"Wir müssen uns anstrengen, damit wir nicht weiter verlieren"

In der Post-Covid-Ökonomie kommen auf Europa neue ökonomische Trends und Herausforderungen zu - von höheren Inflationsrisiken und Umwälzungen am Arbeitsmarkt bis zum globalen Wettstreit um digitale Innovationen. Am Europäischen Forum Alpbach hat Alexander Börsch, Chefökonom von Deloitte Deutschand, die Problemfelder aufgezeigt.

Alexander Börsch, Chief Economist & Head of Research von Deloitte

Alexander Börsch, Chief Economist & Head of Research von Deloitte

Wie geht es nach der Corona-Pandemie weiter? Welche Dynamiken entstehen? Auf diese Fragen ging Alexander Börsch, Chefökonom von Deloitte Deutschland, im Rahmen einer vom trend geleiteten Diskussion am Europäischen Forum Alpbach 2021 ein.

Eines der Kernprobleme ist für Börsch der Arbeitsmarkt, und hier vor allem der demographische Wandel, die Überalterung und der dich daraus ergebende Mangel an Arbeitskräften. "Der Arbeitsmarkt wird noch viel enger, als er bereits ist. Die demographische Wandel setzt jetzt voll ein", betonte Börsch. Junge Arbeitnehmer seien jetzt schon gefragt und würden weiter zu einer "extrem gefragten Ressource".

Aufgrund der alternden Gesellschaft werde der Gesundheitssektor der Wachstumssektor der nächsten zehn Jahre. Politisch müsse zudem geschaut werden, Ältere länger in der Arbeit zu halten. Damit sei nicht gemeint, dass künftig bis ins hohe Alter Vollzeit gearbeitet werde. Es gehe um flexible Arbeitsformen. "Vielleicht wird die Gig-Ökonomie etwas für die Über-60-Jährigen, die projektweise eingesetzt werden - noch vor oder in der Rente", so Börsch.

Der demografische Wandel werde neben des Entstehens eines "irren Wachstumsmarkts der Health-Tech" auch Auswirkungen auf die Inflation haben. "Wenn der Arbeitsmarkt enger wird, dann gibt es höhere Lohnzuwächse. In Deutschland wird es laut seinen Schätzungen rund zehn Prozent weniger Arbeitskräfte geben. Das wird den Inflationsdruck über die nächsten Jahre deutlich erhöhen." Es sei zwar schwierig zu sagen, wie die Zentralbanken reagieren würden, "aber Nullzinsen dürften sich eher dem Ende zuneigen."

Automobilindustrie als Knackpunkt

Warum Europa den USA und China beim Wachstum nach der Coronakrise aktuell recht deutlich hinterherhinkt, hänge auch damit zusammen, dass Europa in der Krise viel tiefer gefallen sei. "Wir müssen uns schon anstrengen, damit wir nicht weiter verlieren", sagte Börsch. Eine große Gefahr sieht er auch darin, dass Europa auch in einem seiner industriellen Kernbereiche, der Automobilindustrie, aufgrund der Entwicklungen der Elektromobilität und des Autonomen Fahrens ins Hintertreffen geraten könnte."

Der europäische Automotive Sektor sei "sehr stark Richtung Verbrenner" ausgerichtet. Dort gebe es "die meisten Investitionen, die meisten Patente", doch "die Vorzeigeindustrie ist in einer riesigen Transformation. Da wird es mehr Wettbewerb geben - nicht nur mit amerikanischen Herstellern sondern auch mit vielen chinesischen Autobauern." China sei Marktführer in der Elektromobilität und größter Markt für die deutschen Hersteller. Denen liefern sehr viel österreichische Zulieferer zu. "Es ist extrem wichtig, dass wir diese Transformation halbwegs effektiv hinkriegen", sagte Börsch. Hier gebe es aber auch positive Signale. Beim letzten Autogipfel in Deutschland sei Hilfe für Zulieferer bei der Umwandlung thematisiert worden.

Chancen für Europa und Österreich

Insgesamt sei es für Europa wichtig, neue Technologien zu entwickeln. Schließlich spielt auch abseits des Automarktes hier die große (Zukunfts-)Musik. Für mehr Innovation und bessere Geschäfte sei eine weitere Vertiefung des digitalen EU-Binnenmarkts notwendig. "Es gibt zwischenstaatliche digitale Grenzen und kaum paneuropäische Unternehmen."
Börsch zeigte sich aber "skeptisch, dass eine klassische Industriepolitik eingeführt werden kann, die sagt, hier und hier wird investiert, weil sie politisch glaubt, das wird wachsen". Hier gehöre stärker in Richtung "Ökosysteme" gedacht: "Da entstehen Dinge, an die man nicht gleich denkt." Die Politik könne koordinieren, aber es müsse in Städten und Regionen funktionieren. Als Beispiel nannte Börsch die TU München. Dort würden Studenten mit Büros versorgt und mit Venture-Capital-Gebern vernetzt. Ein Beispiel sei Flixbus. "Welcher Politiker würde schon sagen, wir investieren jetzt in Reisebusse", fragte Börsch.

Auch für die in Österreich von der Regierung angekündigte Standortstrategie wäre es gut, sich auf regionale Hubs zu konzentrieren, sagte Börsch. "Es ist gut, regionale Schwerpunkte zu überlegen - wo haben wir welche Stärken, wo stehen wir im Wettbewerb gut da und können dies mit digitalen Themen weiterentwickeln." Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck hatte am Vortag gesagt, dass es hierzulande in der Standortstrategie 2040 um bestimmte Bereiche gehen werde: Etwa Mobilität und digitale Services, Kultur und Tourismus sollen in die Strategie. Derzeit laufe ein Top-down- und Bottom-up-Prozess mit 150 Unternehmen. Im nächsten Schritt sollen Bürger auf digitalem Wege eingebunden werden. Nächstes Jahr wolle man fertig sein.

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