Österreichs Start-up-Landschaft: Szene im Aufschwung

TourRadar - ein österreichisches Start-up am Weg zum milliardenschweren Unternehmen.

TourRadar - ein österreichisches Start-up am Weg zum milliardenschweren Unternehmen.

Die Voraussetzungen für Start-ups sind in Österreich nicht optimal. Dennoch führt im Jahre 2018 das trend-Ranking der innovativsten Gründer des Landes ein international agierendes Start-up mit dem Zeug zum Milliardenunternehmen an.

90 Hertz. Das ist die Frequenz, mit der die Stadt Linz geflutet wird. Sieben Seemeilen weit. Von einem riesigen Schiffshorn, in einer Hamburger Werft erzeugt, angebracht mitten in der oberösterreichischen Landeshauptstadt auf dem Dach der ehemaligen Tabakfabrik. Dort, in der denkmalgeschützten Industrieanlage, befindet sich der Mittel- und Ausgangspunkt von startup300 - einer Aktiengesellschaft mit rund 200 Business Angels, erfahrenen Gründern und innovativen Unternehmern als Gesellschaftern und einer Reihe von Tochtergesellschaften, die zusammen das größte und bedeutendste Start-up-Netzwerk Österreichs bilden.

Der Ton ist tief und durchdringend. "Immer, wenn ein geiler Scheiß passiert, drücken wir auf den roten Knopf", lacht Michael Eisler, Co-Gründer und gemeinsam mit Bernhard Lehner Vorstand der startup300 AG. Dann ertönt das Horn.

Und Anlässe dafür gab es heuer bereits genügend: die Übernahme von Pioneers, unter anderem Betreiber des Pioneers Festivals, der größten Start-up-Konferenz Österreichs, die Kooperation mit dem internationalen Coworking-Netzwerk Talent Garden, das soeben in Wien eine Dependance eröffnet hat, oder die Eröffnung der Strada del Startup Mitte November, einer 230 Meter langen Promenade mit Büro- und Werkstatträumen für Start-ups und Services von Unternehmen, die die innovative Umgebung als Platz der Begegnung nutzen wollen. "Und das ist erst der Beginn unserer Reise", freut sich Lehner.

Professionalisierung der Gründerlandschaft

Nicht zuletzt dank der vielfältigen Tätigkeiten von startup300 hat die Start-up-Szene in Österreich im heurigen Jahr einen spürbaren Aufschwung erlebt. Miteinander kooperierende Business Angels, weitere neue Start-up-Zentren und Initiativen etwa in Graz und Innsbruck, der Ausbau des Wiener Start-up-und Innovationszentrums weXelerate sowie das Engagement von Anwaltskanzleien wie Brandl &Talos oder Wirtschaftsprüfern wie KPMG führen in Summe zu einer Professionalisierung der Gründerlandschaft, die sich auch an konkreten Zahlen ablesen lässt.

Laut "Austrian Startup Monitor 2018", einer Studie von AIT, AustrianStartups und WU Wien, konnten die jungen Unternehmer, die eine neue Idee mithilfe von Risikokapital groß machen wollen und damit den Erfolgen von Facebook, Airbnb oder auch des Paschinger Fitness-App-Anbieters Runtastic mit seinem 220-Millionen-Exit nacheifern, ihren Umsatz im Vorjahresvergleich fast verdoppeln. Fast jedes zehnte Start-up erwirtschaftete im Vorjahr mehr als eine Million Euro Umsatz. Rund drei Viertel haben bereits internationale Märkte erschlossen und generieren Exportumsätze. (siehe auch Grafik)



"Start-ups sind zentrale Innovationsmotoren des Landes", sagt Bernhard Sagmeister, Geschäftsführer des Austria Wirtschaftsservice, das ein wesentliches Standbein für junge Start-ups in der heimischen Förderlandschaft darstellt, "sie tragen in Kooperationen mit bestehenden Unternehmen zum Erfolg des Standorts bei und schaffen nachhaltig neue Arbeitsplätze." So beschäftigt jedes Start-up im Durchschnitt acht Mitarbeiter, und praktisch alle wollen möglichst rasch wachsen und suchen vor allem neue Programmierer, Techniker, Produktentwickler sowie Sales- und Marketingexperten.

Der allgemeine Fachkräftemangel ist für die Gründer mittlerweile das größere Problem als der Geldmangel, der noch zu Beginn des aktuellen Start-up-Booms vor bald zehn Jahren viele Ideen scheitern ließ. "Derzeit fließt mehr Geld als je zuvor in den Markt", diagnostiziert Business Angel Hansi Hansmann, "viele Anstrengungen der letzten Jahre tragen jetzt Früchte." Das Start-up-Business ist endlich in der Wirtschaft angekommen.

Zu viel und zu wenig Geld

Im internationalen Vergleich seien die Summen zwar noch immer "herzlich wenig", so Hansmann. Vor allem im Bereich der sogenannten Anschlussfinanzierung, also wo gleich mehrere Millionen Euro notwendig sind, um einem Start-up zu einer international vergleichbaren Größe zu verhelfen, mangle es an Geld. Aber im mittleren sechsstelligen oder niedrigen siebenstelligen Bereich gab es noch nie so viele Start-ups mit erklecklichen Investments wie heuer - vom Wieselburger Agrartechnologie-Start-up Farmdok, das die Landwirtschaft digitalisieren will, bis zum Wiener Fintech cashpresso, das im Sommer 3,5 Millionen Euro für seine Online-Dispo-Kredite erhielt.

Alleine heuer wurden in Österreich ein halbes Dutzend neue Venture-Fonds gegründet, auch ausländische Fonds beginnen sich für Österreich zu interessieren, und etliche Konzerne haben endlich die Chance erkannt und investieren teils mutig, teils noch verhalten direkt in innovative Start-ups, von denen sie sich einen Digitalisierungsschub erwarten, oder schaffen ein Umfeld für entsprechende Kooperationen.



Die vielen neuen Player auf dem Venture-Capital-Markt sorgen aber auch für Bedenken. "Wenn man in Österreich mit einer halbwegs nicht depperten Idee und einem Zweierteam, das halbwegs pitchen kann, auftritt, hat man heute schon eine Garantie für ein sechsstelliges Investment", meint Hansmann, "da bekommen natürlich auch schwächere Start-ups viel Geld in die Hand." Oliver Holle, Gründer und Leiter von Speedinvest, dem größten heimischen Risikokapitalfonds, bestätigt: "Im Vergleich zu anderen Ländern tummeln sich in Österreich viele unerfahrene Start-up-Investoren am Markt, die schnell und unreflektiert größere Summen hergeben." Und auch Runtastic-Co-Gründer Florian Gschwandtner meint, es sei schon fast zu einfach geworden, an Geld zu kommen (siehe Interview).

Zwar räumt Hansmann ein, dass durch die vielen Versuche, ein Start-up hochzuziehen, die Wahrscheinlichkeit dafür steige, dass das eine oder andere zu einem Highfligher werde - immerhin werden in Österreich pro Jahr über 150 neue Startups gegründet, in den vergangenen zehn Jahren waren es in Summe weit über 1.000. Dennoch gebe es in Österreich leider "unheimlich wenige" qualitativ hochwertige, skalierbare Start-ups mit einer Chance auf Unternehmensbewertungen von jenseits der 100-Millionen-Euro-Marke.

Das beste Start-up 2018

Eines dieser Start-ups, dem sogar zugetraut wird, das erste Unicorn Österreichs zu werden - so nennt man Start-ups mit einer Bewertung mit mindestens einer Milliarde Dollar - ist TourRadar. Im Juni erhielt das Wiener Start-up, das vor fünf Jahren von zwei australischen Brüdern gegründet wurde und sich auf geführte Gruppenreisen spezialisiert hat, im Rahmen einer sogenannten Series-C-Runde 50 Millionen Dollar, hat heuer seine Mitarbeiterzahl verdoppelt und den Umsatz verdreifacht.


TourRadar spielt in einer anderen Liga.

Oliver Holle, Speedinvest

Und ab sofort darf sich das Team rund um CEO Travis Pittman als das "beste Start-up Österreichs" bezeichnen: Tour-Radar erreichte im aktuellen trend-Ranking der besten 100 Start-ups Österreichs den ersten Platz.

18 der erfahrensten Start-up-Experten des Landes haben in den vergangenen Wochen für den trend ihre Bewertung zu allen relevanten Start-ups Österreichs abgegeben; das Votum setzt sich aus über 3.000 Einzeldaten zusammen. Jurymitglied Holle, der mit Speedinvest von Anfang an in TourRadar investiert ist, zollt dem Sieger Respekt: "TourRadar spielt in einer anderen Liga und riecht anders als ein klassisches österreichisches Start-up." Die 180 Mitarbeiter stammen aus über 50 Nationen - jüngst wurde etwa der ehemalige Personalchef von Uber New York eingestellt -, Büros in Brisbane und Toronto erleichtern den weltweiten Vertrieb in einer globalen Nische, und die Beteiligung des Silicon-Valley-VC-Fonds TCV, der auch schon bei Netflix, Facebook, Spotify, Airbnb und TripAdvisor dabei ist, zeige, so Holle, "dass TourRadar in Richtung Unicorn unterwegs ist. Das wäre eine neue Dimension für die österreichische Start-up-Szene."



Die Gefahr, dass TourRadar davor aus Österreich abwandern könnte, bestehe laut CMO Michael Pötscher nicht - obwohl dieser Wunsch schon mehrfach seitens internationaler Investoren geäußert wurde. Sie verlangten als Voraussetzung für eine Geldspritze die Verlegung des Hauptsitzes in die USA. Es sei die Ungewissheit, was die europäischen und österreichischen Regulatorien betrifft, die viele Investoren zurückschrecken lässt: "Wir haben uns hier eingelebt, fühlen uns wohl und wollten nie aus Wien weg." Da wurde lieber auf das eine oder andere Investment verzichtet.

Auf die Frage aber, ob das Team Tour-Radar heutzutage wieder in Wien gründen würde, kommt eine klare Absage: "Nein, weil es hierzulande viel schwieriger ist, wirkliche Toptalente nach Österreich zu bekommen." Das liege einerseits an dem noch immer viel zu kleinen und international unbedeutenden Ecosystem, das viele wenig anziehend finden, andererseits an den bürokratischen Hürden: "Es dauert oft ein halbes Jahr, bis jemand bei uns anfangen darf. Wir haben einen Mitarbeiter alleine dafür abgestellt, die Formalitäten rund um die Rot-Weiß-Rot-Karte abzuwickeln. Das ist ein echt langwieriger und langweiliger Prozess."

Gefragte Politik

Die Forderung, den Prozess um die geregelte Zuwanderung zu vereinfachen, kommt von allen Seiten der Szene. Business Angel Michael Altrichter schlägt etwa eine Interim-Karte vor, um ausländische Experten schneller ins Land holen zu können. Investor Hansmann will noch mehr: "Wir sollten den benötigten Fachkräften den roten Teppich ausrollen und sie möglichst rasch und unkompliziert ins Land holen, vor allem aus den Ostländern. Das sind unglaublich hungrige und exzellente Experten, die wir gut brauchen könnten, um das Startup-Ökosystem in Österreich weiter aufzubauen."

Startup300-Mann Lehner sieht das ähnlich, er plädiert aber dafür, vor allem auch einmal in Österreich selbst anzusetzen: "Wir haben zu wenig Talente für die Digitalisierung unserer Wirtschaft, das betrifft nicht nur die Start-ups alleine. Das ganze Land muss sich in Bewegung setzen" - angefangen vom Bildungssystem bis zur Entbürokratisierung. "Wir wollen aber nicht raunzen", sagt der startup300-Co-Initiator, "wir tun einfach und versuchen, mit unserer Supply-Chain - von der Beratung über das Netzwerk bis zur Finanzierung - neue Talente hervorzubringen und zu fördern!"


In Start-ups investieren statt Lotto spielen.

Michael Altrichter, Business Angel und Investor

Die bürokratischen Hürden sind auch dem Start-up-Experten Altrichter, den viele in der Branche ob seines Engagements bereits als Start-up-Botschafter bezeichnen, ein Dorn im Auge: "Ich bin genervt von den zahlreichen Notarterminen und Vollmachten, die für jede Gesellschafterversammlung notwendig sind." Die GmbH gilt in Österreich als übliche Gesellschaftsform für Start-ups, ist jedoch im Vergleich zu ausländischen Unternehmensformen mit deutlich mehr Formalitäten und Verpflichtungen verknüpft. "Alleine für die Gründung einer GmbH werden im Schnitt 21 Tage benötigt", moniert Altrichter, "das müsse in einer Viertelstunde online machbar sein!"

Auch die Frage der Mitarbeiteroptionen sei dringend neu aufzusetzen. Oft seien Optionen nämlich die einzige Möglichkeit für junge Gründer, andere Mitarbeiter zu bezahlen. Wenn diese jedoch voll versteuert werden müssen, sei das für jeden Mitarbeiter unrentabel.

Anreize für Investoren

Und dann wäre da noch die Forderung nach steuerlichen Anreizen für private Investoren, die Altrichter immer wieder persönlich in den verschiedenen Ministerien deponiert. So sollten zu den begünstigten Wirtschaftsgütern wie etwa Wohnbauanleihen künftig auch Investitionen in Startups zählen. Stiftungen und Pensionsfonds müssten die Möglichkeit erhalten, in innovative Geschäftsmodelle zu investieren, und private Investoren in Start-ups sollten die Erlaubnis zum Verlustvortrag bekommen.

"Wir brauchen steuerliche Anreize, um mehr Geld in die Start-up-Szene zu pumpen." Derzeit würden zwischen 100 und 200 Millionen Euro pro Jahr investiert, rechnet Altrichter vor, "wir brauchen aber eine Verzehnfachung, um international anschließen zu können."

Er will jedenfalls nicht ruhen, bis eine Milliarde Euro jährlich in die heimische Start-up-Szene fließt. Sein launisches Resümee: "Österreich spielt um eine Milliarde Euro Lotto. Wenn die Österreicher künftig in Start-ups investieren, fördern sie nicht nur den heimischen Wirtschaftsstandort, sondern erzielen noch dazu eine bessere Rendite als mit einem Lottoschein."



Der Artikel ist in der Print-Version in der trend.PREMIUM-Ausgabe 48/2018 vom 30. November 2018 erschienen.

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