert sind, bietet sich die Blockchain an, die dank Automatisierung vieles quasi in Echtzeit erledigt.

Wenn etwa für eine medizinische Behandlung Patientendaten benötigt werden, können die sicher in der Blockchain gespeicherten Daten für eine genau definierte Zeit an die behandelnden Ärzte weitergegeben werden. Da alle Krankheits-und Behandlungsschritte sich auch anonym weitergeben lassen, sind sie auch eine wichtige Basis für medizinische Studien, um so effektivere Behandlungsmethoden aus den Unmengen an Patientendaten zu entwickeln.

Die klare Zuordenbarkeit von Leistungen und die vollautomatisierte Abwicklung durch die Blockchain sind besonders auch für die Energiebranche interessant. Besonders, wenn es um die vielen neuen privaten Sonnenstromerzeuger geht, die so ihren Stromüberschuss etwa auch direkt an ihren Nachbarn verkaufen könnten. Im "Brooklyn Microgrid"-Projekt in New York startete eine Blockchain im April 2016, um zehn Häuser zu einem dezentralen Stromnetz zusammenzuschalten. Dank Smart Meter und Smart Contracts wird dabei der selbst nicht benötigte Strom an andere verkauft.

Auch die Musik-und Videoindustrie soll durch die Blockchain erneut revolutioniert werden. Durch das Einmeißeln der Urheberrechte mittels Blockchain etwa direkt in einem Song könnte bei jedem Streamen dem Künstler automatisch ein Mikrobetrag überwiesen werden. Dazu sind die zwischengeschalteten Verwertungsagenturen nicht mehr erforderlich.

Viele Chancen, einige Risiken

Die Möglichkeiten, die sich durch die Blockchain ergeben, sind heute noch gar nicht alle erfassbar. "Wir leben mitten in der digitalen Transformation, da ist nun die Blockchain die nächste große Technologie", sagt dazu Torsten Zube, Blockchain-Spezialist bei SAP. Sie sei aber nicht das Schweizermesser der Digitalisierung. "Heute gibt es fast zu viel Hype rund um die Blockchain. Wir müssen öfters Kunden davon überzeugen, dass andere Lösungen besser sind."

Und vor allem eines darf man nicht vergessen. Derzeit handelt es sich bei den Blockchain-Projekten großteils noch um Pilotprojekte. Für den großflächigen Einsatz sind vor allem auch noch viele rechtliche Angelegenheiten zu klären.

Spielentscheidende Frage wird sein, wie Gesetzgeber und Aufsichtsbehörden mit der neuen Tech-Revolution umgehen werden und welche Wege etablierte Industrien wählen, wenn ihre Geschäftsmodelle und Teile der Umsätze infrage gestellt werden. Und: Wer sorgt für Sicherheit und schützt vor kriminellen Machenschaften? Blockchain-Vordenker Tapscott sieht die Sache nicht unkritisch: "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Blockchain nicht in dieselbe Falle tappen könnte wie das Internet. Sie mag resistent sein gegen Zentralisierung und Kontrolle, doch wenn der wirtschaftliche oder politische Profit nur groß genug ist, werden mächtige Kräfte danach greifen."


Die Geschichte ist im trend 35/2017 erschienen

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