Arbeitslosigkeit fast auf Vor-Corona-Niveau im Jahr 2019

Österreichs Arbeitsmarkt erholt sich: Die Arbeitslosigkeit ist im Juli mit 6,7 Prozent knapp über der Marke vom Juli 2019. Probleme gibt es bei der Langzeitarbeitslosigkeit sowie im Tourismus, wo die Fachkräfte fehlen. Die Zahl offener Stellen ist auf Rekordhöhe. Im Herbst soll eine Reformdebatte starten.

Arbeitslosigkeit fast auf Vor-Corona-Niveau im Jahr 2019

Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) spricht von einer atemberaubenden Dynamik am Arbeitsmarkt. Bis zu den Langzeitarbeitslosen hat sich dies noch nicht durchgeschlagen. Die 5. Kurzabreitsphase steht bevor.

Wien. Am Arbeitsmarkt zeige sich eine "fast atemberaubende Dynamik", sagte Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) bei einer Pressekonferenz am Montag in Wien. "Wir nähern uns dem Niveau der Arbeitslosigkeit von 2019 an." Die niedrigere Arbeitslosigkeit sei dem Tourismus und den Öffnungen nach dem monatelangen Lockdown zu verdanken. Im Tourismus habe sich die Arbeitslosigkeit fast halbiert. Aber auch in den anderen Branchen gehe die Arbeitslosigkeit zurück.

Ende Juli waren rund 344.000 Menschen ohne Job, um rund 16.000 weniger als vor einem Monat. 282.685 Personen waren beim Arbeitsmarktservice (AMS) arbeitslos gemeldet, um 6.177 weniger als im Vormonat. Auch die Anzahl der Schulungsteilnehmer ging um rund 10.000 auf 61.254 zurück. Damit gebe es jetzt nur noch um 10.900 Arbeitslose mehr als vor der Krise. Im Vorjahresvergleich ging die Arbeitslosigkeit um 101.266 zurück und lag im Juli auf dem Niveau von 2018.

AMS-Vorstand Johannes Kopf sieht derzeit einen "wirklichen Wirtschaftsboom". Seit Wochen gebe es Wachstumsraten über 10 Prozent. "Die Wirtschaft boomt, das führt zu Arbeitskräfteknappheit", sagte er im Ö1-"Mittagsjournal" des ORF-Radio. Möglicherweise liege die Arbeitslosigkeit in Kürze wieder auf dem Vorkrisenniveau von 2019.

Ganz und gar nicht so atemberaubend ist hingegen die Situation bei Langzeitarbeitslosen, die noch deutlich höher ist als vor der Coronakrise. 130.000 Menschen sind seit über einem Jahr ohne Job, wenngleich seit dem Höhepunkt Ende April die Zahl der Langzeitarbeitslosen um rund 18.000 zurückgegangen ist. Doch ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen noch immer rund 20.000 höher Dagegen steht die Zahl der offenen Stellen. Beim AMS werden mit 133.000 offenen Stellen ebenso ein Rekord notiert. Werden die Lehrstellen noch hinzugezählt, sind es 120.000.

Bei der Kurzarbeit gebe es erste Zahlen für die Kurzarbeitsphase fünf, diese seien aber noch nicht aussagekräftig, weil bis Mitte August die Kurzarbeit rückwirkend beantragt werden kann. Die Nutzung der Kurzarbeit werde jedenfalls "substanziell geringer" sein.

Insgesamt werde es schwieriger für die Betriebe, Arbeitskräfte zu finden. Das hänge mit der demografischen Entwicklung und derzeit im Tourismus vor allem damit zusammen, dass viele ausländische Saisonniers nicht wieder nach Österreich zurückgekehrt seien, weil sie in ihren Heimatländern Jobs fanden. Die Lage werde sich einigermaßen einpendeln, erwartet der Minister. Manche Betriebe müssten umdenken und auch Leute einstellen, die vielleicht länger arbeitslos waren oder gesundheitliche Einschränkungen haben, meinte Kocher. Es gehe etwa auch im Tourismus darum, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern.

Kocher möchte nun den August noch abwarten und dann entscheiden, ob er im Herbst in eine breite Diskussion über eine Reform am Arbeitsmarkt eintreten will. Wenn sich die Arbeitsmarktlage einigermaßen normalisiert habe, wolle er diskutieren, wie man den Arbeitsmarkt langfristig gestalte und das Einkommen in der Arbeitslosigkeit besser absichere. "Ich habe da kein Modell im Kopf", sagte er.

Fehlende Initiative der Regierung

Für SPÖ-Sozialsprecher Josef Muchitsch gibt es alles andere als eine Feierlaune. Bei 344.000 Arbeitslosen inklusive Schulungsteilnehmenden, um fast 20.000 Arbeitslose mehr als im Vergleichsmonat vor der Krise, gebe es "weder was zu feiern noch zu beschönigen". Es gebe keine echte Initiative der Bundesregierung gegen die Langzeitarbeitslosigkeit. Die SPÖ habe gute und bewährte Vorschläge eingebracht, wie die Aktion 40.000 und einen Corona-Beschäftigungsbonus für private Unternehmen, der dort 60.000 Jobs schaffen könnte. "Es müssen endlich Maßnahmen für die Menschen gesetzt werden, deren Situation sich durch diese Krise nochmals sehr verschärft hat", fordert Muchitsch.

FPÖ-Sozialsprecherin Dagmar Belakowitsch erklärt, dass sich die Betriebe "No-Na" wieder erholen, da sie nicht mehr "von der türkis-grünen Regierung weiter an die Wand gefahren" würden. Fantasielos und ohne jegliches Konzept seien auch die Versuche der Regierung, gegen die Langzeitarbeitslosigkeit anzukämpfen. "ÖVP und Grüne haben auch weiterhin keine Scheu davor, einen neuerlichen Lockdown zu verhängen", meint Belakowitsch. Offene Betriebe ohne 3G-Regeln, keine weiteren Lockdowns, Planbarkeit für die Betriebe und eine tiefgreifende Reform des Arbeitsmarktservice wären die ersten Ansätze, um den Arbeitsmarkt nachhaltig zu retten.

NEOS-Sozialsprecher Gerald Loacker kritisierte angesichts des Rekordhochs an offenen Stellen das Festhalten der Bundesregierung an der Kurzarbeit. Damit sorge man nur für eine "Konservierung" des Arbeitsmarkts: "So nützlich die Corona-Kurzarbeit anfangs war - nun fesselt sie Arbeitskräfte, die für viele Branchen, wie etwa der Gastronomie oder dem Tourismus, überlebenswichtig wären." Es sei daher höchst an der Zeit, die Corona-Kurzarbeit, die bereits mehr als 8,5 Milliarden Euro gekostet habe, auslaufen zu lassen und die Menschen wieder nachhaltig in Beschäftigung zu bringen.

Feststecken in der Arbeitslosigkeit, Krise nicht vorbei

Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl erinnert an die Langzeitarbeitslosen: Fast jeder zweite arbeitslos Gemeldete stecke inzwischen in der Langzeitarbeitslosigkeit fest und somit seit über einem Jahr ohne Beschäftigung.

Höheres Alter, Betreuungspflichten, gesundheitliche Herausforderungen oder längere Arbeitslosigkeit alleine seien für Unternehmen viel zu häufig Grund genug, diesen Menschen keine Chance auf einen Arbeitsplatz zu geben - während sie gleichzeitig klagten, sie würden niemanden finden.

Die AK-Chefin Anderl fordert ein Umdenken der Betriebe sowie weitere Maßnahmen der Regierung. Die Regierung soll die Aktion Sprungbrett ab 2022 mit zusätzlichen 300 Mio. Euro pro Jahr finanzieren und bis zum Ende der Legislaturperiode verlängern, nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit eine Jobgarantie für Arbeitslose geben und das Arbeitslosengeld von 55 auf 70 Prozent des Nettoeinkommens erhöhen, fordert die AK-Chefin.

Die Leitende ÖGB-Sekretärin Ingrid Reischl sieht noch keinen Grund zur Entspannung, denn "die Krise ist noch nicht vorbei". Daher brauche es Beschäftigungsprogramme zur Senkung der Arbeitslosigkeit. Das 5-Punkte-Programm des ÖGB umfasse Forderungen nach besserer Verteilung der Arbeitszeit, einer Offensive in der Ausbildung von FacharbeiterInnen, der Ankurbelung von privatem Konsum, einem Schub in der aktiven Arbeitsmarktpolitik (z. B. durch neue Arbeitsstiftungen) sowie einer Stärkung der öffentlichen Hand, etwa durch einen Comeback-Beteiligungsfonds.

Tourismus und Langzeitarbeitslosigkeit sind denn auch die beiden Punkte, die den Arbeitsmarktexperten am meisten Kopfzerbrechen bereiten.

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