„Authentisch zu sein, zahlt sich aus“

AUSTRIA’S BEST MANAGED COMPANIES. Nachhaltigkeit ist für Unternehmen heute ein Must-have. Lippenbekenntnisse sind zu wenig – bei ESG geht es darum, genaue Ziele zu definieren, diese messbar zu erfüllen und sich laufend zu verbessern.

Zu den Personen:
Caroline Palfy (r.) ist neue Geschäftsführerin in der Handler Holding GmbH und verantwortet den Bereich Sustainable-Strategie. Das Familienunternehmen HANDLER ist Spezialist für hochwertige Bau- und Immobilienprojekte in Österreich.
Marieluise Krimmel ist Partnerin bei Deloitte in Wien im Bereich Audit & Assurance und ist in der Prüfung und Beratung tätig. Ihre Branchenschwerpunkte liegen neben der Industrie in der Immobilien- und der Bauwirtschaft.

Zu den Personen: Caroline Palfy (r.) ist neue Geschäftsführerin in der Handler Holding GmbH und verantwortet den Bereich Sustainable-Strategie. Das Familienunternehmen HANDLER ist Spezialist für hochwertige Bau- und Immobilienprojekte in Österreich. Marieluise Krimmel ist Partnerin bei Deloitte in Wien im Bereich Audit & Assurance und ist in der Prüfung und Beratung tätig. Ihre Branchenschwerpunkte liegen neben der Industrie in der Immobilien- und der Bauwirtschaft.

Die Europäische Union steigert bei der Energiewende das Tempo – damit gewinnt der Bereich ESG (Enviromental, Social, Governance, Anm.) für Unternehmen massiv an Bedeutung. Wie verändert ESG das Umfeld in der Immobilienbranche?

Caroline Palfy: Der Stimmungswandel ist spürbar. Selbst Unternehmen, die noch Aufholbedarf haben und intern bisher keinen Fokus auf Nachhaltigkeit legen wollten, werden jetzt von drei Seiten extern ­dazu gedrängt: von den Kunden, weil die Nachfrage nach Green Buildings steigt, von den Regulatoren und auch von den Geldgebern, weil „Sustainable Finance“ immer wichtiger wird. Laut den Vereinten Nationen entfallen auf den Bau- und Gebäudesektor mittlerweile 38 Prozent der globalen CO2-Emissionen. Damit ist für alle klar: Wir müssen Teil der Lösung sein. Jetzt kommt die EU-Taxonomie-Verordnung dazu, die besagt: Um die Klima- und Energieziele zu erreichen, müssen Investitionen in nachhaltige Projekte und Aktivitäten gelenkt werden.

Während andere Branchenteilnehmer über Kosten und Aufwand sprechen, finden wir bei HANDLER die neuen Vorschriften sehr gut: Damit wird der Wandel noch einmal verstärkt. Die Nachfrage nach Gebäuden, welche die strengen Nachhaltigkeitskriterien nicht erfüllen, wird sinken, und damit können Immobilien ohne ESG-Bezug nur mit einem Preisabschlag verkauft werden. Dass wir auf Qualität setzen und deswegen einen klaren ESG-Fokus haben, bringt einen Wettbewerbsvorteil.

Warum kommt das Thema Nachhaltigkeit bei den „Musterschülern“ im Mittelstand schneller an?

Marieluise Krimmel: Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit hat sich in den vergangenen Jahren massiv erhöht und wird durch das aktuelle Umfeld nochmal verstärkt. Wir sehen in vielen Unternehmen einen starken Fokus, ESG auf der Ebene der Unternehmensführung und des Aufsichtsrates anzusiedeln. Diese Entwicklung betrifft zunehmend auch den Mittelstand, gerade bei Unternehmen, die sehr strukturiert aufgebaut sind und auf Innovation und Digitalisierung setzen. Der Begriff Nachhaltigkeit war früher oftmals von Worthülsen und wohlklingenden Erklärungen bestimmt, jetzt werden Daten erhoben, Hausaufgaben definiert und die Zielerfüllung transparent ­gemacht. Oft kommt der interne Druck auch daher, dass man sich als attraktiver Arbeitgeber präsentieren will und muss: Potenzielle Mitarbeiter fragen heute nicht nur nach Gehalt und Benefits, sondern auch ­danach, ob das Unternehmen nachhaltig agiert.

Palfy: Die Nachhaltigkeit wird immer mehr zum Hard Fact! Früher haben Riskmanager in der Immobilienbranche nachhaltige Bauweisen mit den Argumenten abgelehnt, dass diese zu teuer seien und keinen Mehrwert im Vertrieb brächten. Inzwischen ist das anders, die „Generation Greta“ hat gezeigt, dass es in der Wirtschaft nicht nur um Finanzkennzahlen gehen darf. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich der Aufwand bezahlt macht und jedes Unternehmen seine Werte sowie ESG-Ziele definieren und sich an ihnen orientieren sollte. Authentisch zu sein, zahlt sich aus. Gerade im aktuellen Umfeld, wo sich die Sprit- oder Materialkosten innerhalb weniger Monate um mehrere Hunderttausend Euro erhöhen können, zeigt sich: CO2 einzusparen, auf Homeoffice zu setzen und nicht für kurze Business-Meetings in das ­Flugzeug zu steigen, entlastet nicht nur die Umwelt, sondern verbessert auch die Bilanzen.

Bald bekommt der Wandel einen weiteren Schub: Künftig werden auch mittelständische Unternehmen abhängig von der Unternehmensgröße zu einer qualitativen und quantitativen nicht-finan­ziellen Berichterstattung verpflichtet sein. Was bedeutet das?

Krimmel: Auf den ersten Blick sehen viele nur einen organisatorischen Mehraufwand. Messbare und vergleichbaren Kennzahlen sind jedoch die Grundlage für die Umsetzung der EU Sustainability Standards – mit dem Ziel, finanzielle Finanzierungsvorteile bei entsprechend positiven Kennzahlen zu erlangen. Der Finanzbereich, der die finanzielle Berichterstattung – sprich: das „Business“ – verantwortet, ist in den meisten Unternehmen des Mittelstandes organisatorisch aufgrund der langjährigen Routine sehr gut aufgestellt. Unternehmen können intern Know-how weitergeben und Synergien nutzen. Die neuen Standards kommen nicht von heute auf morgen, es ist aber ratsam, sich zeitgerecht vorbereiten, die ESG-Ziele zu definieren und Prozesse zu etablieren. Denn mehr Fokus auf ökologische und soziale Ziele wirkt sich klar auf die Unternehmenssteuerung aus.

HANDLER hat bereits heute einen starken Fokus auf ESG – in der Bau- und Immobilienbranche und im Mittelstand keine Selbstverständlichkeit. Warum eigentlich?

Palfy: Wir haben immer schon auf soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit geachtet. Das betrifft auch die Lage der Projekte – der urbane Raum ist nachhaltiger als Zersiedelung und Bodenversiegelung. Holzbau gibt es bei uns seit 160 Jahren. Das Ziel lautet jetzt, den ESG-Fokus in allen Funktionsbereichen des Unternehmens zu verankern. Natürlich sagen viele noch: Wenn wir nachhaltig agieren, zahlt uns das keiner. Das stimmt aus meiner Sicht überhaupt nicht. Innovationen braucht es auch in der ­Immobilienbranche, und jede Krise bringt Veränderungen schnell voran. Es gibt sehr wohl eine steigende Kundennachfrage nach Qualität und Nachhaltigkeit. Wir setzen auf integrierte Projektabwicklung – so sind wir früh im Projekt involviert und können unseren Kunden und Partnern bei nachhaltigen ­Themen mit Lösungen zur Seite stehen.

Familienunternehmen agieren oft deutlich nachhaltiger und sind nicht nur auf Zahlen fixiert. Woher kommt das?

Krimmel: Wer in Generationen denkt, misst den Erfolg mit anderen Kriterien als nur Umsatz und Gewinn. Auch werden Überschüsse bei Familienunternehmen in der Regel nicht an Aktionäre ausgeschüttet, sondern für Zukunftsprojekte reinvestiert. Die Verbundenheit mit der Region ist ein weiterer Faktor, der die soziale Verantwortung stärkt. Dass der Bereich ESG an Bedeutung gewinnt, liegt zudem daran, dass die neue Generation – Stichwort Unternehmensnachfolge – in den Unternehmen anders denkt. Es gibt zwar keine „Blueprints“ dafür, wie der Wandel aussehen wird. Doch alle wissen: In zehn oder 20 Jahren wird die Welt eine andere sein – und die besten Karten haben jene, die sich frühzeitig neu orientieren.



Best Managed Companies

ist ein seit mehreren Jahren international bestehendes Programm von Deloitte. Im Rahmen von Austria‘s Best Managed Companies werden heuer im Herbst zum zweiten Mal hervorragend geführte mittelständische Unternehmen ausgezeichnet.

Nähere Informationen finden Sie unter www.deloitte.at/bestmanaged

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