Banken in Not

Banken in Not

WILLIBALD CERNKO: Der Bank-Austria-Boss soll das Österreich-Geschäft abwickeln und die Ostzentrale nach Mailand übersiedeln.

DER FORMAT-REPORT Tektonische Verschiebungen. Tausende Bankjobs werden in den nächsten Jahren pulverisiert. Der Druck, ertragreicher zu werden, wird durch die Digitalisierung und neue Konkurrenz verschärft. Mitarbeiter sind verunsichert und die Kunden verärgert.

Anfangs hielten sie es für einen viel zu frühen Faschingsscherz von Federico Ghizzoni. Als Chef der UniCredit Group wollte der Italiener die neue Strategie für die Konzerntochter Bank Austria (BA) am 11. November 2015 präsentieren. Fünf Wochen vor dem Termin waren die BA-Betriebsräte alarmiert: Ghizzoni wolle die Ostzentrale nach Mailand verlegen und sich aus dem österreichischen Privatkundengeschäft zurückziehen, war zu hören. Ghizzonis Konzernstrategin Marina Natale hätte sogar einen möglichen Käufer bei der Hand: die einstige Gewerkschaftsbank Bawag, die seit bald zehn Jahren im Besitz des US-Fonds Cerberus steht, wäre interessiert.

Der Bank-Austria-Betriebsrat nahm die Sache erst nicht weiter ernst. Denn seit September wurde viel spekuliert, etwa über den Abbau von 10.000 Jobs im UniCredit-Konzern, davon rund 1.200 Arbeitsplätze in Österreich. Der "Bank der Regionen"-Vertrag, der Wien als CEE-Headquarter absichert, läuft Ende März 2016 aus, das ist seit vielen Jahren bekannt. Tollkühn klang der Bawag-Deal, der ohne Okay des BA-Betriebsrats zum Scheitern verurteilt ist. Zudem wurden alle Gerüchte von BA-Vorstand Willibald Cernko abgeschwächt: Die "große Überraschung" sei am Elften im elften Monat "eher nicht" zu erwarten, hieß es.

Tatsächlich scheinen die schlimmsten Befürchtungen der BA-Mitarbeiter doch einzutreten. In der Bank Austria wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Die Absiedelung der Ostaktivitäten ist so gut wie fix. Platzt der Teilverkauf an die Bawag P.S.K. wegen des Betriebsratsvetos, soll im Laufe des Jahres 2016 das Großkundengeschäft in die Schoellerbank wandern und Ende 2016 die Bank Austria zur Gänze abgestoßen werden.

Dagegen könnten selbst AVZ-Stiftung und Betriebsratsfonds nichts unternehmen. Denn das in ihren BA-Namensaktien verbriefte Vetorecht umfasst nur gesellschaftsrechtliche Spaltungen und Umwandlungen innerhalb der Bank Austria AG. Den Eigentümer können sie sich nicht aussuchen.

Das in Mailand verursachte Beben in der Bank Austria verstärkte nochmals tektonische Verschiebungen in der österreichischen Bankenlandschaft. Alle BA-Nachbarn am Finanzplatz Wien sind in Alarmbereitschaft. Politik und Wirtschaft sowie Mitarbeiter und Kunden wird nun bewusst, dass die Konsolidierung am Bankenmarkt nicht ohne schmerzvolle Einschnitte ablaufen wird. Das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo bringt die Dramatik auf den Punkt: Durch Auslagerungen, Filialsterben und Fusionen in den nächsten fünf Jahren wackelt jeder dritte Bankjob. Bei einem Personalstand von derzeit 75.000 stehen 25.000 Stellen auf dem Spiel.

Die Branche steckt in einer tiefen Krise - es gilt das Motto: Banken in Not.

"Keine neuen Nachrichten sind in der jetzigen Lage schon gute Nachrichten", meint Franz Rudorfer. Als Syndikus der Bankensparte in der Wirtschaftskammer Österreich kennt er die Sorgen der Geldwirtschaft genau. Das Umfeld für alle Geldhäuser in Europa sei, diplomatisch gesprochen, "herausfordernd", meint er. Die regulatorische Dichte ist hoch, das Zinsniveau niedrig. Rudorfer: "Die Europäische Zentralbank predigt in der Früh Profitabilität, zu Mittag lässt sie die Zinsen niedrig, und am Abend verlangt sie neue Meldungen zur Überwachung der Banken und fordert dafür noch mehr Mitarbeiter."

Der harte Wind, der der Branche seit Jahren entgegenweht, entwickelt sich immer mehr zu einem Hurrikan. Durch die Digitalisierung werden die Geschäftsmodelle der Banken, 90 Jahre, nachdem erstmals ein Weltspartag gefeiert wurde, auf den Kopf gestellt. Neue Konkurrenten wie etwa Google oder Apple und zahlreiche Fintechs, also Start-ups für Finanzdienstleistungen, drängen in den Markt, Crowdfunding macht ebenfalls dem klassischen Bankgeschäft Konkurrenz.

Die Finanzbranche unterschätze die Schlagkraft der Smartphones, meint etwa Brett King, Chef des amerikanischen Mobile-Banking-Anbieters Moven, breitspurig. Er erwartet in den nächsten zehn Jahren "mehr Verwerfungen und Veränderungen in der Bankenwelt", als das in den vergangenen hundert Jahren der Fall gewesen sei. "Die Kundenbedürfnisse wandeln sich gerade drastisch", so auch Rudorfer. "Das ist das Match um die Zukunft."

Lesen Sie die komplette Geschichte im FORMAT Nr. 44/2015
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