"Start-up Spirit in Unternehmen bringen"

Sabine Hoffmann und Julian Kawohl

Sabine Hoffmann und Julian Kawohl

Unternehmen und deren Manager müssen ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand stellen, meint Julian Kawohl, Professor für Strategisches Management und Case Studies an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Man dürfe sich nicht vom eigenen Erfolg blenden lassen, andernfalls könnte der schneller Geschichte sein als man für möglich hält.

Julian Kawohl ist Professor für Strategisches Management und Case Studies an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Anfang Dezember hielt er im Rahmen eines Digital Breakfasts im ÖBB Innovation Lab einen Impulsvortrag Impulse zum Thema Entrepreneurship als Erfolgsfaktor zur täglichen Innovation. trend.at traf Kawohl gemeinsam mit der Gastgeberin des Digital Breakfasts, Ambuzzador-Gründerin Sabine Hoffmann, zum Gespräch.


trend: Herr Kawohl, Sie waren eben im Innovation Lab der ÖBB. Die Bahn versucht damit, den Start-up-Gedanken in ein sehr traditionelles Unternehmen zu tragen und Innovationen voranzutreiben. Es gibt einige ähnliche Ansätze in anderen Unternehmen. Wie erfolgreich können die sein?
Julian Kawohl: Aus solchen Innovation-Labs oder auch eigenen Abteilungen, die wie Start-ups funktionieren können neue Ideen entstehen, die dazu beitragen, den digitalen Wandel zu bewältigen. Es geht darum, den Start-up Spirit in Unternehmen zu bringen. Gerade in sehr traditionell Unternehmen wie eben auch der Bahn ist das aufgrund der Strukturen oft schwierig. Da treffen zwei Welten aufeinander, die wie Feuer und Wasser sind. Man erkennt die Brisanz der Thematik vielleicht auch nicht richtig. In agileren Branchen, zum Beispiel bei den Telcos oder den Medien, ist das anders. Wenngleich auch dort manche nicht realisieren, wie schnell Änderungen schlagend werden können.

trend: Gerade bei Medien ist es aber oft der Fall, dass über die Digitalisierung und ihre Auswirkungen berichtet wird, man im eigenen Haus aber nur sehr zaghaft darauf reagiert.
Kawohl: Dass nicht reagiert wird beschränkt sich nicht auf die Medien. Viele Unternehmen wagen es nicht, die notwendigen Schritte zu setzen, und sehr oft liegt das an den etablierten Strukturen und Prozessen. Wir haben dazu in einer Studie ermittelt, dass 65 Prozent der Unternehmen die eigenen Strukturen und Prozesse als Hindernis bei der digitalen Transformation sehen.

trend: Das Problem wird erkannt, aber man tut nichts?
Kawohl: Der Mensch ist eher nicht als Change-Agent geboren. Mehr, um Risiko zu verhindern. Er hängt am Arbeitsplatz und an Gewohnheiten. Deshalb setzen sich auch immer wieder die Bewahrer und Bremser durch. Das Thema muss eine kritische Masse erreichen. Die Lösung wäre, dass sich Unternehmen auch im Management von vielen Leuten trennen. Der Change-Prozess muss ganz oben stehen, von dort getragen werden und durch alle Ebenen gehen. Nehmen Sie Springer als Beispiel. Dort wurden in den letzten zehn Jahren 90 Prozent der Top-Führungskräfte ausgetauscht.


Manager müssen sich fragen, wie ihr Geschäft anders gemacht werden könnte, ehe es jemand anders tut.

trend: Sollte und müssten die Themen Transformation und Disruption und die Auseinandersetzung damit nicht zentrale Aufgaben eines jeden Managers sein?
Kawohl: Natürlich. Manager müssen sich die Frage stellen, wie ihr Geschäft von außen gestört werden kann und wie es anders oder besser gemacht werden könnte, ehe das jemand anders tut: Was jemand mit Technik machen kann und wie und mit welchen Mitteln ein Konkurrent die eigene Geschäftsidee neu erfinden könnte. Es gibt auch Beispiele, wo das geschehen ist. Der Stahlhändler Klöckner hat hat etwa seine gesamte Lieferkette digitalisiert, eine Kontraktplattform eingerichtet und verkauft jetzt Stahl, Aluminium und Metalle in einem Onlineshop. Und die Lufthansa hat mit Germanwings und Eurowings eigene Billigfluglinien eingerichtet.
Etablierte Unternehmen befinden sich aber oft im Innovations-Dilemma, wie der Wirtschaftswissenschaftler Clayton M. Christensen in seinem Buch "The Innovator's Dilemma" beschrieben hat. Wer immer gleiche Erfolgsparameter misst, übersieht vielleicht bahnbrechende Marktveränderungen und Technologien und deren disruptive Kraft. In Deutschland, dessen Wirtschaft wie auch die in Österreich sehr stark von der Kraft des Mittelstands getragen wird, ist man aktuell gefangen im Erfolg des Geschäfts.

trend: Die vielleicht größte Angst, die mit der Digitalisierung verbunden ist, ist die vor dem Verlust von Arbeitsplätzen.
Kawohl: Nicht nur Arbeitsplätze, sondern ganze Berufsbilder gehen verloren. Das des Steuerberaters zum Beispiel. Das ist auch der Grund, weshalb sich große Kanzleien wie EY oder PWC neu positioniert haben. Sie sind heute nicht mehr nur Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, sondern Innovationsberater. Anfangs wird die Digitalisierung immer Jobs kosten, doch dann folgt die Weiterentwicklung. Die Wertschöpfung verändert sich. Neue Jobs entstehen.

trend: Wichtig wäre es wohl auch bei der Bildung und Ausbildung anzusetzen. In Österreich war man hier bisher nur bedingt reformwillig.
Kawohl: Das ist in Deutschland nicht viel anders. Wichtig wären Stiftungen für Entrepreneurships für Schulen und Hochschulen. Um das Basis-Mindset für das Unternehmertum, für das Gründen eines Start-ups zu schaffen. Aber auch bei den Aufsichtsräten und den CEOs von Unternehmen wäre Bildung nötig. Und man muss den C-Level-Managern Zeit geben, Strukturen verändern zu können. Statt nur mit Zwei- bis Dreijahresverträgen vielleicht auch Manager mit Zehnjahresverträgen exklusiv an sich binden.

trend: Der Executive Digital Future Circle setzt ja genau hier an: Auf Top-Management-Level Bewusstsein für die Veränderungen zu schaffen
Sabine Hoffmann: Richtig, es geht uns beim EDFC darum, den Führungskräften zu zeigen, wie neuen, durch die Digitalisierung entstehenden Mittel nachhaltig und sicher in ihre eigenen Geschäftsmodelle integriert werden können. Das Open Innovation Lab der ÖBB ist ein gutes Beispiel dafür. Mittlerweile haben das bereits 1.600 Mitarbeiter aus allen Bereichen durchlaufen. Es ist auch wichtig, dass man solchen Initiativen eine Bühne gibt und zeigt, wo man sich etwas traut.
Unternehmen brauchen neue KPI's. Aber auch das Land Österreich, wo sich Bundeskanzler Kern auch stark dafür interessiert und engagiert. Eine neue Arbeitsflexibilität, die auch im Gesetz verankert ist. Und eine Art Co-Creation von Unternehmen mit der Politik. derzeit gibt es dazu keine Formate.


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CORPORATE MEETS STARTUP

Wie bekomme ich Innovationskraft in mein Unternehmen? Sind Start-ups die erlösende Antwort? Workshop mit Prof. Dr. Julian Kawohl zum Thema „Das Unternehmen der Zukunft“.

Termin: 16. Februar 2017/ 09:00 – 18:00 Uhr

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