Christian Kern: "Small Talk ist ein No-Go"

Christian Kern: "Small Talk ist ein No-Go"

Am Strand von Tel Aviv: Das Unternehmerehepaar Eveline Steinberger-Kern und Christian Kern hat in Israel ein wichtiges Standbein.

Mein Tel Aviv: Ex-Kanzler Christian Kern arbeitet regelmäßig in Israel und schwärmt von nationalen Start-up-Clustern und zelebrierter Lebenslust.

trend: Warum wird in Tel Aviv härter gearbeitet als in Wien?
Christian Kern : So generalisieren würde ich das nicht. Was aber sicher stimmt: Der Geist hier ist ein anderer. Viele Absolventen von Schulen und Unis bekommen schon früh so etwas wie ein Unternehmer-Gen mit. Gerade in der Tech-Szene stellen die sich nicht die Frage:"Wie kann ich bei Google oder Apple reinkommen?", sondern: "Wie gründe ich mein eigenes Unternehmen? Wie verwirkliche ich meinen eigenen Traum?" Das schafft eine andere Form des Arbeitens.

Mit Israelis kommt man unheimlich schnell ins Gespräch. Worüber sollte man tunlichst nicht reden? Was sind No-Gos im Business?
Kern : Israelis sind viel direkter, unmittelbarer. Was man sich sparen kann, ist eine Aufwärmphase mit Small Talk. Und schwadronieren geht gar nicht, das ist ein echtes No-Go.

Die Politik und das Militär sind stets präsent in dem Sinne, dass jeder zum Militär muss und viele der Technologien, in denen Israel weltführend ist, militärischen Ursprung haben. Für Österreicher ist das ungewohnt? Wie geht es Ihnen damit?
Kern : Apple, das ganze Silicon Valley wäre ohne die US-Armee non-existent. Israel hat seine spezielle Geschichte, die bis heute spürbar ist. Das Land wurde nun mal nicht im Grenzgebiet zwischen Schweiz und Österreich gegründet. Seine Sicherheit oder seine schiere Existenz sind keine Selbstverständlichkeit. Das prägt Gesellschaft und Business gleichermaßen. Dem wird auch alles untergeordnet. Da kann es schon passieren, dass Mitarbeiter oder Geschäftspartner, wie unlängst bei den Raketenangriffen, ausrücken müssen, weil sie in ihrer Gemeinde Zivilschutzaufgaben wahrnehmen müssen.

Wie sieht Ihr Businessalltag aus? Sie leben ja nicht die ganze Zeit in Tel Aviv. Pendeln Sie?
Kern : In der Regel verbringe ich eine Arbeitswoche im Monat dort. Den Rest der Zeit zur Hälfte in Österreich oder in anderen europäischen Ländern und immer öfter auch in China. Ich habe ein beruflich sehr wichtiges Standbein in Tel Aviv. Das jüngste Engagement unserer Blue Minds Company betrifft ein Cybersecurity-Unternehmen namens Cylus, das sich darauf spezialisiert, die digitalen Leitsysteme von Eisen- oder U-Bahnen vor Hackerangriffen und Manipulationen zu schützen. Der CEO war lange Jahre Leiter der Forschungsabteilung der legendären Eliteeinheit 8200. In Israel ist es ganz normal, dass sich diese Leute mit ihrem Know-how dann selbstständig machen.


Wir in Österreich leiden am "Mach ma halt a bissl was"-Syndrom.

Was beeindruckt Sie am meisten? Was könnte sich Österreich abschauen?
Kern : Wenn sie etwas machen, dann richtig. Die Innovationscluster aus meinem Plan A waren am israelischen Beispiel orientiert. In Israel wird nicht eine Idee, sondern gleich das ganze Ökosystem entwickelt: exzellente Ausbildungs- und Forschungsmöglichkeiten schaffen, Unternehmen mit Steuererleichterungen anlocken und dazu geförderte Wohnungen für Mitarbeiter. Obendrauf werden Venture Capital und Acceleratoren zur Verfügung gestellt. Das können Sie im Security-Bereich in Be'er Sheva studieren oder für den Foodtech-Sektor in Galiläa. Wir in Österreich leiden hingegen am "Mach ma halt a bissl was"-Syndrom. Das ist den Israelis komplett fremd. Diese Konsequenz haben sie uns einfach voraus und tun sich auch leichter, einen nationalen Konsens dazu herbeizuführen.

Diese Konsequenz ist wohl auch der Geschichte geschuldet, als kleines Volk in dieser geopolitisch explosiven Lage zu überleben, es in der DNA zu haben, jederzeit mit einem Angriff rechnen zu müssen und zu wissen, dass sich das mit dem Frieden wohl nie ausgehen wird?
Kern : Ich habe unlängst bei einem Kaffee Staatspräsident Reuven Rivlin gefragt, wo er Israel in fünf Jahren sieht. Er meinte nur: "Junger Mann, was soll ich dir sagen, was in fünf Jahren sein soll. Wir wissen doch nicht einmal, was in fünf Wochen sein wird."

Rührt daher auch die Lust am Feiern? Das Image von Tel Aviv als Partymetropole - stimmt das?
Kern : Ich habe heuer das erste Mal das Purim-Fest erlebt, eine Art jüdischen Karneval, bei dem sich Erwachsene in schräge Kostüme werfen und drei Tage lang feiern. Da ist eine unglaubliche Lebenslust spürbar.

Gibt es einen Abschluss zu feiern: Wo geht man hin in Tel Aviv?
Kern : Das "Manta Ray" oder "Turkiz", beide natürlich mit Blick auf den legendären Beach, sind nett. Das Schöne ist, wenn du nicht gerade wichtige Business-Meetings hast, könntest du mit den Badeschlapfen am Strand arbeiten. Kollegen von uns gehen in der Früh surfen, bevor sie ins Büro kommen.

Tel Aviv ist doch relativ teuer. Erleben Sie das auch so?
Kern : Meine Hauptausgaben sind Taxis und Restaurants, ich führe dort keinen herkömmlichen Haushalt. Die Gehälter in der Tech-Szene sind gut. Was mich aber immer wieder erstaunt: mit wie wenig sich Normalverdiener in Tel Aviv durchschlagen müssen. Vor allem angesichts der sehr hohen Mieten.



Das Interview ist der trend-Ausgabe 20-21/2019 vom 17. Mai 2019 entnommen.


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