Machen Sie sich selbständig: Schritt 1 – Ideenfindung

Machen Sie sich selbständig: Schritt 1 – Ideenfindung

Beginnen wir mit einer unglaublichen Geschichte: Viele Jahre lang gab es nur normalgroße Zahnbürsten. Gerade kleine Kinder hatten aber Probleme mit den langen dünnen Zahnbürsten. Dann kam plötzlich jemand und sah sich das Problem genauer an. Mittlerweile gibt es Dutzende Arten Kinderzahnbürsten mit dicken rutschfesten Griffen.

Hört man solche Geschichten, fragt man sich: "Warum bin ich da nicht draufgekommen?“ Viele erfolgreiche Innovationen sind so naheliegend, dass man sie einfach nicht sieht. Oder vielleicht denkt man auch nur falsch?

Wer mit einer Gründung erfolgreich sein will, sollte sich nämlich von Beginn an folgende Frage stellen: Welche Bedürfnisse kann ich erfüllen, oder welches Problem gilt es zu lösen? Im Kern geht es also darum: Was will der Kunde, was stiftet ihm Nutzen? Um das herauszufinden, gibt es unterschiedliche Wege. Einer führt über das aufmerksame Beobachten. Denn wie sonst hätte Tom Kelley von der US-Designschmiede IDEO auf die Idee einer ergonomisch geformten Kinderzahnbürste, heute ein Bestseller, kommen sollen? Sein Rezept: "Schauen Sie die Welt mit wachen Augen an.“ Ein Tipp, der so manchen überfordern könnte. Denn plötzlich sieht jede noch so kleine Unzulänglichkeit wie eine potenzielle Geschäftsidee aus. Es ist daher ratsam, die Wachheit gezielt einzusetzen (siehe unten). Doch auch hier gilt: Das Gründen ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Daher sollte man in jedem Fall überprüfen, ob die Ideen zu den eigenen Fähigkeiten und Vorlieben passen. Aus Befragungen von Start-up-Unternehmern, Gründungshelfern und internationalen Experten weiß man zudem, dass Marktkenntnisse, Branchen-Know-how und Know-whom als zentrale Erfolgsfaktoren gelten.

1. Verärgerte Kunden oder Marktlücken: Gezielt nach neuen Ideen suchen

Marktlücken: Am einfachsten ist es, sich die Frage zu stellen, ob es Produkte oder Dienstleistungen gibt, die man selbst am Markt vermisst. Es geht um das gezielte Ausfindigmachen von Angebotsdefiziten. Ein Weg, auf dem der Gründer der Schuhmarke Geox, Mario Moretti Polegato, zu Ruhm gekommen ist. Gemäß der Gründungssaga soll er während einer Messe in Nevada so an den Füßen geschwitzt haben, dass er kurzerhand einige Löcher in seine Schuhe bohrte: Damit war die Idee für Geox, Schuhe, die atmen, geboren. Ein derartiges Produkt hatte es bis dahin nicht gegeben.

Trendscout: Auch Trends können eine Inspirationsquelle für neue Geschäftsideen sein, wie das Beispiel der Sharing Economy zeigt. Damit ist der Bewusstseinswandel gemeint, nicht mehr alles besitzen zu müssen, was man benutzen möchte. Bekanntestes Beispiel sind hier die Carsharingmodelle, wie sie von den Autoherstellern angeboten werden. Aber auch die Wohnungsvermietung von Privaten an Private, die das US-Start-up Airbnb weltweit eingeführt hat. Wer auf Trends aufspringt, setzt sich allerdings einem relativ großen Risiko aus. Denn hier geht es teilweise darum, ein Geschäftsmodell für Bedürfnisse zu schaffen, die erst im Entstehen sind. Werden Private künftig ihre Autos und ihre Fahrräder einander gegenseitig zur Verfügung stellen? Und was ist mit den ungenutzten Garagenflächen, während man in der Arbeit ist? Die Antworten darauf ergeben sich wohl nur im Trial-and-Error-Prozess.

Transfer: Wer über gute Branchenkenntnisse verfügt, kann sich auch die Frage stellen, ob es nicht Modelle gibt, die sich in einen anderen Bereich übertragen lassen. So wurde das Abomodell aus dem Zeitungs- und Zeitschriftenbereich zunächst erfolgreich auf ein auf schwarze Socken spezialisiertes Mode-Start-up übertragen. Mittlerweile gibt es sogar Abomodelle für Schnittblumen oder Rasierklingen . Allerdings sind hier die Eintrittsbarrieren nicht sehr hoch, so dass sich gerne rasch Nachahmer finden.

Verärgerte Kunden: Eigentlich empfindet man sie als lästig. Tatsächlich eignen sich verärgerte Kunden aber durchaus auch als Ideengeber. Denn sie zeigen Defizite auf und regen Verbesserungen an, aus denen sich eine Chance für eine neue Firma ergeben kann. Durch das Internet ist die Recherche hier sogar noch einfacher, weil vom Lob bis zum Tadel vieles über Foren oder Facebook läuft.

Patente: Es gibt Forscher und solche, die eher an der Umsetzung interessiert sind. Einen Fundus für neue Geschäftsideen stellen daher auch angemeldete Patente dar. Diesen Weg geht man beispielsweise an der Universität Linz, wo Studierende der Wirtschaftswissenschaften im Rahmen eines Kurses Anwendungsmöglichkeiten und Businesspläne aus Unipatenten ableiten.

2. Klonen: Neue Ideen aus dem Ausland auf den lokalen Markt übertragen

Viele Gründer haben auch ohne eigene Idee Erfolg. Sie kopieren dafür bestehende Geschäftsmodelle aus den USA oder anderen europäischen Ländern und führen diese im Heimatmarkt ein. In welch großem Umfang heute bereits geklont wird, zeigt eine US-Studie, für die Wissenschaftler 48 Innovationen untersucht haben und auf 34 Kopien gestoßen sind. "Gute Imitatoren gehen aktiv auf die Suche und schauen sich in fremden Branchen oder Ländern um“, analysiert der amerikanische Professor Oded Shenkar im Harvard Business Review (HBR). Dabei bestehe die Kunst darin, die Idee nicht einfach nur abzukupfern, sondern eine günstigere oder verbesserte Lösung anzubieten. Und auf die Besonderheiten des Heimmarktes einzugehen.

Die deutschen Samwer-Brüder haben nach diesem Prinzip ihr gesamtes Onlineimperium namens Rocket Internet aufgebaut, zu dem unter anderem der Onlineriese Zalando (US-Vorbild: Zappos) gehört. Solche Unternehmen werden in der Branche etwas abfällig als Copycats bezeichnet. Dabei bietet das Kopieren von Geschäftsmodellen entscheidende Vorteile: Der wesentliche besteht darin, dass die Machbarkeit (Proof of Concept) bereits bewiesen ist. "Und es ist leichter, an Kapital heranzukommen, wenn ich dem Kapitalgeber zeigen kann, dass das Konzept bereits funktioniert“, sagt Alexander Keßler, Entrepreneurship-Professor an der FH Wien. Das bestätigt ein Blick nach Deutschland, wo keiner der relevanten Investoren Copycat-frei ist. Ihr Appetit erklärt sich auch mit der Aussicht auf einen schnellen Exit. Wer mit dem Klonen liebäugelt, sollte allerdings bedenken, dass weitere Nachahmer oft nicht weit sind, insbesondere, wenn die Eintrittsschwellen niedrig sind. Mit der in Berlin entstandenen Idee des Schnittblumenabos Bloomy Days haben sich in Deutschland, aber auch in Österreich allein innerhalb des vergangenen Jahres mehrere Leute selbstständig gemacht. Dass der Markt für sie alle groß genug sein ist, darf bezweifelt werden.

Franchise & Nachfolge: Erprobte Geschäftsmodelle kaufen oder auf neue Standorte übertragen

Wer weder selbst suchen noch kopieren will, für den gibt es mit Franchising und der Unternehmensnachfolge zwei interessante Optionen. In Österreich werden regelmäßig mehrere Hundert Franchisemodelle angeboten. Einige wurden hierzulande entwickelt, andere aus dem Ausland importiert. Die Idee dahinter: Ein einmal erprobtes Konzept wird auf neue Standorte ausgerollt. Dadurch ist das Risiko geringer, allerdings auch der unternehmerische Spielraum. Wem das Franchisekorsett zu eng ist, der kann auch ein bestehendes Unternehmen erwerben. Mehr als 1500 Firmen werden derzeit an unterschiedlichen Börsen angeboten, das Angebot reicht vom Blumengeschäft über Putzereien bis zum Weingut.

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