Air Berlin: Das letzte Kapitel der Billig-Airline?

Air Berlin: Das letzte Kapitel der Billig-Airline?

Großaktionär Etihad Airways hat der Air Berlin den Geldhahn zugedreht und die Fluglinie damit in die Inslovenz geschickt. Staatshilfen sollen Chaos in der Sommer-Reisezeit verhindern, doch die Tage der seit Jahren extrem verlustreichen Fluglinie scheinen gezählt zu sein. Nur das Gehalt von Firmenchef Thomas Winkelmann ist noch gesichert.

Eines der vermutlich letzten Kapitel der Air Berlin hat begonnen. Die Billig-Fluglinie, die in ihrer Hochblüte zur zweitgrößten Airline Deutschlands gewachsen ist und die auch in Österreich ein bedeutender Player in der Luftfahrt werden konnte - nicht zuletzt durch die langjährige Kooperation mit der von Niki Lauda gegründeten "Niki", die schließlich zur Übernahme von "Niki" führte - musste am 15. August Insolvenz anmelden.

Die gute Nachricht für alle, die trotz der bekannten Finanznot Flüge bei der Airline gebucht haben: Zumindest in den nächsten drei Monaten soll der Flugbetrieb noch weitergeführt werden. Die Fluglinie erklärte, dass die Flugpläne weiter gültig bleiben, alle Flüge stattfinden, Tickets ihre Gültigkeit behalten und Flüge weiterhin gebucht werden können.

Die Kunden können allerdings nur hoffen, dass die gebuchten Flüge auch tatsächlich durchgeführt werden. Das Risiko trifft vor allem diejenigen, die selbst gebucht haben. Während Pauschalreisende zumindest finanziell abgesichert sind, schauen Selbstbucher bei Ausfällen nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens mit großer Wahrscheinlichkeit durch die Finger.

Interessantes Detail am Rande: Während die Passagiere um die Gültigkeit ihrer Flugtickets bangen müssen und Gläubiger um ihre Zahlungen, ist das Gehalt von Air Berlin Chef Thomas Winkelmann abgesichert: Für seinen bis in den Jänner 2021 laufenden Vertrag gibt es eine Bankgarantie über 4,5 Millionen Euro. Winkelmanns Grundgehalt liegt bei 950.000 Euro, es kann sich durch Boni verdoppeln.

Kredit hält Airline in der Luft

Eigentlich hätte die Airline, die zu Jahresbeginn noch 8.600 Mitarbeiter beschäftigte, den Flugbetrieb nach dem Insolvenzantrag sofort einstellen müssen, doch die deutsche Bundesregierung hat Air Berlin einen Übergangskredit in der Höhe von 150 Millionen Euro gewährt, dank dem es zumindest vorerst zu keinen Flugausfällen kommen soll. Die deutsche Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries zeigte sich zuversichtlich, dass die Lufthansa in den nächsten Monaten Teile der Air Berlin übernehmen wird. Der Kredit soll die Air Berlin Flüge bis dahin ermöglichen.

Besser ist die Lage bei "Niki": Die Airline mit ihren 850 Mitarbeitern wurde bereits im Dezember 2016 an Etihad verkauft. Etihad wollte zwar die Beteiligung in der Folge in ein neues Joint Venture mit dem Reisekonzern TUI einbringen, was gescheitert ist - für Niki soll jedenfalls kein Insolvenzantrag gestellt werden. Die bereits angesetzten Kollektivvertragsverhandlungen für die Niki-Mitarbeiter wurden jedoch abgesagt.

TUI wird sich nach dem Insolvenzantrag wieder Gedanken um seine Tochter Tuifly machen müssen: Tuifly hat 14 Flugzeuge samt Personal an die "Niki" vermietet und schickt einen Teil seiner Kunden in Air-Berlin-Fliegern auf Reisen. Die Flüge der TUI-Kunden bei Air Berlin seien derzeit nicht in Gefahr.

Der Flughafen Genf will sich jedenfalls schon auf nichts mehr einlassen und verlangt von der Air Berlin nun schon Landegebühren (440 Euro pro Landung) im Voraus.

Etihad hat den Glauben verloren

Die letzte Ursache für die nun mitten in der Sommer-Reisezeit eingetretene Inslovenz ist, dass Etihad der Geduldsfaden gerissen ist. Die Fluglinie aus Abu Dhabi erklärte, dass sie kein weiteres Geld bereitstellen kann. "Diese Entwicklung ist äußerst enttäuschend für alle Beteiligten, vor allem da Etihad in den vergangenen sechs Jahren weitreichende finanzielle Unterstützung für Air Berlin während früherer Liquiditätskrisen und für deren Sanierungsbemühungen gewährt hat", heißt es in der Erklärung.

Etihad war 2011 bei der Air Berlin eingestiegen und hält knapp 30 Prozent der Anteile. Noch im April hatten die Araber weitere 350 Millionen Euro zugesagt und nach eigenen Angaben Air Berlin für 300 Millionen Euro deren Anteil an "Niki" abgekauft. Nur dank dieser Zusage konnte Air Berlin einen Insolvenzantrag bisher vermeiden. "Doch das Geschäft von Air Berlin hat sich in einer beispiellosen Geschwindigkeit verschlechtert." Als Minderheitsaktionär könne Etihad kein weiteres Geld zuschießen und das eigene Risiko erhöhen.

Air Berlin schreibt seit 2008 - mit einer Ausnahme durch den Verkauf des Vielfliegerprogramms - Verluste. Im vergangenen Jahr lag das Minus bei 782 Millionen Euro, der der Schuldenberg ist mittlerweile auf rund 1,2 Milliarden Euro angewachsen. Die deutsche Wirtschaftsministerin Zypries hat ausgeschlossen, dass Deutschland auch nur Teile der Schulden der Airline übernimmt.

Die Aktie der Air Berlin (ISIN GB00B128C026), die ohnehin schon auf Penny-Stock-Niveau gefallen war, ist als Folge des Insolvenzantrags weiter abgestürzt und hat in einem ersten Schock rund 50 Prozent an Wert verloren. Zwischenzeitlich wurde die Aktie sogar vom Handel ausgesetzt, am Ende des Handelstags lag das Minus bei rund 34 Prozent.

Lufthansa signalisiert Interesse

Die Lufthansa hat bereits Interesse signalisiert, dass die Air Berlin Flugzeuge weiter fliegen und die Verhandlungen für eine Teilübernahme der Air Berlin schnell zum Abschluss bringen zu wollen. Nicht ohne Eigeninteresse: Schon jetzt sind mindestens 30 Mittelstreckenjets von Air Berlin samt Besatzung für den Lufthansa-Konzern im Einsatz. Die Maschinen fliegen für die Lufthansa-Billigmarke Eurowings und die zur Lufthansa gehörenden Austrian Airlines (AUA).

Die Lufthansa hat auch ein Eigeninteresse an dem Weiterbetrieb der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin. Schon jetzt sind mindestens 30 Mittelstreckenjets von Air Berlin samt Besatzung für den Lufthansa-Konzern im Einsatz. Die gemieteten Maschinen fliegen für die Lufthansa-Billigmarke Eurowings und die österreichische Konzerntochter Austrian Airlines (AUA).

Auch die britische Easyjet soll an Teilen der Air Berlin interessiert sein, und wenn es nur zu dem Zweck ist, den großen Konkurrenten am europäischen Billigflugmarkt, die irische Ryanair, nicht um Zug kommen zu lassen.

Ryanair gegen Rettungsaktion

Ryanair wiederum hat die Rettungsversuche für die Air Berlin scharf kritisiert. Der Insolvenzantrag sei "ganz eindeutig" mit dem Ziel arrangiert worden, dass Lufthansa die Air Berlin übernehmen könne, erklärte Ryanair-Sprecher Robin Kiely. Das verstoße gegen alle deutschen und EU-Wettbewerbsregeln. Ryanair hat deswegen bereits eine Beschwerde bei den Kartellbehörden eingebracht, die EU-Kommission prüft deren Rechtmäßigkeit.

Ryanair-Chef Michael O'Leary wirft Deutschland und der Lufthansa außerdem ein unfaires Vorgehen vor: "Das ist ein völlig abgekartetes Spiel. Es geht nur darum, Ryanair daran zu hindern, in Deutschland weiter zu wachsen, aber das wird uns nicht aufhalten." Mit einer Übernahme der Nummer zwei unter den deutschen Fluggesellschaften könne die Lufthansa nach seinen Berechnungen ihren Marktanteil bei Flügen innerhalb Deutschlands von 68 Prozent auf 95 Prozent ausbauen. Insgesamt käme sie damit in Deutschland auf 60 statt wie bisher 47 Prozent. "Das würde jede bekannte Kartellgrenze in Deutschland und der EU verletzen", sagte O'Leary.

Eine Chance, selbst Teile von Air Berlin zu übernehmen, rechnet sich Ryanair nicht aus. Die Transaktion werde dafür zu schnell über die Bühne gehen. Ryanair würden nur unattraktive Start- und Landerechte (Slots) angeboten.

Die deutsche Bundesregierung wies die Kritik von Ryanair zurück. "Die Vorwürfe, es handele sich um einen inszenierten Insolvenzantrag, sind abwegig", sagte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums.

Brigitte Ederer

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