Air Berlin im Tal der Tränen: 782 Millionen Verlust

Die Air Berlin hat erneut einen Rekordverlust eingeflogen. Das drohende Aus der Alitalia, mit der zuletzt eng kooperiert wurde, ist ein weiterer, schwerer Schlag für die strauchelnde Fluglinie. Die Europa-Strategie der an beiden Fluglinien beteiligten Emirates löst sich in Luft auf.

Air Berlin im Tal der Tränen: 782 Millionen Verlust

Neue Probleme sind das, was der deutsche Billigflieger Air Berlin am allerwenigsten braucht. Das Highflyer-Image, das die Diskont-Airline einst aufgebaut hatte, ist nach zahlreichen verlustreichen Geschäftsjahren endgültig zerstört. Seit 2008 wurden mit der Ausnahme des Jahres 2012, in dem ein kleines Plus übrig blieb, immer wieder Verluste eingeflogen. Mehrere Wechsel an der Unternehmensspitze konnten keine Wende herbeiführen, aktuell bemüht sich seit dem Februar Thomas Winkelmann, davor Chef der Germanwings, darum.

Die Sanierung der Airline ist jedoch eine nahezu unlösbare Aufgabe. Auch die im Oktober als letzte Chance eingeleitete Schrumpfkur und die Ende 2016 vollzogene strategische Kehrtwende haben zumindest noch nicht gegriffen. Im eben veröffentlichten Geschäftsbericht für das Jahr 2016 steht ein Rekordverlust von 782 Millionen Euro, nach einem Verlust von 446 Millionen Euro im Vorjahr. Schlimmer noch: Die Schulden der Fluglinie belaufen sich auf gut eine Milliarde Euro, der Aktienkurs der Fluglinie liegt nur noch bei knapp über 50 Cent.

Air Berlin (ISIN GB00B128C026) Aktienkurs im 10-Jahre-Verlauf. Stand vom 27. April 2017: 0,519 Euro. Für aktuelle Kursinformationen klicken Sie bitte auf den Chart.

Air Berlin (ISIN GB00B128C026) Aktienkurs im 10-Jahre-Verlauf. Stand vom 27. April 2017: 0,519 Euro. Für aktuelle Kursinformationen klicken Sie bitte auf den Chart.

Der Umsatz ging ebenfalls zurück, von 4,08 Milliarden auf 3,79 Milliarden Euro. Der Umsatz pro Passagier sank um 3,8 Prozent. Auch das Jahr 2017 begann mit roten Zahlen. Von Jänner bis März stand unterm Strich ein Minus von 293,3 Millionen Euro. Unternehmenschef Winkelmann betont, dass die Airline in der Lage sei, die begonnene Restrukturierung fortzusetzen, spricht aber selbst von einem "hochgradig unbefriedigenden Finanzergebnis". Winkelmann führt als Gründe dafür vor allem die weiter unscharfe Marktposition, das stark saisonabhängige Streckennetz sowie die hohen operativen Kosten an.

Last der Restrukturierung

Air Berlin ist dabei, sich neu zu erfinden und das Angebot auf Flüge innerhalb Deutschlands, zu europäischen Städtezielen und einigen Langstreckenverbindungen umzubauen. Vom davor wichtigen, sogenannten Warmwasser-Tourismusgeschäft zieht man sich zurück. Ab Mai will Air Berlin dafür weitere Verbindungen in die USA anbieten, gleichzeitig wurden viele Flugverbindungen gestrichen. Von ehemals 387 Strecken sind nur noch weniger als 100 übrig geblieben. Ein positiver Effekt ist, dass im gleichen Zug die Flotte auf Airbus-Flugzeuge harmonisiert wurde, was sich positiv auf die Wartungskosten auswirkt.

In dieser Situation trifft das drohende Aus der italienischen Alitalia die Fluglinie besonders hart. Die Alitalia-Mitarbeiter hatten vor wenigen Tagen gegen einen Sanierungsplan gestimmt und damit die Fluglinie, mit der Air Berlin zuletzt eng kooperiert hatte, in eine extreme Schieflage gebracht. Zur besseren Auslastung von Maschinen hatte Air Berlin, die immer noch zweitgrößte Fluglinie Deutschlands, mit den Italienern ein Netz gemeinsamer Flugverbindungen auf knapp 70 Strecken geknüpft, das nun wieder zu zerreißen droht.

Etihad muss entscheiden

Auch die an beiden Airlines beteiligte Etihad muss sich die Frage stellen, wie es nun weitergehen soll. Ein Aus der Alitalia würde die Europa-Strategie der Gesellschaft aus dem Golf-Emirat Abu Dhabi endgültig zunichte machen, und die Bereitschaft der Emirates, in die nachhaltig verlustreichen Beteiligungen weiter zu investieren tendiert gegen null.

Allerdings ist die Air Berlin ein wichtiger Talon beim weiteren Verhandlungspoker mit der Lufthansa, weshalb Etihad noch einmal über den eigenen Schatten springen könnte. Am Ende könnte die Lufthansa die noch verbliebenen Teile der Air Berlin übernehmen. Dabei müssten allerdings auch die Kartellwächter mitspielen. Schon bei den ersten 38 Flugzeugen, die Lufthansa von Air Berlin übernommen hat, musste getrickst werden. Die Maschinen und ihre Crews wurden letztlich nur über ein Wet-Lease-Abkommen vermietet, wogegen die Wettbewerbshüter nichts einwenden konnten.

Bei einer Übernahme müsste sich Etihad außerdem mit der Lufthansa einigen, wer die Milliardenschulden der Air Berlin tragen soll. Wenn es zu keiner Einigung kommt, steht auch eine Insolvenz der Air Berlin im Raum. In dem Fall könnte die Lufthansa als Retter einspringen und sich die Airline auf diesem Weg zumindest teilweise einverleiben. "Wenn es passiert, wird es sehr schnell gehen", erklärte ein Lufthansa-Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Bankgarantien und die Zustimmung der Politik seien für diesen Fall bereits eingeholt.

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Agatha Kalandra ist seit 2016 Partnerin und Leiterin des Management-Consulting-Teams von PwC Österreich und Member of the Management Board. Sie verfügt über einen MBA in Controlling und Finance und mehr als 25 Jahre Berufserfahrung. Ihr Fokus liegt auf Finance-Transformation, HR-Transformation und Sustainability.

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