„Aufstellen für Krisen und Chancen“

Wenn Krisenmanagement und zukunftsgerichtete Transformation jetzt zeitgleich geschafft werden, so Accenture-Chef MICHAEL ZETTEL, eröffnen die neuen Technologien Chancen auf einen beispiellosen, langen Aufschwung.

Zur Person. Michael Zettel, 45, ist Country Managing Director des IT-Dienstleisters und Beraters Accenture in Österreich. Er studierte Wirtschaftsinformatik an der TU Wien und der Leeds University. Nach Karrierestart bei Accenture war er bei einer Förderbank und einem US-Technologieunternehmen tätig. Nach der Rückkehr zu Accenture wurde er im Juni 2016 zum Country Managing Director ernannt.

Zur Person. Michael Zettel, 45, ist Country Managing Director des IT-Dienstleisters und Beraters Accenture in Österreich. Er studierte Wirtschaftsinformatik an der TU Wien und der Leeds University. Nach Karrierestart bei Accenture war er bei einer Förderbank und einem US-Technologieunternehmen tätig. Nach der Rückkehr zu Accenture wurde er im Juni 2016 zum Country Managing Director ernannt.

TREND: In Ihrer Technology-Vision-­Studie postulieren sie massive Veränderungen im Zeichen des Metaverse. Wie weit blicken Sie damit eigentlich schon in die Zukunft?
Michael Zettel: Metaverse ist ein Thema für die nächste Dekade, im Kerngeschäft wird das in drei bis fünf Jahren ankommen. Die Zutaten sind da, jetzt geht es darum, sie richtig zusammenzusetzen. Das wird ein dominantes Thema, weil das Internet um die Dimensionen des Raums und des ­digitalen Besitzes erweitert wird. Noch wenig diskutiert, aber spannend ist die Revolution des Maschine-Mensch-Interfaces: Wir leben seit Jahrzehnten mit Tastatur und Maus als Eingabegeräten. Metaverse wird das zwangsweise durch die räumliche Dimension der Eingabe dramatisch ändern, indem das Sichtfeld in die reale Welt integriert wird. Andererseits kommen wir durch Sprache und Gestik weg von der Tastatur. Gestensteuerung in Autos und diverse Voice­Roboter sind erste Anklänge, die aber noch nicht so perfekt zusammenspielen, um in der Breite durchzukommen. ­Vorreiter wie Nike verdienen mit Nikeland schon Geld im Metaverse. Konzerte im Metaverse, für die Millionen Menschen Eintritt zahlen, sind Schritte von Spieleherstellern in nächste Geschäftsmodelle. Auch Technologiefirmen wie Snapchat haben Funktionen, anhand derer man mit Virtual Reality zusätzliche Ebenen auf realen Welten schaffen kann – heute erst mit dem Smartphone –, für die über erste Businessanwendungen nachgedacht wird.

Die großen Herausforderungen für Unternehmen liegen zeitlich noch näher?
Während sich Metaverse auf die ganze nächste Dekade erstreckt, sehen wir drei Themen, die das Jetzt massiv prägen, definitiv für die nächsten fünf Jahre. Das erste nennen wir mittlerweile bewusst „die totale Neuerfindung des Unternehmens“, weil es nicht mehr um das graduelle Verbessern geht, sondern um Total Enterprise Reinvention.

So massiv?
Wenn man die digitale Transformation des Unternehmens zu Ende denkt und die Kombination aus Cloud, Daten und künstlicher Intelligenz (KI) vollständig einsetzt, führt das zu völlig neuen Arbeitsweisen und Kundenbeziehungen. Die Kombination dieser drei Schlüsseltechnologien ermöglicht einen Quantensprung, der es mit dem Verschwimmen der digitalen und realen Welt auch in der Industrie mit ihrer Produktion ermöglicht, Unternehmen völlig anders zu führen und zu gestalten. Ich gehe davon aus, dass jedes Unternehmen künftig ein vollständiges digitales Abbild seiner selbst inklusive seines Ökosystems hat.

Wie sind wir dorthin unterwegs?
Noch hat kein Unternehmen ein vollständiges digitales Abbild. Greifbar wird die Entwicklung anhand eines Vorzeigeunternehmens wie Miba, das die Produktionsqualität durch Verschleißtests mit einem digitalen Zwilling verbessert. BMW digitalisiert nicht nur Fabriken und hat etwa die Werbefilmproduktion schon total digitalisiert, um seine Produkte zu präsentierten. Auch KTM, um noch ein österreichisches Beispiel zu nennen, unternimmt viel in Richtung Connected Bike.


Aus unserer Sicht ist die digitale Transformation die notwendige Voraussetzung für die Nachhaltigkeitstransformation.

Ein Zufall, dass diese Unternehmen auch aus Nachhaltigkeitsaspekten unter Transformationsdruck sind?
Die Tendenz zur digitalen Abbildung sehen wir bei digitaler orientierten Dienstleistungsunternehmen noch stärker. Nachhaltigkeit ist aber das zweite große Transformationsthema, steht außer jeder Diskussion und ist sowohl gesellschaftliche als auch geschäftliche Pflicht. Darauf drängen Konsumenten, Mitarbeiter, Investoren. In Österreich ist das spannendste Beispiel die OMV, die, wie ihr Vorstandsvorsitzender sagt, vor der größten Transformation der Wirtschaftsgeschichte steht und sich vom Öl- zum Chemieunternehmen wandeln wird.

Auch mit der Russland-Situation als Treiber.
Ukrainekrise und Energiekrise verschärfen diesen Transformationsdruck weiter. Auch Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind massiv verknüpft. Die digitale Transformation ist die Voraussetzung für die Nachhaltigkeitstransformation. Um nachhaltig zu sein, muss ich meine Produkte vom Ausgangsmaterial bis zum Endprodukt ganz anders verstehen, als das heute der Fall ist, bis dorthin, wo der Rohstoff aus der Erde kommt. Herstellkosten und Lieferanten zu kennen, reicht nicht mehr. Ich muss die gesamte Lieferkette im Detail verstehen und habe damit einen dramatisch größeren Datenbedarf, um überhaupt herauszufinden, wie nachhaltig meine Endprodukte sind. Und ich muss in der Kreislaufwirtschaft auch verstehen, was mit meinen Produkten passiert, nachdem sie das Unternehmen verlassen haben, wie sie im Sinne der Nachhaltigkeit wiederverwertet werden. Heutige ERP-Systeme zur Steuerung der Produktion sind darauf noch gar nicht ausgelegt.

Obwohl EU-Taxonomie und Co. da schon einiges vorgeben?
Dass ich in der Lage bin, etwas zu berichten, heißt noch nicht, dass ich auch steuern kann. Viele kämpfen darum, die ersten Nachhaltigkeitsberichte zu erstellen, um die Gesamtsituation zu verstehen. Sie sind noch weit davon entfernt, die Daten so einzusetzen, dass sie das Gesamtbild außerhalb offensichtlicher Themen wie Energie oder Mobilität tatsächlich steuern können. Datenbasierte Steuerung ist nur in einem datenbasierten ­Unternehmen möglich.

Was ist das dritte Thema?
Mitarbeiter oder Talent. Talentemangel betrifft jede Branche, jedes Unternehmen, den gesamten Arbeitsmarkt von Gastronomie bis IT-Fachkräften. Was da neben dem Recruitung weniger beachtet wird, ist Talententwicklung und Potenzialentfaltung vorhandener Mitarbeiter. Wo Unternehmen in starren Prozessen agieren, Mitarbeiter Dinge in Buchhaltungs- oder Warenwirtschaftssysteme eingeben müssen, gibt es viel ungenutztes Potenzial. Auch da spielt die digitale Transformation eine große Rolle, um sie für wertschöpfende Tätigkeiten freizuspielen und die Talente, Skills und Stärken zu kennen, indem Wissensmanagement datenbasiert betrieben wird. Wir müssen, auch wegen der demografisch anstehenden Pensionierungswelle viel effektiver in Wissensvermittlung und -weitergabe werden.

Auch das ist ein Transformationsthema?
Gerade die Potenzialentfaltung bedingt eine kulturelle Transformation, die auch der meistunterschätzte Teil der digitalen und nachhaltigen Transformation ist. Man muss zulassen, dass sich Mitarbeiter in agilen Unternehmen Arbeit suchen können, statt sie zugewiesen zu bekommen.

All das muss neben vielen Krisen bewältigt werden. Geht das?
Wir haben ein Multikrisenszenario mit Krieg, Energiekrise, Inflation, das uns in naher Zukunft beschäftigen wird. Auf der anderen Seite haben wir Technologien mit dem Potenzial für einen dekadenlangen Aufschwung, der seinesgleichen sucht, für eine vierte industrielle Revolution. Wir stehen vor einem völligen Umbau der Unternehmen und der Wirtschaftslandschaft. Unternehmen sind gewohnt, durch Krisen zu navigieren. Jetzt müssen sie sich auch um die zukunftsgerichtete Transformation kümmern und das parallelisieren. Und genau das sollte auch die Politik tun.


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