Österreichs Hightech-Stars: Die neue Tech-Elite

Vier Hightech-Millionäre aus Österreich: Bernd Greifeneder, Johannes Kührer, Armin Strbac und Katharina Klausberger

Vier Hightech-Millionäre aus Österreich: Bernd Greifeneder, Johannes Kührer, Armin Strbac und Katharina Klausberger

Nach einer Reihe spektakulärer Start-up-Verkäufe formieren sich in Österreich nun Digitalchampions von potenziellem Weltformat. Die ersten Hiughtech-Stars nehmen Kurs auf die Börse.

Sein Webunternehmen World4You startete Johannes Kührer 1998 - im Jahr, in dem auch Google gegründet wurde. Die Idee des damals 19-jährigen gelernten Anlagemonteurs aus dem oberösterreichischen Neuhofen an der Krems war vor 20 Jahren so exotisch wie heute logisch: möglichst vielen Menschen den Weg ins Internet zu ermöglichen. Wobei Internet damals noch ein Fremdwort war, ein unbekannter Ort. Für mehr als 100.000 Kunden hat der Hosting-Provider das auch geschafft.

Ende August 2018 reihte sich Kührer nun in die Reihe österreichischer Tech-Multimillionäre ein, die von den Gründern von Inode bis iTranslate reicht: Als Alleineigentümer verkaufte er World4You um "einen hohen zweistelligen Millionenbetrag" an den deutschen Internetriesen United Internet. "Mit so einer Geschäftsidee reich zu werden, daran war damals nicht zu denken", sagt Kührer.

Der Fundus an überraschenden Geschichten wie jener des Oberösterreichers wächst rasant. 2018 haben auch der Vorarlberger Martin Schranz mit seiner Online-Marketingfirma GSD Master und das Grazer Gründungsquartett von iTranslate mit spektakulären Verkäufen von sich reden gemacht. In den Jahren davor hatten die Fitness-App Runtastic, die Flohmarkt-App Shpock und das Diabetiker-Portal mySugr Schlagzeilen mit Exits - und ihre Gründer zu vielfachen Millionären - gemacht.

"Wir werden in den nächsten Jahren noch viele schöne, große Geschichten sehen", frohlockt Oliver Holle, als Chef des Beteiligungsfonds Speedinvest neben Johann "Hansi" Hansmann eine der Leitfiguren der österreichischen Digitalszene. "Es ist Erntezeit", heißt es bei vielen Investoren.

Dass sich die Deals häufen, ist kein Zufall. Hier spiegelt sich die Wucht wider, mit der die Digitalisierung in alle Lebens-und Wirtschaftsbereiche vorgedrungen ist. Angetrieben vom Siegeszug des Internets zuerst am PC, dann am Smartphone, hat die rasante technologische Entwicklung Chancen für Zigtausende Newcomer eröffnet, die mit der richtigen Mischung aus Mut, Geschick und Geldgebern beispiellose Erfolgsgeschichten hinlegten. Das Gründerquartett von Runtastic um Frontmann Florian Gschwandtner schaffte es etwa, das Unternehmen binnen sechs Jahren auf einen Wert von 220 Millionen Euro hochzujagen.

Die Reichsten und die Größten

Die gewaltigen Umwälzungen des Silicon-Valley-Kapitalismus finden folglich auch in den Reichstenlisten der Welt ihren Niederschlag. Im Ranking des US-Magazins "Forbes" nehmen heute die Gründer von Amazon, Facebook, Google & Co sechs der ersten 20 Ränge ein - vor 20 Jahren waren manche ihrer Konzerne noch nicht einmal gegründet. Das Unternehmen des reichsten Menschen der Welt, Jeff Bezos, wird an der Börse nun erstmals mit über einer Billion Dollar bewertet: Amazon.

In Österreich, einem Land der Nischenweltmeister in der digitalen wie in der analogen Welt, wird auch die trend-Reichstenliste in den nächsten Jahren stärker von der neuen Tech-Elite geprägt sein. Der aktuelle Wert des Aktienpakets von Markus Braun etwa, CEO des auf digitale Zahlungen spezialisierten Dienstleisters Wirecard, hievt den Österreicher auf Rang 25 des trend-Rankings. Der Börsenwert des Unternehmens mit Hauptsitz nahe München ist in den letzten Jahren geradezu explodiert und lag zuletzt schon bei über 24 Milliarden Euro, deutlich vor dem angeschlagenen Finanzschwergewicht Deutsche Bank. Die neue Welt düpiert die alte: per 24. September löst Wirecard die Commerzbank im deutschen Leitindex DAX ab.


In der Serie "Made in Austria: Die Selfmade-Internet-Millionäre" präsentiert trend.at österreichische Start-Ups, deren Gründer nach erfolgreichen Exits zu Millionären wurden.

Die Übersicht der bisher in der Serie erschienenen Artikel finden Sie auf der Themen-Seite "Selfmade-Internet-Millionäre"


Es sind solche für das breite Publikum bisher wenig sichtbaren Unternehmen, für die aktuell die Wette auf die digitale Transformation am besten aufgeht. Denn der superschnelle Exit von hundertfach aus dem Boden schießenden jungen Start-ups, die meist nur eine Handvoll Mitarbeiter, dafür überschießende Zukunftsfantasie haben, ist nicht mehr das Leitmodell. Unternehmen wie Wirecard, gegründet in der ersten Internetwelle Ende der 1990er, haben relativ lautlos im Hintergrund die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass das digitale Leben funktioniert - im Handel ebenso wie in der Industrie.

Reifeprozess

Die Produkte und Services, nach denen die digitalisierte Wirtschaftswelt schreit, ändern sich. Eine x-beliebige App fürs Smartphone zu entwickeln gilt nicht notwendigerweise als Innovation. Gefragt sind hoch spezialisierte Unternehmen, die etwa die Automatisierung und Roboterisierung in der Wirtschaftswelt zügig vorantreiben. Das hat spätestens die aufsehenerregende Übernahme des bis dahin nur in Fachkreisen bekannten Industrieautomationsspezialisten Bernecker &Rainer mit Sitz im Innviertler Ort Eggelsberg 2017 klargemacht: Der Schweizer Technologiekonzern ABB ließ sich das Unternehmen rund 1,8 Milliarden Euro kosten und machte seine beiden Gründer damit fast zu Milliardären.

In eine ähnliche Richtung marschiert das Wiener Technologieunternehmen TTTech, das dieser Tage ebenso wie Google und World4You seinen 20. Geburtstag feiert. Es hat eine Plattform für autonomes Fahren entwickelt, auf das Automobilfirmen weltweit abfahren: Die jüngst ausgegliederte Tochter TTTech Auto AG, an der sich neben Audi auch Samsung und GE Ventures beteiligt haben, soll in den nächsten zwei bis drei Jahren an die Wiener Börse gehen. Vom trend befragte Experten sehen TTTech im Idealfall auf eine Milliardenbewertung zusteuern.

Eine Milliarde Dollar Umsatz wiederum will das in Linz gegründete Unternehmen Dynatrace 2021 machen. Es hat sich auf Monitoring spezialisiert, sorgt also dafür, dass Datenbanken, Server und sämtliche Anwendungen reibungslos funktionieren. Dynatrace gehört mittlerweile der US-Private-Equity-Firma Thoma Bravo, bereitet aber ebenfalls gerade seinen Börsengang vor. Bloomberg berichtete über eine mögliche Bewertung des Unternehmens, das technologisch als weltweit führend gilt, von bis zu vier Milliarden US-Dollar.

Dynatrace profitiert davon, dass die Digitalisierung immer tiefer in Branchen und Unternehmen eingreift und sie verändert. Das hat rundherum zu neuen Boombranchen geführt: Seit Microsoft die Softwareentwicklungsplattform Git-Hub kürzlich 7,5 Milliarden Dollar wert war, ist die Fantasie zum Beispiel im Bereich Support für Softwareentwicklung besonders groß. Cybersecurity, Fintech, Artificial Intelligence und Machine Learning sowie Blockchain sind weitere Themenfelder, auf denen Investoren weltweit die Googles und Amazons der digitalen Zukunft suchen.

Reife Gründer

Aber nicht nur der Fokus, auch die Gründer ändern sich. Runtastic, Shpock &Co. seien mit ihrem direkten Draht zu den Usern atypisch, glaubt Markus Wagner, Gründer der Beteiligungsfirma i5invest, der ständig zwischen dem Silicon Valley und Österreich hin-und herpendelt. B2B-Unternehmen, wie sie für Österreich charakteristisch sind, hätten die größere Zukunft. Zudem wagten sich nun immer mehr ältere Gründer auf die Bühne, die mit ihrer Routine den Uni-Absolventen oft überlegen sind: "Das werden wir auch in Mitteleuropa jetzt immer häufiger sehen", glaubt Wagner mit Verweis auf zwei Exits aus seinem Haus: StreamUnlimited, an dem sich 2017 der Internetriese Google mit 41 Prozent beteiligt hat, wurde von Leuten gegründet, die in der Wiener Philips-Niederlassung schon Anfang des Jahrtausends mit MP3-Playern experimentierten. Das zu Jahresbeginn an den südafrikanischen Naspers-Konzern verkaufte Salzburger Portal Denuvo war eine Gründung ehemaliger Mitarbeiter von Sony DADC in Salzburg-Anif.

Wird sich die Schlagzahl der erfolgreichen Deals nun erhöhen? "Im Vergleich zu den globalen Topinnovationsräumen Silicon Valley, Shenzhen oder Israel ist das Ökosystem in Österreich für digitale Innovationen noch ein relativ junges, weshalb die Zahl der Exits auch in naher Zukunft nicht riesig sein wird", bremst die Unternehmerin Eveline Steinberger-Kern, die unter anderem den Wiener Start-up-Standort weXelerate mitinitiierte, die Erwartungen. Mit einem Blick auf die globale Szene ist aber klar, wohin die Reise geht. Die Zahl der Exits weltweit ist zuletzt regelrecht explodiert: Im Zeitraum von Juli 2016 bis Juli 2017 wurden 4.217 Tech-Exits verzeichnet, in den zwölf Monaten zuvor waren es nur 2.976.

Die vom Tech-Portal Crunchbase und der Beratungsfirma Mind the Bridge erhobenen Werte zeigen aber, dass das Volumen in deutlich geringerem Ausmaß angewachsen ist als die Zahl der Fälle: Es ist "nur" von 361 auf 367 Milliarden Dollar gestiegen. Europa hat bei den Deals deutlich aufgeholt, dennoch sind Übernahmen in den USA durchschnittlich immer noch 2,2-mal so groß wie in Europa. Die richtig großen Brocken, Stichwort TTTech oder Dynatrace, könnten sich in Zukunft verstärkt an die Börse verlagern. Auch das ist ein Reifeindikator: 1999, in der heißen Phase der Dotcomblase, waren Tech-Firmen durchschnittlich fünf Jahre alt, als sie an die Börse gingen. Zuletzt lag der Durchschnitt bei elf Jahren.

World4You-Gründer Johannes Kührer sind derlei Statistiken derzeit egal. Er wird zwar an Bord seines Unternehmens bleiben, hat aber nach 20 Jahren, in denen er "365 Tage pro Jahr" gearbeitet hat, so richtig Bedürfnis nach Urlaub: "Ich will jetzt einfach einmal nichts tun."


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 36/2018 vom 7. September 2018 entnommen.

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