Attensam: Facility-Manager und Menschenfreund

Oliver Attensam

Oliver Attensam, Firmenchef in zweiter Generation

Vor 40 Jahren begann die Familie Attensam in Wien Schneerräumdienste anzubieten. Daraus entstand eine Unternehmensgruppe mit 1.500 Mitarbeitern. Firmenchef Oliver Attensam über Klimawandel, Digitalisierung und die Politik als Herausforderungen und Mitarbeiter als Asset.

Zum 40. Firmenjubiläum hat Oliver Attensam sich und seinen Mitarbeitern ein besonderes Geschenk gemacht. Er ließ ein Buch produzieren, für das die Fotografin Valerie Loudon stellvertretend für die gesamte Belegschaft 152 Attensam-Mitarbeiter fotografierte und in dem ausgewählte Mitarbeiter ihre Geschichten erzählen. Es sind Bilder und Geschichten von Reinigungskräften, Lagerarbeitern, Fahrern und Büromitarbeitern, Menschen, die in 21 verschiedenen Ländern der Erde geboren wurden und von denen viele über abenteuerliche Wege zu dem Gebäudereinigungs-Spezialisten kamen, wo sie nun oft schon seit Jahren arbeiten.

Sie stehen stellvertretend für alle gut 1.500 Mitarbeiter des Familienbetriebs mit Zentrale in Klosterneuburg und 20 über alle Bundesländer verteilten Niederlassungen. „Die Mitarbeiter sind die Seele unseres Unternehmens. Wir haben nichts Spezielles erfunden, keine besonderen Maschinen oder Technologien. Sie sind es, die das Unternehmen ausmachen. Das Buch zeigt sie, wie sie sind und wie wichtig sie für uns sind“, sagt der 52-jährige Firmenchef, der die Firma seit 2004 in zweiter Generation führt.

Bescheidener Anfang

1980, als die Winter auch in der Bundeshauptstadt Wien noch strenger und deutlich schneereicher waren, gründeten Attensams Eltern, ermutigt von der Unprofessionalität anderer Dienstleister, ihre eigene, auf Schneeräumung spezialisierte Firma. „Wir sind irgendwie in diesen verrückt anmutenden Beruf hineingewachsen. Wenn es schneit herrscht Chaos und jede Arbeitskraft wird gesucht. Wenn es nicht schneit, ist nicht viel zu tun. Nur man weiß eben nie, wann es schneit. Das macht es relativ spannend“, sagt Attensam.

Trotz der zuletzt milden Winter glaubt er nicht, dass der Klimawandel das Geschäft mit den Winterdiensten bald zunichte machen könnte. "Rein statistisch gesehen hat es immer wieder schneearme und schneereiche Winter gegeben", sagt er. Und selbst wenn auch in Zukunft weniger Schnee fällt, dann macht sich der Firmenchef keine Sorgen um das Geschäft. Einerseits, weil es in den vergangenen Jahren dafür immer öfter Glatteis-Alarm gab und andererseits weil es ihm längst gelungen ist, das Unternehmen auf eine viel breitere Basis zu stellen und als Komplettanbieter für Haus- und Objektbetreuung aufzutreten.


Bianca Gruber (Assistenz Teamleitung Personal & Logistik Winterservice) und Adi Hausmann (Qualitätsmanagement & interne Organisation); fotografiert von Valerie Loudon für das Jubiläums-Buch "Gemeinsam Attensam"


Der Anfang war allerdings äußerst bescheiden. Die Familie ist bei null gestartet, hatte praktisch kein Geld. In einem Kinderzimmer wurde das erste Büro eingerichtet und die ganze Familie zum Arbeiten eingespannt. Auch der heutige Firmenchef, der als Jugendlicher ohnehin unter notorischem Taschengeldmangel litt, wurde zum Schneeräumen eingeteilt. „Meine Eltern meinten, dass ich ja arbeiten kann“, sagt er und erzählt von der Zeit, als er vor und nach der Schule am Wiener Arsenal beim Bemühen, die Gehwege vom Schnee zu befreien nahezu verzweifelte: „Es war furchtbar. Der Traktor hat schlecht funktioniert, ich musste viel selber schaufeln. Irgendwann hat mein Vater die Nerven verloren und mich da herausgeholt.“

Die zu der Zeit gesammelten Erfahrungen prägen den Unternehmer bis heute und erklären auch seinen Respekt gegenüber seinen Mitarbeitern. Bei allen oft sehr knappen Kalkulationen, die in der Branche der Gebäudereiniger marktbedingt erforderlich sind, sagt er: „Unsere Mitarbeiter müssen von ihrem Gehältern leben. Wir können ihnen nicht weniger zahlen, nur weil es weniger schneit.“

Experte für alles

Dass mit dem Winter alleine auf Dauer kein Staat zu machen ist wusste man bald. Schneeräumdienste sind zwar für das Unternehmen bis heute ein wichtiger Umsatzfaktor – etwa ein Drittel des Jahresumsatzes von zuletzt rund 72 Millionen Euro kommt aus dem Wintergeschäft – der Name Attensam steht aber mittlerweile für umfassende Gebäudereinigung und Facility Management. „Die Idee ist: Gib mir dein Haus und wir kümmern uns darum“, sagt Attensam.

Gut 30 Meister aus verschiedenen Berufen sind heute bei dem Unternehmen beschäftigt, darunter Gärtner, Elektriker, Gebäudereiniger, Schädlingsbekämpfer, Baumeister und Installateure. Das Angebot umfasst Büroreinigung, Gebäudereinigung, Grünflächenpflege und Gestaltung, Winterbetreuung, technische Wartung, kleinere Reparaturen: „Reinigung hört nicht bei der Reinigung auf. Bei einer abgeschlagenen Wand kann man den Boden davor noch so schön reinigen – sie schaut trotzdem furchtbar aus.“


Erich Geierspichler (Leiter Sonderreinigung) und Tünde Kileber-Szabo (Routenfahrerin Hausreinigung); fotografiert von Valerie Loudon für das Jubiläums-Buch "Gemeinsam Attensam"


Die größte Kundengruppe sind Hausverwaltungen, als deren verlängerter Arm vor Ort sich Attensam sieht. Um kleine Mängel wie Sprünge in der Wand oder Wasserflecken melden und beheben zu können hat das Unternehmen eine eigene Smartphone-App entwickelt, mit der die Mitarbeiter Problemstellen dokumentieren und den für die Reparatur benötigten Zeitaufwand automatisch den Kunden zurechnen können. Der Software-Entwickler gehört ebenfalls zum Mitarbeiterstab des Unternehmens. Die Digitalisierung ist auch im Geschäft der Gebäudereiniger und Facility-Manager angekommen und für Attensam sind die selbst entwickelten, auf die Anforderungen des Unternehmens und die Bedürfnisse der Mitarbeiter zugeschnittenen Lösungen entscheidende Faktoren, um im Wettbewerb die Nase vorn haben zu können.

Migranten herzlich willkommen

Bislang nicht angekommen sind bei dem Unternehmen hingegen die Flüchtlinge und Migranten der letzten Flüchtlingswelle. Für Oliver Attensam ein überraschendes Novum, denn das Unternehmen war über die Jahrzehnte seines Bestehens immer wieder eine Anlaufstelle für Menschen, die ihre Heimat aufgeben mussten. „Wir haben einen extrem hohen Migranten-Anteil. Ich finde das auch schön und faszinierend. Ich bin so aufgewachsen“, sagt der Firmenchef. Von der Polen-Krise in den 1980er Jahren über die Zeit der Jugoslawien-Kriege in den 1990er Jahren: „Die Leute standen immer wieder bei uns Schlange, viele sind zerlumpt gekommen, hatten keinen Pass. Ihnen haben wir Existenzen geschaffen, wir sind miteinander groß geworden.“

Etliche derjenigen, die einst mit leeren Taschen nach Österreich gekommen sind, nehmen mittlerweile im Unternehmen Führungspositionen ein und der Firmenchef bescheinigt ihnen einen außerordentlichen Arbeitseinsatz und eine schier unglaubliche Identifikation mit der Firma.

Der Firmenchef betont auch, dass es ihm wichtig ist, die Mitarbeiter - egal woher sie kommen - fair zu bezahlen. Und mehr als das: Attensam fördert zum Beispiel auch den Besuch von Deutschkursen, um die Mitarbeiter besser in das Unternehmen integrieren zu können.


Andreas Kieszling (Objektleitung Hausbetreuung) und Goran Prede (Reinigungskraft); fotografiert von Valerie Loudon für das Jubiläums-Buch "Gemeinsam Attensam"


Doch seit einigen Jahren weht im Land ein etwas anderer Wind, der dem Unternehmer nicht so behagt. „Heute wird das Flüchtlingsthema zwar heiß diskutiert, bei uns kommen aber keine an. Das ist schade, weil wir viele Jobs vergeben könnten. Wenn die Leute so ein Problem sind, sollen sie doch alle zu uns kommen. Wir finden schon etwas“, sagt Attensam, der von der neuen Regierung einen etwas anderen Kurs erwartet: „Die Leute sind heute so abgeschottet, haben keine Papiere, dürfen nicht arbeiten und müssen in Lagern warten, bis ihr Schicksal besiegelt ist. Wir könnten sie alle arbeiten lassen.“ Seine Hoffnung ist, dass die jetzige Regierung für die Wirtschaft etwas weiterbringt: „Das wäre gut und ganz wichtig.“

Einmal Ausland und zurück

Und was will der Firmenchef noch erreichen? Wie könnte das 50. Firmenjubiläum im Jahr 2030 gefeiert werden? Dass gefeiert werden muss steht für ihn außer Frage, denn die Rückmeldungen aus Mitarbeiterbefragungen haben gezeigt, dass sich die genau das wünschen.

Ins Ausland zu expandieren ist für Attensam zumindest aktuell kein Thema. Nach der Jahrtausendwende hat das Familienunternehmen schon einmal diesen Schritt gewagt und mit seinen Kunden über die Staatsgrenzen hinaus expandiert. Es gab Niederlassungen in Rumänien, Deutschland, Serbien, in der Schweiz und in Ungarn – bis die Finanz- und Wirtschaftskrise das Abenteuer jäh stoppte. „Ich bin in der Folge ein Jahr lang permanent im Flugzeug gesessen, von Belgrad nach Bukarest, nach Leipzig, Berlin, Düsseldorf, wieder nach Wien geflogen und zu retten versucht, was zu retten ist. Das war kein Leben mehr“, sagt Attensam, der am Ende froh war, die Niederlassungen wieder abgeben zu können. „Auf die Gefahr hin, dass ich nicht als der größte Hausbetreuer der Welt in die Geschichte eingehe habe ich mich wieder auf Österreich konzentriert“, scherzt er und betont, sich nicht verzetteln zu wollen.

Kategorisch ausschließen will Oliver Attensam ein da-capo allerdings nicht. „Wenn sich irgendwann einmal die Gelegenheit auftut, dann werden wir darüber nachdenken, aber wir suchen das nicht, denn wir haben so viel zu tun und es ist schon eine riesige Aufgabe, hier genug Mitarbeiter zu finden und zu halten“, sagt er. Er lasse die Zukunft auf sich zukommen: „Wir setzen uns keine Grenzen. Und wenn jemand kommt und sagt, wir sollen den Mond reinigen, dann machen wir auch das.“ Zumindest in dem für das Unternehmen produzierten TV-Werbespot ist das schon abgehakt.

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