Europas Banken mit massiven Finanzproblemen

Europas Banken mit massiven Finanzproblemen

Zahlreiche große europäische Banken, darunter auch österreichische, arbeiten laut den Wirtschaftsprüfern von PwC nicht wirtschaftlich. Sie sind nicht in der Lage ihre Kapitalkosten zu erwirtschaften.

Banken, die wanken: Wie hoch die finanzielle Lücken ist, warum viele davon an der Börse zu hoch bewertet sind, die Existenz von Banken generell bedroht ist und was sie dagegen tun können.

Signifikantes Problem der Profitabilität

Die Geschäftsmodelle vieler europäischer Banken sind nicht mehr zukunftsfähig, so das Ergebnis einer Studie der Wirtschaftsprüfer PwC. Nach einer Dekade voller Krisen, versuchen die Banken, trotz Niedrigzinsen, ihr Geschäftsfeld zu stabilisieren und gleichzeitig neue regulatorische Maßnahmen zu implementieren. Doch vielen gelingt es dennoch nicht, nachhaltig profitabel zu arbeiten. So weisen 78 Prozent der 45 untersuchten und im EuroStoxx 600 notierten Banken signifikante Lücken bei der Profitabilität auf und konnten ihre Kapitalkosten 2015 nicht erwirtschaften.

Fehlbetrag von 111 Milliarden Euro

Europaweit summierte sich der Fehlbetrag der Finanzinstitute auf 111 Milliarden Euro. Lediglich ein geringer Teil von 22 Prozent der untersuchten Institute erwirtschafte in 2015 die unterstellten Kapitalkosten. Die teilweise prekäre Profitabilitätslage wird allerdings nicht in den jeweiligen Kapitalmarktbewertungen reflektiert.

Banken an der Börse vielfach überbewertet

Immerhin fast die Hälfte der untersuchten Institute wies ein durchschnittliches Preis-Buch-Verhältnis größer Eins auf, wurde also an der Börse ohne Abschlag auf den Buchwert gehandelt. Zwei Drittel dieser Banken erwirtschafteten die unterstellten Kapitalkosten nicht. Das sind die zentralen Ergebnisse des aktuellen European Banking Outlook von Strategy&, der Strategieberatung von PwC. Für die Analyse wurde die Lücke zwischen der Eigenkapitalrendite (Return on Equity) und den individuellen Eigenkapitalkosten, der sogenannte Economic Spread, untersucht. Das legt eine fundamentale Schwäche in der Performance- und Wirtschaftlichkeit der Banken offen. Die Kapitalkosten werden unternehmensspezifisch über das Capital Asset Pricing Model unter Rückgriff auf einen länderspezifischen und risikofreien, langfristigen Zinssatz berechnet.

Auch österreichische Banken betroffen

Zu den 45 analysierten Banken zählen auch zwei einheimische Institute: Raiffeisen Bank International AG und Erste Group Bank AG. Raiffeisen Bank International liegt mit Platz 35 von 45 im hinteren Viertel und die Erste Group mit Platz 18 im Mittelfeld. „Um die derzeitigen Kapitalkosten zu erwirtschaften, wäre ein für beide Banken um 1,5 Mrd. Euro höherer Ertrag erforderlich“, analysiert Dr. Andreas Putz, Bankenexperte von Strategy& Österreich.

Bankenaufsicht bezweifelt Geschäftsmodell

„Die Ergebnisse dieser Studie bekräftigt die Bankenaufsicht, die, die Tragfähigkeit und Nachhaltigkeit der Geschäftsmodelle zunehmend kritisch betrachtet“, so PwC-Studienautor Philipp Wackerbeck. Er glaubt, dass im Zuge der Überprüfungs- und Bewertungsprozesse eine anhaltendende Ertragsschwäche nicht mehr ohne Weiteres durchgehen lassen wird.

Mangelnde Ertragsstärke in allen EU-Staaten

Eine spezifische Häufung von Problembanken in einzelnen Ländern lässt sich hingegen nicht feststellen. Mangelnde Ertragsstärke ist ein europäisches Problem und Banken aus allen Ländern sind gleichermaßen betroffen. Lediglich bei Banken mit positiver wirtschaftlicher Bilanz, betreffend Kapitalkosten und die Rendite darauf, ist eine Häufung von Instituten aus Nordeuropa erkennbar. Gründe dafür sind neben individuellen Faktoren wie einer starken Wettbewerbsposition oder schlanken Kostenstrukturen auch die jeweiligen Marktcharakteristika. Allerdings sind auch die nordeuropäischen Länder von der aktuellen Zinssituation betroffen.

Strengere EU-Vorschriften verteuern Geschäft

Die Studie verdeutlicht aber auch, dass regulatorische Eingriffe eine zusätzliche Belastung für den Bankensektor darstellen. Diese schränken etablierte Geschäftsmodelle ein oder verteuern sie, steigern die Komplexität des Betriebs und binden Ressourcen zur Sicherstellung der regulatorischen Compliance.

Konkurrenz durch Start-ups wird größer

Steigende Anforderungen von Kunden und zunehmende Konkurrenz durch Startups aus dem FinTech-Bereich erfordern zudem Investitionen in Innovationen, Produktion und Marketing.

Hoher Bestand an Problemkrediten in Südeuropa

Gleichzeitig ist das makroökonomische Umfeld mit anhaltend niedrigen Zinsen und einem hohen Bestand an Problemkrediten vor allem in den südeuropäischen Peripheriestaaten immer noch herausfordernd.

Existenzbedrohende Entwicklung

„Der Handlungsbedarf für die europäische Bankenindustrie ist enorm und mit klassischen Maßnahmen wie Kostensenkungsprogrammen allein wahrscheinlich nicht zu stemmen“, so Wackerbeck. „Banken müssen daher grundsätzlich weiter denken und die mit der Digitalisierung einhergehenden Möglichkeiten zur Transformation ihrer Geschäftsmodelle nutzen. Amazon.com und Co. haben den stationären Einzelhandel bereits vielfach verdrängt oder in existenzbedrohende Schieflage gebracht – den Beginn einer vergleichbaren Entwicklung können wir nun auch bei Banken beobachten“.

Wie Banken wieder profitabel werden könnten

Die Studie identifiziert drei strategische Optionen um europäische Banken zukunftsfähig und wieder profitabilitätsorientierte zu machen.
• Externe Dienstleister einbinden: Externe Dienstleister einbinden, um die eigenen Leistungen möglichst effizient herzustellen. Dienstleister übernehmen die Rolle eines Zulieferers analog der Automobilindustrie – dies ermöglicht die Fokussierung auf die zentralen Fähigkeiten und das Kerngeschäft.
• Offene Produktinfrastruktur: Banken sollen eine offene Produktinfrastruktur anbieten und so Angebote von Wettbewerbern und FinTechs einbinden. Kernkompetenz ist das Management der Kundenbeziehung, Kundenbedürfnisse werden so antizipiert, Wettbewerber werden zu Partnern. Gleichzeitig kommen Plattform Banken mit einem reduzierten Bilanzeinsatz aus und arbeiten so kapitalschonender.
• Digitale Banken: Weitgehende Digitalisierung der kundenbezogenen, aber insbesondere der nachgelagerten Prozesse aus. Inspiriert vom Produktentwicklungsansatz aufstrebender Technologiekonzerne können sie schneller und effizienter auf neue kundengetriebene oder regulatorische Rahmenbedingungen reagieren.

Weitere Konsolidierung unausweichlich

„Der Wille zu einem Veränderungsprozess muss vorhanden sein und von der Organisation getragen werden. Das wird aber sicher nicht allen Marktteilnehmern gelingen und der europäische Bankensektor daher wohl nicht um eine weitere Konsolidierung herumkommen“, so Wackerbeck.

VW-Markenchef Herbert Diess und Betriebsratschef Bernd Osterloh: Hält ihr "Gentlemen's Agreement"?

Wirtschaft

Volkswagen: VW-Chef Diess kämpft gegen Betriebsrat

Novomatic CEO und Casinos Austria AG Vorstand Harald Neumann

Wirtschaft

Novomatic-CEO Neumann: "Casinos Austria auf Österreich fokussieren"

Wirtschaft

IHS-Konjunkturprognose: "Robuster Aufschwung in Österreich"