Nina Verheyen: Über die Erfindung der Leistung

Nina Verheyen: Über die Erfindung der Leistung

Nina Verheyen, Historikerin.

"Leistung" ist einer der zentralen Begriffe der Gegenwart. Die Historikerin Nina Verheyen hat untersucht, wie die Leistungsgesellschaft entstanden ist und warum sich Leistung oft, aber nicht immer lohnt.

TREND: Der Begriff "Leistung" ist in der Wirtschaft zentral. Was bedeutet er für Sie als Historikerin?
NINA VERHEYEN: In historischer Perspektive reden wir ganz selbstverständlich davon, dass es dem Bürgertum des 19. Jahrhundert so wichtig war, besonders viel zu leisten, womit wir heute oft enorme Leistungsanforderungen nobilitieren. Zumindest in Quellen des frühen 19. Jahrhunderts wird aber eher ein Kontrast deutlich. Bürgerliche Tugenddiskurse legten zwar viel Wert auf Arbeit, aber auch auf Bildung und Familie, auf das soziale und das kulturelle Leben. Das Ideal war ein "ganzer Mensch" und keiner, der sich nur über die Erwerbsarbeit definierte. Das fand ich interessant. Und dann kommt natürlich noch der Bezug zur Gegenwart dazu.

Die sogenannte Leistungsgesellschaft.
Verheyen: Der Leistungsgedanke hat sich radikalisiert, und er ist gleichzeitig überaus umstritten. Es kommen immer mehr Ratgeber auf den Markt, die uns Hinweise darauf geben, wie wir uns selbst optimieren können. Durch neue, verfeinerte Techniken wird versucht, sowohl die konkret erbrachte Leistung als auch die Leistungsfähigkeit in unterschiedlichsten Berufsgruppen immer präziser zu messen. Gleichzeitig aber wird der Druck, der vor diesem Hintergrund auf uns allen lastet, enorm kritisiert, und es gibt Hinweise, dass niemand mehr so richtig daran glaubt, wirklich durch Leistung aufsteigen zu können.

"Leistung muss sich wieder lohnen" ist ein Satz, den konservative österreichische Regierungen oft verwenden. Warum funktioniert er so gut?
Verheyen: Der Begriff "Leistung" ist so vielschichtig, dass er sich leicht instrumentalisieren lässt. Dass jemand etwas leistet, finden viele im Kern positiv. Aber es ist offen, was damit gemeint ist. Und wenn gar von "Leistungsträgern" gesprochen wird, dann ist das besonders verräterisch. Diese Formel kam vermutlich erst in den 1970ern auf, wurde in den 1980ern stark. Der Begriff "Leistungsträger" suggeriert, dass sich Leistung an der Spitze einer Gesellschaft oder eines Unternehmens in wenigen Personen bündelt, während die anderen sehr viel weniger leisten - oder gar nichts. Das ist symptomatisch. Der Leistungsgedanke wird dafür genutzt, Ungleichheit zu legitimieren. Das ändert aber nichts daran, dass wir aus historischer Sicht viel an diesem Leistungsgedanken haben.

Was zum Beispiel?
Verheyen: Es ist gut, in einer Gesellschaft zu leben, die Status zumindest dem Anspruch nach an Leistung knüpft und nicht an das Geschlecht, die Hautfarbe oder die Herkunft. Das ist ein Fortschritt. Die Arbeiterbewegung, die Emanzipation der Frau, das alles hatte immer damit zu tun, dass diese Gruppen auf die Anerkennung ihrer Leistung pochten. Aufstieg durch Leistung war daher stets auch ein stark links geprägter Anspruch. Die Linke sollte sich den Vorwurf nicht gefallen lassen, dass es in ihren Reihen gar nicht um Leistung gehe. Das Problem aus linker Sicht ist vielmehr die gesellschaftliche Umsetzung des Leistungsgedankens.

Weil nicht alle die gleichen Aufstiegsmöglichkeiten haben?
Verheyen: Zahlreiche empirische Studien haben deutlich gemacht, dass soziale Ungleichheit durch die Leistungsrhetorik nicht überwunden, sondern kaschiert und damit zementiert wird. Hinzu kommt, dass das Wort Präzision suggeriert, wo Unschärfe herrscht. Wir sprechen von "der" Leistung eines Menschen, die höher oder niedriger ausfällt als die Leistung eines anderen Menschen, als handele es sich um eine objektiv und exakt messbare Größe. Tatsächlich aber ist sehr unklar, was mit der Leistung eines Menschen gemeint ist, und mit Sicherheit lässt sich die Leistung eines Einzelnen nicht objektiv messen. Denn Arbeitsprozesse sind eng verflochten, auch deshalb ist individuelle Leistung letztlich ein soziales Konstrukt.

Hatte der Begriff seine Unschärfe schon immer an sich?
Verheyen: Sie kommt maßgeblich im 19. Jahrhundert auf. Wörterbücher wiederum führten zunächst vor allem das Verb mit Objekt auf: "etwas leisten". Die im Anschluss genannten Beispiele verwiesen dann nicht darauf, viel oder wenig zu leisten, sondern etwa einem anderem Menschen Gehorsam zu leisten -oder auch der Gesellschaft. Anstrengend musste das nicht sein, auch nicht ökonomisch profitabel. Dann wurde Leistung auf Arbeit bezogen und ökonomisch wie auch technisch-physikalisch gedacht. Menschen wurden von Wissenschaftlern nun als Motoren gesehen, die Energie umwandeln und Arbeit verrichten. Sie begannen, uns zu vermessen.

Wie definieren wir als Gesellschaft, was Leistung ist?
Verheyen: Was inhaltlich damit gemeint ist, ist völlig offen. Man kann Leistung auf die physikalische Formel "Leistung ist Arbeit pro Zeit" bringen, so wie das im Taylorismus gemacht wurde, um manuelle Arbeit zu optimieren. Aber man kann Leistung auch rein qualitativ denken: Die Verantwortung eines Unternehmers oder auch einer Hebamme gehen in der eben genannten physikalischen Formel nicht auf. Und selbst wenn es ausschließlich um Arbeit geht, können Sie den Fokus eher auf den Input oder den Output legen, also auf den Fleiß, die Begabung, die Ausbildungsjahre, oder auf ein konkret vollbrachtes Werk oder einen ökonomischen Gewinn. Auf beiden Ebenen übersehen wir, dass nichts davon Einzelleistungen sind.

Unser Leistungsbegriff ist also zu eng?
Verheyen: Alle Arbeit vollzieht sich im Team, auch deshalb ist es problematisch, allein über Leistungsunterschiede erklären zu wollen, warum manche für ihre Arbeit sehr gut und andere sehr schlecht bezahlt werden. Historisch kann man sagen, dass dahinter nicht zuletzt Macht-und Herrschaftsverhältnisse stehen. Hebammen beispielsweise wurden in ihrer Autonomie bereits durch Ärzte beschnitten, als diese in der Geburtshilfe noch wenig Erfahrung hatten. Heute verdienen sie in Deutschland sehr wenig, obwohl sie große Verantwortung tragen - ein Argument, mit dem auch hohe Managergehälter erfolgreich gerechtfertigt werden. Die Leistung vieler Berufsgruppen lassen sich aber nicht einfach ökonomisch darstellen.

Um Leistung geht es aber längst nicht mehr nur im Beruf, sondern auch im Privatleben. Woher rührt das?
Verheyen: Moderne Staaten üben keinen offenen Zwang auf Bürgerinnen und Bürger aus, bestimmte Dinge zu tun, sondern agieren subtiler und fordern uns eher indirekt durch positive Anreize auf, uns eigenständig zu verbessern und an uns selbst zu arbeiten, maßgeblich auch außerhalb der Arbeitszeit. Bereits im 19. Jahrhundert kamen Karriereratgeber auf, die dem Leser rieten, den Körper in der Freizeit zu trainieren, um geistig fit zu bleiben. Dieses Denken hat sich insgesamt verschärft, zuletzt durch neue technische Möglichkeiten der Selbstbeobachtung.

Hoffen wir vielleicht doch immer noch drauf, dass uns Leistung weiterbringt?
Verheyen: Der deutsche Soziologe Sighard Neckel argumentiert, dass wir zwar ständig von Leistung reden, aber eigentlich nicht mehr an sie glauben, wir glauben nur noch an den ökonomischen Erfolg. Andererseits finden Fitnesstechniken und Ratgeber zur Leistungssteigerung im körperlichen oder auch kognitiven Bereich immer noch ungebrochenes Interesse. Und es gibt eine explosionsartige Zunahme von Wettbewerben aller Arten. Es gibt also ein großes Bedürfnis, die immer nur vermeintlich eigene Leistung zu erkennen, zu optimieren und zu beweisen. Offensichtlich ist uns unsere Leistung also immer noch wichtig. Das Problem ist aus meiner Sicht nicht, dass Leistung ihre Bedeutung verloren hat, sondern dass die Vorstellung von individueller Leistung als objektiv messbare Größe selbst problematisch ist. Dieses Verständnis hat sich historisch herausgebildet, die Geschichte liefert aber auch Ansatzpunkte, um es zu überwinden.

Inwiefern?
Verheyen: Bewertungsinstanzen und Bewertungskriterien für die Bestimmung von Leistung haben sich historisch immer wieder verschoben: Statt um Erkenntnisgewinn ging es dabei auch um die Sicherung eigener Privilegierung. Gleichzeitig steckt in dem Wort "Leistung" der Gedanke, etwas für andere zu tun, bis hin dazu, "Gesellschaft zu leisten". Auch das verleiht dem Begriff eine andere, eine stärker soziale Dimension.

Zur Person

Nina Verheyen , 42, ist Historikerin und lehrt an der Universität Köln. Sie forscht zur Kommunikations- und Mediengeschichte. Ihr aktuelles Buch,

"Die Erfindung der Leistung" ist im Hanser Verlag erschienen und gibt einen knackigen Überblick über die Entwicklung dieses Begriffs.

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