Start-up-Investor Hermann Hauser: "Die Macht verschiebt sich"

Start-up-Investor Hermann Hauser: "Die Macht verschiebt sich"

Der aus Tirol stammende Investor und Innovationsberater Hermann Hauser spricht im trend-Interview über das Forschungsrennen mit den USA und China, seine Investments und warum Österreich mehr Venture Capital braucht. #GPDF18

trend: Sie haben im Jänner in Ihrer Funktion als Chair der High Level Group of Innovators dem EU-Kommissar einen Bericht präsentiert: "Europe is back", also "Europa ist zurück". Zweckoptimismus?
Hermann Hauser : Zur Zeit der industriellen Revolution war Europa die innovationsreichste Region der Welt, es fehlt uns also nicht an den Genen. Derzeit sind aber unbestritten die USA vorne, und China ist auf der Überholspur. In letzter Zeit ist zum Glück eine Änderung in der europäischen Einstellung zur Innovation passiert, das gibt Anlass zum Optimismus.

Die EU-Kommission und insbesondere die deutsche Regierung pushen das Thema Artificial Intelligence (AI). Ist das ein Feld, wo es im globalen Wettbewerb noch Chancen für eine weltmarktführende Rolle Europas gibt?
Hauser: Ja. Aber das betrifft nicht nur AI. Meiner Meinung nach gibt es vier grundlegende neue Technologien, die unser Leben in den nächsten fünf bis zehn Jahren verändern werden: AI, Blockchain bzw. Smart Contracts, die synthetische Biologie und Quantencomputer. Es ist einmalig in der Geschichte, dass gleich vier Technologien zeitgleich einen ganz wichtigen Einfluss auf unser Leben haben werden.

Sollte sich Europa nicht besser auf ein oder zwei dieser Felder statt auf alle vier konzentrieren?
Hauser: Das ist keine Option. Wir können es uns nicht leisten, dass wir auch nur eine von diesen Technologien auslassen.


Österreich war immer das Schlusslicht in Europa.

Was kann die EU tun, um das zu gewährleisten?
Hauser: Zunächst einmal natürlich die Universitäten unterstützen. Der ERC, der European Research Council, ist die weltweit beste Initiative, die ich dazu kenne -es ist erstaunlich, dass das aus der EU kommt. Wir haben bei diesem Thema wirklich starke Unterstützung aus Deutschland und Frankreich, den beiden Motoren der EU.

Und die nationalstaatliche Ebene?
Hauser: Österreich war immer das Schlusslicht in Europa. Das hat jetzt den Vorteil, dass wir die Fehler der anderen nicht wiederholen müssen. Die absoluten Zahlen sind zwar nach wie vor schlecht, aber die Beschleunigung ist ohne Zweifel da. Das große Manko bleibt die Verfügbarkeit von Venture Capital (VC). Außer Speedinvest und meinen Aktivitäten ist da fast gar nichts. Man sollte sich anschauen, was etwa in England funktioniert hat - und was nicht.

Sie sind seit fünf Jahren Mitglied des österreichischen Rats für Forschung und Technologieentwicklung. Sehen Sie Fortschritte?
Hauser: Es scheinen jetzt endlich Maßnahmen durchgeführt zu werden, für die wir in den letzten Jahren lobbyiert haben. Meine wichtigste Empfehlung ist, einen Fund of Funds in Höhe von zumindest einigen Hundert Millionen Euro einzurichten. Das ist eine Lösung, die in allen anderen Ländern erfolgreich implementiert worden ist. Das wäre auch das Neue an der Rolle des Staates im Innovationsprozess: Dass er nicht nur Strukturen zur Verfügung stellt, sondern auch Geld.


In Europa gibt es schon mehr Start-ups als in den USA.

Mit ihren Büchern zur Rolle des Staates im Innovationsprozess wurde in Österreich zuletzt auch Mariana Mazzucato intensiv diskutiert, sie wurde auch vom damaligen Kanzler Christian Kern nach Wien eingeladen. Wie bewerten Sie ihre Thesen?
Hauser: Ihr Argument für die Bedeutung des Staates bringt sie ausgezeichnet vor. In der Vergangenheit ist diese Rolle oft unterschätzt worden. Aber Mariana übertreibt das Argument etwas. Wenn ein Euro in die Grundlagenforschung geht, braucht es zehn Euro für die technische Entwicklung und 100 für die Vermarktung. Diese Relation sollten wir nicht aus den Augen verlieren. Aber es stimmt schon, dass ohne diesen einen Euro am Beginn oft nichts Bahnbrechendes entstünde. Am Ende ist es ein Zusammenspiel aus Staat, Universitäten, Risikokapitalgebern und Unternehmern.

Ihre Rolle als Chair der High Level Group - wie ist die definiert?
Hauser: Der European Innovation Council (EIC) wird offiziell 2021 aktiv - mit Horizon Europe, dem EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation. Bis dahin produzieren wir Piloten. Im Endeffekt geht es darum, das Instrumentarium zu definieren: Förderungen, Kreditgarantien und Eigenkapital. Das genaue Verhältnis zwischen diesen dreien ist dann vom Einzelfall abhängig. Equity ist immer nur als Katalysator gedacht, um das meiste Geld vom Markt zu bekommen.

Sie haben schon den globalen Innovationswettlauf angesprochen. Was kann Europa von den USA und China lernen?
Hauser: Die Größe der Investitionsentscheidungen. Das ist das Hauptproblem in Europa. Wir haben jetzt ja schon mehr Start-ups als in den USA. Wir haben also kein Start-up-Problem, sondern ein Scale-up-Problem. VC-Firmen mit milliardenschweren Fonds und einzelnen Investments von bis zu 100 Millionen Euro gibt es bei uns praktisch nicht. Genau das brauchen wir aber.


Es ist gut, dass es in Österreich immerhin so etwas wie ein Start-up Ökosystem gibt.

Sie haben auch schon die Firmen in Europa identifiziert, die es wert wären, so viel Geld in sie zu investieren?
Hauser: Zum Beispiel Graphcore, ein 18 Monate altes Unternehmen aus Bristol, das seit einem Monat den größten Chip der Welt herstellt -mit über 23 Milliarden Transistoren. Dieser Chip hat die Chance, der Mikroprozessor für Machine Learning zu werden. Sequoia Capital hat 50 Millionen Euro in dieses Start-up gesteckt. Graphcore hat das Potenzial, eine Zehn-Milliarden-Firma zu werden. Ich kannte das Team schon von zwei Firmengründungen davor und habe quasi blind investiert.

Auch in Österreich haben Sie in den letzten Jahren 21 Investments gemacht.
Hauser: Diese Beteiligungen sind noch sehr klein, aber das Gute ist, dass es in Österreich jetzt immerhin so etwas wie ein Ökosystem gibt. Und inzwischen gibt es auch die Bereitschaft der Politik, sich mit Digitalisierung zu befassen.

Vor rund einem Jahr haben Sie für Aufsehen gesorgt, indem Sie zumindest einem der drei großen deutschen Autobauer prophezeit haben, dass es ihn schon bald nicht mehr geben wird.
Hauser: Ich bleibe bei dieser Aussage. In zehn Jahren wird es drei bis fünf der größten Autofirmen nicht mehr als unabhängige Firmen geben, und darunter wird auch ein deutscher Autobauer sein. In der Autoindustrie ist seit der Erfindung des Fließbandes durch Henry Ford keine große Disruption mehr geschehen. Nun gibt es dort gleich zwei.

Das eine ist die Elektrifizierung.
Hauser: Ja. Die Elektrifizierung wird die deutsche Autoindustrie meistern, obwohl sie ihren derzeitigen Vorteil im Motoren-Know-how verliert. Es gibt ja aktuell sehr viel Geschrei rund um Tesla und Elon Musk. Aber Tesla ist bei diesem Thema ein Nebenschauplatz und für die Elektrifizierung der Industrie im Prinzip irrelevant. Die Deutschen werden mit ihrem tollen Ingenieuraufgebot bestimmt bessere E-Autos bauen als Tesla. Das Problem sind eher die Chinesen, die schon jetzt mehr E-Autos bauen. Der größte Batterienhersteller der Welt ist nicht etwa die Gigafactory in Nevada, sondern BYD in China.


Die deutschen Autofirmen werden ihre Kunden verlieren.

Das andere ist das autonome Fahren.
Hauser: Ja, und das ist für die deutschen Autofirmen wirklich ein Problem. Denn sie werden ihre Kunden verlieren. Wenn Mercedes und BMW dauerhaft reüssieren wollen, dann müssen sie ihren Service-Töchtern erlauben, ihre Autos auch an Anbieter wie Kia oder BYD zu verkaufen. Aber das bringen sie nicht zusammen, und falls doch, schießen sie sich selber aus dem Wasser. Die wirklich disruptiven Ereignisse sind jene, wo sich ein Durchbruch in der Technologie mit einem Wechsel im Geschäftsmodell verbindet. Deshalb hat ja auch ARM über Intel gesiegt.

Sie meinen, der entscheidende Faktor ist nicht das autonome Fahren an sich, sondern dass der Besitz von Autos keine so große Rolle mehr spielt wie in der Vergangenheit?
Hauser: Mich hat mein Sohn gelehrt, welcher Wandel da im Gange ist. Als er 18 war, habe ich ihn gefragt: Machst du jetzt endlich den Führerschein? Er war entgeistert und hat gemeint, das sei doch ein Mühlstein um seinen Hals: das Parken, die laufenden Kosten etc. Anfangs habe ich mir gedacht, dass es vielleicht nur die jungen Leute in London oder Cambridge so sehen. Aber es sind viel mehr. Und diese Umstellung geht jetzt ziemlich schnell.


Autonome Taxis werden viel billiger und angenehmer als alle Konkurrenzangebote sein.

Sie wetten ja mit einer eigenen Firma, FiveAI (5AI), auf diesen Wandel - und das nicht gerade klein dimensioniert.
Hauser: Ja, wir wollen London als erste große Stadt in Europa mit autonomen Taxis ausstatten: 10.000 Stück ab dem Jahr 2022. Unsere Kalkulationen zeigen: Sobald der Passagier willens ist, ein oder zwei Passagiere mitzunehmen, sind die Kosten mit jenen eines Busses vergleichbar. Autonome Taxis werden um so viel billiger und angenehmer als alle Konkurrenzangebote sein, dass dieser Wandel in den nächsten fünf bis zehn Jahren passieren wird. Die Macht verschiebt sich von den Produzenten des Autos zu den Serviceanbietern.

Noch wissen wir nicht, wie ein allfälliger Brexit im Detail aussehen wird. Aber wissen Sie schon, ob Sie selbst danach weiterhin beide Standbeine aufrechterhalten können - jenes in England und jenes in Kontinentaleuropa?
Hauser: Die Richtung wird sich ändern. Früher war ich zu 90 Prozent in England und zu zehn Prozent in Kontinentaleuropa. Künftig werde ich sicher mehr in Österreich sein.


Zur Person

Hermann Hauser , 70, studierte Physik in Wien und Cambridge. Seine Co-Gründung Acorn entwickelte u. a. den ARM-Prozessor. Mit seiner britischen VC-Firma Amadeus Capital ist der Tiroler ein begehrter Investor. Hauser berät als Vorsitzender der High Level Group of Innovators die EU-Kommission in Technologiefragen.


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