Runtastic Gründer Florian Gschwandtner: "Es ist fast zu einfach, an Geld zu kommen"

Runtastic Gründer Florian Gschwandtner: "Es ist fast zu einfach, an Geld zu kommen"

Runtastic-CEO Florian Gschwandtner: "Wir müssen uns trauen, größer zu denken."

Runtastic-CEO Florian Gschwandtner über den jüngsten Geldregen für Start-ups, seine Forderungen an die heimische Politik und was er nach dem Rückzug mit seiner freien Zeit anfangen wird.

trend: Es gab heuer mehr Finanzierungsrunden als je zuvor in einem Jahr, es fließt viel mehr Geld - ist das Gründen von Start-ups leichter geworden?
Florian Gschwandtner: Das Gründen per se ist nicht leichter geworden, der formale Akt des Gründens ist nach wie vor viel mühsamer als in anderen Ländern. Aber eine Finanzierung aufzustellen ist heute - zumindest für die Frühphase eines Start-ups - viel, viel leichter. Das ist eine ganz andere Situation als noch vor knapp zehn Jahren, als wir gegründet haben. Es ist heute fast schon zu einfach, an Geld zu kommen.

trend: Was meinen Sie mit "zu einfach"?
Gschwandtner: Das heißt, dass Start-ups oft frech werden und mit irgendeiner PowerPoint-Präsentation und einer 2,5-Millionen-Euro-Bewertung kommen, die in keiner Relation dazu steht, was etwas wirklich wert ist. In der Szene wird immer öfter über Bewertungen von 30,50 oder gar 200 Millionen geredet, ohne dass derartige Wertigkeiten mit Zahlen unterlegt sind. Manche Gründer sollten da auf den Boden der Realität zurückkehren.

trend: Aber liegt das an den Start-ups oder an jenen, die heute relativ leicht Geld zur Verfügung stellen?
Gschwandtner: Das liegt natürlich auch daran, dass man über die Medien immer mehr mitbekommt, wie viel sich in dieser Szene tut, wie viel Geld fließt, wie man mit kleineren Exits sein Investment auch schon einmal verfünffachen oder verzehnfachen kann. Und dann springen immer mehr Family Offices auf den Zug auf und wollen auch ein bisschen bei Start-ups mitmachen. Da kommen viele unerfahrene Investoren in die Szene, die mit zum Teil unrichtigen Bewertungen arbeiten oder mit Verträgen, die nicht gerade investorenfreundlich sind.


Ein Startup ist beinharte Knochenarbeit.

trend: Das muss ja jetzt kein Nachteil für ein Start-up sein ...
Gschwandtner: Aber für die ganze Szene! Weil dann wird vielleicht aus dem Investment nichts, auch weil das Potenzial der Idee oder des Teams falsch eingeschätzt wurde, und das ist dann für die Szene wiederum nicht förderlich, weil vermehrt misslungene Investments dazu führen könnten, dass viele ihr Geld gleich ganz abziehen oder andere potenzielle Investoren abgeschreckt werden. Es geht um eine nachhaltigere Entwicklung der Start-up-Szene!



trend: Das klingt ein wenig nach einer Bubble.
Gschwandtner: Ich würde es nicht als Bubble bezeichnen, dafür ist das System auch zu klein. Aber es ist schon so, dass eine gewisse Realität eintreten wird und eintreten soll, dass es nicht nur irgendwie hipp ist, ein Start-up zu gründen, auf Networking-Events zu gehen, ein bisschen im Coworking Space zu arbeiten und Geld dafür zu kassieren. Ein Start-up ist beinharte Knochenarbeit. Da existiert eine falsche Selbsteinschätzung im Markt.

trend: Erleben Sie das als Business Angel auch selbst?
Gschwandtner: Absolut. Viele Businesspläne, die ich bekomme, sind zwar alle schön ausgearbeitet, aber wenn du bei den Gründern nachfragst, merkt man oft, dass vieles auf komplett blinden Annahmen beruht. Und das passiert, weil man mit einer Gut-genug-Qualität bei Investoren, die sich auch nicht auskennen, oft viel zu weit kommt.


Die Idee ist höchstens zehn Prozent wert.

trend: Gibt es überhaupt genügend neue, gute Ideen in Österreich?
Gschwandtner: Manchmal hat man den Eindruck, dass manches nur mehr eine Abwandlung vorhandener Start-ups ist. Ich habe nichts gegen Copycats, und möglicherweise gab es auch vor uns schon eine Fitness-App in den USA, ohne dass wir das gewusst haben. Aber das muss nicht schlecht sein, solange man es besser macht als die anderen. Die Idee ist sowieso höchstens zehn Prozent wert, die Ausführung und das Team sind das Wesentliche. Und da mangelt es leider oft - auch wenn ich sagen muss, dass die Qualität deutlich besser geworden ist, wie sich Leute verkaufen und ihre Idee präsentieren.

trend: Dennoch fällt auf, dass viele Start-ups mit Ideen unterwegs sind, die keine wirkliche Innovation darstellen. Wäre es nicht sinnvoll, etwa einen Hub rund um künstliche Intelligenz anzustreben, also Rahmenbedingungen zu schaffen, die sich mit den wichtigen Zukunftsthemen auseinandersetzen?
Gschwandtner: Artificial Intelligence (AI) ist ein sehr breites Thema und alleine, was in China und den USA investiert wird und wie viel Geld es braucht, um etwas zu bewegen und mitzumischen - da fehlt es unserem Land leider an finanziellen Ressourcen. Vor allem bräuchte es zunächst einmal genügend gut ausgebildete Experten mit Kenntnissen in Mathematik, Statistik, Softwareengineering ...

Florian Gschwandtner: "Ein Start-up bedeutet Knochenarbeit."

trend: Umso dringender wäre die Politik gefragt.
Gschwandtner: Auf jeden Fall. Ich habe erst kürzlich genau darüber mit anderen Experten im Rahmen von Think Austria (Stabsstelle des Kanzleramts für strategische Planung; Anm.) diskutiert. Da gab es viele Ideen, worin wir in Österreich besser werden müssen: bei AI, 5G, Blockchain, Cryptocurrency und so weiter. Und dann hab ich irgendwann gesagt, dass es zwar nett sei, in all diesen Bereichen die Nummer eins werden zu wollen, aber das ist absolut nicht realistisch. Wir müssen Schwerpunkte setzen!


Wir müssen uns trauen, größer zu denken.

trend: Zum Beispiel?
Gschwandtner: Das kann Cybersecurity oder auch AI sein. Aber dafür brauchen wir zunächst eine dezidierte Ausbildung und eine passende Plattform, einen international sichtbaren Hub, der auch Experten von außen anzieht. Und Österreich muss den Mut haben, darauf zu wetten, dass das eine oder andere Thema tatsächlich so groß wird, wie heute erwartet. Früher war Österreich im Bereich Mobilfunk Vorreiter und der Testmarkt weltweit schlechthin. Diese Stellung haben wir leider längst verloren. Aber vielleicht schaffen wir es, zum Beispiel für das Thema autonome Mobilität entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, damit wir hier Vorreiter werden.

trend: Da gibt es ja mit einigen Unternehmen schon eine gute Basis. Auch legistisch beginnt sich etwas zu tun.
Gschwandtner: Genau, da müssen wir jetzt dranbleiben und entsprechende Rahmenbedingungen schaffen, die es innovativen Unternehmen und Start-ups in dem Bereich ermöglichen, groß zu werden. Vielleicht sogar so groß, dass daraus einmal ein Milliardenunternehmen wird - warum nicht? Wir müssen uns trauen, größer zu denken.

trend: Runtastic wurde um 220 Millionen Euro verkauft. Haben Sie groß genug gedacht?
Gschwandtner: Ich würde es heute genauso wieder machen. Aber beim nächsten Mal, wenn ich wieder die Chance hätte, würde ich wahrscheinlich größer denken. Das heißt jetzt nicht, dass ich einen konkreten Plan hätte. Ich glaube nur, dass, wenn es mal ein paar Exits in zwei- und dreistelliger Millionenhöhe gibt, dann wird zwangsläufig auch mal was ganz Großes passieren, alleine schon, weil es dann mehr Serial Entrepreneurs geben wird, die mit der nötigen Erfahrung und dem nötigen Geld sehr weit kommen können. Ich orientiere mich da mehr nach Deutschland und glaube, da haben wir noch einiges aufzuholen.


Ich habe noch keinen Plan, und das ist gut so.

trend: Sie geben ja in Ihrem Buch, das im Herbst erschienen ist, der Start-up-Szene auch konkrete Tipps. Wie sind die ersten Reaktionen?
Gschwandtner: Unerwartet positiv. Eigentlich zu 99,9 Prozent positiv. Ich habe alleine auf meine Aufforderung, mir Ideen für meine Bucket List zu schicken, schon fast 400 Mails erhalten. Und es gibt auch Universitäten, die meinen, das Buch sollte in keiner Bibliothek unter der Rubrik Entrepreneurship fehlen. Weil es zeigt doch sehr deutlich, wie hart der Weg eines Start-ups ist, um erfolgreich zu sein.

trend: Sie scheiden mit Ende 2018 bei Runtastic aus. Was werden Sie mit der vielen freien Zeit anfangen?
Gschwandtner: Ich habe tatsächlich ab 1. Jänner keine Mailadresse mehr bei Runtastic, werde zunächst Urlaub auf der Skipiste und dann in Hawaii machen, danach plane ich einen längeren Aufenthalt entweder im Silicon Valley oder in China oder Südamerika. Ich habe da echt noch keinen Plan, und das ist gut so.

trend: Werden Sie Ihre Expertise weiterhin der Regierung im Rahmen von Think Austria zur Verfügung stellen?
Gschwandtner: Auf jeden Fall, das ist ja auch nicht immer zwangsläufig mit physischen Treffen verbunden.

trend: Könnten Sie sich auch eine aktivere Rolle im Rahmen der Politik vorstellen?
Gschwandtner: Nein, das ist aktuell kein Thema.

Buchtipp

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Das Interview ist der trend.PREMIUM-Ausgabe 48/2018 vom 30. November 2018 entnommen.

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