Anders Indset: "Für einen Wandel ist die Krise nicht hart genug"

Er gilt als Rock 'n' Roller unter den Wirtschaftsphilosophen: Anders Indset, über die dramatischen Folgen von Corona für Wirtschaft und Gesellschaft, das Ende unseres Dämmerschlafs und die Hoffnung auf einen modernen Robin Hood.

Anders Indset: "Für einen Wandel ist die Krise nicht hart genug"

trend: Sie warnen schon seit Langem davor, dass die Gesellschaft über mehr Wissen denn je verfüge, ihr aber der Verstand dafür fehle. Glauben Sie, dass die Corona-Krise dazu führt, dass wir nun zu einem besseren Verständnis für die gesellschaftlichen Herausforderungen finden, gerade auch für jene, die durch Corona verstärkt werden?
Anders Indset: Ich glaube nicht, dass wir bisher viel daraus gelernt haben. Dabei zeigt Corona sehr deutlich, dass wir zwar unheimlich gut darin sind, Medizin für die vermögende Gesellschaft einzusetzen und gegen Krankheiten wie diese Pandemie anzukämpfen; in weniger vermögenden Ländern sieht die Situation jedoch viel fragiler aus. Wir sind eine Gesellschaft der Fragilität, weil alles mit allem zusammenhängt. Diese unfassbare Spaltung der Gesellschaft müssen wir auflösen, denn wir sind nur so stark wie das schwächste Glied - und dieses haben wir vernachlässigt. Das ist wohl die größte Erkenntnis.

Mit welchen Lehren, die wir daraus ziehen?
Dass sich die Gesellschaft deswegen großartig ändern wird, glaube ich weniger, dafür ist - metaphorisch gesprochen - zu wenig Blut in den Straßen geflossen. Diese Krise ist nicht mit dem Schwarzen Tod, der Spanischen Grippe oder dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar, sie ist höchstens ein kurzer Wachrüttelmoment. Schließlich leben wir seit dem Jahre 1970, seit dem Ende der Liebes-, Friedens- und Poprevolution, in einem 50-jährigen Nickerchen. Wir sind zu einer Reaktionsgesellschaft geworden, in der wir mit Hilfe von Technologien auf die Außenwelt reagieren und Fehler symptomatisch bekämpfen. Die Corona-Krise böte die Chance, dass wir uns endlich tiefgründig mit den Fehlern im System und den gesellschaftlichen Herausforderungen beschäftigen können.

Welche wären das?
Ich habe in meinem Buch "Quantenwirtschaft" bereits beschrieben, dass uns der digitale Tsunami erst bevorsteht - und das hat nichts mit der kleinen Welle der Digitalisierung zu tun, die durch die Folgen von Corona ausgelöst wurde. Die rasante Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Quantencomputern und Automatisierung wird massive Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft haben. Außerdem brauchen wir eine Veränderung hin zu einem humanistischen Kapitalismus. Dieser Turbokonsum, diese hyperkapitalistische Dekadenz- und Konsumgesellschaft kann so nicht weitergehen. Corona zeigt uns außerdem, dass Geschäftsmodelle, die schon davor nicht tragfähig waren, jetzt erst recht zu hinterfragen sind. Das betrifft beispielsweise den lokalen Handel in den Innenstädten versus Amazon, die Automobilbranche, die einiges an Wandel verschlafen hat, oder die großen Banken, die an alten Strukturen festhalten. Was wir jetzt brauchen, sind radikal neue Geschäftsmodelle und neue Jobs.


Es ist das Denken an sich, das wir jetzt heilen müssen, viel mehr noch als Corona.

Kurzfristig gesehen werden neue Geschäftsmodelle aber erst recht Jobs kosten ...
Wir werden nach dem Sommer einiges an Stellenabbau sehen, wenn die arbeitende Klasse keine Arbeit mehr hat - das ist eine höchst gefährliche Situation. Umso wichtiger ist es, zu verstehen, dass wir jetzt nicht nur kurzfristig den einen oder anderen Einzelteil rauskicken sollten, sondern eine Gesellschaft des Verstandes entwickeln müssen, in der wir verstehen, dass alle Dinge miteinander verbunden sind und in der wir uns vor allem ganz intensiv mit dem ökologischen Kollaps und dem Umgang mit dem digitalen Tsunami auseinandersetzen müssen. Es ist das Denken an sich, das wir jetzt heilen müssen, viel mehr noch als Corona.

ZUR PERSON. Anders Indset, 42, ist ein norwegischer Publizist, Investor und Unternehmer mit Sitz in Frankfurt. Als Wirtschaftsphilosoph ist er Sparringpartner für internationale CEOs und politische Führungskräfte sowie gefragter Keynote-Speaker. Sein 2019 veröffentlichtes Buch "Quantenwirtschaft - Was kommt nach der Digitalisierung" zählt zu den meistverkauften deutschsprachigen Wirtschaftsbüchern.

Das sind hehre Gedanken, aber die Wahrscheinlichkeit ist doch größer, dass sich dieser holistische Ansatz nicht so schnell durchsetzen wird ...
Ich stimme Ihnen zu, dass es eher so weitergehen wird wie bisher. Klar sehen wir in dieser Zeit jetzt eine Art Bewusstseinswandel, ein Stück mehr Menschlichkeit und Solidarität, aber für einen Wandel hin zu einem echten humanistischen Kapitalismus mit einem stärkeren Miteinander ist diese Krise nicht hart genug.

Mit welchen Folgen?
Es wird zu einer noch stärkeren Spaltung der Gesellschaft kommen. Umso dringender brauchen wir eine Umverteilung, eine Art modernen Robin Hood. Bernie Sanders hat etwa eine Einmalbesteuerung der Superreichen gefordert, und es gibt noch viele Instrumente wie etwa eine progressive Mehrwertsteuer oder eine Transaktionssteuer, die jetzt überlegt werden müssen. Auch sollten wir Konzepte wie das soziale Grundeinkommen jetzt testen, solange wir es uns noch leisten können.

Um das Denken der Menschen zu heilen, wie Sie es nennen, müsste man aber auf vielen Ebenen ansetzen, jedenfalls aber bei der Ausbildung junger Menschen, und beim Medienkonsum, der immer mehr in die Echoblasen der sozialen Medien abdriftet.
Völlig richtig, genau diese Systeme stehen vor enormen Herausforderungen. Wir haben ein Bildungssystem, das darauf ausgelegt ist, Informationen für eine finale Prüfung abzuspeichern, und dann fängt das Leben an. So funktioniert aber unser Leben nicht, sondern wir müssen ein Leben lang lernen. Eigentlich müssten wir schon im Kindergarten damit anfangen, uns mit philosophischen Fragen auseinanderzusetzen. Das Gleiche trifft auf Manager zu, die viele ethische Fragestellungen philosophischer Natur auf dem Tisch haben. Da landen wir unweigerlich bei den Kant'schen Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Sinn des Lebens? Für mich hat die Kontinentalphilosophie mit Kant, Hegel und auch Nietzsche - im Kontext des 21. Jahrhunderts neu gedacht - gerade jetzt sehr an Bedeutung gewonnen. Wir erleben die nahezu uneingeschränkte Verfügbarkeit von Informationen bei begrenzter Fähigkeit, diese zu reflektieren. Diese fatale Informationsgesellschaft müssen wir überwinden. Denn um die Welt zu retten, müssen wir zunächst eine Weltverständlichkeit entwickeln, was wir als Menschheit überhaupt wollen.

Ein Thema, das in den sozialen Medien doch eher eine untergeordnete Rolle spielt ...
Ja, leider leben wir in einer Headline- und Twittergesellschaft, in der suggeriert wird, man könne komplexe Themen in nur einer Minute erfassen. Das klingt supergut, bringt uns aber nicht weiter. Allerdings gibt es inzwischen erfolgreiche neue Podcastformate, die ein Thema zwei, drei Stunden lang behandeln. Das heißt, es gibt auch viele Menschen, die sich nach Tiefgang sehnen; da tragen die Medien eine große Verantwortung. Aber auch die Politik. Denn nur das Vorhandene zu verwalten und gegebenenfalls auf Druck der Gesellschaft zu reagieren, ist zu wenig. Gerade die Politik braucht ein deutlich größeres Verständnis für die weltweit zusammenhängenden Systeme.


Wir brauchen eine enkelfähige Gesellschaft mit Strategien über die nächste Wahl hinaus.

Aber selbst dort, wo dieses vorhanden wäre, wird das Wissen ja doch eher zum eigenen Vorteil genutzt als für das große Ganze.
Es geht überall darum, zu gewinnen und andere zu vernichten. Es geht um Kurzfristigkeit, um die nächsten Wahlen, um Macht und Profit. Alles ist auf Endlichkeit ausgelegt. Und mit der Technologie nimmt das alles an Geschwindigkeit zu - mit der logischen Schlussfolgerung, dass das System irgendwann einmal kollabiert. Darum brauchen wir ein Denken, das auf Unendlichkeit ausgelegt ist. Zumindest aber ein Denken, das die längerfristigen Konsequenzen jedweden Handelns im Kern versteht. Ein Begriff, der mir in diesem Zusammenhang sehr gut gefällt, ist die enkelfähige Gesellschaft. Wenn jeder an der Enkelfähigkeit arbeiten würde, dann hätten wir zumindest mal die nächsten zwei Generationen abgesichert. Dann gäbe es endlich Visionen und Strategien, die nicht nur bis zur Gesellschafterversammlung oder den nächsten Wahlen reichen. Dieser Systemfehler betrifft wiederum auch die Bildung, die ebenso auf Endlichkeit ausgelegt ist: Wir bilden Menschen für Jobs aus, die es in Zukunft nicht mehr geben wird.

Zum Prinzip der Unendlichkeit zählt ja auch auf die Kreislaufwirtschaft, für die Sie sich stark machen. Allerdings treten gerade die ökologischen Fragen unseres Planeten angesichts der Corona-Krise in den Hintergrund. Sind Sie zuversichtlich, dass Greta & Co. nur vorübergehend von der Bildfläche verschwunden sind?
Ich glaube, dass dieses Thema im Herbst wieder stark an Präsenz gewinnen wird, und ich bin auch zuversichtlich, dass wir die Welt vor dem voranschreitenden ökologischen Kollaps retten können. Das setzt zwar große Investments voraus, aber ich denke, dass hinter den Kulissen schon einige Dinge in die richtige Richtung passieren.

Was macht Sie da so zuversichtlich?
Im Gegensatz zum digitalen Tsunami gibt es bei diesem Thema eine emotionale Reaktion der Menschen. Sie spüren die Veränderung am eigenen Körper, sie erlebten Greta, die hysterisch durch die Welt gereist ist, wir sehen einen toten Wal in Norwegen voller Plastikmüll. Auch haben wir zuletzt gesehen, dass nicht jede Flugreise wirklich nötig ist. Und wenn wir jetzt noch eine andere Führung in den USA bekommen, die sich der nachhaltigen Form des Wirtschaftens verschreibt, hätten wir ein positives Role Model für die ganze Welt.

Die Digitalisierung werden wir doch auch am eigenen Leib spüren
Aber wir spüren die Kehrseite davon nicht so unmittelbar. Wir gehen zwar ins Kino und schauen uns Science-Fiction an, aber wir haben noch kein Gefühl für einen möglichen dystopischen Ausgang nach der Schöpfung einer digitalen Superintelligenz samt Verdrahtung unseres Gehirns. Für mich sind das die beiden Untergangsszenarien der Menschheit: der ökologische Kollaps und eine digitale Superintelligenz. Beide Themen müssen ganz oben auf unserer Agenda stehen - nicht nur die Entwicklung eines Impfstoffes.

DIGITAL T-BREAKFAST


Digitalevent: "Die Zukunft der Arbeit: Wie Digitalisierung, Krise und KI unsere Arbeitswelt verändern werden."

Veranstalter Magenta mit Anders Indset - dem Rock 'n' Roller unter den Wirtschaftsphilosophen.

Zeit: Dienstag, 1. September 2020, 8.30-10 Uhr.
Anmeldung: business_events <AT> magenta.at



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