"Es muss attraktiver werden, in Österreich zu investieren"

Das österreichische Start-up Bitpanda ist mit einer Bewertung von über vier Milliarden Dollar in höhere Unicoren-Sphären aufgestiegen. Markus Kainz, Gründer und CEO des heimischen Investorennetzwerks primeCROWD, über die Folgen für Österreichs Start-up-Szene

Markus Kainz, CEO primeCROWD

Markus Kainz, CEO PrimeCROWD

trend: Das österreichische Fintech-Startup Bitpanda hat bei seiner letzten Finanzierungsrunde 263 Millionen Dollar eingesammelt und ist nun 4,1 Milliarden Dollar wert – ist denn diese Bewertung noch in irgendeiner Weise gerechtfertigt?
Markus Kainz: Die Bewertung ist wie sie ist und resultiert aus den Summen, die in das Unternehmen investiert wurden. Aber natürlich ist es ein Wahnsinn, wenn man sich überlegt, dass Bitpanda damit mehr wert ist als die gesamte UNIQA-Gruppe oder die Österreichische Post. Aber um es positiv zu sagen: das zeigt, dass sich hier etwas bewegt. Die Old Economy prallt auf die New Economy. Firmen beginnen miteinander zu reden. Es ist schön zu sehen, dass sich in Österreich etwas tut.

Bitpanda ist damit das wertvollste, aber nicht das einzige Unicorn aus Österreich.
Richtig, es gibt noch GoStudent und so halb kann man auch N26 dazuzählen, dass ja immerhin in Wien von Österreichern gegründet wurde.

Welchen Effekt können diese Bewertungen auf die weitere Start-up-Szene im Land haben?
Ich bin überzeugt, dass noch weitere Unicorns entstehen, es gibt noch einige Kandidaten, Hidden Champions aus der zweiten Reihe, die sich in der Corona-Zeit prächtig entwickelt haben und vielleicht nicht die ganz großen, aber immerhin Investments in zweistelliger Millionenhöhe erhalten haben. Refurbed war ja zuletzt schon in aller Munde oder auch Storebox, das zuletzt 52 Millionen Euro eingesammelt hat.


Früher oder später wird es den einen oder anderen Börsengang geben.

Durch die steigenden Bewertungen Bitpanda & Co werden wohl auch internationale Investoren vermehrt auf die heimischen Start-ups aufmerksam?
Definitiv. Das ist auch der Fall. Viel Geld ist aus den USA gekommen. Es ist für Investoren auch interessant, hier zu investieren, statt in US-Start-ups, die schon wesentlich höhere Bewertungen haben. Was mit Bitpanda passiert ist hat jedenfalls große Auswirkungen. Früher oder später wird es auch unter den österreichischen Start-ups den einen oder anderen Börsengang geben. Dann wird auch der Durchschnittsinvestor mitbekommen, dass sich etwas bewegt und in Start-ups investieren. Am Potenzial mangelt es jedenfalls nicht. Es gibt in Österreich genug hoch innovative Unternehmen.

Muss man nicht die Sorge haben, dass die heimischen Start-ups aus den USA aufgekauft und von großen, finanzstarken Unternehmen aus Übersee übernommen werden – von den Googles und Facebooks aufgesogen werden und verschwinden?
Diese Sorge gibt es natürlich, weshalb wir auch dafür plädieren, hier zum Beispiel steuerliche Begünstigungen für Start-up-Investments zu schaffen, attraktive Möglichkeiten, um die Innovationskraft hier zu halten. Die Politik muss mehr Anreize für Investment-Kapital schaffen. Die USA haben 30 Jahre Vorsprung. Die damals gegründeten Unternehmen sind riesengroß, haben wieder Unternehmen gegründet, die ebenfalls riesengroß sind.

Ein Problem mit dem viele Unternehmen in Österreich hadern ist, dass sie keine IT-Fachkräfte – Programmierer oder Developer finden – oder nicht zu Preisen, die sie zahlen können. Erst recht nicht jetzt in der Post-Corona-Zeit, wo alle Unternehmen die Digitalisierung vorantreiben. Gibt es da nicht auch einen bildungspolitischen Auftrag?
Das ist sicher ein Problem: Wie bekomme ich qualifizierte Mitarbeiter und wie halte ich sie? Developer können marktunabhängig arbeiten, auch von Österreich aus für ein wesentlich finanzstärkeres US-Unternehmen, das viel höhere Gehälter zahlen kann. Und für Developer aus dem Osten, ist es auch völlig egal für wen sie arbeiten. Wenn die in Aserbaidschan oder in Inden sitzen - warum sollten die dann für ein österreichisches Unternehmen arbeiten und nicht gleich für eine US-Company, die noch mehr zahlt?

Besteht nicht die Gefahr, dass Österreichs Start-ups dadurch in ihrer Entwicklung gebremst werden und zurückfallen?
Natürlich. Das ist ein virulentes Problem. Diese Entwicklung ist spannend und wird in Zukunft noch spannender und herausfordernder.


Über primeCROWD

Markus Kainz, Serial Entrepreneur und Business Angel, gründete 2015 die erfolgreiche Crowdinvestingplattform primeCROWD, die Start-ups, Investoren und Unternehmen zusammenbringt. primeCROWD fungiert dabei als Schnittstelle zwischen mittlerweile mehr als 2.500 Investor:innen und Start-ups. Der Fokus gilt dem Digital Economy-, Health- und Sustainability-Sektor. Investitionen in beinahe 30 Start-ups, darunter 2 Exits, wurden bereits realisiert.

Zu den aktuellen Highlights im primeCROWD Portfolio gehören das auf die Immobilienverwaltung und das Immobilienmanagement spezialisierte Start-up iDWELL, das auf Personalpsychologie fokussierte team|echo und Fairown, ein Start-up mit Sitz in Talinn, Estland.

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