Wikifolio CEO Andreas Kern: "Wir stehen erst am Anfang"

Wikifolio CEO Andreas Kern

Wikifolio CEO Andreas Kern

Vor zehn Jahren gründete Andreas Kern "Wikifolio", und gilt damit als der Urvater der heimischen Fintech-Unternehmen. Anlässlich des runden Geburtstags sprach Kern mit dem trend über aktuelle Entwicklungen am Fintech- und Bankensektor, Herausforderungen und Zukunftspläne.

Im November 2017 wurde Wikifolio-Gründer Andreas Kern eine besondere Ehre zuteil. Eine 18-köpfige Jury aus Business-Angles Investoren und Start-up-Gründern hat das von Kern gegründete Fintech-Unternehmen aus 150 vorab ausgewählten Start-ups zum besten österreichischen Start-up des Jahres 2017 gekürt. Die Social-Trading-Company, deren Idee sich an alle richtet, die bis zu einer halben Million Euro investieren wollen, hat die Juroren überzeugt und Wikifolio wurde ein großes Wachstumspotenzial eingeräumt.

Dabei kann Wikifolio bereits auf eine vergleichsweise lange Geschichte zurückblicken. Das Unternehmen wurde nämlich schon am 4. Juni 2008 offiziell im Firmenbuch eingetragen und feiert somit in diesen Tagen seinen ersten runden Geburtstag. Zu diesem Anlass sprach der trend mit Wikifolio-Chef Kern über die Herausforderungen, Chancen und Zukunftspläne.


"Wir wollen alle erreichen, die sich für Geldanlage interessieren"

Wikifolio CEO Andreas Kern

Wikifolio CEO Andreas Kern - ein Pionier unter den Fintech-Start-up-Unternehmern.

Wikifolio CEO Andreas Kern im trend-Interview: Angesichts des durch die Digitalisierung eingeleitetes Umbruchs am Banken- und Finanzsektor schmiedet der Fintech-Pionier zehn Jahre nach der Gründung des Social-Trading-Unternehmens weiterhin große Pläne.

trend: Im Juni wird Wikifolio zehn Jahre alt. Sie haben damals eines der ersten Fintech-Unternehmen gegründet.
Andreas Kern: Das ist richtig. Als wir im Juni 2008 mit Wikifolio gestartet sind, hatten wir schon die Bezeichnung „Wikifolio Financial Technologies“ im Firmennamen. Wir sind damit schon ziemliche Pioniere. Damals hatte man weder von Start-ups noch von Fintechs gesprochen.

trend: Seither hat sich eine Menge geändert. Viele Start-ups sind hinzugekommen und auch traditionelle Banken versuchen mittlerweile, mit Apps und anderen Angeboten mitzumischen.
Kern: Heute finden Innovation am Bankensektor auf zwei Ebenen statt. Auf der einen Seite gibt es die Fintechs, die viel ausprobieren und unterschiedliche Produkte entwickeln können. Banken versuchen das auch, aber eine Bank kann vielleicht eine Trading-App entwickeln, während es auf der anderen Seite tausende Start-ups gibt, die Trading Apps entwickeln. Gleichzeitig wird wird auch der Wettbewerb unter den Banken forciert. Das beginnt bei der Payment Service Directive, wo Banken Drittleistern den Datenzugang ermöglichen müssen. Natürlich hilft das den Fintechs, den Start-ups, aber auch den Banken untereinander.

trend: Der Kuchen ist also noch nicht gegessen?
Kern: Noch lange nicht. Dieses „Mehr“ an Wettbewerb wird meiner Einschätzung nach zu viel mehr Akzeptanz führen, denn bei aller Begeisterung – ich glaube, wir stehen erst massiv am Anfang. Es wird noch ganz, ganz viel passieren und ich hoffe, dass wir da ganz vorne dabei sein können.

trend: Banken suchen mittlerweile die Nähe zu Start-ups, wie das auch in anderen Bereichen der Wirtschaft der Fall ist. Holen sich die großen Geldinstitute jetzt die Start-ups herein, machen sie nach, was die Start-ups gemacht haben?
Kern: Das muss man sicher differenziert betrachten. Es wird Fälle geben, wo die Banken Dinge nachmachen, es wird aber auch viele Fälle geben, die Banken nicht einfach nachmachen können, wo sie kooperieren müssen. Unser Wikifolio ist so ein Fall. Dafür braucht man Skaleneffekte. Wir haben eine riesige Community von Tradern von allen Banken und jeder Trader auf unserer Plattform hat Interesse daran, bei Kunden aller Banken Sichtbarkeit zu bekommen. Daher auch unser Zugang über die Börse.


Uns kann keine Bank kopieren.

trend: Sie haben also keine Sorge, dass eine Bank kommt und Ihre Geschäftsidee kopiert?
Kern: Nein. Es macht Sinn, dass Wikifolio eigenständig bleibt. Ich glaube auch nicht, dass uns eine Bank kopieren könnte. Andere Dinge wie zum Beispiel eine Erleichterung einer Überweisung kann eine Bank dagegen natürlich kaufen oder kopieren.

trend: Aber der Bankensektor steht unter einem enormen Innovationsdruck.
Kern: Das stimmt. Aber was ich insgesamt aus der Vogelperspektive heraus glaube ist, dass die Entwicklung ein bisschen ähnlich sein wird wie im Bereich Telekommunikation. Ich kann mich noch an die Jahre 2002/2003 erinnern, als ich für das New Business bei One zuständig war. (Anmerkung: Mobilfunkanbieter, 2008 von Orange und 2013 von Hutchison 3 Austria übernommen.) Damals haben wir Musik eingekauft und weiterverkauft, Landkarten von Nokia eingekauft und Maps gemacht und dergleichen mehr.
Mittlerweile ist klar, dass solche Innovationen von global agierenden Unternehmen vorangetrieben werden und nicht lokal entstehen. Die Leute verwenden Google Maps oder Google Earth. Musik kommt auch nicht vom Operator, sondern von iTunes oder Spotify. Die Operator machen eben das Netzwerk, weil die Funkmasten sind eben nicht so leicht global zu lösen.

Wikifolio CEO Andreas Kern

Wikifolio-Chef Andreas Kern im Kreise seiner Mitarbeiter.

trend: Werden Banken ihre Service-Funktion verlieren?
Kern: Das haben sie zum Teil schon. Es gibt diverse Umfragen, in denen gefragt wird, was das wichtigste an einer Bank ist. Ganz vorne dabei bei den Antworten ist der Punkt, dass man nie in die Filiale muss. Und ich glaube, dass es für die Banken noch schwieriger wird. Noch schwieriger als für Handynetzbetreiber, denn sie haben keine kritische Infrastruktur wie Mobilfunkmasten. Dafür haben sie die Infrastruktur Bankfilialen, die langfristig nicht so sinnvoll sind. Banken werden es daher schwerer haben, die Größe für ein Geschäft beizubehalten.

trend: Das wirkliche Asset der Banken sind aber die Geldspeicher.
Kern: Bei den niedrigen Zinsen ist der im Augenblick sind die aber auch nicht wirklich Assets, sondern eher eine Belastung.

trend: Ich dachte eigentlich an das in den Speichern vorhandene Vermögen, das Kapital.
Kern: Ach so ja, das Geld – ich glaube, dass Banken zwei große Assets haben: Das erste ist die Marke. Bei allen Vertrauenskrisen ist - wenn es um Geldthemen geht - eine Marke immer noch gut. Zum Zweiten natürlich die großen Cash-Bestände der Banken.
Ob die ganze Produktvielfalt der Banken ein Asset ist, weiß ich allerdings nicht. Die macht alles ziemlich kompliziert. Wenn ein Start-up ein Produkt entwickelt, dann kann es das gut managen. Eine Bank hat dagegen hunderte Produkte, was eine ziemliche Komplexität mit sich bringt.
Aber es ist richtig: Das Geld und die Marke sind ziemlich starke Assets. Es würde mich aber nicht wundern, wenn bald einmal viele Banken deutlich unter ihrem Buchwert an den Börsen notieren um die negative Erwartungshaltung der Zukunft zu zeigen. Das wird im Retail-Bereich, wo es um Endkunden geht, noch viel schärfer sein als im Corporate-Bereich.

trend: Was für die Banken die Endkunden sind ist für Wikifolio die Community. Wie groß ist die aktuell?
Kern: Wir haben etwas über 10.000 aktive Trader, die Anlagestrategien betreuen, 150.000 registrierte Follower und ca. 1,5 Millionen Unique Visits pro Jahr.


Investoren sind dann bereit zu zahlen, wenn sie auch etwas davon haben.

trend: Sie haben Wikifolio als die "Demokratisierung des Anlagemarkts" bezeichnet.
Kern: Ja, weil bei uns jeder die gleiche Information und Orientierung bekommt, auch wenn er nur wenig Geld investieren will. Und wir arbeiten mit einem hauptsächlich erfolgsbezogenen Gebührenmodell: Wenn der Investor Geld verdient, wird ein Teil des Gewinns einbehalten und zwischen Wikifolio als Plattformbetreiber und dem Trader, der die Strategie entwickelt hat, aufgeteilt. Wenn zum Beispiel ein Wikifolio einen Wert von zehn Millionen Euro hat und auf zwölf Millionen steigt, gibt es auf die zwei Millionen z.B. zehn Prozent Gewinnbeteiligung – also 200.000 Euro - , wovon die eine Hälfte an Wikifolio geht und die andere an denjenigen, der die Strategie entwickelt hat. Das ist, was die Investoren wollen. Sie sind dann bereit zu zahlen, wenn sie auch etwas davon haben. Für das Trading usw. fallen keine Gebühren an. Man kann daher auch mit nur 1.000 Euro in ein Aktienportfolio mit 50 Aktien investieren, weil eben keine Handelsgebühren anfallen. Bei uns gibt es Preise wie an der Börse, ohne Gebühren – die gibt es sonst noch nirgendwo in Europa.

trend: Wikifolio wird seit 2011 vom deutschen Handelsblatt-Konzern unterstützt, hat 2014 sechs Millionen Euro in einer von Speedinvest strukturierten Runde bekommen und letzten Sommer weitere sechs Millionen. Das ist eine Menge Geld. Andere Start-ups kommen mit viel weniger Geld aus.
Kern: Ja, aber Fintechs arbeiten in einem rechtlich und regulatorisch sehr komplexen Feld. Außerdem brauchen sie große Skalierungseffekte, um profitabel zu werden. Ein Jobrocker kann zum Beispiel mit drei Headhuntern und ein bisschen vermitteln sofort profitabel sein. Ein Fintech-Start-up braucht dagegen oft Milliarden an Assets, um überhaupt profitabel zu sein.

trend: Während Wikifolio auf Social Trading und die Power der Community setzt gibt es andere Fintechs - Robo-Advisors - die den Handel Computern überlassen.
Kern: Bei uns gibt es keinen Robo, sondern die Community, die die Strategien macht. Es geht es um aktive Strategien, um das Suchen von Chancen. Es steht nicht ausschließlich Low-Cost im Vordergrund. Es ist ein Unterschied, ob eine reale Person dahinter sitzt, die Research macht und einzelne Aktien herauspickt oder ob ich ein breites Portfolio mache und ausschließlich darauf schaue, dass die Kosten ganz nach unten gehen.

trend: Sind Menschen immer noch die besseren Trader?
Kern: Das wird sich zeigen. Ich bin jedenfalls überzeugt, dass es bald auch einen Wettkampf der Robo-Advisoren geben wird. Davon sind derzeit ungefähr 50 in ganz Europa aktiv. Auf lange Sicht werden vielleicht drei oder vier von ihnen überleben, und zwar diejenigen, die die meiste Kohle anziehen. Die müssen daher auch voll aufs Gas steigen. Es sind viele Millionen Euro nötig, um ein Unternehmen zu pushen.

trend: Wikifolio wird derzeit mit rund 35 Millionen Euro bewertet. Sie sind nach wie vor wirtschaftlicher Eigentümer, es gibt aber schon eine Reihe gewichtige Shareholder.
Kern: Diese Bewertung ist allerdings schon eine Weile her. Wir sind vom Umsatz massiv gewachsen und machten 2017 auch einen Gewinn, die Bewertung sollte heute ganz anders aussehen. Davon unabhängig muss man so hohe Bewertungen mancher Start-Ups ein wenig relativ sehen. Man bekommt ja nicht einfach so Geld. Es sind damit Auflagen verbunden, diverse Klauseln, die Investoren schützen. Das heißt: Wenn ein Start-up 80 Millionen Euro aufstellt und dann nur mittelmäßig erfolgreich ist und der finale Unternehmenswert dann vielleicht „nur“ bei 100 Millionen liegt, dann bleibt den Gründern gar nichts. Oder nur bei einem extrem großen Erfolg, bei einem mittelmäßigen Erfolg bekommt der Investor alles.

Wikifolio CEO Andreas Kern

"Exit? Es gibt keinen Grund, über einen Exit nachzudenken."

trend: Der Exit ist bei vielen Start-ups von Anfang an fix vorprogrammiert. Sie sind nun schon ein Jahrzehnt dabei. Denken Sie manchmal auch einen Exit oder wollen Sie Wikifolio immer noch weiterziehen und wachsen lassen?
Kern: Natürlich denkt man ab und zu in diese Richtung. Nur wenn ich mir überlege, was ich denn jetzt täte, wenn ich schon verkauft hätte, dann würde ich wahrscheinlich einen langen, langen Urlaub machen und anschließend etwas Neues gründen. Dann denke ich mir, dass Wikifolio eigentlich ein super Modell ist und dass wir ein tolles Team haben, also alles gut ist. Dann gibt es auch schon keinen Grund mehr, weiter über einen Exit nachzudenken. Und ein längerer Urlaub wird sich in den nächsten Jahren auch so vielleicht einmal ausgehen.

trend: Wie sehen denn Ihre weiteren Pläne mit dem Unternehmen aus?
Kern: Wir haben noch viele Möglichkeiten, uns weiterzuentwickeln. Wikifolio ist jetzt eine reine Plattform. Und wir beginnen jetzt Schritt für Schritt, das Wikifolio Mediahaus aufzubauen - mit dem Ziel, mehr Leute für das Thema Anlegen zu begeistern. Das Ziel des Mediahaus ist es zum einen, Best-Practices rund ums Geldleben zu zeigen, zum zweiten aktuelle Chancen - Opportunities - zu zeigen und zum dritten natürlich auch unsere Talente aus der Community als Vorbilder zu inszenieren und ihre Philosophien vorzustellen. Mit den drei Elementen Best Practice, Opportunities und Talents können wir sehr spannende Inhalte produzieren, belegen mit Menschen, die auch tatsächlich echtes Geld investieren.

trend: Die Demokratisierung des Anlagemarkts ist dabei immer noch ein Thema?
Kern: Innovationen und der ganze Reichtum werden in den großen Unternehmen der Welt produziert. Darum finde ich es auch gut, wenn die Bürger mit kleineren Beträgen daran beteiligt sind und davon profitieren. Wir haben in Österreich eine Aktienquote von irgendwo um die sechs Prozent, in Amerika von über 40 Prozent, und das ist tatsächlich auch für die Gesellschaft schlecht, weil auf lange Sicht sind Aktien das allerbeste Vehikel, wenn man alle Risiken und Chancen gegeneinander abwägt. Ab einer Periode von fünf bis zehn Jahren gibt es keine andere Anlageklasse, die auch nur annähernd so gut performt. Man kann auch ausrechnen, was die Anleger verlieren, nur weil sie Geld am Konto liegen lassen, wo es nach der Inflation eine negative Performance gibt. Also ja, das ist immer noch ein Thema. Wir wollen alle erreichen, die sich für Geldanlage interessieren.

Top Start-up-Unternehmer 2017: Travis Pittman (TourRadar), Reinhard Nowak (Linemetrics), Andreas Kern (Wikifolio) und Petra Dobrocka (Byrd).

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