"Es muss einfach möglich sein, Menschen zu feuern"

Der Start-up-Investor Tim Draper ist durch Deals mit Größen wie Hotmail, Skype und Tesla reich geworden. Mit trend.at spricht er über seinen größten Fehler und erklärt, warum er am Niedergang seiner Branche arbeitet. Außerdem hat er konkrete Ratschläge an Christian Kern.

"Es muss einfach möglich sein, Menschen zu feuern"

Tim Draper

Manche Menschen bekommen das Geldverdienen in die Wiege gelegt, so wie es etwa bei dem US-amerikanischen Risikokapitalgeber Tim Draper der Fall ist: Schon sein Vater und Großvater waren als Investoren aktiv, er selbst hat in klingende Damen wie Hotmail, Skype und Tesla investiert – gerne erzählt er aber auch von seinem größten Rückschlag: Einer gescheiterten Beteiligung am Internetgiganten Google.

Draper, dessen Investoren-Netzwerk auch in Österreich unter dem Namen 3TS Capital Partners aktiv ist, meldet sich auch gerne in politischen Belangen zu Wort: Mit dem Projekt „Six Californias“ wollte er erreichen, dass der US-Bundesstaat Kalifornien in sechs kleinere Staaten aufgeteilt wird – denn das bestehende System hielt er für nicht mehr effizient genug. Bei einem Besuch in Wien sprach er auch mit dem österreichischen Bundeskanzler Christian Kern und unterbreitete ihm seine Vorstellungen zur Neuorganisation von Regierungen. Gewerkschaften dürften an den Ideen des Investors wenig Freude haben.

trend.at: Was sollte ein Start-up bieten, damit es für ein Investment von Tim Draper infrage kommt?

Tim Draper: Start-ups sollten wagemutig sein, das gilt besonders für Europäer. Als Start-up treiben sie Veränderung an. Das ist eine gute Sache, und sie sollte schwungvoll gemacht werden. Es ist nicht einfach, ein Unternehmen zu leiten, erst recht kein Start-up. Viele Kräfte arbeiten gegen sie. Das Establishment akzeptiert oft keine neuen Produkte. Sie müssen sich also mit Mut voranpreschen. Abgesehen davon suche ich nach Dingen, die Branchen verändern, die dominiert werden von faulen Oligopolen. Branchen, in denen die Kunden einen hohen Preis für ein schlechtes Angebot bezahlen. Dort kann man mit modernen Technologien neue Angebote schaffen, die diese Branchen auf den Kopf stellen.

Trifft das nicht auch auf die Branche der Risikokapitalgeber (engl.: Venture Capital, VC) zu?

Ja, wir werden schon jetzt durch Crowdfunding und Plattformen wie Angellist bedroht. Mein Sohn hat ein Unternehmen namens „Boost“, einen Accelerator – auch die bedrohen uns. Ich genieße diese Situation und treibe sie sogar an. Ich habe in rund 50 Fintechs investiert, weil ich die Entwicklung interessant finde: Hier gibt es Technologien, die eine Branche herausfordern, die hohe Preise für ein schlechtes Angebot verlangt. Das trifft nicht nur auf die VC-Szene zu, sondern auch auf Investment Banking, Banking allgemein oder Zahlungsdienstleister. Im Grunde wird sich die gesamte Finanzbranche verändern, weil Dinge wie Bitcoins und die Blockchain einfach viel effizienter sind. Die Menschen können diese neuen Technologien verwenden, um eine Branche zu verändern, indem sie bessere Angebote für die Kunden schaffen.

Aber machen Sie sich selbst als VC nicht obsolet, wenn Sie in Kräfte investieren, die Ihre Branche verändern?

Darauf lasse ich es ankommen. Ich will Branchen verändern. Und wenn das bedeutet, dass ich meine eigene Branche verändere, dann ist das fantastisch.

Sie haben in Unternehmen wie Hotmail, Skype und Tesla investiert. Wären diese Projekte auch ohne Ihr Investment groß geworden?

Keine Ahnung. Manche Unternehmen wurden sogar erfolgreicher, weil ich ihnen den Rücken zugewandt habe. Google zum Beispiel. Ich wollte mit meinen Partnern in Google investieren, aber die sagten, dass wir schon sechs Suchmaschinen im Portfolio haben und dass dadurch ein interner Wettbewerb entstünde. Rückblickend sage ich jetzt: Hätten wir damals in Google investiert, dann wäre es niemals so groß geworden. Denn wir hätten verhindert, dass sie die gleiche Technologie verwenden wie ein Unternehmen, das wir bereits im Portfolio hatten. Andererseits kann man aber auch sagen, dass wir mit unserer Unterstützung den Start-ups Hoffnung geben und sie antreiben.

Die VC-Szene in Europa, vor allem in Österreich, ist sehr klein. Brauchen die Start-ups überhaupt Geld von Risikokapitalgebern? Oder können sie auch ohne fremdes Geld wachsen?

Manche Start-ups werden rasch profitabel, und das ist die bessere Art des Wachsens: Mit dem Kapital, das die Kunden generieren anstatt mit dem Kapital der VCs, die es ermüdend finden, immer wieder neue Schecks ausstellen zu müssen.

Und wenn ein Start-up nicht das eigene Geld ausgibt, sondern das Geld von Tim Draper, dann geht es damit auch verschwenderischer um, oder?

Wir sagen den Start-ups, dass sie möglichst viel Geld aufstellen, es aber nicht gleich ausgeben sollen. Das ist vor allem am Anfang wichtig, bevor der Kunde das Produkt und dessen Wert erkennt und bereit ist, dafür zu bezahlen. Bis dieses Verhältnis hergestellt ist, sollte die „Burn Rate“ möglichst klein gehalten werden. Es kommt aber auch vor, dass Start-ups viel Geld aufstellen und plötzlich jede Menge Leute einstellen und das Geld einfach ausgeben. Dann weiß niemand, wo im Büro die Toiletten sind, aber es gibt ein riesiges Imperium, das irgendwann gezwungenermaßen kollabiert, weil es kein Kapital mehr gibt.

Und dann müssen die Mitarbeiter wieder gekündigt werden.

Ja. Und wenn man einmal Leute kündigen muss, befindet man sich in einer Abwärtsspirale. Und dann müssen Sie wieder von vorne anfangen.

Zwei Drittel Ihrer Start-ups scheitern, richtig. Fangen sie danach wieder neu an?

Manchmal spalten sich Mitarbeiter von den Unternehmen ab, weil sie mit der Stoßrichtung nicht mehr zufrieden sind und gründen dann eigene Start-ups. Das Ganze ist sehr organisch und dynamisch.

Auf dem Pioneers Festival haben Sie sich auch mit Bundeskanzler Christian Kern unterhalten. Worüber haben sie geredet?

Ich habe ihm gesagt, dass Regierungen nun im Wettbewerb zueinander stehen, um Leute wie uns anzuziehen. Die Menschen sind jetzt mobil. Eine Regierung sollte die Menschen also nicht zu kontrollieren versuchen, sondern gute Menschen anziehen. Wenn man das tut, ist man eine wettbewerbsfähige Regierung in einer Welt, die von starkem Wettbewerb der Regierungen geprägt ist. Regierungen sind wohl das nächste Ding, das effizienter und wettbewerbsfähiger werden wird – einfach deshalb, weil sie müssen: Menschen ziehen in ein anderes Land oder in eine Stadt, wenn sie mit der Vorgehensweise ihrer Regierung nicht zufrieden sind.

Bedeutet das auch, dass sie sich von Organisationen wie Gewerkschaften und Kammern verabschieden sollten?

Ich glaube, dass sie wettbewerbsfähig sein müssen. Wenn Gewerkschaften und Kammern die Wettbewerbsfähigkeit bremsen, dann lautet meine Antwort also Ja. Ich finde zum Beispiel, dass Gewerkschaften Teil-Eigentümer der Unternehmen sein sollten. Denn dann ist jeder ein Shareholder und hat Interesse daran, das Unternehmen erfolgreicher zu machen. Wenn das Management und die Gewerkschaft ständig über Arbeitszeiten und Löhne streiten, dann ist das ein Problem.
Ein Problem sind auch Beamten-Gewerkschaften. Wenn man Staatsbedienstete, die vom Steuergeld bezahlt werden, nicht kündigen kann, ist der Staat nicht so effizient und wettbewerbsfähig. Es muss einfach möglich sein, Menschen zu feuern. Wenn man Menschen leicht anheuern und feuern kann, dann können diese ihre Zeit sinnvoller nutzen. Viele Menschen kündigen, kurz bevor man sie feuern wollte – weil beide Seiten gleichzeitig erkennen, dass der Mitarbeiter für die entsprechende Position nicht mehr geeignet ist.
Wenn die Gewerkschaft aber zwanghaft versucht, seinen Arbeitsplatz zu erhalten, kann das ein Unternehmen – und auch einen Staat – zerstören.

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