i5growth-Chef Wagner: "Bei Seriengründern gibt es weniger Totalausfälle"

i5growth-Chef Wagner: "Bei Seriengründern gibt es weniger Totalausfälle"

Markus Wagner. Der Seriengründer entwickelt mit dem M&A-Haus i5 Geschäftsmodelle.

Markus Wagner, Geschäftsführer des Start-up-Finanzierer i5growth, spricht über die Vorzüge älterer Gründer und Branchen, die noch Chancen bieten.

trend: Keine Mega-Exits à la Runtastic, aber auch keine Mega-Ausfälle. Wofür steht 2019 in der Rückschau?
Markus Wagner: Zwei Kerntrends haben sich sehr stark manifestiert. Österreich ist ein Standort für B2B-Geschäftsmodelle, mit leichter Tendenz zu Deeptech. Bei B2C-Modellen reüssieren diese mit digitalen Gütern wie shpock, iTranslate oder Runtastic oder Bitpanda, denn die können global von überall aus agieren und sind nicht vom lokalen Absatzmarkt abhängig. Da ist es kein Nachteil, aus Österreich mit vergleichsweise kleinem Heimmarkt zu sein. Eine andere spannende Entwicklung ist, dass immer mehr erfahrene Gründer kommen, die deutlich über 40 Jahre alt sind. Da ist zwar die Überwindung, aber auch das Know-how größer. Die internationalen Erfolge von Denuvo oder Stream-Unlimited sind schöne Beispiele.

Verkauft werden sie dann aber fast ausschließlich in die USA.
Wagner: Die USA bleiben für diese Technologieunternehmen der wichtigste und spannendste Markt -mit Abstand. Für die meisten dieser Firmen, die in der Lage waren, ein Produktbusiness entwickeln zu können, sind globale technologielastige Unternehmen Kunden, Geschäftspartner, Investoren und später auch Käufer. Da ist in Europa leider nicht mehr wahnsinnig viel los. Genau deshalb sind wir mit unseren Partnern auch so aktiv in den USA und im Silicon Valley, um genau diesen Markt nichtamerikanischen Firmen zugänglich zu machen.

Was spricht für die älteren Gründer: Machen sie mit Erfahrung wett, dass sie sich nicht mehr wie 25-Jährige in die Schlacht werfen?
Wagner: Die erfahrenden Älteren tun sich bei allem leichter, vor allem auch bei der Finanzierung ihrer Geschäftsmodelle. Bei Seriengründern gibt es auch weniger Totalausfälle. Das inspiriert wieder die gesamte Finanzierungskette, denn jeder Investor will Risiken vermeiden. Ihnen traut man die Marktkenntnis und die Umsetzungsstärke zu. So ist neben dem "Execution Risk" bei einer jungen Firma auch das "Business Model Risk" abgehakt.



Alles dreht sich um die Frage: ​Wo sind die guten Leute?

Die Lektionen aus dem Scheitern haben die idealerweise schon woanders gezogen.
Wagner: Also mir sind Leute, die bereits unternehmerisch gearbeitet haben, tausendmal lieber. Sehr gut sind auch universitäre technische Wurzeln im Gründerteam. Gerade im Silicon Valley erlebe ich oft, wie sehr das Fach-Know-how unserer Gründerteams geschätzt wird. Unser typischer CTO redet mit Technologie-Executives „drüben“ auf Augenhöhe. Google zum Beispiel investiert nur, wenn die „wow“ sagen und inhaltlich tief beeindruckt sind. Das ist unseren Unis zu verdanken. Damit möchte ich eine Lanze brechen für die Qualität, diese Stärke sollten wir weiter aufbauen, nicht nur Grundlagenforschung sondern angewandte Forschung.

Was vor zehn Jahren undenkbar war, ist heute ein entwickeltes Ökosystem, das funktioniert, und in dem eigentlich nichts fehlt, oder?
Wagner: Mittlerweile hat jeder hat einen Freund, der selbständig ist. Jeder hat schon einmal von einem Investor oder Business Angel im oder über seinen Bekanntenkreis gehört. Die Chance, dass man in „Unternehmerische Opportunites“ reinstolpert, ist hoch. Wenn irgendwer auf der TU sagt, ich habe ein gute Idee, dann muss er recht schnell die passenden Kontakte aufstellen. Das Unterstützungsnetz der AplusB-Zentren in stark, z.B. einer inits plus Community getriebene Initiativen wie die AustrianStartups sind stark präsent. Da ist in den letzten zehn Jahren extrem viel passiert. Die Schwungmasse ist da und das ist sehr erfreulich. Die Förderstellen sind gut und die Anzahl der Investoren ist mehr geworden: Es gibt eine APEX oder Calm/Storm, es gibt neue Akteure wie einen Fedor Holz, der aus einer ganz anderen Ecke kommt und spannende Projekte treibt, oder einen Martin Rohla. Es gibt nicht mehr nur Holle, Wagner, Lehner. WeXelerate ist chronisch überlaufen. Es gibt einen Platz für internationale Ketten wie eine Plug & Play oder Talent Garden in Wien, weitere spannende Co-Working Spaces und Technologie-Cluster sind bereits in Arbeit, und auch diese werden kein Problem haben sich zu füllen.

Und in den Bundesländern tut sich auch einiges.
Wagner: Wien ist nicht mehr nur der alleinige Hotspot. Es gibt Linz, Graz, aber dann auch so skurrile Erfolgsgeschichten wie eine has.to.be, die in einem 5.000-Einwohner-Ort wie Radstadt sitzen, die es z.B. auch aktiv unterstützen dass ihre Mitarbeiter zu freiwilligen Feuerwehr und Rettungseinsätzen während der Arbeitszeit gehen können. Abgelegene Locations funktionieren bei Geschäftsmodellen, die sehr gut über digitales Marketing und Vertrieb funktionieren. Da geht es wie so oft um die richtigen guten Leute. Das Wertvollste ist das Humankapital und dass es nicht laufend abgeworben wird. Der ländliche oder etwa Klagenfurter Entwickler wird nicht so einfach von den großen Informatikabteilungen Wiener Banken abgeworben – das ist eine Chance, es tut sich überall in Europa etwas.

Ist das auch der Grund für Ihre Standortwahl? Seit heuer ist die i5invest neben Berlin und den USA auch in Bulgarien und Spanien.
Wagner: Diese Standorte sind tatsächlich sehr personengetrieben. Wir hatten einen sehr talentierten Associate in Wien, der aus familiären Gründen zurück nach Bulgarien wollte. Wir haben das als Chance gesehen und dort mittlerweile sieben Leute. Berlin war strategisch, dort ist der Hotspot für europäische Investoren. Die Amerikaner sind in ihrer europäischen Wahrnehmung relativ simpel: Da gibt es Germany und Merkel. In den USA sind wir jetzt mit i5growth in Palo Alto und San Francisco präsent.

Wie geht die Start-up-Szene mit dem Fachkräftemangel um?
Wagner: Das ist ein massiver Wachstumshemmer. Da bin ich gespannt, wie die politischen Rahmenbedingungen gesetzt werden, Stichwort Rot-Weiß-Rot-Karte. Es sind einfach viel zu wenige Softwareentwickler und Techniker, die organisch nachkommen, das Problem wird jedes Monat größer. Dabei könnte Österreich hier ganz gut punkten. Nur dass es in Wien noch etwas einfacher ist, gute Leute zu finden, hat N26 motiviert, nach Wien zu kommen. Es geht nicht mehr um die Unternehmenssteuern im Standortvergleich, sondern alles dreht sich um die Frage: Wo sind die guten Leute? Wien könnte eigentlich die besten Fachkräfte aus der ganzen Welt anziehen -wenn sich die Rahmenbedingungen deutlich verbessern würden.

Welche Marktsegmente ziehen 2020 das Geld an?
Wagner: Zwei Verticals könnten sich noch stärker ausprägen. Das Proptech-Thema ist aus europäischer Perspektive interessant, weil es noch keine globalen monopolistischen Masterplayer und tatsächlich viele lokale Kunden gibt. Auch Medtech wird zunehmend interessanter, mit ausgefuchsten Therapiegeräten oder Telemedizinanwendungen. Eine tolle Firma im Medtech-Bereich ist etwa die g.tech, die machen mit über 80 Leuten Brain-Computing-Interfaces für medizinische Anwendungen sowie zur Steuerung von elektronischen Geräten.

Wie wird die Konjunktur die Branche beeinflussen?
Wagner: Eine große Frage ist, was die Nachwehen des WeWork-Desasters sind (Anm.: Milliardenverluste des US-Start-ups mit Büroflächen) . Wie wirkt sich die etwas schwächelnde Konjunktur auf Unternehmen ohne positiven Cashflow aus? Die Investoren werden schon vorsichtiger. Ab Series A, wo man bereits deutlich Umsätze sehen will, wird es schwerer werden. Man wird es nicht gleich bemerken, aber Geschäftsmodelle, die viel Vorleistung und Vorentwicklung brauchen, werden sich schwertun.



Salzburger Start-up spendet für Schwarzeneggers Klima-Initiative

Start-ups

Salzburger Start-up spendet für Schwarzeneggers Klima-Initiative

Tractive-CEO Michael Hurnaus und der neue Chief Growth Officer Florian Gschwandtner.

Start-ups

Runtastic-Gründer Gschwandtner: Neustart bei Tractive

Start-ups

Wedeln nach Maß: Original+ fertigt Ski in Einzelfertigung

Von links: Stefan Strohmer, Walter Schachermayer, Doris Agneter, Patrick Schubert und Stefan Köppl

Start-ups

Millionen-Zuschuss für Gastronomie-Plattform Orderlion