"Adam Smith würde sich heute im Grab umdrehen"

"Adam Smith würde sich heute im Grab umdrehen"

Kate Raworth, Erfinderin der "Donut-Ökonomie"

Interview mit der britischen Ökonomin Kate Raworth, die ein radikal neues Wirtschaftsmodell entwickelt hat. Es soll der Ökonomie die wirkliche Welt zurückgeben, Gerechtigkeit schaffen und die Umwelt schützen. Nun wird sie dafür mit dem Kurt-Rothschild-Preis ausgezeichnet.

trend: Sie haben ein neues volkswirtschaftliches Modell erarbeitet. Es sieht aus wie ein Donut, also wie ein Krapfen mit einem Loch in der Mitte, und hat deshalb auch den Namen Donut bekommen. Aber warum haben wir überhaupt ein neues volkswirtschaftliches Modell gebraucht?
Kate Raworth: Noch nie zuvor haben wir so viel darüber gewusst, was auf der Welt geschieht, wie heute. Keine Generation vor uns hat so genau gesehen, welchen oft katastrophalen Einfluss unser Handeln auf die Umwelt hat und wie stark dann wiederum unser Leben von Dürren, Stürmen oder dem Anstieg des Meeresspiegels betroffen ist. Wir wissen, dass einige Grenzen bereits überschritten sind: Die Artenvielfalt geht schnell zurück, es gibt zu viel verbaute oder abgeholzte Flächen und vieles anderes mehr. Und wir wissen, dass es immer noch Millionen von Menschen gibt, denen es am Nötigsten fehlt. Das haben Keynes, Hayek und andere prägende Ökonomen so nicht erkannt. Ich sehe den Donut als unser momentanes Selfie. Er wirft neue Fragen auf und zeigt einen Weg, wie wir Antworten darauf finden können.

Wo setzt der Donut an?
Zunächst einmal beim Ziel. Die Volkswirtschaft des 20. Jahrhunderts wollte Gesetzmäßigkeiten finden und dass das Bruttoinlandsprodukt wächst. Der Donut definiert als Ziel: Decken wir die Bedürfnisse aller Menschen, allerdings innerhalb der Grenzen, die uns unser Planet vorgibt, von dem wir abhängig sind. Die Wirtschaftslehre spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie ist die Geisteshaltung, die die Gesellschaft formt.

Der Donut, also der Ring, ist in Ihrem Modell das, wo wir als Gesellschaften hinkommen wollen?
Ja. Dort, wo das Loch des Donuts ist, befinden sich zwölf Dimensionen, die für mich zur gesellschaftlichen Basis gehören und wo tendenziell Mangel herrscht: Sie reichen von Zugang zu Wasser bis zur politischen Teilhabe. Außerhalb des Donuts befindet sich die ökologische Decke, die wir tendenziell überschreiten. Etwa beim Klimawandel oder der Übersäuerung der Meere. Im Donut selbst herscht ein sicherer und gerechter Raum für die Menschheit auf Basis der Ökonomie.

What would a sustainable, universally beneficial economy look like? "Like a doughnut," says Oxford economist Kate Raworth.

Aber waren diese alten Modelle wirklich alle so falsch? Ihr Donut-Selfie zeigt ja nicht, welchen Fortschritt wir als Menschheit bereits gemacht haben, wie viel weniger Armut es zum Beispiel heute gibt.
Wir haben zweifelsohne einen unglaublichen Lauf gehabt als Menschheit. Die Armut hat sich verringert, die Lebenserwartung ist gestiegen, wir haben Seuchen eingedämmt. Das heißt aber nicht, dass es so weitergeht. Es gibt Menschen, die diesen Fortschritt auf wirtschaftliche Modelle zurückführen. Ich führe ihn auf fossile Brennstoffe zurück: Sie boten billige, leicht zugängige Energie, ermöglichten neue Technologien, veränderten Kommunikation, Transport und Handel. Heute kennen wir aber auch die Kehrseite dieser Medaille. Fossile Energie ist endlich, sie verursacht unfassbare viele Treibhausgase, und wir wissen, dass diese der Umwelt und somit uns schaden.

In Ihrem Buch nennen Sie Energie als wichtige Einheit einer neuen Ökonomie. Wie meinen Sie das?
Im 20. Jahrhundert haben wir Geld als wichtigste Einheit gesehen. Wir haben damit das Bruttoinlandsprodukt erfunden, wir haben so getan, als müssten wir allem einen Preis geben, damit wir es irgendwie in unserem System erfassen können. Aber wie geht das etwa bei unserem Ökosystem? Im 21. Jahrhundert werden wir viel mehr über Energie nachdenken, weil so vieles davon für uns und die Welt, in der wir leben, abhängt. Wer heute aber ein VWL-Studium beginnt, hört von Energie überhaupt nichts. Er sieht das Bild von Angebot und Nachfrage. Es besteht aus zwei Linien, die sich kreuzen, und besagt: Es gibt einen Preis, bei dem von einem Produkt gleich viel angeboten wie nachgefragt wird. Vom ersten Bild an ist die VWL dann auf das Konzept Markt verkürzt und auf die Vorstellung davon, dass es dort einen Gleichgewichtszustand gibt, den es in dieser Idealform natürlich nie gibt.

Womit beginnen Sie dann einen VWL-Kurs?
Mit einem Diagramm, dass die Wirtschaft, eingebettet in die Gesellschaft, zeigt und die Gesellschaft, eingebettet in den Planeten. Das Ganze ist durchzogen von einem Energiefluss, der zu Umweltverschmutzung und Abfall führen kann. Das eröffnet sofort eine ganz andere Diskussion, weil sofort klar ist, dass Wirtschaft nicht beim Markt aufhört.


Wir müssen von einem linearen zu einem zyklischen Denken kommen.

Es geht also darum, ein vollständigeres Bild zu zeigen?
Das ist der Anfang, weil sich eben dadurch sofort andere Ziel-Diskussionen ergeben. Adam Smith, einem der Gründerväter der Ökonomie und Vater der Vorstellung des komplett rationalen "Homo oeconomicus", war zum Beispiel völlig klar, dass Menschen von Eigeninteressen getrieben werden und diese auf einem Markt gut aufgehoben sind. Aber er wusste auch, dass Menschen auch andere Werte wie Gerechtigkeit, Mitgefühl oder Generosität haben und diese für das Funktionieren einer Gesellschaft ebenso wichtig sind. Er würde sich im Grab umdrehen, würde er wissen, wie wir sein Denken verdreht haben. Erst nach ihm wurde der Mensch in der Ökonomie darauf verkürzt, dass es sein einziges Ziel ist, reich zu werden. Das müssen wir wieder aufbrechen.

Wie zum Beispiel?
Wir Ökonomen müssen aufhören, nach Bewegungsgesetzen zu suchen, und stattdessen Designs entwickeln: Wie kann eine Volkswirtschaft aussehen, die von vornherein auf Verteilungsgerechtigkeit und Regeneration abzielt? Das heißt aber, dass wir uns vom linearen Denken verabschieden und zu einem zyklischen kommen müssen.

Was meinen Sie damit konkret?
Wir haben Rohstoffe gewonnen, damit das Zeug produziert, das wir gerade haben wollten, dieses genutzt und weggeworfen. Das ist ein lineares Modell. Ein zyklisches Modell führt zum Beispiel das Unternehmen Houdini vor, das Outdoor-Mode aus recyceltem Material produziert, zerschlissene Kleidung zurücknimmt und dann wieder weiterverarbeitet.

Es braucht also gar nicht immer den Staat?
Ich bin davon überzeugt, dass die neue Ökonomie in der Praxis entstehen und von einigen Intellektuellen getragen und weiterentwickelt wird. Viel positives Echo erhalte ich zum Beispiel bei Städteentwicklern. Sie denken darüber nach, wie jene Orte aussehen und funktionieren, wo in Zukunft die Mehrzahl der Menschheit wohnen wird. Sie müssen dabei in vielen Dimensionen denken, von der Wirtschaft bis zur sauberen Luft, von der Müllabfuhr bis zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie finden mein Modell hilfreich. Aber es ist klar, dass Einzelinitiativen nicht reichen werden, dass es industrieweite Zusammenarbeit braucht und sicher auch staatliche Regulierung. Wir müssen davon wegkommen, von Zulieferketten zu reden, die eben wieder linear sind. Es braucht Zulieferkreisläufe.


Es geht uns wie jedem Suchtkranken.

Ein klassisches lineares Modell ist auch die Annahme, dass Wirtschaft immer weiter wächst. Unser Pensionssystem, unser Arbeitsmarkt und vieles mehr hängen aber genau davon ab. Wie sollen wir davon wegkommen können?
Raworth: Zunächst bedeutet das, zu erkennen, wo wir überall von mehr Wachstum abhängig sind. Da geht es uns wie jedem anderen Suchtkranken auch. Beim Finanzsystem angefangen, ist alles darauf ausgelegt, dass die Wirtschaft immer weiter wächst. Ich habe keine schnelle Antwort auf die Frage, wie wir davon wegkommen, aber wir müssen damit anfangen, neue Modelle auszuprobieren, vom bedingungslosen Grundeinkommen angefangen bis hin zu neuen Finanzierungsmethoden.

Es ist auffällig, dass viele Start-ups angeben, mit ihren Produkten und Dienstleistungen die Welt besser machen zu wollen. Gleichzeitig setzen sie auf ziemlich klassische Finanzierungsmodelle. Von den Gewinnen profitieren dann nur sehr wenige.
Raworth: Mir sagen viele Unternehmen, dass sie unter dem Druck leiden, immer bessere Quartalszahlen oder andere Erfolge abliefern zu müssen, weil es ihre Shareholder oder Venture-Kapital- Geber verlangen. Deshalb glaube ich auch daran, dass es bei den neuen, großen Technologien auch eine neue Runde geben wird, wo nicht Marktdominanz im Vordergrund steht. Man wird sich die Frage stellen, was eigentlich die Aufgabe der Technologie ist und wie möglichst viele Menschen davon profitieren können. Die gleiche Technologie, die Uber benutzt, hat übrigens auch ein Start-up in Austin, Texas, aufgesetzt. Allerdings gehört die Technologie hier den daran beteiligten Taxifahrern. Das ist dann ein Beispiel für Verteilungsgerechtigkeit durch Design.


Wir tun, als ob wir den Verlauf nicht beeinflussen könnten.

Sie sagen, Sie haben für den Donut viel Zuspruch gekommen. Von wem kam dann Kritik?
Raworth: Immer wieder aus den Volkswirtschafts-Instituten. Einige Ökonomen sagen, dass es mir eben um Externalitäten gehen. Darunter verstehen klassische Ökonomen die Effekte, die außerhalb des Markes liegen. Aber wenn man heute von Dingen, die unser Leben so massiv beeinflussen wie die Zerstörung der Umwelt, von "Externalitäten" spricht, klingeln bei mir die Alarmglocken. Ich bin davon überzeugt, dass diese Sichtweise nicht mehr dafür geeignet ist, das 21. Jahrhundert zu erfassen. Das gilt für sehr viele ökonomischen Modelle, die unsere Volkswirtschaft geprägt haben.

Von welcher Vorstellung sollten wir uns noch verabschieden?
Raworth: Davon, dass scheinbar empirische Zusammenhänge sich immer weiter so fortsetzen. Wir haben zum Beispiel zwei Kurven, die wie ein umgekehrtes U aussehen. Die eine sagt, dass mit steigendem Wohlstand die Ungleichheit zuerst zunimmt, dann aber abnimmt. Die zweite sagt, dass parallel dazu die Umweltverschmutzung zunimmt, bei mehr Wohlstand aber wieder abnimmt. Wir nehmen das als naturgegeben, tun so, als könnten wir den Verlauf dieser Kurven nicht beeinflussen. Wir haben uns an viel zu einfacher Bilder gewöhnt. Sie schränken uns ein.

Wird das Bild vom Donut eigentlich auch noch stimmen, wenn die ganze Wirtschaft automatisiert abläuft?
Raworth: Wie alle anderen Bilder ist auch er nicht perfekt, aber man kann ihn als einen guten Kompass nehmen. Er zwingt uns, zu fragen, was der Sinn des wirtschaftlichen Handelns ist und wer davon profitiert. Ein großes Thema neben der Automatisierung ist zum Beispiel die Block-Chain- Technologie. Hier wird es viele Möglichkeiten geben, wie diese Technologie nicht zur Konzentration auf wenige führt. Sie könnte etwa die Energieversorgung wirklich über Haushalte regeln.


Zur Person

Kate Raworth, 49, hat in Oxford Volkswirtschaft studiert, wo sie heute ebenso wie in Cambridge lehrt. Sie arbeitete 20 Jahre lang für die Vereinten Nationen und die internationale Hilfsorganisation Oxfam. Seit dem Erfolg ihres Buches "Die Donut-Ökonomie" berät sie Unternehmen und Regierungen.


Buchtipp


Das Interview ist ursprünglich in der trend-Ausgabe 13/2018 vom 30. März 2018 erschienen.

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