Wird Berlin das nächste Silicon Valley?

Wird Berlin das nächste Silicon Valley?

Berlin hat das Zeug, zu einem weltweit führenden Zentrum für die IT-Branche zu werden. Engagierte Mitarbeiter, günstiges Umfeld für Investoren und innovationshungrige Jungunternehmen könnten für einen wahren Boom sorgen.

Vielleicht ist es die plötzliche Chefrolle für 100 Mitarbeiter, vielleicht auch der plötzliche Umgang mit Millionen. An Selbstbewusstsein fehlt es dem jungen Mann mit der Strickmütze jedenfalls nicht. Als die britische Mitarbeiterin des deutschen IT-Pioniers im Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel erzählt, sie habe ihr Germanistik-Studium für den Job bei dem Berliner Start-up-Unternehmen unterbrochen und wolle es vielleicht später beenden, meint Ijad Madisch trocken und bestimmt: "Es wird kein 'später' geben." Denn der Gründer des weltweiten Wissenschaftsportal ResearchGate, das sich jetzt im Hinterhof eines Hauses in der Invalidenstraße Etage über Etage ausbreitet, glaubt an den ganz großen Wurf. Seine amerikanischen Geldgeber hat der 32-Jährige immerhin mit der Vision überzeugt, von Berlin aus den ersten Wissenschafts-Nobelpreis für eine Organisation erarbeiten zu können.

Das 2008 mit fünf Mitarbeitern gegründete IT-Unternehmen, das mittlerweile Plattform für den Austausch von mehr als 2,5 Millionen Wissenschaftler weltweit ist, ist dabei nur eines von etlichen IT-Startups in Berlin. An vielen Orten der Hauptstadt schießen kleine Firmen aus dem Boden. Die Aufmerksamkeit für das neue Phänomen ist mittlerweile so groß, dass sich sogar die Bundeskanzlerin mit ihrem engen Terminkalender einen ganzen Nachmittag Zeit nimmt, um erst ResearchGate, dann den Spiele-Entwickler Wooga zu besuchen und schließlich auf einem Empfang mit IT-Pionieren und deren Financiers zu diskutieren. Bereits auf der Computermesse CeBIT in Hannover hatte Merkel zudem eine neue "Gründungskultur" gerade im Software-Bereich und gerade in der Hauptstadt gefordert. Aber hat Berlin wirklich das Zeug, ein deutsches Silicon-Valley zu werden, wie der US-Investor Matt Cohler vom amerikanischen Wagniskapital-Geber Benchmark meint?

ALLE GLAUBEN AN DEN BOOM IN BERLIN

Zumindest sind die Geschichten der Firmen, die Merkel besucht, beeindruckend. Seit der Gründung von ResearchGate im Jahr 2008 ist die Zahl der Mitarbeiter von fünf auf mittlerweile 100 gestiegen, Tendenz weiter zunehmend. Wie eine Krake hat sich das Start-Up mittlerweile über drei Etagen des Gebäudes ausgebreitet. "Wir stellen jeden Monat zwei Leute ein", sagt auch Wooga-Gründer Jens Begemann selbstbewusst, bei dem mittlerweile mehr als 250 Beschäftigte arbeiten. Und beide meinen, dass sie keine Probleme mit der Finanzierung mehr haben. Hatte Begemann anfangs 500.000 Euro für den Firmenstart zur Verfügung gehabt, kamen dann zwei Millionen aus London - und schließlich 24 Millionen Dollar von der US-Firma Highland Capital. "Das Geld kommt zu uns, nicht umgekehrt", betont er dabei. "Für gute Ideen findet sich immer Kapital", ist auch die Erfahrung von Madisch, der zunächst einen deutschen Investor gefunden hatte, bevor Benchmark mit einstieg.

Zwar klagt der Gründer des sozialen Netzwerkes Xing, Lars Hinrichs, der nun selbst Startup-Finanzier ist, dass Deutschland nicht in der Weltliga wie die USA spiele, in denen sich Börsen- und Technologieriesen wie Apple, Microsoft, Facebook, Google und Cisco entwickelt haben. Zwar räumte Madisch ein, dass Berlin lange ein schlechtes Image hatte, weil hier vor allem die "copy cats" dominierten, also Firmen, die eine deutsche Version neuer amerikanischer Internet-Dienstleistungen anboten - was auch der aus Irland stammende Wagniskapital-Investor Ciaran O'Leary bemängelte. Ein Beispiel dafür ist Citydeal, das erst aufgebaut und dann teuer an den US-Konzern Groupon verkauft wurde. Und der "Startup Genome Report" sah Berlin im vergangenen Jahr in einem Ranking der attraktivsten IT-Standorte abgeschlagen an 15. Stelle weltweit und ordnete die Stadt nur in den "Hype"-Status ein - der zweitniedrigsten Stufe bei der Entwicklung neuer IT-Zentren.

"Aber das ist vorbei", meinen Madisch und O'Leary jetzt übereinstimmend. Heute habe Berlin das Zeug, zu einem weltweit führenden Zentrum für die IT-Branche zu werden. "Die Leute hier sind hungrig, etwas zu entwickeln, was international anerkannt wird", ist Madisch überzeugt, der in Hannover Medizin studiert und dann in Harvard seine Doktorarbeit gemacht hat. Er macht keinen Hehl daraus, dass er glaubt, dass ihm dies mit seiner internationalen Dialog-Plattform längst gelungen ist, die künftig Geld etwa mit einer weltweiten Börse für Jobs und Labormaterial machen will. Tatsächlich gelten aber auch Berliner IT-Unternehmen wie Rocket oder SoundCloud mittlerweile international als Trendsetter.

Außerdem gelten die "copy cats" vielleicht nicht als cool genug in der Szene - aber auch sie sorgen für Arbeitsplätze, Umsätze und Steuereinnahmen. Denn zahlungskräftige amerikanische Start-ups kaufen gerne deutsche Konkurrenten auf, um in Europa zu wachsen. So übernahm das New Yorker Unternehmen Fab vor einem Jahr Casacanda und bietet seither wie die ebay-Tochter Brands4Friends Markenprodukte an - allerdings mit Konzentration auf Design-Ware.

Tatsächlich scheinen sich derzeit alle einig zu sein: Die Hauptstadt hat das Zeug zum Boom. "Berlin wird ein ernsthafter Hub", versichert Earlybird-Investor O'Leary. Benchmark-Geldgeber Cohler schwärmt von dem kreativen Potenzial in der Stadt. Merkel reiht sich eher bescheiden ein, wenn sie meint: "Wir haben mit Berlin einen Standort, der vieles mit sich bringt, was notwendig ist, um gute junge und ältere Fachkräfte anzulocken. Das ist eine Stadt, die einen Ruf hat, dass man hier gerne sein kann." Und aus dem kalifornischen Palo Alto schrieb der IT-Anwalt Peter Buckland von WilmerHale Anfang März in einem Blog "Why Berlin is Europe's next startup capital".

Cohler wischt Einwände gegen den Standort ohnehin beiseite. In Berlin habe sich ein eigenes "Öko-System" entwickelt, eine Brutstätte für Neugründungen. Es gebe alles, was nötig ist: Ideen, Leute und Geld.

Die Branche ist dabei in ganz Deutschland im Aufwind. Im Jahr 2012 lockten nach Angaben des Bitkom-Verbandes in Deutschland 252 Firmen der Informations- und Kommunikationsbranche bereits Venture Capital in Höhe von 240,8 Millionen Euro an. Berlin nimmt dabei aber eine klare Spitzenstellung unter den deutschen Standorten ein: 2011 erhielten Start-ups in der Hauptstadt 116,8 Millionen Euro - damit hat sich die Investitionssumme seit 2009 verdoppelt. Die Zahl für Deutschland und Berlin kann man nach Ansicht des Bundeswirtschaftsministerium dabei getrost verdoppeln, weil ausländische Kapitalgeber gar nicht erfasst werden, die meist erst einsteigen, wenn es bereits erste deutsche Financiers gibt.

Als "Inkubator", also als Startfinanzier, betätigen sich zudem mittlerweile auch zahlreiche große Konzerne wie die Deutsche Telekom. Der Wagniskapital-Ableger T-Venture hat ein Investitionsvolumen von 410 Millionen Euro und 90 Beteiligungen. Auch Google und Microsoft suchen mittlerweile an der Spree nach Investitionen und Ideen.

Das alles ist noch weit entfernt von amerikanischen Dimensionen, aber es zeigt eine rasante Entwicklung, von der außer der Hauptstadt in Deutschland übrigens auch Standorte wie München und Köln profitieren. "Berlin ist längst über den Hype-Status hinaus, weil viele Leute hier richtige Jobs haben und viele Leute richtig Geld machen", meint auch der britische IT-Consultant Mark Turrell, der ebenfalls an die Spree gezogen ist.

Etwas überspitzt ausgedrückt: Berlin kann vielleicht nicht "groß" wie beim neuen Flughafen, offenbar aber "klein". "So ziehen auch immer mehr wichtige Tech-Konferenzen nach Berlin, wie zuletzt die TechCrunch Disrupt - auch ein Zeichen für die zunehmende Attraktivität", meint der Peter Borchers, Gründer und Leiter der Startup-Förderereinrichtung "hub:raum" der Deutschen Telekom. "In Berlin entstehen aber auch spannende, neue Formate wie hy!Berlin oder das Tech Open Air." An der Spree ist längst eine breite Community entstanden, um im Neu-Deutsch zu bleiben.

BERLIN "GOOD-FEEL"-FAKTOR

Ein Hauptgrund für die Anziehungskraft gerade Berlins erläutert die aus Kalifornien stammende Holly Haddock, die bei Wooga für eine möglichst reibungslose Integration der vielen jungen Ausländer zuständig ist, die eingestellt werden - die Stadt gilt international als "hip". "Ich bin nach Berlin gekommen, weil es als Ort gilt, in dem man gewesen sein muss", sagt die 32-Jährige. Der typische Vorteil der Stadt: Die Musikerin kam als Touristin, blieb aber wie viele Ausländer hängen, weil sie Berlin angenehm fand - und billig. Internationalität und Liberalität sind so groß wie wohl in keiner anderen deutschen Stadt.

Das hat auch den 39-jährigen Amerikaner Chad Fowler mit seinem langen Vollbart und den vielen Tatoos von einem Start-up-Unternehmen in Washington nach Berlin zu 6Wunderkinder gebracht, die eine schicke "to-do"-Liste für Smartphones entwickelt haben. San Francisco/Silicon Valley hält der neue Cheftechnologe der Firma mittlerweile für eine langweilige Mono-Kultur. Berlin dagegen gilt als das neue kulturelle und kreative Laboratorium für globalisierte IT-Experten.

Wie erfolgreich man in Berlin mit der Internationalisierung der Belegschaft ist, zeigt Wooga. Das Unternehmen bekommt laut Begemann 2000 Bewerbungen pro Monat und stellt wöchentlich zwei neue Mitarbeiter ein. Als Merkel den Spiele-Entwickler besuchte, platzierte Begemann die Kanzlerin mit sichtlichem Stolz zwischen 40 Mitarbeiter aus 40 Ländern, die er eingestellt hat.

Investor Cohler meint, an der Spree mittlerweile auch die nötige Mischung aus Offenheit und Wagemut zu finden sei. "Ijad Madisch ist Sohn von Immigranten. Das erleben wir auch im Silicon Valley oft, dass genau aus dieser Gruppe oft erfolgreiche Unternehmer kommen", sagt Cohler. In dieser Gruppe gebe es mehr Ehrgeiz und Entschlossenheit - und sie liefert damit das Rezept gegen die mangelnde Wagnis-Kultur in Deutschland. Der Fall Madisch zeigt, dass der Multi-Kulti-Faktor somit zum Erfolgsfaktor werden kann, zumal deutschen IT-Start-ups nachgesagt wird, dass sie sehr gut in der Internationalisierung von Ideen, also der schnellen Expansion in andere Länder sind.

Es müsse aber eine richtige "Kultur der zweiten Chance" entwickelt werden, fordert der Bundesverband Deutscher Start-ups. "Wer in Deutschland scheitert, wird oft stigmatisiert", wird dort kritisiert. Das sei falsch, weil gerade in der IT-Branche das Risiko der Pleite zur Firmengründung untrennbar dazugehöre. Unter Finanzinvestoren gibt es die Faustregel, dass es am Ende nur eine von zehn schafft. Auch laut KfW-Gründungsmonitor 2012 überlebt - branchenübergreifend - ein Drittel der Start-ups die ersten drei Jahre nicht. Aber wer es schafft, kann ganz groß werden.

DIE POLITIK WACHT LANGSAM AUF

Anders als in klassischen Wirtschaftsbranchen wie Energie, Telekommunikation oder Auto waren die Beziehungen zwischen Politik und den IT-Winzlingen in Deutschland eher unterentwickelt - und Merkels Ausflug in die Startup-Welt deshalb so ungewöhnlich. Denn die kleinen Firmen forderten nichts oder wenig und blieben schon deshalb lange unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der großen Politik. Die steht eher im Dialog mit Firmen, die mehrere hunderttausend Mitarbeiter beschäftigen. Aber aus drei Gründen wendet sich die Politik nun entschieden den Zwergen zu.

Erstens sind die kleinen Start-ups mittlerweile so erfolgreich, dass in Berlin entgegen des Bundestrends die Arbeitslosigkeit sinkt. Viele kleine "Job-Maschinen" in der Branche gleichen die Entlassungen bei etablierten Firmen aus. Davon profitiert auch oder gerade Berlin. "Wir wachsen zurzeit um bis zu 40.000 neue sozialversicherungspflichtige Jobs pro Jahr", begeistert sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit im "Tagesspiegel am Sonntag". Auch kleine IT-Firmen leisten dabei einen Beitrag.

Zweitens verändert die schwierige Wachstums-Debatte in der EU das Denken im Kanzleramt und im Wirtschaftsministerium. "Denn nur durch immer neue Automobilfirmen oder Maschinenbaufirmen alleine wird nicht hinreichend Wachstum in Europa entstehen können", mahnte Merkel bei der Eröffnung der Computermesse CeBIT in Hannover. "Wir müssen auch an den Wachstumsbereichen der Welt teilhaben." Dazu gehört eindeutig die IT-Branche. Deutschland und die EU bräuchten deshalb in diesem Bereich eine "Gründungskultur", fordert die zunehmend um Europas künftige Stellung in der Welt besorgte Kanzlerin.

Ein dritter Grund wird weniger offen diskutiert: Der Export-Gigant Deutschland befindet sich strategisch in der Defensive. "Alles was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert", betont nicht nur Merkel. Derzeit finde wieder eine Verschmelzung der klassischen Wirtschaft mit der IT-Welt statt, alle Produktionsprozesse werden digitalisiert. Im Klartext heißt das: Deutschen Firmen wird ihr Know-How in den Produktionstechniken künftig alleine nichts mehr nutzen, wenn sie nicht auch Software-Knowhow entwickeln und besitzen. Immerhin haben sich in Deutschland bereits Konzerne wie SAP und die Software AG entwickelt. Aber ansonsten sitzen die Software-Giganten fast alle in den USA.

Erste Annäherungsversuche gab es 2012, als Merkel gezielt IT-Gründer traf. Damals machte sie die überraschende Erfahrung, dass die Start-ups ganz anders argumentierten als die großen Konzerne, mit denen sie ansonsten den etablierten IT-Dialog pflegt. "Wir haben gelernt, dass die klassische Verbandsszene nicht unbedingt Ihre Szene ist", sagte sie deshalb auch bei einem Empfang der Start-up-Szene in der Berliner Kulturbrauerei in der vergangenen Woche - und erntete Gelächter der Gründer und Investoren, die meist mit leichter Verachtung auf die Branchen-Großen und Verbände schauen. Auch Wirtschaftsminister Philipp Rösler ist nun ganz auf dem Startup-Trip. Anfang des Jahres reiste er ins Silicon Valley, um sich selbst ein Bild zu machen.

Der Investor O'Leary von dem Wagniskapital-Geber Earlybird wirft der deutschen Politik aber vor, damit nur auf einen bereits fahrenden Zug aufzuspringen. "In London oder New York hat die Regierung die IT-Branche vom Tag eins an unterstützt. Letzten Sommer hat dagegen etwa Wowereit noch keine Start-ups treffen wollen, aber nach der PR-Welle ist er plötzlich ein dicker Freund", spottet er.

Das ändert aber nichts daran, dass nun ein neues Spiel begonnen hat. Die Kanzlerin lässt keinen Zweifel, dass die Politik in der größten EU-Volkswirtschaft sich nun hinter die Startup-Szene stellt: "Ich sage ganz selbstbewusst: Wir als Regierung glauben, wir können das schaffen, dass auch Berlin noch ein bisschen hochrutscht in den Indizes." Das gilt als Kampfansage an die etablierten IT-Länder. "Deshalb werden wir dafür Sorge tragen, dass sich die Bedingungen verbessern, dass mehr Menschen Lust bekommen, Ihnen Kapital zu geben", versprach sie den Berliner Gründern.

NEUE ANFORDERUNGEN AN DIE POLITIK

Allerdings ist die Frage, was die Politik überhaupt tun kann, die traditionell in Kategorien finanzieller Förderung oder Gesetzen denkt. So moniert Merkel etwa, dass der Bundesrat die Steuerfreiheit für Dividenden auf den Streubesitz an Start-ups verhindert habe - immerhin bleiben die Veräußerungsgewinne für Anteile an Neugründungen steuerfrei. Rösler richtete einen Beirat "Junge Digitale Wirtschaft" ein, damit die Wünsche der "Kleinen" künftig in den politischen Prozess eingespeist werden. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück forderte auf der CeBIT, einen Teil der enormen Kapitalbeträge in Versicherungen und Rentenfonds in Start-ups zu lenken und den Existenzgründerzuschuss wieder einzuführen.

Ganz neu ist die Neuentdeckung der hoffnungsvollen IT-Winzlinge übrigens nicht: Bereits im September 2011 wurde ein "German Sicilon Valley Accelerator" gegründet, der jungen deutschen Start-ups die Möglichkeit geben soll, in Kalifornien Kontakte zu knüpfen. Einen millionenschweren High-Tech-Gründerfonds gibt es bereits seit 2005. 2011 wurde er erneut mit einem Volumen von gut 300 Millionen Euro aufgelegt. Es gibt den European Angel Fund und den sogenannten ERP-Startfonds. Und das Wirtschaftsministerium bietet zudem ab Frühjahr 2013 einen Investitionszuschuss für Wagniskapital an. Bis 2016 sind im Haushalt dafür 150 Millionen Euro vorgesehen.

Aber Merkel machte bei ihrer Stippvisite auch die interessante Erfahrung, dass oft ganz andere Wünsche bestehen. Zwar sieht der Bundesverband Deutsche Start-ups immer noch eine große Finanzierungslücke und fordert eine unkomplizierte Insolvenzgesetzgebung. "Aber die Rahmenbedingungen sind in Deutschland schon sehr gut", wiegelt Wooga-Chef Begemann die Frage der Kanzlerin ab, was er sich denn von der Politik wünsche. Selbstbewusst meint auch Madisch: "Für gute Ideen ist eigentlich immer genug Geld da." Bei ResearchGate weist man immerhin daraufhin, dass die 100 firmeneigenen Server im amerikanischen San Antonio stehen, was an den besseren Internet-Verbindungen liegt, aber wohl auch mit niedrigeren Preisen zu tun hat.

Hilfe der Politik ist vor allem bei "weichen Faktoren" ausdrücklich erwünscht. Wenn es Probleme bei der Eingliederung der internationalen Programmier gäbe, handelt es sich nach Angaben der Kalifornierin Haddock etwa um bürokratische Hemmnisse wie die Anerkennung von Berufsabschlüsse der Lebenspartner, Wohnraum oder mangelnde Englisch-Kenntnisse in der Berliner Verwaltung. "Es würde helfen, wenn es eine englischsprachige Sprechstunde gäbe", sagt auch der Wooga-Chef. "Ich werde es mal ansprechen", erwidert Merkel und verweist sofort darauf, dass dies eigentlich eine Aufgabe für den SPD-Politiker Wowereit sei. Eine solche Branche mit schnellen Auf-und Abs, in der oft zunächst experimentiert wird, ob es überhaupt einen Markt für die eigenen Ideen gibt, entwickelt sich zudem am besten, wenn sie auf kurzfristige Mietverträge und schnell kündbare Arbeitsverhältnisse trifft - weil eben nicht nur der Boom, sondern auch die Pleite schnell kommen kann.

Diese weichen Standort-Faktoren könnten gar nicht überschätzt werden, meinen viele. "Denn der Wohlfühlfaktor ist entscheidend in einer so mobilen Branche", betont Wooga-Chef Begemann. Die - nach wie vor meist männlichen - Mitarbeiter auf dem globalen, ganz auf englisch funktionierenden Markt der Programmier und Produktentwickler seien extrem mobil. So schnell sie bereit sind, nach Berlin zu kommen, so schnell werden sie die Stadt wieder verlassen, wenn es ihnen nicht gefällt. Deshalb wird auch in den Start-ups nach dem Vorbild der großen US-Vorbilder Google oder Facebook alles getan, damit sich die Mitarbeiter wohlfühlen. Bei ResearchGate gibt es etwa kostenloses Essen, freie Arbeitszeiten, Yoga am Arbeitsplatz und vor allem die Kultivierung des internationalen Flairs. Deshalb muss auch die Stadt ihren Ruf pflegen, um attraktiv zu bleiben.

Und noch etwas sehen die IT-Neulinge übrigens als wichtige Aufgabe der Politiker - sie sollen über die Start-ups reden. Denn Madisch betont, dass das Image ein erheblicher Teil des Erfolges sei. Das ist wenig verwunderlich: Denn auch die Gründer müssen zunächst ja nur mit ihren Ideen, ihrer Begeisterung und der Aussicht auf sehr viel spätere Gewinne millionenschwere Investoren anlocken. "Silicon Valley ist doch auch nicht einfach Silicon Valley geworden, weil es dort interessante Firmen gibt - sondern weil die ganze Welt darüber redet", meint der ResearchGate-Chef. Aus dem Hype wird erst Realität, wenn auch alle anderen an den Erfolg eines Standorts glauben.

Genau deshalb sind Madisch und die Branche dankbar dafür, dass Merkel mit ihrem Besuch die medialen Scheinwerfer und die politische Aufmerksamkeit auf die kleinen Firmen in Berlin-Mitte und am Prenzlauer Berg lenkt. Das sieht auch der britische IT-Consultant Turrell so. "Es ist nützlich, dass die Kanzlerin Interesse zeigt, weil es sowohl eine Botschaft an Leute mit Kapital sendet, die bisher nie in Start-ups investierten, als auch an MBA-Absolventen, die bisher eher an eine Karriere im Banken-Sektor dachten." Das Signal sei klar: "Die Hightech Startup-Szene ist mittlerweile attraktiv für eine Karriere."

Die nächste Stufe will übrigens Bundeswirtschaftsminister Rösler im Mai zünden. Dann reist er mit mehreren Dutzend deutscher Startup-Vertreter ins Silicon Valley - um zu lernen und weitere Kontakte zu knüpfen, heißt es selbstbewusst. Vielleicht aber auch, um den Berlin-Hype in Kalifornien noch ein klein wenig bekannter zu machen.

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