i5invest CEO Markus Wagner "Gründen ist kein Lifestyle"

Markus Wagner, Gründer und CEO i5invest

Markus Wagner, Gründer und CEO i5invest

Sechs Monate, drei Deals und Hunderte Millionen Euro für die Beteiligten - dahinter steht der Name i5invest. Ein Gespräch mit Gründer Markus Wagner über lange Wege zum Exit, ältere Gründer und das Leben im Valley.

November 2017: Google steigt erstmals im großen Stil bei einer österreichischen Firma ein und übernimmt 41 Prozent am Audiospezialisten StreamUnlimited. Jänner 2018: Der südafrikanische Naspers-Konzern kauft das Salzburger Unternehmen Denuvo, das sich mit Kopierschutzmechanismen in der Gaming-Industrie einen Namen gemacht hat. März 2018: Der New Yorker Medienkonzern IAC (zu dem u. a. Tinder gehört) schnappt sich die Grazer Firma iTranslate, deren Kernprodukt - eine Übersetzungs-App - zu den weltweit führenden gehört. Die Fäden im Hintergrund zog in allen drei Fällen die 2007 von Markus Wagner gegründete Beteiligungsgesellschaft i5invest.

trend: i5invest fährt seit einem halben Jahr eine millionenschwere Ernte ein. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Markus Wagner: Wir konzentrieren uns auf europäische Tech-Unternehmen in einem höheren Reifegrad, das ist einer der Punkte. Da gibt es ein ungenutztes Potenzial bei Firmen, die für österreichische Verhältnisse bereits sehr viel erreicht haben, in einem Markt wie den USA aber immer noch am Anfang stehen. Wir arbeiten mit diesen Firmen über Jahre. Das ist nicht nur transaktionsbasiertes Arbeiten, sondern auch umsatzgetriebenes Arbeiten. Dafür ist es wesentlich, eine Präsenz in den USA zu haben und mit langem Atem ein entsprechendes Netzwerk zu nutzen. Diese Beispiele zeigen, was möglich ist, wenn man es mit dem richtigen Partner in den USA angeht. Wir haben mit allen drei Unternehmen den Schwerpunkt darauf gelegt, zuerst am US-Markt erfolgreich zu sein. Die Chancen kommen mit dem Erfolg und waren in diesen drei Fällen extrem groß. So kam es zu den hohen Auslandsinvestitionen in diese österreichischen Unternehmen.


Es passiert nicht zufällig und auch nicht ohne Netzwerk in den USA.

trend: i5invest entdeckt Firmen, die andere M&A-Berater offensichtlich nicht am Schirm haben. Worauf achten Sie genau?
Wagner: Wir fokussieren auf Technologieunternehmen, die bis weit in den Mittelstand hineingehen. Wir suchen unkonventionelle Unternehmenshistorien. Ein Beispiel: Sehr viele Unternehmen in Mitteleuropa oder Österreich sind nicht über Risikokapital finanziert und wollen das auch nicht, haben keinen Investor an Bord und haben sich die Unternehmenssubstanz über ihr Dienstleistungsgeschäft aufgebaut. Wenn man es nun schafft, aus dem Dienstleistungsbusiness ein skalierendes Produktgeschäft zu machen, erregt man die Aufmerksamkeit der großen und interessanten Player. Das passiert nicht zufällig und auch nicht ohne Netzwerk in den USA.

trend: Der prototypische Fall für dieses Profil war wohl die Denuvo.
Wagner: Ja, Denuvo war die Initiative eines ehemaligen Bereichsleiters von Sony DADC in Salzburg, der das Potenzial von Kopierschutz für digitale Güter wie Onlinespiele erkannt hat. Das war eine Art Spin-off mit zwei erfahrenen Gründern von der Sony DADC. Wenn sich die richtigen, erfahrenen Personen aus der Corporate-Welt einen Ruck geben, kommen dabei häufig spannende Unternehmen heraus. Ähnlich war es auch bei der StreamUnlimited: Die Wiener Audioabteilung wurde von Philips zugesperrt, das Team abgebaut. Die Leute haben aber daran geglaubt und auf eigene Faust weitergemacht. Mittlerweile sind es mehr als 100 Mitarbeiter - stark wachsend, größer als je zuvor.

trend: Wie und wo lernen Sie die richtigen Leute kennen?
Wagner: Zumeist kommen die Firmen, mit denen wir arbeiten, über Mundpropaganda zu uns. Das sind manchmal auch Unternehmensphasen, wo noch nicht notwendigerweise ein großes Team daran arbeitet. Nehmen wir die europäische Erfolgsgeschichte iTranslate, die wir sehr lang begleitet haben. Das war ein Grazer Team von wenigen Mitarbeitern mit einem sehr breiten Kompetenzbereich. Heute sind sie Weltmarktführer. Das war auf den ersten Blick damals noch nicht klar ersichtlich. Aber die Gründer sind genial und sehr gut in der Umsetzung - das war schon am Anfang klar.


i5invest arbeitet mit Unternehmen, mit denen ein klassischer Investor oder US-Partner nicht arbeiten würde.

trend: Ist die i5invest auch nur beratend tätig, ohne selbst zu investieren?
Wagner: Ja, wir arbeiten manchmal auch nur auf Provisionsbasis und scheuen das auch nicht, weil wir bei den Themen, wo wir uns involvieren, in der Regel sehr viel Erfahrung haben und gut einschätzen bzw. austesten können, was wir bewegen können. Es hängt auch immer davon ab, was die Unternehmen wollen: Das sind ja meist Sondersituationen: Uni-Spin-offs, ältere Gründer, Dienstleistungsfirmen, flaches Unternehmenswachstum etc. Damit würde ein klassischer Investor oder US-Partner nicht arbeiten. Wir verdienen in diesen Fällen nur dann, wenn wir was zusammenbekommen. Wir haben auch schon ältere Gründer rausgekauft, die in Pension gehen wollten etc. Daneben gibt es Kinder, Häuser und einige andere private Anlässe für unkonventionelle Unternehmenseinstiege.

i5invest Gründer und CEO Markus Wagner

Markus Wagner zum Thema Risikokapital: "Bevor sich wer Bitcoins oder Hedgefunds kauft, soll er bitte in ein Start-up investieren "

trend: Das Investieren in Start-ups treibt derzeit viele um. Es ist mehr Geld am Markt als gute Konzepte, scheint es. Drohen etliche Investoren in der Euphorie nicht ihr Geld aufs falsche Pferd zu setzen?
Wagner: Ja. Und da wird es sicher wieder einmal einen Reality Check geben. Das ist aber in Mitteleuropa anders als in den USA, speziell im Silicon Valley. Natürlich gibt es auch hier im Valley Dumb Money und Smart Money. Aber die Menschen sind hier im Regelfall extrem erfahren, weil sie aus der Tech-Industrie kommen und schon viele Investments gemacht haben. Das ist bei uns in Österreich nicht immer so. Da wird sich sicher der eine oder andere eine blutige Nase holen. Aber immer noch besser, die Leute holen sich die blutigen Nasen beim Investieren in die Realwirtschaft und in Arbeitsplätze als am internationalen Aktienmarkt. Bevor sich wer Bitcoins oder Hedgefunds kauft, soll er bitte in ein Start-up investieren (lacht). Gleichzeitig wollen viele der Unternehmer, mit denen wir arbeiten, auch gar keinen Investor haben. Wer gesund gewachsen und groß geworden ist, der will auch die Unabhängigkeit behalten - mit uns ist das möglich. Das ist der Grund, warum wir in ganz unterschiedlichen Rollen auftreten. Wir müssen auch nicht auf Teufel komm raus das Geld unserer Investoren anbringen.

trend: Reden wir über eine andere Rolle: weXelerate ist ja eine Schwester der i5invest. weXelerate hatte einen holprigen Start. Kurz vor der Eröffnung tritt der Geschäftsführer ab, mit einer Fördermitteldebatte wird das Projekt in den Wahlkampf hineingezogen. Wie viel parteipolitische Nähe tut so einem Projekt gut?
Wagner: Politische Unterstützung für Gründer ist immer gut, und idealerweise bleibt es dabei. Während eines Wahlkampfs ist immer vieles anders als danach. weXelerate ist ein großartiges, international wahrgenommenes Leuchtturmprojekt dafür, dass sich in Österreich etwas in der Technologiebranche tut. Wir dürfen in Österreich nicht an Fahrt verlieren. Ich finde den Start von weXelerate nicht holprig, gemessen an dem, was hier in kurzer Zeit entstanden ist. Dass es eine personelle Umwälzung gegeben hat, ist nur schwierig, wenn sie sich zum Negativen verändert. Mit den zwei neuen Geschäftsführerinnen sind sehr kompetente Personen ans Ruder gekommen: eine Australierin mit Schwerpunkt im internationalen Innovationsmanagement und eine ehemalige Executive-Beraterin, die viel internationale Erfahrung im Umgang mit Corporates und deren Bedürfnissen hat. Das hat sich also zum Besseren verändert. All das, was hier am Ufer des Donaukanals entsteht, ist innerhalb eines Jahres passiert. Ich finde das beeindruckend.


Es ist zu wenig, nur eine Company zu gründen, weil man mit einem Anstellungsverhältnis inkompatibel ist.

trend: Der Begriff Start-up wird sehr inflationär gebraucht, mitunter ruft er falsche Assoziationen hervor, oder?
Wagner: Ja, tut er. Nur deshalb eine Company zu gründen, weil man mit einem Anstellungsverhältnis inkompatibel ist, das ist einfach zu wenig. Ich bin auch kein Verfechter, dass Gründen eine eigene Lifestyle-Bewegung sein soll. Das ist nichts, was man macht, um trendy zu sein. Um erfolgreich zu sein, gehört weder ein Hipsterbart noch ein Straßenroller dazu, das ist beinhartes Business. In der "Start-up-Szene" aktiv zu sein, beschreibt mittlerweile schon fast wieder einen negativ besetzten, eigenen Charaktertypen, eine typische extrovertierte Lebensweise mit starkem Drang nach Öffentlichkeit und Anerkennung. Hier muss man Acht geben, dass die Sache in Österreich nicht überhitzt. Viele Start-upper sind keine echten Hightech-Unternehmer. So wie nicht jeder Hobbymaler ein Künstler ist.

i5invest Gründer und CEO Markus Wagner

Markus Wagner über das Arbeiten im Silicon Valley: "Es gibt keinen Grund auf einen Kaffee zu gehen."

trend: Was sind die wichtigsten Fähigkeiten eines Gründers, die nötige Grundhaltung?

Wagner: Geschäftssinn, Umsetzungsstärke, Begeisterungsfähigkeit und Kompetenz.

trend: Und Leidensfähigkeit?
Wagner: Sicherlich auch. Alter ist definitiv kein Kriterium. Ein Unternehmen zu gründen, ist eine berufliche Option in jeder Altersgruppe. Wir arbeiten gern mit älteren und erfahrenen Gründern. Sie haben öfters Hemmungen, weil sie finanzielle Rückschritte oder familiäre Troubles fürchten. Ich kann aber nur bestätigen, dass bei älteren, erfahrenen Gründen noch viel ungenutztes Potenzial in Österreich liegt.

trend: Sie selbst arbeiten hart, obwohl Sie nicht mehr müssten. Sie leben mit Ihrer Familie im Silicon Valley. Ihre Lebensgefährtin arbeitet für den Technologiekonzern Palantir. Wie viel Zeit investieren Sie in Ihren Beruf?
Wagner: Es geht sehr viel Zeit rein. Die Stunden zähle ich nicht. Im Silicon Valley kannst du sowieso nicht groß abhängen. Jeder Mensch redet ja die ganze Zeit nur über das Geschäft. Die Gespräche und Beziehungen hier sind alle sehr transaktionell. Da geht es immer um etwas mit beruflichem Kontext. Man kann keinen Termin machen und sagen: "Ich bin grad da, gemma auf einen Kaffee." Das ist so skurril, das versteht keiner. Die wissen gar nicht, was du meinst.


Im Silivon Valley sind Gespräche und Beziehungen sehr transaktionell.

trend: Die Leute vermuten immer irgendwelche Absichten dahinter?
Wagner: Ja, vielleicht, dass man verknallt ist. Es gibt keinen Grund, "auf einen Kaffee zu gehen". Kaffee gibt es im Büro. Häufig hört man auch: Wieso sollen wir uns treffen? Wir können doch telefonieren, so sparen wir uns beide zehn Minuten. Und es werden keine Calls überzogen, die beginnen auf die Sekunde pünktlich. Also das ist eine sehr disziplinierte und sehr ambitionierte Herangehensweise. Deswegen ist sie auch so erfolgreich. Im Valley sind die Menschen nicht deshalb so erfolgreich, weil sie alle keine Angst vorm Scheitern haben. Die sehen ringsherum dauernd, dass es funktionieren kann. Dort gründet ja auch der Ex-Displaychef von Samsung mit dem Ex-Linsen-Chef von Zeiss ein Unternehmen, das neue Projektoren macht. Das ist jetzt ein fiktives Beispiel. Aber das erste, was die machen würden, wäre nicht, Kapuzenpullis zu kaufen. In San Francisco und dem Silicon Valley sind zwei Millionen Menschen, die in der Hightechindustrie umfangreiche Erfahrung haben. In diesen Segmenten braucht auch keiner Angst vorm Scheitern haben, weil er schon morgen wieder woanders und neu anfangen kann. Deswegen ist das finanzielle Risiko nicht so dramatisch.

trend: Sind die Kapuzenpullis zum Klischee geworden?
Wagner:
Im Valley gar nicht. Dort zieht jeder an, was er will, und man kann auch niemanden nach der Kleidung beurteilen. Aber bei uns in Europa ist es ein Klischee. Es gibt diesen trendigen Start-up-Lifestyle in den USA nicht in der Form wie in Wien oder Berlin.

trend: Was macht diesen Lifestyle aus?
Wagner: Dass du hauptsächlich auf der Bühne stehst, gern Presseaussendungen machst und lauter Schlagwörter verwendest, die nicht zutreffen. Show und Selbstvermarktung rücken in den Vordergrund.


Zur Person

Markus Wagner , 40, gründete 2007 die Beteiligungsgesellschaft i5invest. Wagner und sein Partner Herwig Springer konzentrieren sich mit einem internationalen Team von 30 Mitarbeitern als kleines, hochspezialisiertes M&A-Haus auf die Entwicklung österreichischer und europäischer Technologieunternehmen. Wagner war selbst erfolgreicher Technologieunternehmer: Seine Mitgründung 3united wurde 2006 um 55 Millionen Euro an den US-Konzern VeriSign verkauft.


Das Interview mit i5invest Gründer Markus Wagner ist der trend-Ausgabe 21/2018 vom 25. Mai 2018 entnommen.

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