Shazam-Gründer Mukherjee: „Regeln bremsen jede Kreativität“

Shazam-Gründer Mukherjee: „Regeln bremsen jede Kreativität“

Dhiraj Mukherje, Co-Gründer von Shazam

Dhiraj Mukherjee, der Co-Gründer des Musikdienstes Shazam, ist einer der Top-Speaker beim 4GAMECHANGERS Festival, das vom 31. März bis 3. April in Wien stattfindet. Im trend-Interview spricht er über seine Erfahrungen, ein innovatives Unternehmen zum Erfolg zu führen, und warum es wichtig ist, schon als junger Mensch unternehmerisch zu denken.

trend: Sie haben Shazam 1999 mitgegründet und 18 Jahre später an Apple verkauft. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit geben Sie heute den jungen Unternehmern mit, die Sie beraten?
Dhiraj Mukherjee: Das Wichtigste für mich in der Zeit war stets Freundschaft zu meinen Kollegen und Geschäftspartnern. So sehr es natürlich ein zahlengetriebenes Business war, ist ein gutes Miteinander die wichtigste Voraussetzung für ein gut gehendes Geschäft.

Und die zweitwichtigste?
Mukherjee: Wer Erfolg haben will, muss hartnäckig bleiben – und das oft über eine sehr lange Zeit hinweg. Wir benötigten zum Beispiel ganz am Anfang einen bestimmten Vertrag mit einem Telefonanbieter. Mein Partner Chris war dafür verantwortlich und rief mindestens zehnmal dort an – ohne Erfolg. Dann rief ich zehnmal erfolglos an, schließlich wieder er. Erst beim 42. Anruf hob jemand ab und sagte: „Kein Problem, treffen wir einander.“ Und wir bekamen den Vertrag. Die meisten Leute hätten längst aufgegeben, aber genau das macht den Unterschied aus: Man muss einfach hartnäckig bleiben.

Kurz nach der Gründung platzte die Dotcom-Blase. Was haben Sie dabei gelernt?
Mukherjee: Wir waren inspiriert vom Dotcom-Boom mit einer Welt voller Möglichkeiten. Ich habe meinen MBA in Stanford, also im Herzen vom Silicon Valley, gemacht, überall sah man junge dynamische Unternehmen – also warum nicht selbst gründen? Drei Monate nach der Gründung, im Frühjahr 2000, platzte die Blase. Aber es war für uns schon zu spät. Wir hatten unsere Job aufgegeben, und danach war es nur noch eine Frage des Überlebens. Wir haben versucht, Geld von Investoren aufzutreiben, unsere Kosten zu reduzieren und Umsätze auf nur jede erdenkliche Weise zu generieren, um unseren Traum am Leben zu erhalten. Und wir haben es geschafft. Das hat uns sehr widerstandsfähig gemacht und uns auf alle weiteren Herausforderungen vorbereitet. Wenn es umgekehrt gewesen wäre, also wenn wir zuvor drei hervorragende Jahre gehabt hätten, dann hätten wir wahrscheinlich das Platzen der Blase nicht überlebt.

Das 4GAMECHANGERS Festival 2020 in der Wiener Marx Halle bietet von 31. März bis 3. April 2020 ein fulminantes Programm.

Im Zentrum aller vier Tage steht das Motto „The Power of Cooperation“: 4GAMECHANGERS bringt Unternehmer, Zukunftsdenker und Stakeholder aus Wirtschaft, Industrie, Politik sowie der Medienbranche zusammen und bietet ein vielfältiges Programm mit Topspeakern und spannenden Live-Acts.

Alle Informationen rund ums Festival finden Sie unter
4gamechangers.io

Eine Achterbahnfahrt als Schule für Unternehmer?
Mukherjee: Ja, wobei das kein Spaß ist, jedenfalls nicht so, wie wenn man auf den Rummelplatz geht und mit der Achterbahn unterwegs ist. Ein Start-up zu gründen, ist eine wirklich schwierige herausfordernde Karriereentscheidung. Und man muss bereit sein, trotz Warnungen weiterzumachen, und stets damit rechnen, dass nicht immer alles nach Plan läuft. Mein Großvater war in der Navy Commander-in-Chief. Dort war man darauf vorbereitet, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen. Es war sein Job, mit dem Unglück zu rechnen. Und das gleiche sollten gerade junge Unternehmer tun.

So etwas lernt man jetzt aber nicht auf der Universität …
Mukherjee: Die beste Möglichkeit, das zu verinnerlichen, ist die eigene Erfahrung, eine Herausforderung, etwas, wonach man sich nach der Decke strecken muss, die nicht erreichbar zu sein scheint. Als ich aufwuchs, war ich ein Pfadfinder. Wir waren in der Schweiz im Schnee kampieren und mussten ein Feuer fürs Abendessen machen. Doch das Feuer versank andauernd im Schnee, und beim Versuch, es am Leben zu erhalten, schmolzen meine Schneeschuhe. Als ich dann im Sommer campen war, war das im Vergleich dazu ein Vergnügen. Dennoch habe ich diese schwierige Zeit in der Schweiz gut in Erinnerung. Genau das ist der Punkt: Geht hinaus und macht eure Lebenserfahrungen. Das mag zwar manchmal schmerzvoll sein, aber es stärkt einen für die nächste Herausforderung.

Damit alleine schult man aber noch nicht das unternehmerische Denken.
Mukherjee: Nein, aber es gibt bereits viele spannende Programme in den Schulen. Ich war zum Beispiel Innovationsbeauftragter bei Virgin Money, wo wir ein Programm namens "Make 5 Pounds Grow" starteten. Schüler zwischen zehn und zwölf Jahren bekamen je fünf Pfund mit dem Ziel, das Geld in acht bis zehn Wochen zu vermehren. Sie konnten Zitronen kaufen und Zitronenlimonade daraus machen, oder Schwamm und Seife kaufen, um Autos zu waschen. Es ging einfach darum, ein Geschäftsmodell zu entwickeln und den Schülern dabei unternehmerisches Denken beizubringen.

Wie wichtig ist es für junge Leute heute, eine technische Ausbildung zu machen? Sie sind ja selbst auch kein Techniker.
Mukherjee: Als ich zwölf war, kaufte mir mein Vater einen PC, einen Sinclair ZX Spectrum. Das war 1982. Ich habe es geliebt, kleine Programme darauf zu schreiben. Als ich dann in die USA ging, musste jeder Student einen Computer haben. Und im Silicon Valley war ich von Ingenieuren umgeben. Obwohl ich also kein Techniker bin, hatte ich stets eine Vorliebe für Technologie. Was aber noch wichtiger war: Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu Technikern. Ich glaube also, dass es ist nicht für jeden wichtig ist, Blockchain und alle anderen Technologien genau zu verstehen, aber es ist wichtig, die Leute zu begreifen, die diese Technologien entwickeln, zu verstehen, wie sie denken, wie sie leben, worüber sie im Pub reden - dann kann man mit ihnen auch auf Augenhöhe kommunizieren.

Selbst Techniker zu sein ist also nicht Voraussetzung, in unserer digitalisierten Welt ein guter Unternehmer zu werden. Was ist es dann?
Mukherjee: Neben der Hartnäckigkeit und dem technischen Grundverständnis ist es vor allem Kreativität. Wir alle werden stets dazu gedrängt, nur ja unkreativ zu sein - in der Schule genauso wie in der Arbeit. Wenn es im Job heißt, das oder jenes hat man nach bestimmten Richtlinien zu erledigen, dann beginnt man erst gar nicht, kreativ zu sein. Wenn man hingegen auf natürliche Art und Weise agieren kann, dann ist man naturgegeben kreativ. Als kreativer Innovator versucht man gezielt, Probleme zu erkennen, und oft dienen alleine schon diese Probleme als Inspiration für eine Lösung. Das muss nicht immer eine technische Lösung sein, das kann auch ein Prozess sein. Die Quelle der Kreativität ist es, sich nicht in interne Details zu verlieren, sondern sich selbst in andere Menschen hineinzuversetzen, seine eigenen Erfahrungen und Stärken zu nützen und sich nach der Decke zu strecken, um neue Lösungen zu finden - und das ganz ohne künstliche Regeln. Denn diese bremsen jegliche Kreativität aus.

Sie kommen Ende März zum 4Gamechangers Festival und sprechen dort auch über Ihren Investmentansatz "Tech for good". Was verstehen Sie darunter?
Mukherjee: Ich glaube daran, dass Technologie die Kraft hat, etwas Gutes zu bewirken. Wenn ich mein Geld investiere, will ich damit Unternehmer unterstützen, die ihr Herz am rechten Fleck haben.

Zählen dazu auch Unternehmen, die zum Umwelt-und Klimaschutz beitragen?
Mukherjee: Noch nicht, aber wir suchen gerade sehr aktiv genau nach solchen Start-ups, weil das eines der dringendsten Themen unserer Zeit ist. Ich spreche etwa gerade mit einem Unternehmen, das daran arbeitet, mit Hilfe von künstlicher Intelligenz umweltfreundliche Portfolios für Investoren zusammenzustellen. Das ist enorm wichtig. Denn wenn man die vielen Milliarden, die ungenützt auf Konten und Sparbüchern herumliegen, gezielt zur Entwicklung neuer Umwelttechnologien einsetzen würde, könnten wir alle enorm viel zu Klima- und Umweltschutz beitragen.


Zur Person

Dhiraj Mukherjee 50, geb. in Delhi in Indien, studierte mathematische Wirtschaft am Dartmouth College und erwarb einen MBA an der Stanford University. Im Jahr 2000 gründete er gemeinsam mit drei Partnern Shazam, einen Dienst für Handys, um Titel und Interpret von zum Beispiel im Radio laufender Musik zu erkennen. Shazam wurde 2017/18 um 400 Millionen Dollar an Apple verkauft. Seither ist Mukherjee beliebter Redner und aktiver Angel-Investor.



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