AUA-Chef Kay Kratky: "In Wien wird es sehr eng"

Der scheidende AUA-Chef Kay Kratky im letzten Interview über den brutalen Wettbewerb am Flughafen Wien, immer höher gesteckte Gewinnziele, Niki Laudas Air-Berlin-Coup und die Zukunft der AUA.

AUA-Chef Kay Kratky: "In Wien wird es sehr eng"

Kay Kratky: "Ich habe noch sehr viele Ideen für die AUA, die ich noch gerne umgesetzt hätte."

trend: Sie haben keinen Hehl daraus gemacht, dass Sie gerne bei der AUA geblieben wären. Sind Sie sehr enttäuscht, dass es nicht geklappt hat?
Kay Kratky: Nein, Enttäuschung ist das nicht. Die Regel, dass man bei der Lufthansa mit 60 Jahren zu gehen hat, ist eben so, wie sie ist. Aber es ist für mich schon auch ein wenig emotional aufwühlend, dass ich hier ein Superteam zurücklassen muss.

Wie sinnvoll ist so eine Regel?
Kratky: Sie stehen doch in der Blüte Ihres Lebens Ach, ich hoffe, die Blüte kommt erst. Aber natürlich gibt es auch bei dieser Regel Pros und Contras: Auf der einen Seite ermöglicht man dem Nachwuchs, sich zu entwickeln, auf der anderen Seite hat es sicher seine Vorteile, wenn erfahrene Manager länger im Amt bleiben können. In jedem Fall kann man sich die Frage stellen, ob solche Regeln so starr gelebt werden müssen. Denn manch einer freut sich, wenn er mit 60 gehen kann, ein anderer hätte aber noch Lust, dabeizubleiben.

Wie viel kann man in drei Jahren in einem Unternehmen wirklich bewegen?
Kratky: Ja, das stimmt schon, drei Jahre sind nicht sehr lange. Man braucht Zeit, um anzukommen, vor allem um die notwendige politische und wirtschaftliche Vernetzung zu erreichen. Ich denke aber schon, dass es mir gelungen ist, bei der AUA-Belegschaft einen Wandel im Denken herbeizuführen: hin zu leistungsorientiertem Denken, als Team zu denken, über die Grenzen zu schauen und eine offene Fehlerdiskussion zu führen.

Wo haben Sie der AUA Ihren Stempel aufgedrückt?
Kratky: Was soll von Ihrer Performance im Gedächtnis bleiben? Es ist immer schwierig, sich selbst zu beurteilen, da wären andere berufener, aber immerhin wurde unter meiner Führung wieder ordentlich Wachstum generiert. Wir haben mehr als 1.000 Mitarbeiter neu eingestellt und die Flotte erweitert. Wir haben einen Passagierrekord und das beste Ergebnis der Unternehmensgeschichte erzielt. Und das alles war in nur drei Jahren möglich!

Was hätten Sie denn noch gerne bei den Austrian Airlines erreicht?
Kratky: Ach, man will immer mehr, als man umsetzen kann. Und tatsächlich habe ich sehr viele Ideen für die AUA, die ich noch gerne umgesetzt hätte. Die werde ich nun eben an meinen Nachfolger weitergeben.

Bereuen Sie es, dass es Ihnen nicht gelungen ist, die roten Strumpfhosen der Stewardessen abzuschaffen?
Kratky: Tatsächlich habe ich darüber im Unternehmen sehr intensive Diskussionen geführt. Aber mittlerweile habe ich meinen Frieden mit den roten Strümpfen gemacht. Eine optische Erfrischung wäre da schon zeitgemäß, denke ich. Diese Aufgabe werde ich nun auch in andere Hände geben.

Wie geht es nun mit Ihnen weiter? Sie gehen zurück nach Frankfurt?
Kratky: Ich löse meine Wohnung in Wien auf und ziehe zurück nach Frankfurt, scheide aber ganz aus der Lufthansa aus. In den nächsten Wochen werde ich hier aber noch meinen Vertrag erfüllen und alles geregelt meinem Nachfolger übergeben. Im Sommer werde ich Urlaub in den Bergen machen, auch um ein bisschen Abstand zu gewinnen. Und nach dem Sommer werde ich mich umsehen, wo ich meine Expertise weiter nutzbringend einbringen kann. Ich bin für alle Gespräche offen.

Die Lufthansa hat ja immer höhere Zielgrößen für die AUA genannt, damit in die Langstrecke investiert wird. Als Sie bei der AUA begonnen haben, waren es 100 Millionen Euro Gewinn, jetzt sind es schon 150 - wieso diese Erhöhungen?
Kratky: Diese Ziele hat sich das AUA-Management selbst gesteckt, die wurden uns nicht von der Lufthansa vorgeschrieben. Ich sehe diese Zielgrößen als wichtige Etappenziele. Wenn eines erreicht war, hat man sich ein neues Ziel gesteckt. 150 Millionen Euro sind wirtschaftlich sinnvoll. Bei allen Ergebniszielen, die durch kaufmännische und Finanzmarkterwartungen geprägt sind, muss man auch unternehmerische Entscheidungen treffen. Ich erinnere mich an die Zeit, in der ich Mitglied des Lufthansa-Passage- Vorstandes unter Carsten Spohr war. Wir hatten seit Jahren eine Rendite von rund zwei Prozent. Auch 2013 war sie mit 2,3 Prozent nach heutigen Maßstäben nicht wirklich ausreichend. Trotzdem wurde damals die größte Einzelinvestition in der deutschen Geschichte von Lufthansa getätigt. 14 Milliarden Euro Listenpreis in moderne, stückkostengünstige Langstreckenflugzeuge. Davon profitiert heute die Airline. Es gehören also zu solchen Entscheidungen auch immer unternehmerischer Mut und Vertrauen in die Zukunft.

Halten Sie denn 150 Millionen Euro nachhaltigen Gewinn bei der AUA für realistisch?
Kratky: Das denke ich schon. Wir nehmen jetzt gerade auch wichtige Verschiebungen bei den Strecken vor. Von weniger profitablen Strecken hin zu den profitableren. Das sollte dabei helfen.

Sie streichen Strecken, die vor nicht allzu langer Zeit nach langer Prüfung neu aufgenommen wurden. Wie kann das sein?
Kratky: Wir sind in den vergangenen Jahren einen durchaus mutigen Kurs gefahren, indem wir mehrere Langstrecken aufgenommen haben. Dazu zählen Shanghai, Newark, L.A. Das sind Strecken, die heute gut funktionieren. Andere funktionieren eben nicht, hier fehlte die Wirtschaftlichkeit, und deshalb ziehen wir die Konsequenzen und gehen wieder raus. Im Unterschied zur Bahn müssen wir ja keine Schienen legen.

An welchen Schrauben wird noch gedreht?
Kratky: Natürlich hinterfragen wir immer die eigene Kostenstruktur und sind auch dabei, einen Tarifvertrag für das Bordpersonal zu vereinbaren (zu Redaktionsschluss drohte der Betriebsrat mit dem Platzen der Verhandlung, Anm.) . Der würde zwar einmal etwas kosten, aber auch zu mehr Flexibilisierung und einer Produktivitätssteigerung führen. Und dann gibt es natürlich immer Gespräche mit unseren Partnern und Zulieferern. Wenn in Wien die An-und Abflugkosten um 60 Prozent über jenen in Deutschland liegen, dann ist das für einen Home Carrier kein tragbarer Zustand. Also muss man mit der Austro Control darüber reden. Aber auch andere Partner wie der Flughafen und Caterer werden an unserer Effizienzsteigerung ihren Anteil tragen.

Wie ist generell das Verständnis der Mitarbeiter dafür, dass man ihnen immer neue, höhere Ziele nennt?
Kratky: Ich hoffe und glaube schon, dass das Verständnis weitgehend vorhanden ist, dass solche Entscheidungen nach betriebswirtschaftlichen Kriterien zu treffen sind. Immerhin haben wir hier in Wien Wettbewerb, der global zu den brutalsten überhaupt zählt. Und da muss man sich finanziell gut aufstellen, um mitspielen zu können.

Und wie lange muss die AUA jetzt auf Investitionen in die Langstrecke warten?
Kratky: Da gibt es kein konkretes Zieldatum, es gibt auch andere Prioritäten, etwa wie man am besten mit den Low-Cost-Carriern umgeht. Je nachdem, wie das gelingt, wird entschieden. Außerdem haben wir keinen Zeitdruck, weil wir zwei 767, die wir im Leasing hatten, kürzlich gekauft haben. Wir haben also bis Anfang der 2020er-Jahre Handlungsfreiheit.


Da hat sich die Regierung ein bisschen vertan, als sie von österreichischer Fluglinie sprach.

Bei der 60-Jahre-Feier der AUA hat sich das aber so angehört, als wäre der Ausbau der Langstrecke für die heimische Politik nicht unerheblich. Bundeskanzler Kurz hat klar darauf gedrängt ...
Kratky: Wenn jemand Verständnis für wirtschaftliche Entscheidungen hat, dann ja wohl Bundeskanzler Kurz. Wir haben mit ihm gute Gespräche geführt, und ich spüre ein tiefgehendes Verständnis der aktuellen Regierung dafür, dass Wachstum nur dann erfolgen kann, wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen passen. Von dieser Seite kommt also kein Druck, wir sind vollkommen auf einer Linie.

Waren Sie mit der Regierung auch auf einer Linie, als diese sich für den Kauf der Air Berlin durch Niki Lauda starkmachte?
Kratky: Ich denke, da hat sich die Regierung ein bisschen vertan, als sie von österreichischer Fluglinie sprach. Es sei denn, Ryanair-Chef O'Leary hat inzwischen die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen. Aber es war interessant, diese Transaktion aus der ersten Reihe fußfrei mitanzusehen.


Was Niki Lauda mit der Air Berlin gemacht hat, ist reines Maklertum.

Verspüren Sie so etwas wie Ärger über Niki Lauda oder bewundern Sie ihn für den Coup sogar?
Kratky: Aus wirtschaftlicher Sicht ist das zu akzeptieren, aber ich habe die Vorgänge mit einem gewissen Amüsement beobachtet. Aus einer Eigenperspektive ist Niki Lauda eine gute Optimierung geglückt. Dazu kann man nur "Chapeau!" sagen. Dennoch denke ich nicht, dass ich so vorgehen würde, wäre ich in einer ähnlichen Situation, weil ich immer auch langfristig denke und die Belegschaft berücksichtige. Aber vielleicht bin ich deshalb auch kein Millionär!

Auch wenn Sie kein Millionär sind: Würde Sie eine eigene Fluglinie auch interessieren?
Kratky: Never say never. Aber eigentlich möchte ich lieber etwas Neues ausprobieren. Und was heißt eigene Airline? Lauda hat eine Airline gekauft und gleich wieder verkauft. Das ist reines Maklertum.

Vor knapp einem Jahr haben Sie gesagt: "In Wien ist genug Platz. Wir freuen uns auf mehr Wettbewerb". Sind Sie jetzt zufrieden?
Kratky: Ja, mein Wunsch ist in Erfüllung gegangen (lacht) . Aber im Ernst: Wenn alles so eintritt, wie es angekündigt wurde, dann wird das für alle Wettbewerber eine Riesenherausforderung. Schließlich fliegen die Low-Cost-Carrier ja nicht alle gegen die AUA, sondern auch gegeneinander. Man wird sehen, wie die Situation in zwei bis drei Jahren aussieht. Der Markt wird sich aber sicher verändern.

Ist es also jetzt zu eng in Wien?
Kratky: Ich bezweifle jedenfalls, dass es in Wien genügend Kunden gibt, um alle Fluglinien auslasten zu können. Da wird es für den ein oder anderen Carrier sicher eng werden.

Wie soll sich denn die AUA neben all den Billigfliegern positionieren? Mit Kampfpreisen?
Kratky: Nein, im Hardcore-Niedrigpreissegment sehe ich die AUA nicht. Man muss aber auch sehen, dass wir hier von unterschiedlichen Systemen sprechen. Die Low-Cost-Carrier fliegen von Punkt zu Punkt, während die AUA ein Netz fliegt. Natürlich ist diese Form teurer.

Kann das der Kunde unterscheiden?
Kratky: Dazu müssen wir "Preiswürdigkeit" erreichen. Der Kunde möchte Mehrwert erfahren und spüren. Mit den aktuellen Auszeichnungen von unabhängiger Seite, mit "Best Airline Staff Europa" zum fünften Mal in Folge und "Best Business Class Onboard Catering", sind wir auf dem richtigen Weg. Das ist darüber hinaus eine tolle Anerkennung für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und für unseren Catering-Partner Do & Co.

Die Ticketpreise werden runtergehen?
Kratky: Sie sind bereits runtergegangen, auch wenn das von höchst kompetenten Stellen kürzlich anders gesehen wurde.

Aber war's das jetzt, oder sehen wir noch niedrige Preise?
Kratky: Ich denke, das war's jetzt. Auch angesichts des Irrsinnsangebots von Level, wo man Flüge um einen Cent erstehen kann.

Haben Sie die Befürchtung, dass die AUA in der Eurowings aufgehen könnte, wie manche vermuten?
Kratky: Ich habe diesbezüglich noch keine Albträume und schlafe sehr gut. Mit Eurowings fahren wir eine bewusste Zweimarkenpolitik, auch in Frankfurt oder München. Aber wie der Konzern in fünf Jahren aussieht und wer mit wem zusammengeht, das kann man heute natürlich schwer voraussehen.

Sie kennen Ihren Nachfolger, Alexis von Hoensbroech, sehr gut, haben mit ihm zusammengearbeitet. Was wird er anders machen als Sie?
Kratky: Da fragen Sie besser ihn selbst!

Wie ist sein Führungsstil?
Kratky: Er ist ein supernetter Kerl, ein Vollprofi mit einem klaren Blick auf die Dinge.


Billigflieger nehmen AUA in die Zange

Wien sich zum Eldorado für Diskontflieger, die dem Home Carrier AUA sukzessive das Leben schwer machen. Mit Level, Wizz Air, easyJet, Vueling, der Ryanair-Tochter Laudamotion sowie der Billigkonkurrenz Eurowings aus dem Hause Lufthansa buhlen gleich sechs Anbieter um preisbewusste Kunden. Jüngster Neuzugang in Wien ist Level, ein Diskonter der British- Airways-Mutter IAG, der ab 17. Juli von Wien aus 14 Feriendestinationen anfliegen will.

Als Einstandsgeschenk gab es zuletzt Flüge um einen Cent. Besonders aggressiv tritt die ungarische Low-Cost-Linie Wizz Air auf, die Wien seit Juni anfliegt und schon nächstes Jahr die zweitgrößte Airline in Österreich sein will. Auch Laudamotion plant, in Wien auszubauen: 2019 sollen statt vier schon zwölf Maschinen Schwechat anfliegen. Man darf gespannt sein, wer den längsten Atem hat.


Das Interview ist dem trend Ausgabe 28-29/2018 vom 13. Juli 2018 entnommen.

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