“Biologisch abbaubar ist keine Lösung”

Alexander Baumgartner, CEO Constantia Flexibles

Alexander Baumgartner, CEO Constantia Flexibles

Alexander Baumgartner, CEO des Verpackungsspezialisten Constantia Flexibles, im trend-Interview: Er will recyclingfähige Verpackungen etablieren. Von biologisch abbaubaren Kunststoffen hält er ebenso wenig wie von der Vision einer Kunststoff-freien Welt.

trend: Herr Baumgartner, Kunststoff-Verpackungen werden in Zusammenhang mit den Themen Plastik-Vermeidung oder Plastikmüll in den Weltmeeren aktuell heftig diskutiert. Die EU will ein Verbot von Einweg-Plastik. Das Unternehmen das Sie leiten ist ein erklärter Spezialist für genau solche Produkte.
Alexander Baumgartner: Das Thema ist momentan sehr populär. Jeder Politiker hat das auf der Pfanne. Gleichzeitig wollen die Menschen aber leichte, stabile Verpackungen, die Produkte auch frisch halten. Unser Verpackungsmaterial hat ein sehr geringes Gewicht, man kann es leicht transportieren und es hat aus dieser Sicht wieder eine sehr gute CO2-Bilanz. Da ist Kunststoff sehr, sehr bevorteilt.

Die Müll-Problematik bleibt dennoch.
Und beschäftigt uns intensiv. Wir sehen die Ursache darin, dass eine verwendete Kunststoff-Verpackung hat keinen Wert hat. Überlegen Sie nur: Wenn man in den ärmsten Ländern der Welt herumfährt sieht man oft Müll links und rechts. Aber selbst in den ärmsten Gegenden, in den entlegensten Regionen liegt dort kein Glas, auch keine Aludosen, kein Papier und kein Karton. Aber Kunststoff, denn alles andere hat einen Wert. Wenn ich um mein tägliches Überleben kämpfe und Papier oder Glas oder Metall sammle, dann gibt es einen Ort, an dem ich das abgeben kann und dafür ein bisschen Geld bekomme. Für Kunststoff bekommt man nichts.

Das Problem könnte man lösen.
Das Dilemma ist aber, dass der Kunststoff kaum wiederverwertbar ist, deshalb keinen Wert hat und ihn daher auch niemand sammelt. Das heißt, wir müssen es irgendwie schaffen, dem Kunststoff einen Wert zu geben. Dann wird er gesammelt und wiederverwendet, kommt in einen Kreislauf. Da wollen wir hin. Derzeit entziehen wir der Erde einen Rohstoff, verarbeiten ihn, produzieren etwas daraus, das einmal verwendet wird – und das war es dann.


Die Industrie war zu technikverliebt.

Statt Plastik zu verbieten sollten die Politiker also Recycling-Systeme schaffen?
Wir wollen auch nicht mit dem Finger auf andere zeigen und sagen: die sollen es richten. Wir als Industrie müssen Kunststoffe entwickeln, die leicht recyclingfähig sind. Dass sie das heute nicht sind haben wir teilweise selbst verursacht. Wir waren so technikverliebt, und sind das zu einem gewissen Maße immer noch, dass wir den Kunden Verpackungen mit verschiedenen Barrieren angeboten haben. UV-Barrieren, Feuchtigkeits-Barrieren – es werden zwei, drei, vier, fünf Lagen mit einem hohen technischen Aufwand verbunden. Am Ende haben wir ein perfektes Produkt, eine Verpackung, in der Chips 18 Jahre lang crisp und Manner-Schnitten zehn Jahre lang frisch blieben. Aber es ist unmöglich, die Verpackung zu recyceln, weil man die einzelnen Lagen nicht mehr auseinander bringt. Unsere Aufgabe als Industrie ist, die Barrieren, die notwendig sind, damit die Gurken knackig, die Erdbeeren frisch und der Salat essbar, das Brot länger hält – in ein Monomaterial aus einer Kunststofffamilie zu bekommen. Somit haben wir ein Produkt, eine Verpackung, die man sammeln, zerkleinern und recyceln kann.

Wie erfolgreich sind Sie damit?
Wir stecken sehr viele Ressourcen in diese Richtung und haben eben ein Werk in Indien errichtet, in dem nur Monomaterial hergestellt wird - mit Barriere-Eigenschaften, die wir bisher noch nicht gesehen haben. Dahinter brauchen wir natürlich noch Sammelsysteme der Kommunen, Gemeinden und Länder, die das entsprechend fördern. Vielleicht muss man den einen oder anderen auch zum Sammeln und zum Recyceln zwingen. Wir glauben aber, dass sich die Welt in diese Richtung entwickeln wird. Da wollen wir unseren Beitrag leisten.

In der Politik diskutiert man aber aktuell über Plastik-Ohrstäbchen, Strohhalme oder das Plastiksackerl, nicht über Recycling.
Ich sage OK. Es ist wahrscheinlich von der Psyche zur Erziehung des Konsumenten nicht falsch, aber einen wirklichen Impact hat das nicht. Es hat keine Relevanz, ist aber wichtig in der Erziehung und Sensibilisierung. Die Welt verbessert man damit nicht. Da braucht es andere Maßnahmen. Unser Beitrag ist, dass der Kunststoff den wir herstellen auch wirklich recyclierbar ist.


Um die Welt zu verbessern braucht es andere Maßnahmen.

Es gibt aber auch biologisch abbaubare Kunststoffe.
Diesen Weg gehen wir gar nicht. Erstens auch Bio-Kunststoffe einen Rohstoff brauchen – dabei handelt es sich in der Regel um Zucker, Stärke aus Rüben, Kartoffeln oder Mais – die müssen auch angebaut werden. Wenn wir 10, 20, 30 oder gar 50 Prozent des Bedarfs auf solche Rohstoffe umstellen, dann müssen wir uns über die Rodung am Amazonas keine Gedanken mehr machen – wir würden die ganze Waldfläche für den Anbau der Rohstoffe brauchen. Da sind wir in der Palmöl-Diskussion. Das ist nicht die Lösung.
Zweitens sind die heutigen biologisch abbaubaren Kunststoffe alle nur unter gewissen Temperatur- und Luftfeuchte-Bedingungen abbaubar. Wenn es im Sommer schwül-heiß und daher ein bisschen feuchter als sonst ist, könnte das funktionieren. In Indonesien oder Malaysien auch. Hier, in den Alpen nicht. Ich kann Ihnen nur empfehlen, wenn Sie eine bio-abbaubares Sackerl haben: werfen Sie es nicht in Ihren Garten, denn das werden Sie zehn Jahre später immer noch sehen. Probieren Sie es aus. Es funktioniert nur unter bestimmten Bedingungen, die man natürlich nachstellen kann. Aber ein Privathaushalt kann diese Bedingungen nicht nachstellen.

Werden die Konsumenten in die Irre geführt?
Ich mache niemand einen Vorwurf. Die Konsumenten werden zugemüllt mit Themen. Und dann sehen sie etwas „Bio-Abbaubares“. Alleine das Wort ist genial. Natürlich wird man das nehmen, in der Vermutung, das wäre gescheit und besser. Dazu kommt, dass die Konsumenten beim Wegschmeißen freigewaschen werden, weil der Kunststoff „Bio abbaubar“ ist. Das ist aber falsch. So wie wir es bei Papier und Plastik auch geschafft haben gehören Kunststoffe in eine Tonne, in eine Sammelstelle, damit sie recycelt werden. Das ist der einzige Weg. Umwelt- und ressourcenschonend sinnvoll. Und nicht zu denken „das kann ich wegschmeißen“. Das ist falsch vom Ansatz. Es darf sich gar nicht in den Köpfen festsetzen, dass es gut ist, etwas wegzuschmeißen.


Wegschmeißen ist falsch.

Wie lange wird es Ihrer Meinung nach dauern, bis sortenreine Verpackungen einen so relevanten Anteil haben können, sodass sich ein Recycling lohnt?
Ich rechne fest damit, dass das in den nächsten fünf Jahren zustande kommt. Es hängt von den Ländern ab, ob dann auch schon die Sammelsysteme existieren und funktionieren. In Indien gibt es heute schon Bundesstaaten, die jeden Hersteller von Consumer-Good-Waren verpflichten, die gleiche Menge wie sie in den Markt einbringen auch wieder nachweislich zu sammeln und zu recyclieren. Dort müssen wir den Behörden melden, wie viele Tonnen Kunststoff wir verarbeiten und nachweisen, dass die gleiche Menge wieder gesammelt und recycliert wurde. Und wenn es Indien schafft, dann können wir das auch.

Sie sind nur nicht der einzige Verpackungshersteller. Wie sieht es in der Branche aus? Arbeitet die an ähnlichen Lösungen?
Jeder arbeitet an solchen Konzepten. Wir wissen aber aus dem Kundenfeedback, dass wir was die Barrierewirkung betrifft mit unserer Lösung vorne sind. Wir haben schon ein Produkt, das man tatsächlich angreifen kann und das funktioniert. Derzeit sind wir im „Moment of Truth“, an dem die ersten größeren Mengen aus der Produktion kommen, Produkte abgefüllt werden und bei unseren Kunden in die Regale kommen. Heute sind das teilweise Lebensmittelverpackungen. Snacks, aber auch Tagesrationen Shampoo zur Einmalverwendung. Die Inder kaufen sich täglich solche Säckchen für ein, zwei Rupies – das sind Milliarden kleiner Shampoo-Fläschchen, die dann irgendwo landen. Der nächste Schritt wird Europa sein. Wir werden damit wahrscheinlich nächstes Jahr nach Europa kommen.

Statt einer Welt ohne Kunststoff-Verpackungen dann eine Welt des kontrollierten und gezielten Recyclings?
Wir werden nicht ohne Kunststoff auskommen. Man muss die Diskussion versachlichen. Es ist wichtig, dass wir als Konsumenten und Bürger der entwickelten, reichen Staaten ein Verhalten an den Tag legen, das gesamtheitlich passt. Da gehört es schon dazu, dass man nicht mit dem Wegwerf-Plastiksackerl einkaufen geht, sondern eine eigene Tasche verwendet wie das unsere Großeltern gemacht haben. Der verwendete Kunststoff muss aber gesammelt und wiederverwendet werden. Egal ob man daraus dann Müllsäcke macht, Parkbänke, oder Auto-Teile oder Uhren.

Dabei ist aber die Politik gefordert. Sie muss die Rahmenbedingungen schaffen.
Man muss konsequent sein. Das ist kein wirklich demokratischer Prozess. Das muss man einfach machen, weil man daran glaubt und durchziehen. Die EU hätte die Möglichkeit, so etwas in Bausch und Bogen durchzuziehen. Wenn mit Europa auch Indien und China mitziehen, dann ist schon viel erreicht. Wir Europäer müssen vorangehen. Aber die eigentliche Wurzel des Problems ist in Asien. 90 Prozent der Meeresverschmutzung kommt aus fünf Flüssen in Asien. Dort liegen die Kunststoffe herum, weil sie nicht gesammelt werden. Kunststoff-Müll muss einen finanziellen, wirtschaftlichen Wert haben. Wenn wir das geschafft haben, haben wir gewonnen.

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