Anyline: Schluss mit kuscheln

Lukas Kinigadner, CEO Anyline

Der CEO, der sich was traut. Lukas Kinigadner räumt ein, erst jetzt erwachsen geworden zu sein. Er will Mut machen, sich selbst stets zu hinterfragen.

Das Wiener Start-up Anyline hat ein heftiges Jahr hinter sich -befindet sich aber jetzt auf absolutem Erfolgskurs.

Ein Start-up, das es nicht schafft, erwachsen zu werden, und nicht versteht, dass man ein Unternehmen ist, zu dem jeder Mitarbeiter etwas Spezielles in einer genau definierten Rolle beitragen muss, hat keine Zukunft."

Ein Satz, der von einem Managementguru stammen könnte. Oder von einem ausgefuchsten Business Angel. Oder es ist die Selbsterkenntnis eines heimischen Gründers - konkret von Lukas Kinigadner, dem Co-Gründer von Anyline. Das Wiener Start-up, das im zweiten Bezirk standesgemäß in einem ehemaligen Industriegebäude - genannt "Die Manege" - mit hohen, großen Räumen residiert, in denen früher eine Druckerei die Fahrkarten der Wiener Linien fertigte, beschäftigt sich mit Text-und Zeichenerkennung via Handy - was etwa beim Einlesen von Stromzählerständen, Reisepässen oder Nummerntafeln hilfreich ist. "Wir bringen dem Smartphone das Lesen bei", pflegte Kinigadner schon vor drei Jahren zu sagen, damals, als Anyline beim Start-up-Wettbewerb trend@venture antrat und als Sieger hervorging. "Das war unser Kick-off", sagt der CEO heute, "es war unser erster Auftritt in der Öffentlichkeit -und noch dazu ein sehr erfolgreicher."

Kurze Zeit später stieg bereits Business Angel Hansi Hansmann mit einer halben Million Euro bei Anyline ein. Die Produkte wurden verfeinert, Partnerschaften eingegangen, erste Lizenzen verkauft. Eine zweite Finanzierungsrunde folgte im Februar 2016. Mit dabei unter anderen Gernot Langes-Swarovski und Busuu-Gründer Bernhard Niesner - später stieß auch noch der österreichisch-britische Risikokapital-Unternehmer Hermann Hauser dazu. Plötzlich lagen knapp zwei Millionen Euro auf der hohen Kante, bereit für Entwicklung, Marketing, Vertrieb, und wofür man sonst noch Geld ausgeben kann. "Wir arbeiteten wie in einer Kuschelmanege", muss sich Kinigadner eingestehen. Eine inzwischen 30-köpfige Mannschaft, die mehr in einem Familienverband als in einer Unternehmensstruktur vor sich hin werkte, verbrannte das Geld, wie sich das eben so junge Start-ups, die erstmals mit siebenstelligen Beträgen zu tun haben, vorstellen oder von den internationalen Größen des Start-up-Universums abschauen.

So geht das nicht!

Doch dann folgte die bittere Erkenntnis: Die selbst gesetzten Umsatzziele blieben unerreicht. "So geht das nicht weiter", lautete alsbald die Analyse des Managementteams. "Das war der Startschuss für einen beinharten Reorganisationsprozess", sagt Co-Founder und COO Jakob Hofer. Für jeden Mitarbeiter wurden eine genaue Rolle und eine Performance-Kennzahl definiert. Das Nichterreichen hatte Folgen. Der erste Rauswurf im Oktober "hat gesessen", formuliert es Hofer drastisch, ohne diesen schmerzhaften Schritt zu bereuen: "Es war der Bruch mit unserem alten, familiären System."

Danach ging es Schlag auf Schlag: Binnen eines halben Jahres musste ein Drittel der Belegschaft gehen, das Team wurde völlig neu aufgestellt, andere, passendere Mitarbeiter kamen. Ein Vertriebsmanager, der früher bei Henkel arbeitete, brachte dem Team bei, dass nicht die Techniker bestimmen, wie das Produkt auszusehen und zu funktionieren hat, sondern der Vertrieb. "Das hat natürlich einige Konflikte ausgelöst", formuliert es Hofer vorsichtig. Ein weiterer Topmanager - er leitete früher bei IBM 250 Mitarbeiter - bringt nun seine Expertise ein, um die Produkte von Anyline weltweit auszurollen.

"Unsere Lernkurve ist enorm", sind sich Kinigadner und Hofer einig und betonen, wie wichtig es ist, nicht zu sehr von seinen eigenen vermeintlichen Fähigkeiten überzeugt zu sein und sich helfen zu lassen - auch von den eigenen Business Angels, die die Anyline-Gründer immer wieder um Rat fragen.

Für Kinigadner ist der Change-Prozess noch lange nicht zu Ende. Aber die wichtigsten Weichen, um eine Chance zu haben, langfristig erfolgreich zu sein, sind gestellt. Seit März geht es vertrieblich steil bergauf. Schon zwei Monate vor Jahresende ist der Umsatz mit mehr als 100 Enterprise-Kunden doppelt so hoch wie im gesamten Vorjahr; spätestens nächstes Jahr auch schon siebenstellig. Wien Energie, Porsche, E.On, Swisscom, die UNO, zwei Dutzend Stadtwerke und viele andere Unternehmen in Österreich, Deutschland, aber auch in Südafrika, Chile oder Litauen nutzen die beeindruckende Software von Anyline, die inzwischen auf künstlicher Intelligenz aufbaut und mit der in Summe heuer schon über zehn Millionen Scans durchgeführt wurden.

"Wir sind erwachsen geworden", fasst Kinigadner die letzte Zeit "mit heftigen Konflikten, bei denen auch mal die Fetzen flogen", zusammen: "Das war extrem einschneidend für mich, eine Achterbahn der Gefühle. Vor eineinhalb Jahren war ich noch überzeugt davon, der beste CEO zu sein, den es gibt." Inzwischen ist er bescheidener geworden: "Jetzt kenne ich zumindest mein Entwicklungspotenzial."

Top Start-up-Unternehmer 2017: Travis Pittman (TourRadar), Reinhard Nowak (Linemetrics), Andreas Kern (Wikifolio) und Petra Dobrocka (Byrd).

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