Autokonzerne nehmen Fahrt auf gegen Uber, Apple und Google

Die Autoindustrie weiß, dass sie ihr Portfolio für die Zukunft neu ausrichten muss. Mit Carsharing wurde der Startschuss gegeben, um wichtige Kundendaten und ihre Nutzungsgewohnheiten zu sammeln. Das Angebot wächst vor allem in Großstädten. Über das Nutzungsverhalten gewinnen die Autohersteller wichtige Daten, um sich mit neuen Mobilitätsdiensten vor allem gegen die Newcomer von Fahrdienstplattformen à la Uber sowie gegen IT-Konzerne aufstellen wollen.

Autokonzerne nehmen Fahrt auf gegen Uber, Apple und Google

Über Carsharing und Taxidienste erweitern die Autokonzerne ihre Kampfzonen.

München/Stuttgart. Der Verkehr der Zukunft ist nicht nur Individualverkehr, sondern viel mehr. Wer in Ballungsgebieten lebt, überlegt sich ohnehin, ob er überhaupt noch ein Auto kaufen soll. Parkplätze sind rar und oft teuer, Straßen verstopft. Und viele Menschen nehmen zunehmend öffentliche Verkehrsmittel in Anspruch, um Zeit und Kosten zu sparen. Und um Stress zu vermeiden. Nach einer Studie der Boston Consulting Group (BCG) ist das eigene Auto erst ab etwa 7500 Kilometern im Jahr günstiger.

Dementsprechend stellen sich die Autokonzerne auf ihre neue Kundschaft und das neue Nutzungsverhalten ein. Daimler und BMW investieren derzeit viel Geld in ihre Carsharing-Töchter. Und auch Volkswagen hat im Vorjahr erkannt, dass es neben dem klassischen Autoverkauf mit Carsharing-Systemen und Buchungsplatformen ein Geschäft gibt, das lukrative Gewinne verspricht. Und vor allem: Die Autobauer müssen lernen, wie der Kunde tickt - sonst drohen sie eines Tages zum Zulieferer von Fahrdienst-Plattformen wie Uber oder Gett degradiert zu werden. Neben Carsharing haben die Autobauer auch das Plattformbusiness entdeckt und bieten über eigene Plattformen auch Taxi- und Fahrdienste an.

Doch nicht nur junge aufstrebende Unternehmen funken den Autokonzernen ins Geschäft. Auch IT-Konzerne wie Google oder Apple oder Newcomer wie der E-Autopionier Tesla wollen sich im Autobusiness ein Stück vom großen Kuchen abschneiden. Sie streben vor allem in die Sparte der Mobilitätsdienste der Zukunft, wie Autonomes Fahren oder mit Strommotoren angetriebene, umweltfreundliche Autos sowie neuen Fahrdiensten.

Neues Verhalten, neue Nutzung

Daimler und BMW haben beim Carsharing schon Erfahrungen in vorderster Front gesammelt - und zahlen Lehrgeld. "Das ist ein Zuschussgeschäft. Geld verdient man damit noch nicht", sagt Autoexperte Stefan Bratzel von der Wirtschaftshochschule in Bergisch-Gladbach. In den Großstädten wächst die Nachfrage. Aber die Autohersteller müssen sich rüsten für den Kampf mit den großen Fahrdienst-Plattformen wie Uber oder Didi Tuxing. Denn die neuen Angebote mit selbstfahrenden Autos und Robo-Taxis werden vieles auf den Kopf stellen.

Warum soll ein Großstädter für viel Geld ein Auto kaufen, wenn er nur eine Stunde täglich damit fährt und keinen Parkplatz findet? Wie tickt der Kunde? "Wir wollen genau verstehen, wo die Mobilitätsbedürfnisse sind", sagt DriveNow-Geschäftsführer Sebastian Hofelich. Das soll die Carsharing-Tochter von BMW und dem Autovermieter Sixt herausfinden - und "wie man damit Geld verdienen kann". Beide haben bereits seit 2011 in einem Joint Venture sich zusammen getan - BMW liefert Autos, Sixt ist der Logistiker.

DriveNow sowie Car2Go von Daimler sind die Marktführer in Deutschland. Die BMW-/Sixt-Tochter hat über 5500 Autos in 8 Ländern und 12 Städten im Einsatz und zählt über 875.000 Kunden. In Österreich hat DriveNow seit dem Marktstart im September 2014 über 50.000 Kunden gewonnen und rund 500 Autos im Einsatz. Die Daimler-Tochter Car2go fährt seinen Dienst in 26 Standorten weltweit (14 in Europa, 11 Standorte Nordamerika & 1 Standort in China) mit über 13.900 Autos. Car2go zählt eigenen Angaben zufolge 2,5 Millionen Kunden, davon 1,3 Millionen in Europa, die Hälfte in Deutschland. In Österreich hat Car2go 670 Autos im Einsatz.

Nun bekommen die beiden beiden Carsharing-Dienste neue Konkurrenz. Apple-Chef Tim Cook hat erstmals bestätigt, dass der iPhone-Konzern sein Autoprojekt auf die Entwicklung von Roboterwagen-Technologie ausgerichtet hat. "Wir fokussieren uns auf autonome Systeme", sagte Cook dem TV-Kanal des Finanzdienstes Bloomberg. "Es ist eine Kerntechnologie, die wir als sehr wichtig betrachten." Zugleich sei es eine der größten Herausforderungen für künstliche Intelligenz.

Der Nutzer und das Mietauto

Der typische Kunde ist um die 30 Jahre alt, Student oder Berufseinsteiger ohne eigenes Auto. Er ortet sein Mietauto per Handy, fährt damit zum Einkauf oder abends quer durch die Stadt ins Kino, zum Arzt, in den Supermarkt, in Shopping-Malls am Stadtrand, für private Termine oder für Fahrten ins Beisl oder zum Heurigen - und stellen es dann irgendwo ab. Bequemer, oft auch schneller als mit Bahn und Bus, billiger als mit dem Taxi.

"Wir haben verstanden, wie das Thema funktioniert", sagt Hofelich. Der Kunde will zum Beispiel, dass öffentlicher Nahverkehr, Carsharing, Bikesharing vernetzt werden und sich zu seinem Vorteil ergänzen. Die Mietwagen seien täglich etwa vier Stunden ausgelastet, heißt es bei beiden Unternehmen. Car2Go ist nach eigenen Angaben in Berlin profitabel, DriveNow in Deutschland insgesamt - zu den Verlusten im übrigen Europa oder den USA gibt es keine Angaben.

Einnahmen in einer Größenordnung von 20 Euro je Stunde stehen hohe Kosten für Fahrzeuge, Wartung, Versicherung gegenüber. Parkgebühren sind ein weiterer großer Kostenblock. München etwa kassiert 930 Euro pro Jahr und Auto, so Hofelich. Nach dem neuen Gesetz zur Förderung des Carsharings dürfen Kommunen künftig aber reservierte und kostenlose Parkplätze anbieten.

Die IT-Front richtet sich auf

Apple hatte dem Vernehmen nach zunächst seit 2014 an der Entwicklung eines kompletten eigenen Elektroautos gearbeitet. Der Schwerpunkt wurde jedoch laut Medienberichten schon voriges Jahr auf die Entwicklung von Software für autonome Fahrzeuge umgelenkt. Mehrere hundert Mitarbeiter sollen das Projekt danach verlassen haben. Noch im Herbst hatten mehrere Medien berichtet, Apple sei in Gesprächen über den Kauf des Sportwagen-Herstellers McLaren, die Gerüchte zerschlugen sich jedoch schnell.

Heuer im Frühjahr bekam Apple die Erlaubnis zum Test selbstfahrender Autos in Kalifornien, und wenig später wurde auch ein umgebauter Lexus-SUV des Konzerns auf der Straße fotografiert. In dem Bundesstaat dürfen insgesamt 33 Hersteller, Zulieferer und Tech-Firmen autonome Autos testen.

Google will über ihre Schwesterfirma Waymo sich auf Roboterwagen-Technologie konzentrieren. Die Technologie soll in Autos anderer Hersteller integriert werden. Aktuell werden über 500 Pacifica-Minivans von Fiat Chrysler damit ausgerüstet. Familien in Arizona sollen sie testweise im Alltag nutzen. Die markanten Google-Roboterwagen aus eigener Entwicklung des Internet-Konzerns werden nach rund drei Jahren auf der Straße ausgemustert

Die Werbefahrt

Für BMW und Mercedes ist Carsharing aber auch Werbung: Sie lassen junge Autofahrer ihre neuen Modelle ausprobieren. "Im Prinzip sind das bezahlte Probefahrten", sagt Experte Bratzel. "Die Hersteller kommen in neue Zielgruppen rein." Carsharing könne Spaß am E-Auto wecken, wie eine "Einstiegsdroge". Der BMW i3 zum Beispiel ist bei den Händlern eher noch Ladenhüter - aber bei DriveNow haben ihn 280.000 Kunden ausprobiert. "Da gibt es eine unglaubliche Neugier", sagt Hofelich.

Doch selbst wenn mancher Kunde später mal einen BMW kaufen sollte: "Marketing ist nicht die Hauptsache", sagt Hofelich. "Die Hauptsache ist zu verstehen, wie man so ein Thema profitabel betreiben kann."

In Europa und Asien wird Carsharing die Autohersteller im Jahr 2021 unter dem Strich eine halbe Million Autoverkäufe kosten, so schätzt die Unternehmensberatung BCG. Und später kommt dann der große Umbruch mit den autonom fahrenden Autos. "Carsharing ist ein Auslaufmodell, wenn das Robo-Taxi kommt", sagt Bratzel. "Carsahring ist eigentlich ein Taxi zum Selberfahren - ein Zwischenschritt auf dem Weg zum Robo-Taxi."

Der US-Konzern Uber schreibt zwar rote Zahlen, macht aber mit der Vermittlung von Fahrdiensten Milliardenumsätze und testet Robo-Taxis. Konkurrent Didi Tuxing hat in China schon 300 Millionen Kunden und wickelt täglich 60 Millionen Fahrten ab, nur mit einer Software-Plattform. "Wenn die Autohersteller es nicht schaffen, in dieser Dienstleistungswelt Fuß zu fassen, werden sie zu Zulieferern für die Fahrdienste, die die Plattform kontrollieren", sagt Bratzel. Dieses Szenario fürchten die Hersteller. "Sie müssen es schaffen, die Kunden zu verstehen und Kontakt zu ihnen aufzubauen. Es ist eine völlig neue Welt, die da aufgeht."

Die Juwelen im Autobusiness

VW hat die Lektion der aufstrebenden jungen Fahrdienstleister ebenso kapiert. Und hat im Vorjahr sich beim Mobildienstleister Gett eingekauft. Der Dienst wird derzeit noch begrenzt angeboten - nicht in Österreich. VW will gleichzeitig dazu ein Mietwagen- und Chauffeurservice anbieten.

Und Hofelich sagt: "Das Thema wird unglaublich an Fahrt gewinnen." Um es zu beherrschen, brauche es auch Erfahrung im Flottenmanagement. Das aber fehle Uber, denn jeder Fahrer bringe sein eigenes Fahrzeug mit. "Wir sind beim Flottenmanagement extrem weit."

Für das Flottenmanagement bei DriveNow ist der Autovermieter Sixt zuständig. Ob Daimler und BMW ihre Carsharing-Töchter demnächst zusammenlegen wollen, vielleicht gleich noch mit Daimlers MyTaxi-Dienst, ist offen. Firmenchef Erich Sixt jedenfalls sieht DriveNow als "ein Juwel".

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