Arbeit und Vergnügen - wie Ischgl Fachkräfte lockt

Arbeit und Vergnügen - wie Ischgl Fachkräfte lockt

Neuer Fokus: Zum Saisonstart hieß Ischgl nicht nur die Gäste willkommen, sondern ganz bewusst auch die Mitarbeiter, "Crew" genannt.

Weil Mitarbeiter im Tourismus zuletzt schwerer zu finden waren als Gäste, hat Ischgl sie einfach nach ihren Bedürfnissen gefragt. Überraschung: Ums Geld geht es nicht. Aber um Freizeitaktivitäten.

Ich bin schon mit der Seilbahn gefahren, jetzt habe ich mich zum Eislaufen angemeldet, und einen Tag im Skikurs will ich noch ausprobieren", sagt Christine Puschmann. Zum zweiten Mal verbringt sie den Winter im Tiroler Ischgl - allerdings nicht als Urlaubsgast: Puschmann arbeitet an der Rezeption des Gradiva-Apartmenthauses. "Jetzt kann auch ich Ischgl ein bisschen genießen", sagt die Mitfünfzigerin.

Die Rezeptionistin hat sich eine sogenannte Ischgl-Crew-Card besorgt. Mit dieser Karte bekommt sie zum einen Vergünstigungen in Geschäften und Restaurants. Zum anderen kann sie damit gemeinsam mit weiteren Mitarbeitern Eis laufen oder zum Yoga gehen, einen Gratisskikurs oder eine geführte Tour abseits der Pisten besuchen. Auch Deutschkurse gibt es, denn die Mitarbeiter stammen aus über 20 Ländern.

Organisiert wird das Freizeitprogramm vom örtlichen Tourismusverband TVB. So wie viele Urlaubsregionen haben auch die Ischgler festgestellt, dass es immer schwieriger wird, Mitarbeiter zu bekommen. Ende Dezember waren in ganz Tirol laut AMS noch rund 2.500 Stellen im Tourismus offen. Auch in Ischgl konnten nicht alle Stellen besetzt werden. Die Crew-Card soll dazu beitragen, dass das in Zukunft nur Einzelfälle sind.

"Wir sind das ganze Jahr über mit Mitarbeitern in Kontakt, um sie längerfristig zu halten", sagt etwa Werner Aloys. Er betreibt das Hotel Tirol, einen Viersternbetrieb, 39 Mitarbeiter braucht er für die Saison. Mit den Ansprüchen der Gäste seien auch die Anforderungen gestiegen: "Ein guter Kellner hat für die Saison deshalb drei, vier Angebote." Um die Besten konkurriere man heute auch nicht mit dem Betrieb nebenan, sondern weltweit, ergänzt Dietmar Walser, Geschäftsführer des TVB. Die Ischgler Unternehmen glauben deshalb, dass ihre Einzelmaßnahmen wie Gratiswohnung und -verpflegung nicht mehr attraktiv genug sind.

Seit der vergangenen Saison gibt es im TVB deshalb die Arbeitsgruppe "Destination Employer Branding". Lange war die Organisation damit beschäftigt, Ischgl für Gäste zu bewerben. Nun zählt sie auch potenzielle Fachkräfte zur Zielgruppe. "Wir sehen Ischgl als ein großes Unternehmen, das 3.000 Jobs bietet", sagt Lukas Parth, der das Thema im TVB übernommen hat. Heute sucht der Ort doppelt so viele Leute wie vor 15 Jahren.

Sport zum Ausgleich

Als Startpunkt wurden in der Vorsaison die Mitarbeiter befragt. Zumindest wenn man die gängigen Tourismus-Klischees heranzieht, sind die Ergebnisse der Umfrage überraschend: Mit den Unterkünften, die in vielen Regionen als Problem gelten, sind Mitarbeiter in Ischgl großteils zufrieden. Auch das Gehalt ist nicht das Hauptthema. Den größten Verbesserungsbedarf sahen die Befragten im Freizeitangebot, das in Ischgl auch nicht gerade günstig ist.

INFO. Im "Crew-Book" bekommen saisonale Mitarbeiter in Ischgl Informationen über Vorzüge für sie, aber auch eine kleine Nachhilfe im Paznauner Dialekt.

Hier setzt die Crew-Card mit dem organisierten Programm an. Rund 1.800 Mitarbeiter haben sie bisher genutzt. "Mit ihr können wir Mitarbeitern ein weiteres Zeichen der Wertschätzung geben", sagt Mirjam Aloys. Sie beschäftigt im Hotel Elizabeth 85 Mitarbeiter - für 80 Gäste. "Unser Service muss stimmen", erklärt sie. So sieht das auch Christoph Walser, Geschäftsführer der drei Intersport-Bründl-Standorte mit 78 Mitarbeitern. Die Saisonarbeit habe sich zumindest in Ischgl geändert, so Walser: "Das Bedürfnis nach Freizeit ist groß, wir bieten deshalb die Fünf-Tage-Woche an."

In Zukunft soll vor allem das gemeinsame Angebot für Mitarbeiter ausgebaut werden. Rund 100.000 Euro investiert der TVB. Fortbildungskurse sind ebenso geplant wie eine Website als zentrale Anlaufstelle für potenzielle Mitarbeiter sowie Besuche und Aktionen in Schulen.

Denn, so Touristiker Dietmar Walser: "Die Berufe im Tourismus sind besser als ihr Ruf. Das müssen wir zeigen."


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